Die Welt versinkt im Krieg
Was wie eine Analyse aus einer aktuellen Wochenzeitung klingt, traf leider auch im letzten Jahrhundert mehrfach zu. Zur eindrücklich inszenierten Geschichtsstunde im Kofmehl luden am 15. März Kanonenfieber. Unterrichtsthema: der Erste Weltkrieg. Einheizer: Mental Cruelty.
Der rostrote Block in der Solothurner Industrie war gut gefüllt randvoll an diesem kalten Sonntagabend Mitte März. Ausverkauft! Schon seit Wochen. Zwar passen ins Kofmehl nicht ganz so viele Leute wie in vergleichbare Locations in Pratteln oder Altstetten, doch ist ein Sold Out in der Kulturfabrik kein schlechter Meilenstein in der Laufbahn einer ausschliesslich in deutscher Sprache singenden Band. Kanonenfieber legten seit ihrer Gründung 2020 sowieso einen quasi kometenhaften Aufstieg hin: 2021 das Debütalbum «Menschenmühle», 2022 die Wolfsfest-Tour mit Varg, 2024 grosse Locations im Vorprogramm von Amon Amarth sowie das Zweitalbum «Die Urkatastrophe» – und schliesslich letzten September Co-Headliner (mit Moonspell) am grössten Extreme Metal-Festival der Schweiz, dem Meh Suff.
Der melodiöse, am ehesten dem Black Metal zuzuordnende Stil der Oberfranken begeistert, wohl auch dank untermalender Live-Inszenierung, längst nicht nur Black Metaller. Was zieht bei Kanonenfieber derart? Ist es der Melodic Black Metal mit einer Spur Melodeath? Die melodiösen, für gutturalen Gesang gut verständlichen und für Deutschsprachige problemlos mitsingbaren Texte? Eventuell die saubere Produktion, welche die Zugänglichkeit zu ansonsten eher schwer verdaulichen Genres erleichtern kann? Stark reinspielen dürfte im Übrigen die Anonymität der vermummten Musiker um Bandkopf Noise, wie es zuvor schon Ghost und Lordi bewiesen haben. Doch halt, all dies trifft auch auf das andere Projekt von Noise, Non Est Deus, zu, welches deutlich weniger abgefeiert wird. Dann ist es eben doch die Kriegsthematik, für deren Massentauglichkeit mit Sabaton ein exemplarischer Extremfall bereitsteht?
Viele Fragen, keine richtige Antwort. Es ist wohl von allem ein bisschen, was Kanonenfieber zu ihrem schnellen Erfolg verhalf: das für Extreme Metal eingängige Songwriting, die zugängliche Produktion, das Unwissen zur Identität der Musiker, die Thematik des Ersten Weltkriegs und die enorme Theatralik, mit welcher Noise und seine vier Mitmusiker performen. Denn eine Auffälligkeit zeigt sich in der keineswegs repräsentativen Stichprobe, die ich beim Schreiben dieser Zeilen in meinem Kopf durchgehe: Leute, die Kanonenfieber feiern, hören entweder auch sonst mindestens gleich extreme Musik oder aber ihre Begeisterung für die Bamberger zündete beim Besuch eines Konzerts. Live vor Studio, quasi.
Nach zwei Festivalbegegnungen freue ich mich nun auf mein erstes Headliner-Konzert der Marke Kanonenfieber. Doch vorerst stehen wir noch einen Moment in der Schlange – wir sind vor Türöffnung eingetrudelt –, hole ich das feine Gulasch am Foodtruck und erleben wir eine Deathcore-Show, die man so gewaltig von einem Opener nicht zwingend erwarten würde.
Mental Cruelty
Es ist so weit: Der Support Act, von dem ich gelesen habe, dass er je nach Schaffensphase mal Black, mal Death und mal Deathcore spielte, und bei dem wir auf der Hinfahrt in genau zwei Songs reingehört haben, betritt die Bühne. Wie sich später herausstellt, steht heute die neuste Scheibe «Zwielicht» mit fünf von acht Songs im Fokus – und damit der Deathcore! Dies wird bereits ab dem ersten Moment klar.
Lukas Nicolai, seines Zeichens Shouter an der Front, trägt noch einen Kapuzenmantel, den er jedoch bald abstreift, um den Rest des Gigs im Tanktop zu bestreiten. Seine Vocals sind gewaltig und reihen sich sauber ins musikalische Gefilde der Instrumentalisten ein. Klar gibt es innert Minuten den ersten Breakdown auf die Fresse, doch überzeugen Mental Cruelty auch mit spannenden Gitarrensoli und den zwar eingespielten, jedoch gut passenden symphonischen Samples. Selbst die Breakdowns sind spannend geschrieben: Mal fokussieren sie prototypisch auf gefühlt unendliche Verlangsamung, dann haut Drummer Danny Strasser wieder urplötzlich fiese Doublebass-Attacken rein.
An solchen Stellen zeigt sich dann auch die Lichtcrew nicht knausrig und haut an Strobos raus, was nur geht. Allgemein ist die Licht- und Nebeluntermalung irgendwie wild, passt jedoch gut zum Sound von Mental Cruelty (der hingegen für den einen oder anderen Kanonenfieber-Fan wohl schon nicht so die Lieblingsmucke sein dürfte).
Übrigens spart das Publikum nicht mit Pits und mittig vor der Bühne geht es bereits früh und bis zum Ende ziemlich ab. Als Fronter Lukas dann noch eine Ansage macht, wonach es in Texas jeweils wilder zu und her gehe und die Besucher dort schliesslich keine schlaue Healthcare hätten, eskaliert es richtig. Fasziniert vom – ich wiederhole mich – spannend geschriebenen Deathcore verpasse ich, wie schnell die acht Songs um sind. Umbaupause ahoi.
Die Setlist – Mental Cruelty
- Obsessis a Daemonio
- Helheim
- King Ov Fire
- Pest
- Ultima Hypocrita
- Forgotten Kings
- Nordlys
- Sympony Of A Dying Star
Kanonenfieber – von Krieg, Verderben und Marschieren
«An das deutsche Volk…» Mit einer Ansage aus dem Mund Kaiser Wilhelms steigen Kanonenfieber in ihr Set. Das Setting ist klar: anfangs zwanzigstes Jahrhundert, der «grosse Krieg», Heimatgefühl, verzweifelte Schlachten. «Es blitzt, es grollt das Stahlgewitter», hält Fronter Noise in seinen Texten schon sehr bald fest. Die Schwere der Strophen, der Speed des Refrains, die fies in der Luft hängenden, sich nicht auflösen wollenden Riffs: Irgendwie drückt dieser Song schon zu Beginn sehr gut aus, mit welch beklemmender Stimmung Kanonenfieber das erst begonnene Set prägen werden.
«Schuuuss, Bliiitz, Knallll!» Der nächste Song «Dicke Bertha» reiht sich nahtlos ein, überzeugt ebenfalls mit wechselnden Tempi und drückenden Riffs. Noise, welcher Kanonenfieber ursprünglich als Einmannprojekt begann, live aber auf vier Kumpanen zählen darf, sticht einmal mehr mit wilden, eindrücklich theatralischen Gesten heraus. Krass, wie gut das ohne Mimik funktioniert – sein Gesicht wird komplett von seiner Maske verdeckt.
«We’ll come by night with a sudden strike.» Mit teils englischem Text geht es weiter mit der unerbittlichen Schlacht, welche sich die amerikanische Yankee Division und die deutsche Achte Division 1918 lieferten. Der gesangliche Schlagabtausch zwischen Noise und dem für die Backing Vocals zuständigen Bassisten Gunnar funktioniert auch ohne den inzwischen verstorbenen Trevor Strnad (The Black Dahlia Murder), welcher auf der Studioaufnahme die englischen Parts übernahm, ausserordentlich gut. Da Gunnar live eine der beiden Kanonenfieber-Stimmen übernimmt, wird der Kontrast zwischen tiefen und hohen Gutturalklängen um einiges stärker. Ganz deutlich wird dies bei «Die Fastnacht der Hölle», welches Belleau als das Schlachthaus in Frankreich besingt.
Was nun zum ersten Mal während diesem Auftritt auffällt, ist die schwierige Kontroverse um «geile», zum Abgehen anregende Musik während schweren Kriegsthemen. Mal hängen die Black Metal-Riffs böse in der Luft und es geht um Chlorgas, Körperteile in den Ästen und Kugelregen, dann driften Kanonenfieber wieder in ein mitreissendes, mit Marschieren untermaltes «Links, zwo, drei, vier». Es sind jedoch nur vereinzelte Momente, welche hierzu fraglich erscheinen. Deutlich weniger als beim hüpfigen Power Metal von Sabaton auf jeden Fall…
Alles andere als fröhlich sind nämlich die beiden folgenden Oden «Der Füsilier». Teil I ist noch allgemein gehalten, verdeutlicht die harten letzten Wochen eines Füsiliers. Teil II handelt dann von erfrierenden, so gut wie möglich durch kalte Eislandschaften weitermarschierenden Truppen. Von Partystimmung ist nun keine Rede mehr, zu visuell stellen Kanonenfieber mit reiner Gestik ihr Erfrieren gegen Ende des Songs dar.
Kanonenfieber – die Eisenröhre unser Grab
Nach einem kurzen Einspieler ziehen die Bamberger weiter auf die hohe See. Der U-Boot-Block enthält ganze vier Songs, für welche sich die Band entsprechend gekleidet hat. Zuerst geht es in «Kampf und Sturm» über den Ärmelkanal nach England: Mutig begeben sich die Matrosen unter Wasser, um den Feind mit Torpedos zu beschiessen. Bis ihr U-Boot dem Druck nicht mehr standhält.
In diesem Abschnitt kommen auch die beiden einzigen neuen Songs des aktuellen Albums «Soldatenschicksale» an die Reihe (der Rest der Scheibe besteht aus Re-Releases früherer Songs). In «Z-Vor» geht der Kampf gegen die Briten im Skagerrak weiter. Wieder ist der Song dank zwar stets guttural bleibenden, teilweise jedoch sehr melodischen Vocals gar mitreissend. Auch im Maschinenraum, wo ein Heizer nach dem anderen wegen giftigen Gasen und gleissender Hitze dahingerafft wird, clashen die treibenden Riffs und sanften, nachdenklich stimmenden Klänge mit dem euphorischen «A-hu!». Den Abschluss der Seereise bildet «Die Havarie». Es ist ein Ohrwurm, der es in sich hat: «Wir steigen hinab // ins eigene Grab // wir schliessen die Luke // des eisernen Sargs».
Kanonenfieber – musikalische Anschlusspläne
Neben der thematischen Komponente bleibt es schlicht faszinierend, mit wieviel spielerischer Technik Noise und seine Mannen an die Musik herangehen. Am meisten fällt mir das wie bei so vielen Bands beim Drummer auf. Der anonyme, bei Kanonenfieber Hans genannte Trommler ist Linkshänder (was ein Rechtshänder-Hirn beim Zuschauen ein Stück mehr fordern kann) und wechselt beeindruckend leicht zwischen inszeniertem Spiel – auch hier ist die Gestik förmlich greifbar und gelegentlich stehend zu spielen gehört bei Hans einfach dazu – und technischen Passagen mit zum Beispiel Gravity Blasts. Wie so oft wird all dies am hinteren Bühnenrand etwas zu wenig ersichtlich. Zum Glück gibt es online jede Menge Videos mit für Schlagzeug-Fanatiker spannenderen Perspektiven.
Ganz allgemein, also auch bei Basser Gunnar und den beiden Gitarristen Ernst und Sickfried sowie natürlich Fronter Noise, faszinieren mich die Wechsel zwischen schnellen, von Blastbeats getriebenen Passagen zu langsamen, mal wegen dissonanten Riffs, mal des Textes wegen Hühnerhaut über die Haut jagenden Stellen. Und ja, dann gibt es eben noch dieses Eingängie, zum Abgehen Anregende – wahrscheinlich mehr als bei so manch anderer Black Metal-Band.
Als wir nach Songs wie «Menschenmühle», bei dem Noise mit Tschako und Säbel über die Bühne stolziert und den Kriegeswahn Deutschlands symbolisiert, und «Panzerhenker», dessen Protagonist beim Zerstören seines vierzehnten Panzers selber zum Kugelfang wird, beim «Maulwurf» ankommen, offenbart sich dies wohl am meisten. Versteht mich nicht falsch, der Song ist catchy as fuck. Musikalisch top, dargeboten noch besser. Die Geschichte, naja… Wir singen aus der Perspektive eines Mineurs, der seit zwei Jahren unter Sauerstoff- und Lichtmangel sowie groben körperlichen Beschwerden Tunnels gräbt, sich nichts sehnlicher wünscht, als dass dieser endlich einbricht und sich gegen Ende des Songs selbst richtet. Da ist die Euphorie hinter dem Refrain «graaaaben // und weiter graaaaben // mit meeeinem Spaaaten» vielleicht schon nicht so passend.
Doch ich will darauf gar nicht weiter rumhacken; dieselbe Diskussion wurde bei anderen Bands schon dutzend- und hundertfach geführt. Fest steht, dass Kanonenfieber ihre Texte grösstenteils glaubhaft rüberbringen. Dabei helfen auch die verschiedenen Uniformen und Kopfbedeckungen, das riesige Backdrop mit Kriegsszenerie, die beiden Kanonen neben dem Schlagzeug sowie die vielen Sandsäcke.
Beim finalen «Verdun» wird die Schwere des Ersten Weltkriegs ein letztes Mal so richtig demonstriert. Die Verdun-«Jahrhundertschlacht» im «gottlosen Abnutzungskrieg» ist schwere Kost. Danach ist Schluss. Zum Outro «Als die Waffen kamen» verabschieden sich Kanonenfieber von einem geflashten Schweizer Publikum.
Merchandise und Production
Nach dem Gig muss ich – damit geliebäugelt hatte ich schon vorher – noch kurz beim Merchstand vorbei. Fälle, in denen die Bands der Zollformalitäten wegen gar kein Merch mehr über die Grenze bringen, häufen sich leider. Heute ist dem zum Glück nicht so. Was auch für die Bands gut ist; diese mussten nämlich am Vorvorabend in Milano bereits auf den Verkauf verzichten, da sie mehr als die Hälfte des Umsatzes an die Location respektive den italienischen Staat hätten abdrücken müssen.
Auch in Sachen Produktion scheint dem Statement in den Socials zufolge bei unseren südlichen Nachbarn vieles schief gelaufen zu sein. Nicht so heute: Auf Pyro wird zwar verzichtet, doch untermalten die vielen Props die Show sehr passend. An der Abmischung gab es sehr wenig bis nichts auszusetzen; das Licht war bei beiden Bands sehr passend auf die Musik abgestimmt. Zudem muss es für eine Band schon auch geil sein, im ausverkauften Kofmehl zu spielen. Ein voller Saal, eine Galerie, die mit Personen befüllte Treppe, der zusätzliche Balkon über der Galerie… und das alles in überschaubarer Grösse. Hoffen wir, dass Mental Cruelty und Kanonenfieber bald wieder einmal vorbeikommen!
Die Setlist – Kanonenfieber
- Die Feuertaufe
- Dicke Bertha
- The Yankee Division March
- Die Fastnacht der Hölle
- Der Füsilier I
- Der Füsilier II
- Kampf und Sturm
- Z-Vor!
- Heizer Tenner
- Die Havarie
- Verscharrt und ungerühmt
- Menschenmühle
- Gott mit der Kavallerie
- Panzerhenker
- Der Maulwurf
- Ausblutungsschlacht
Das Fanzit – Kanonenfieber, Mental Cruelty
«Für ein Ziel, das die erdrückende Mehrheit unseres Volkes gar nicht will und das überhaupt gar nicht erreicht werden kann». 1917 formulierte der deutsche Sozialdemokrat Philippe Scheidemann etwas, das schon immer galt und heute aktueller denn je ist: Die Bevölkerung ist es kaum, die Krieg möchte, und «jeder Mann mit Verantwortungsgefühl und Gewissen» sollte ihn hinterfragen.
Nach einem starken Auftritt der eröffnenden Deathcorer Mental Cruelty nahmen Kanonenfieber das ausverkaufte Kofmehl mit viel Theatralik und Gestik sowie schaudernden, über weite Teile gut verständlichen Texten mit auf eine Reise durch das Grauen des Ersten Weltkriegs. Dank technischem Spiel und eindrücklicher Präzision untermalten die fünf Musiker diese Geschichtsstunde passend. Von A(hoi) bis Z(-vor) eine gelungene Show!

