Zwischen Wut und Hoffnung
Rise Against begeisterten am 29. Juni 2026 gemeinsam mit den Donots die Halle 622 in Zürich. Ein Konzertabend, der nicht nur mit kompromisslosem Punkrock, sondern auch mit einer Botschaft überzeugte, die aktueller kaum sein könnte.
Es gibt Bands, die begleiten einen eine Zeit lang. Und dann gibt es Bands, die Teil der eigenen Geschichte werden.
Ende Mai stand ich selbst auf einer Bühne – allerdings auf einer Theaterbühne. Beim Stück «… und dann setzt das Orchester ein.» wurden persönliche Geschichten aus dem Leben von einem Sinfonieorchester musikalisch begleitet. In meiner Geschichte spielte der Song «Everchanging» von Rise Against eine zentrale Rolle. Als das Orchester den Song anstimmte, wurde mir einmal mehr bewusst, wie eng Musik und Erinnerungen miteinander verwoben sind. Manche Lieder begleiten einen nicht einfach – sie werden zum Soundtrack eines ganz bestimmten Moments und tragen dessen Bedeutung noch Jahre später in sich.
Einen Monat später, am 29. Juni, hebt sich erneut der Vorhang. Diesmal nicht im Theater, sondern in der Halle 622 in Zürich. Und auch dieser Abend erzählt eine Geschichte – nicht nur über Punkrock, sondern über Freundschaft, Widerstand, Gemeinschaft und die Hoffnung, die zwischen all der Wut immer wieder aufblitzt.
Erster Akt – Donots: das Warm-up
Bevor Rise Against die Bühne betreten, liefern die Donots genau das, was ein guter Support leisten sollte: Sie bringen die Halle 622 innerhalb von vierzig Minuten auf Betriebstemperatur. Von der ersten Sekunde an wirbeln die fünf Ibbenbürener unermüdlich über die Bühne und liefern mit «Auf sie mit Gebrüll», «Calling», «Wake The Dogs» und «Kaputt» den perfekten Soundtrack, um die Zürcher Crowd in Bewegung zu bringen.
Dass die Donots und Rise Against seit über zwanzig Jahren eine enge Freundschaft verbindet, ist dabei nicht nur eine Randnotiz, sondern auf der Bühne spürbar. Frontmann Ingo beweist einmal mehr, weshalb die Band seit Jahren zu den besten Live-Acts der deutschen Punkrock-Szene zählt: nahbar, sympathisch und immer mittendrin statt nur davor. Bei «Kaputt» eröffnet sich ein Circle Pit – und Ingo stellt sich kurzerhand selbst mitten hinein. Die Halle kocht.
Für den emotionalsten Moment sorgen die Donots schliesslich selbst – oder besser gesagt: das Publikum. Nach «So Long» verstummt die Band, doch die Fans singen den Refrain unbeirrt weiter. Die Halle übernimmt den letzten Teil des Songs nahezu allein und beschert den sichtlich gerührten Musikern einen Abschluss, der eindrucksvoll zeigt, wie eng die Verbindung zwischen Band und Publikum ist. Ein besseres Warm-up für den Hauptact des Abends hätte es kaum geben können.
Zweiter Akt – Rise Against: Vorhang auf!
Rise Against brauchen keine spektakuläre Inszenierung. Kein überladenes Bühnenbild, keine riesigen Videowände, keine Pyrotechnik. Als die ersten Töne von «Re-Education (Through Labor)» erklingen, ist die Halle innerhalb weniger Sekunden elektrisiert.
Was folgt, ist ein Auftakt, wie ihn wohl nur Rise Against hinbekommen: kompromisslos, präzise und voller Energie. «Under The Knife», «Satellite» und «Give It All» lassen dem Publikum kaum Zeit zum Durchatmen. Schon nach wenigen Minuten bilden sich die ersten Circle Pits, überall werden Texte mitgeschrien, Fäuste schnellen in die Höhe.
Über 25 Jahre nach ihrer Gründung wirken Rise Against kein bisschen wie eine Band, die sich auf vergangenen Erfolgen ausruht. Tim McIlrath überzeugt stimmlich über den gesamten Abend, Zach Blair setzt mit seinem unverkennbaren Gitarrenspiel markante Akzente, während Joe Principe und Brandon Barnes das Fundament legen, auf dem jeder Song mühelos steht. Alles wirkt eingespielt – aber nie routiniert.
Dritter Akt – Zwischen Wut und Hoffnung
Rise Against waren nie eine Band, die einfach nur laut sein wollte. Ihre Songs hatten schon immer Haltung – und genau diese Haltung prägt auch den Abend in Zürich.
Mit «Nod», einem der neuen Songs aus «Ricochet», machen Rise Against deutlich, dass ihre Musik auch 2026 nichts von ihrer gesellschaftlichen Relevanz verloren hat. Die Band beschreibt eine Welt voller Unsicherheit, Spaltung und Orientierungslosigkeit, verliert dabei jedoch nie den Blick für das, was Menschen verbindet.
Zwischen den Liedern spricht Tim McIlrath genau darüber. Über eine Zeit, die sich für viele zunehmend schwer und überwältigend anfühlt. Doch statt Resignation zu verbreiten, richtet er den Blick nach vorne. Immer wieder spricht er vom «silver lining» – dem Silberstreif am Horizont, der selbst in den dunkelsten Momenten Hoffnung schenken kann.
Gerade diese Mischung aus klarer Haltung und Zuversicht macht Rise Against seit jeher aus. Die Band zeigt Missstände auf, ohne ihr Publikum mit ihnen allein zu lassen. Ihre Botschaften sind unbequem, aber nie hoffnungslos.
Vierter Akt – Die Zwischentöne
Nach der geballten Energie der ersten Konzertstunde gönnen Rise Against ihrem Publikum einen Moment zum Durchatmen. Mit «Hero Of War» und «Swing Life Away» unterbrechen sie den unermüdlichen Vorwärtsdrang des Abends – und gerade deshalb gehören diese beiden Songs zu den eindrucksvollsten Momenten des Konzerts.
Bevor «Hero Of War» beginnt, spricht Tim McIlrath über eine Welt, die von Kriegen und Krisen geprägt ist. Er erinnert daran, dass der Song zwar viele Jahre alt ist, seine Botschaft heute aber traurigerweise aktueller denn je. Gleichzeitig appelliert er daran, die Hoffnung nicht zu verlieren. Die Halle hört aufmerksam zu – für einen Moment ist es so still, wie man es bei einem Punkkonzert nur selten erlebt.
Bei «Swing Life Away» folgt der nächste besondere Moment des Abends. Das gesamte Publikum setzt sich auf den Boden und singt jede Zeile des Songs mit. Für ein paar Minuten wirkt die Halle 622 fast wie ein einziges Wohnzimmer: ruhig, aufmerksam und verbunden.
Mit «Make It Stop (September’s Children)», «Help Is On The Way» und «Chamber The Cartridge» zieht das Tempo anschliessend wieder an. Die kurze Verschnaufpause ist vorbei, der Weg Richtung Finale vorgezeichnet.
Finale
Mit «Savior» endet ein Konzert, das vom ersten bis zum letzten Song keine Sekunde an Intensität verliert. Kaum erklingen die ersten Gitarrenakkorde, verwandelt sich die Halle endgültig in einen einzigen Chor. Jede Zeile wird lauter zurückgesungen, als Tim McIlrath sie selbst singen könnte.
Doch während viele Bands ihre Konzerte mit einem lauten Schlussakkord beenden, bleibt bei Rise Against vor allem eines zurück: das Gefühl, Teil von etwas Grösserem gewesen zu sein. Einer Gemeinschaft, die dieselben Songs, dieselben Werte und dieselbe Hoffnung teilt.
Das Fanzit – Rise Against, Donots
Manche Konzertabende bleiben wegen einer spektakulären Bühnenshow in Erinnerung, andere wegen einzelner Songs. Dieser Abend bleibt wegen der Menschen auf und vor der Bühne. Die Donots lieferten das perfekte Warm-up und Rise Against bewiesen eindrucksvoll, weshalb sie auch nach über 25 Jahren zu den prägendsten Punkbands ihrer Generation zählen. Beide Bands verbindet weit mehr als eine langjährige Freundschaft – sie teilen die Leidenschaft für ehrliche, mitreissende Livekonzerte und den direkten Draht zu ihrem Publikum.
Zwischen kompromissloser Energie, gesellschaftskritischen Botschaften und der Überzeugung, dass selbst in den dunkelsten Zeiten ein Silberstreif am Horizont wartet, wurde die Halle 622 für einen Abend zu einem Ort, an dem Gemeinschaft, Haltung und Hoffnung spürbarer waren als alles andere.
Als ich Ende Mai mit meiner Geschichte auf der Theaterbühne stand, wurde mir einmal mehr bewusst, wie sehr Rise Against mich über all die Jahre begleitet haben. Der Abend in der Halle 622 war kein nostalgischer Rückblick, sondern ein weiterer Beweis dafür, warum diese Band bis heute ein fester Teil meiner Geschichte ist.
Setliste – Rise Against
- Re-Education (Through Labor)
- Under The Knife
- Give It All
- Help Is On The Way
- The Good Left Undone
- Nod
- Ready To Fall
- Like The Angel
- Satellite
- Hero Of War
- Swing Life Away
- Chamber The Cartridge
- Prayer Of The Refugee
- Make It Stop (September’s Children)
- Savior


