70’000 Tons Of Metal 2026 – Anthrax, Eluveitie, Amorphis u.v.m.
Freedom of the Seas (Miami, USA/Karibik)70’000 Tons of Ice
Warum die 70’000 Tons of Metal zur 70’000 Tons of Ice wurden, was die Metalinsider Luke, Roman, Pöch sowie pam (Fotos) während der Ausgabe 2026 erlebten, welche Bands besonders stark ablieferten und vieles mehr lest ihr auch dieses Jahr in der wahrscheinlich längsten Review zum wohl exklusivsten Metalfestival der Welt.
Luke: Seit 2019 geht es für mich im Januar – mit Ausnahme der «Seuchen-Zeit» 2021 und 2022 – in Richtung Florida. Die 70’000 Tons Of Metal, also die grösste Heavy Metal-Kreuzfahrt der Welt, sticht dann in See. So auch 2026, mit Ziel Nassau (Bahamas) und wie gewohnt jeder Menge geiler Bands an Bord. Ich bin bereit für meine sechste Runde!
Trotz aller Routine: Irgendwie fühlt es sich dieses Jahr ein bisschen anders an. Kollege Kaufi wird erstmals nicht mit dabei sein und definitiv eine Lücke hinterlassen. Vor allem menschlich, aber natürlich auch in unserem traditionell sehr ausführlichen Bericht für Metalinside.ch. Zum Glück konnte ich Chef pam motivieren, nach anfänglichen Zweifeln doch nochmals mitzukommen. Mit Roman haben wir nun sogar einen MI-Schreiber-Novizen und Cruise-Jungfrau mit dabei. Und Kollege Pöch ist sowieso schon seit ewig immer auf dem Schiff, eventuell wird ja er seine Notizen in diesem Jahr ebenfalls etwas ausführlicher halten. So muss die geneigte Leserschaft nicht mit einer abgespeckten Version unseres jährlichen Mammut-Werks ganz ohne Fotos leben – und ich zudem nicht die gesamte Schreibarbeit selbst übernehmen. Win-win also.
Roman: Ich freue mich riesig, für einmal nicht nur den Bericht zu lesen und die Fotos anzuschauen, sondern selbst mit an Bord zu sein und somit auch gleich meinen Beitrag zum Bericht zu leisten. Da es zugleich meine erste Kreuzfahrt überhaupt ist, bin ich neben dem absoluten Hammer-Line-up gespannt, was mich die nächsten Tage auf der Freedom of the Seas alles erwarten wird.
pam: Eigentlich hatte ich ja letztes Jahr geschrieben, dass 2025 meine letzte 70’000 Tons of Metal Cruise sein wird. Gut, das hab ich früher auch schon mal gesagt, aber dass ich 2026 schon wieder auf dem Dampfer sein werde, darauf hätte ich nicht gewettet. Doch mit Kaufis Tod hatte ich so ein Gefühl in mir, dass ich ihm zu Ehren nochmals gehen sollte. Das war dann mein Hauptbeweggrund, warum mich Luke schliesslich nicht mehr gross «motivieren» musste. Und ja, Line-up-mässig ist es für mich wieder mal ein Superjahr. Besser gehts in meinen Augen fast nicht. Wie schon 2017. Damals waren Anthrax, Haggard, Amorphis und einige weitere mit dabei. Und jetzt noch Eluveitie und viele Bands mehr, die ich entweder schon länger mal live erleben wollte – wie zum Beispiel Hiraes – oder die es sich lohnen wird zu entdecken. Dass die Ankündigung zumindest der ersten vierzig Bands relativ früh und flott erfolgte, half bei mir auch. Schliesslich war ein fettes Tüpfelchen auf dem i für die finale Zusage noch, dass Roman mitkommt. Mit ihm als Cruise-Rookie wird es auf jeden Fall wie gewohnt ein ganz gutes Erlebnis. Ich hab mich alles in allem schon lange nicht mehr so fest auf eine 70K-Ausgabe gefreut. Let’s go.
Anreise
Luke: Meine Frau Yvonne und ich reisen nach langem Überlegen bereits am Samstag vor der Cruise an. Am Sonntag stehen schliesslich die Conference Championship Games der NFL an, und auch wenn mein Team leider wieder nicht so weit gekommen ist, will ich als echter American Football-Fan die beiden grossen Spiele natürlich sehen. Und wo geht das besser als im Mutterland dieses Sports? Eben. Nachdem wir am Samstag nach einem kurzen Abendessen im Finnegans Way-Pub am Ocean Drive zuerst einmal die Zeitverschiebung weggeschlafen haben, sind wir am Sonntag früh auf. Bei herrlichem Wetter erkunden wir noch ein bisschen den uns eigentlich bereits bestens bekannten Strand in Miami Beach, und auch ein erstes Bad im Meer ist zumindest für mich absolute Pflicht.
Am Nachmittag sichern wir uns dann Plätze im «Football Headquarter» Clevelander, wo heute neben Sport noch aktuelle Charts-Hits und Hip Hop-Klassiker mit top-motivierten Animatoren angesagt sind. Spoiler: Dies wird sich in den nächsten Tagen ändern. Auf Hälfte zwei des ersten Spiels taucht dann Kollege Röschu, welcher vorher ein paar Tage im kalten Norden der USA und Kanada genossen hat, auch noch auf. Den Koffer mit den warmen Winterkleidern hat er nahe des Flughafens eingeschlossen. Ein Fehler? Wir werden sehen…
Für das zweite Spiel verschieben wir ins Finnegans Way, wo meistens viele Cruiser anzutreffen sind. Allerdings ist es dieses Jahr erstaunlich ruhig. Haben wir letztes Jahr schon früh ein paar Metaller getroffen hier, ist heute definitiv noch nicht die Hölle los. Und gestern beim Nachtessen waren Yvonne und ich sogar die einzigen mit Bandshirts. Nach einem Abend mit Football geht es nochmals ziemlich zeitig zurück ins Hotel und Bett. Die Kräfte wollen eingeteilt werden, und schliesslich steht morgen noch ein Umzug auf dem Programm. Wir hatten bereits letzten Februar eine Bleibe für die Tage von Montag bis zur Cruise gebucht, entsprechend mussten wir etwas improvisieren aufgrund der früheren Anreise.
Beim neuen Hotel hat es einen wunderschönen Aussenbereich, in welchem sich die Zeit bis zum Zimmerbezug mit Kartenspielen und ein paar Bier vom Supermarkt gegenüber bestens totschlagen lässt. Mit Karima trifft nun auch noch die Nachzüglerin unserer Vierer-Kabinenbesatzung ein. Der Abend startet erneut im Finnegans Way, wo wir endlich ein paar Metal-Leute mehr treffen – unter anderem unsere Beyond Dystopia-Freunde aus dem Berner Oberland. Während wir bei zuerst noch bestem Wetter da auf der Terrasse sitzen, kommt plötzlich ein ziemlich fieser und kalter Wind auf. Unsere Flucht ins legendäre Mac’s Club Duce bringt leider nicht die gewünschte Aufwärmung, die Klimaanlage läuft aufgrund der erst gerade noch sommerlichen Temperaturen auf Hochtouren. Nun, nochmals früh ins Bett kann sicher nicht schaden, denn morgen geht es erst richtig los.
Der Dienstag ist an der Sonne ziemlich angenehm. Wenn schon nicht ins Meer, schaffe ich es immerhin in den Hotelpool. Man merkt aber bereits deutlich, dass es am Schatten um einiges kühler geworden ist. Am Abend steht der Teil der Heavy Metal Beach Party an, welchen ich fast am meisten mag: Bands mit Mitgliedern, welche auch schon privat auf der Cruise waren – sogenannte Survivor – treten im Clevelander auf, welcher sich somit vom Party-Hotspot zum Metal-Mekka verwandelt. Kurz bevor wir loslaufen, treffen pam und Roman ein. Sie haben heute Eishockey auf dem Programm. Fürs Rock N Roll Ribs reicht die knappe Zeit nicht mehr, was nach anfänglichen Überlegungen selbst einem Planungsoptimisten wie pam klar wird… Eventuell sehen wir uns ja später noch im Finnegans Way.
Roman: Ja, das mit den Rippli müssen wir für heute leider definitiv streichen. Nach all den Verspätungen bei der Anreise bleibt uns nichts anderes mehr übrig als das Nachtessen ins Hockeystadion zu verschieben (wer sagt schon nein zu Salamipizza mit Knoblauchsauce?). Die Stellung im Finnegans Way müsst ihr heute aber ohne uns halten. Die Zeitverschiebung macht sich dann doch bemerkbar und so verabschieden wir uns nach dem Match direkt ins Bett.
Heavy Metal Beach Party – Clevelander, Miami Beach (Dienstag, 27. Januar)
Luke: Bei Ankunft ist die bekannte Party-Location in South Beach noch ziemlich leer. Umso besser, so geht der Bändeltausch schnell vonstatten und auch der Frozen Drink, welcher in unserem Eintritts-Package mit dabei ist, kann schnell geordert werden. Während Karima und Yvonne aufgrund der nun doch tiefer als erwarteten Temperaturen nochmals das (zum Glück nahe gelegene) Hotel aufsuchen, um sich etwas Zusätzliches anzuziehen, machen sich Röschu und ich bereit für die erste Band des Tages.
Faethom
Der Opener kommt aus dem benachbarten Fort Lauderdale und hat bereits 2012 bei der allerersten Ausgabe der Heavy Metal Beach Party mit Livebands gespielt. Dies lässt uns die sympathische Sängerin und Keyboarderin Mariela Muerte bei der ersten Ansage wissen. Geboten wird angeschwärzter Heavy Metal an der Schwelle zum Thrash, welcher durch den Einsatz des Tasteninstruments manchmal auch eine etwas symphonische Note erhält. Die Vocals wechseln zwischen aggressivem Black Metal-Gekeife und cleanem Gesang, wobei mir zweiteres eindeutig besser gefällt.
Die Gruppe gibt sich eindeutig Mühe, so richtig viel bleibt aber zumindest bei mir nicht hängen. «Sange mala sangre» ist hier ein bisschen die Ausnahme, die spanischen Lyrics sorgen für etwas zusätzliche Abwechslung. Ansonsten spielen sich Faethom durch ein solides Set, welches bereits etwas Zuspruch vom immer zahlreicher anwesenden Publikum erntet. Nicht zu hundert Prozent mein Ding, aber gar nicht schlecht gemacht. Und die Spielfreude ist der Truppe auf jeden Fall anzumerken.
Die Setlist – Faethom
- Thou Shall Follow
- Blackfire Star
- The Fanatical Swarm
- Sange mala sangre
- Final Cosmic Warcry
- Slaves To The David
- Strike Thunder, Rebel
Corpse Hole
Als zweiter Act des Abends sind Corpse Hole aus San Antonio (Texas) an der Reihe. Deren Frontmann hat mich bereits auf dem Weg zum Clevelander wegen meiner Kutte angequatscht und mit Stickern der Band versorgt. Sehr sympathischer Typ. Aufgrund des Bandnamens hatte ich irgendwie auf brutalen Texas Death Metal im Stile von Devourment gehofft. Ganz so hart wird es dann aber doch nicht, geboten wird eher teilweise etwas oldschooliger, melodischer Death Metal.
Die ziemlich groovigen Gitarren geben bei mir klare Pluspunkte, der fehlende Basser sorgt aber für Abzug. Sänger Aaron Copeland lässt uns wissen, dass die Anreise generell etwas schwierig war – erhebliche Teile von Amerika sind gerade von einem Schneesturm betroffen. Und so hat es der Mann am Viersaiter leider nicht nach Florida geschafft. Auch Aaron selbst überzeugt mich nicht restlos. Die Growls sind zwar kraftvoll und verständlich, wirken aber öfters etwas unrhythmisch. Dass er seine Growlstimme zudem für die Ansagen zwischen den Songs verwendet, wirkt unfreiwillig komisch. Da wäre weniger manchmal mehr. Dass der stärkste Song des Sets das ganz am Ende gespielte Bolt Thrower-Cover ist, kann ebenfalls nicht als richtiges Kompliment gewertet werden. Kein schlechter Auftritt, so richtig vom Hocker haut es mich dann aber doch nicht.
Die Setlist – Corpse Hole
- World Rotted Black
- By Curse I’ll Reign
- Bone Cave Of The Cannibal King
- Butcher‘s Nails
- Closer To The Necromancer
- Master Impaler
- Lich Unleashed
- Anti-Tank (Dead Armour) (Bolt Thrower-Cover)
Super Monster Party
Nun folgt die einzige Band im heutigen Billing, deren Member nicht nur privat schon auf der Cruise waren. Super Monster Party aus Südflorida durften 2025 sogar spielen auf der 70’000 Tons Of Metal (Review von der Ice Rink Show gibt es hier). Ich fand die Truppe damals ganz witzig, obwohl ich als Nicht-Gamer nicht unbedingt zur Hauptzielgruppe gehöre. Aber die Videospiel-Animationen auf der Leinwand hinter der Band wirken auch ohne weitere Kenntnisse, um welches Spiel es aktuell gerade geht, ziemlich cool. Und darüber hinaus ist das musikalischdefinitiv nicht uninteressant.
Sänger Rei Sega (ja, der nennt sich echt so) ist stimmlich sehr stark und zudem extrem vielfältig unterwegs. Und die Backing Vocals der Saitenfraktion klingen ebenfalls gut. Ich habe das Gefühl, dass die Backtracks im Gegensatz zur Show auf dem Schiff merklich reduziert wurden. Ein Bisschen was kommt nach wie vor ab Band, aber wenigstens keine zusätzlichen Gesangsstimmen mehr. Der Stilmix ist immer noch etwas wild – so richtig schubladisieren lässt sich die Gruppe nicht. Ich werfe mal die Begriffe Heavy, Speed und eine Prise Metalcore ins Rennen. Vollumfänglich gerecht wird dem Sound aber keine der Stilrichtungen. Beim nun doch ziemlich zahlreichen Publikum kommt die Mischung aber sehr gut an, und der Merchstand weist nach kürzester Zeit erhebliche Lücken auf. Besonders der kultige Rucksack im 90ies-Style ist ruckzuck weg. Ein wirklich guter Auftritt. Ich würde mir von der Band wohl keine CD zulegen, live macht das Ganze aber viel Spass.
Ancient Entities
Die letzte Gruppe des Abends, welche eigene Songs spielt, kommt aus Milwaukee im hohen Norden. Scheinbar hat hier aber trotz Schneesturm alles mit der Anreise geklappt . Zum Glück, denn was musikalisch nun geboten wird, ist exakt mein Beuteschema. Technischer Death Metal mit jeder Menge Wendungen, welcher irgendwo zwischen den Pionieren des Genres wie Nile und modernen Bands angesiedelt ist. So gibt es neben sehr komplexen Strukturen auch immer wieder sehr groovige, ja sogar slamige Parts, welche zum Stampfen einladen. Dazu tragen neben den hervorragenden Instrumentalisten die sehr geilen, tiefen Growls von Frontmann Brian Gulliford bei.
Entsprechend geht es jetzt direkt vor der Bühne etwas heftiger ab. Die noch ein bisschen zaghaften Mosh-Versuche bei Super Monster Party werden nun durch teilweise richtig wilde Circle Pits ersetzt. Wenngleich ich es beim Headbangen belasse und mich nicht der Gefahr einer Mosh-Verletzung so kurz vor dem Schiff aussetzen will, hier vorne ist auch der Sound um einiges besser als weiter hinten. Da aufgrund des Windes die Stoffwände gegen die Strassen geschlossen wurden, gibt es da ein gewaltiges Echo, welches stört. Hier vorne hingegen tönt das absolut perfekt. Ein richtig geiler Auftritt einer Truppe, die ich künftig weiter verfolgen werde. So komme ich nicht drum herum, dem Merchstand einen Besuch abzustatten, um mir eine CD zuzulegen. Dabei fällt auf, dass die Jungs definitiv schon auf dem Schiff waren: Hier gibt es endlich einmal Bierkühler (sogenannte Cozys), welche auch über die grossen Fosters-Raviolibüchsen, wie ich sie auf dem Schiff so gerne trinke, passen. Wird selbstverständlich ebenfalls gleich gekauft!
Die Setlist – Ancient Entities
- Intro
- Blood Upon Stone
- Creatures From The Sand
- A Warrior‘s Death
- Ethnic Drum Interlude
- Hidden
- Ritual Autopsy
- Wall Of War
- Intro / Empire In Ashes
- Flesh Of Gods
- Pierced By Obsidian
- Damnatio Ad Flammas
The Land Of Ozz (Ozzy Osbourne-Coverband)
Nun also noch die mittlerweile schon fast traditionelle Coverband zum Abschluss. Im Jahr nach dem Tod von Legende Ozzy Osbourne irgendwie naheliegend, dass man dem Prince Of Darkness huldigt. Nun, ich finde reine Coverbands sowieso eher unnötig und kann mir fast nicht vorstellen, dass jemand wirklich einen glaubhaften Ozzy geben kann. Ich muss aber ganz ehrlich zugeben: Rein optisch ist der Sänger Stephen J. Desko wirklich nah dran. Und als er beim Soundcheck mit Ozzy-Stimme «Still Loving You» von den Scorpions ansingt, hat das irgendwie was.
Als es dann aber an die wirklich von Ozzy gesungenen Sachen geht, merkt man den Unterschied schon. Es ist nicht so, dass es gar nicht nach dem Original klingen würde. Halt einfach eher in einer schlechten Version. Vermutlich kommt er dem «Ende Siebziger / Anfang Achtziger»-Ozzy, welcher noch jede Menge Drogen und Alkohol konsumiert hat, am nächsten. Weil ich schon auf die Setlist geschielt habe und mich vor «Mama, I’m Coming Home» in dieser Version richtiggehend fürchte, verabschiede ich mich bald einmal in Richtung Finnegans Pub. Dort treffe ich zwar nicht wie gehofft noch auf pam und Roman, aber immerhin auf eine grössere Gruppe Berner, welche mit Hilfe von Bierdeckeln und einem Shuffleboard-Tisch ein neues Spiel entwickelt hat und hier ein Turnier abhält. Nach zwei Siegen (einmal sogar zu null!) und einer Niederlage, begebe ich mich dann aber auch langsam Richtung Hotel, wo der Rest unserer Truppe bereits am vorschlafen für morgen und die «richtige» Heavy Metal Beach Party ist.
Die Setlist – The Land Of Ozz
- Paranoid
- I Don’t Know
- Over The Mountain
- Flying High Again
- Iron Man
- Perry Mason
- No More Tears
- Mama, I’m Coming Home
- Children Of The Grave
- Changes
- Mr. Crowley
- Diary Of A Madman
- N.I.B
- Goodbye To Romance
- Crazy Train
- Bark At The Moon
Heavy Metal Beach Party – Strand und Clevelander, Miami Beach (Mittwoch, 28. Januar)
Roman: Nachdem pam und ich gestern nach dem Hockeymatch direkt ins Bett gegangen sind, bin ich heute eigentlich recht fit. Mit zunehmendem Hunger laufen wir ein paar Strassen ab, auf der Suche nach etwas zu essen. Bis uns die grossartige Idee kommt, die gestern verpassten Rippli nachzuholen. Für alle, die nicht wissen, was es mit diesen Rippli auf sich hat: Iron Maiden-Drummer Nicko McBrain führt ein BBQ-Restaurant, welches wahrscheinlich (ziemlich sicher) die besten Spareribs der Welt anbietet. Einziges Problem, das Rock N Roll Ribs befindet sich über eine Stunde entfernt von Miami Beach. Im ersten Moment klingt das jetzt vielleicht etwas unvernünftig, aber alle, die bereits in diesen Genuss gekommen sind, werden uns verstehen (pam: Definitiv! Ich würde für die sogar einen Flieger besteigen …).
Wenn man Glück hat und genau zum richtigen Zeitpunkt im Restaurant ist, kann es auch vorkommen, dass man Nicko höchstpersönlich antrifft. Bei meinem letzten Besuch hier hatte ich dieses Glück leider nicht. Umso mehr hoffe ich also, dass es heute klappt. Bei unserem Eintreffen wird uns zugeflüstert, dass Nicko in ungefähr einer Stunde vorbeikommen sollte. Daher verzögern wir unseren Aufenthalt nach dem Essen absichtlich noch mit ein paar Bierchen. Doch auch nach fast eineinhalb Stunden ist nach wie vor keine Spur von ihm zu sehen. Kurz bevor wir uns schliesslich auf den Rückweg machen möchten, fährt ein schwarzer SUV vor und Nicko McBrain steigt aus. Ich glaube es erst, als er tatsächlich im Restaurant steht. Was für ein Moment. Wir schütteln ihm die Hand, wechseln ein paar Worte und machen ein Foto. Das hat sich nun also definitiv gelohnt.
Wieder zurück in South Beach treffen wir im Aussenbereich unseres Hotels gleich auf Luke und Co. – perfektes Timing, die Beach Party ruft!
Luke: Traditionell treffen sich die schwarz gekleideten Horden am Tag vor der Abfahrt des Schiffes Anfang Nachmittag am Strand in Miami Beach. Bevor es an den Strand geht, sucht unsere Gruppe aber noch die in Fussdistanz gelegenen Läden an der Lincoln Road auf. Es ist wirklich ziemlich kalt geworden, und so richtig damit gerechnet haben nicht alle. Inklusive mir selbst, habe ich doch nur eine einzige lange Hose dabei, welche ich eigentlich bloss für Hin- und Rückflug eingeplant hatte. So heisst es nun, etwas nachzurüsten, damit man nicht allzu kalt hat. Kollege Mischa hingegen, welchen wir mit seiner Truppe ebenfalls an der Einkaufsstrasse antreffen, sucht noch nach kurzen Hosen. Da die Swiss seinen Koffer verbummelt hat, musste er bereits ein paar lange Jeans mittels Schere umfunktionieren und ist auch sonst eher knapp dran mit Klamotten.
Nachdem dann alle Kleiderbedürfnisse gestillt und ein kostengünstiges Essen beim Italiener um die Ecke genossen wurde – der Grappa zum Dessert kostet schlappe 23 Dollar – geht es dann in den CVS, wo wir uns mit Bier und Seltzer für den Strand eindecken. Unsere Kollegen Smitty und Jeannine, welche zum ersten Mal mit dabei sind, staunen nicht schlecht, als wir schliesslich am Strand eintreffen. Hatten wir die Beach Party noch gross als riesige Zusammenkunft von Metalheads am Strand angekündigt, ist der Aufmarsch heute eher bescheiden. Vielleicht haben sich etwas mehr als hundert Leute hier um zwei Uhr nachmittags versammelt. Das hatte in den letzten Jahren schon ganz anders ausgesehen.
Die tiefen Temperaturen haben da sicher einen guten Teil beigetragen. Wir machen bereits Witze, dass eventuell ein paar Survivor aus warmen Ländern in Südamerika es den Leguanen gleichtun, welche vor Kälte in eine Starre versetzt werden und von den Bäumen fallen. Natürlich ist es aber trotzdem schön, hier wieder diverse bekannte Gesichter zu treffen und sich auf die Kreuzfahrt einzustimmen. Es wäre halt mit etwas höheren Temperaturen einfach noch schöner… Trotzdem lasse ich mir als einer der ganz wenigen Anwesenden ein kurzes Bad im Meer nicht nehmen. Dieses ist sogar fast wärmer als die Aussentemperaturen, und so ist der Gang ins Wasser einfacher als das wieder Herauskommen. Danach ist aber definitiv ein kurzer Abstecher ins Hotel fällig, wo ich mir nach einer warmen Dusche zusätzlich etwas wärmere Klamotten gönne.
pam: Auch Roman denkt wohl grad, ich hätte ein bisschen übertrieben mit der Beach Party. Es sind definitiv nur ein paar Hundert Nasen da … Es kommen zwar noch ein paar dazu, aber nie die rund tausend wie in den Vorjahren (siehe Fotos aus früheren Berichten). Ich stelle leider auch schnell fest, dass einige bekannte Gesichter und fleissige Mitcruiser fehlen. Es bleibt zwar die Hoffnung, dass die die Beach Party wegen der erwähnten Kälte und dem einsetzenden leichten Regen auslassen. Dafür sind wie schon im Vorjahr einige neue Gesichter zu entdecken. Die 70K Cruise macht grad einen Schichtwechsel durch. Die Survivor der ersten zehn Jahre werden gefühlt immer weniger, umgekehrt lernt man einige kennen, die zum ersten Mal oder mit einer Anzahl im tiefen einstelligen Bereich dabei sind. Bei mir ist es dieses Jahr mit immer wieder Mal Pausen die zehnte 70’000 Tons of Metal.
Traditionsgemäss rauche ich ein, zwei Krumme (leider dieses Jahr erneut ohne Phippu) und es wird zudem schon fleissig geschnupft, aber mit der Zeit wird es uns doch zu ungemütlich mit der Kälte und dem Regen. Vor allem Letzteres ist jetzt auch nicht grad so wünschenswert für meine Kameras. Obwohl ich angemeldet bin, lass ich es sein mit dem Gruppenfoto vom Rettungsturm aus. Eigentlich schade, da ich das erste bekannte «Pre-Cruise Warm-up Beach Party»-Bild mit der inzwischen als Tätschmeisterin der Pre-Parties bekannten crowdsurfenden Doro (nicht zu verwechseln mit der Metal-Queen Doro) gemacht hatte. Die Kälte killt diese Tradition. Deshalb leider keine wirklichen Fotos von der Beach Party. Drum, wer sie noch nicht kennt, gerne in den Vorjahresberichten nachschauen. Roman und ich verschieben uns somit Richtung Finnegans.
Pöch: Obwohl ich eigentlich schon am Vortag mit dem gleichen Flieger wie pam und Roman angekommen bin, klinke ich mich erst jetzt ins Geschehen ein. Wegen meiner grossen Schlachtenbummler-Pläne auf der Cruise – welche nicht gerade viel Schlaf vorsehen – geniesse ich vorgängig zumindest zwei Nächte die Ruhe vor dem Sturm. Natürlich kann ich es mir aber nicht nehmen lassen, meine Heavy-Metal-Survivor-Familie schon vorab an der Beach Party zu treffen. Ein Prost auf vergangene Abenteuer, auf zukünftige Eskapaden und auf all die Momente, wie man sie nur auf der 70’000 Tons Of Metal erleben kann! Trotz Regen und Temperaturen, die eher an Nordsee als an Miami Beach erinnern, werden zumindest heute die eingepackten Shorts amortisiert, denn die weiteren Prognosen gehen leider völlig in die verkehrte Richtung.
Luke: Den ganzen Tag über ist ein grosses Thema, dass der Landtag auf der diesjährigen Cruise gemäss Social Media aufgrund der Wetterlage angepasst werden musste. Anstatt wie üblich am dritten werden wir dieses Jahr bereits am zweiten Tag in unserem Hafen in Nassau eintreffen. Der Grund: Für Samstag und Sonntag sind für die Bahamas heftige Stürme angesagt. Dies verzögert die sowieso immer erst sehr spät veröffentlichte Running Order noch weiter – und sorgt zudem für viel Gesprächsstoff. Ob wir dafür etwas weiter Richtung Süden fahren werden, wo es dann auch wärmer wäre? Nun, bei den momentanen Temperaturen wünsche ich mir, dass Kollege Röschu mit seinem Tipp recht hat. Das liegt aber alles noch in der Zukunft, momentan heisst es, den letzten Abend an Land zu geniessen.
Den Anfang unseres Abendprogramms bestreiten wir wiederum im Clevelander, wo heute Karaoke angesagt ist. Im Gegensatz zu anderen Jahren hat man sich 2026 die Liveband gespart und operiert mit normaler Karaoke-Maschine. Das hält mich aber nicht davon ab, meinen altbewährten Johnny Cash zu geben, mein erstes Mal Karaoke hier in Miami. Im späteren Verlauf des Abends suchen wir auch noch das Kill Your Idol auf, nur um schlussendlich dann doch wieder im legendären Mac’s Club Deuce zu landen. Hier legt heute ein echt schrulliges Unikat als DJ auf, und so wird der Feierabend immer weiter nach hinten verschoben. Ist es eine gute Idee, jeweils am letzten Abend bevors aufs Schiff geht am schlimmsten abzustürzen? Definitiv nicht. Machen wir den Fehler trotzdem immer wieder? Aber klar!
pam: Danke, dass der Gruppenzwang Roman und mich auch aus dem Finnegans raus im Sog hatte … Gut, wir haben uns dann im stehend Schlafen abgewechselt.
Luke: Hihi, ja so kann es gehen. Und vom stehend Schlafen gibt es übrigens gute Fotos ;-).
pam: Tja, ich hätte dann ein schönes vom sitzend Schlafen im Theater zum Traden … ;-).
Die Fotos – Beach Party und Abfahrt Tag 1
70‘000 Tons Of Metal 2026 – Tag 1 (Donnerstag, 29. Januar)
Luke: Ganz ehrlich, der Kater könnte beim Aufstehen eigentlich sogar schlimmer sein. Klar, ich bin definitiv auch schon noch fitter aufgewacht, aber grundsätzlich geht es grad noch so. Also setze ich mein Vorhaben, mich lieber bei einem Barber hier vor Ort noch rasieren zu lassen, als unser kleines Kabinen-Bad gleich am ersten Tag der Cruise in den Tatort einer Igel-Explosion zu verwandeln, in die Tat um. Jose spricht zwar fast so wenig englisch wie ich spanisch, aber irgendwie bekommt er meinen Wunsch trotzdem mit, schneidet die Haare und den Bart wie gewünscht. Perfekt, jetzt bin ich bereit für aufs Boot!
Mit dem Uber geht es schliesslich an den Hafen, wo hastig vor den Sicherheitskontrollen noch die letzten Michelob Ultra, welche Smitty uns nach der Beach Party in den Hotel-Kühlschrank gegeben hatte, vernichtet werden. Der ganze Prozess vom Aufs-Schiff-Kommen läuft dieses Jahr für uns extrem reibungslos, so sind wir ruckzuck durch, und die Kabine ist sogar auch schon bereit. Klar, die Koffer fehlen noch, aber immerhin sind die Karten bereits an der Türe. So steht eigentlich einem ersten Beitrag zur Fosters-Wand nichts im Weg – ausser das noch nicht genossene Frühstück. Also geht es zuerst in den Windjammer, wo noch nicht einmal die obligatorische Torte angeschnitten wurde. Nach dem Essen zieht es uns aber schnurstracks ins Casino, wo besonders Sten fleissig am Aufbauen ist. Känguru hat seinen Lehrling 2025 (Vergleiche hier) bestens eingeführt und kann nun zufrieden grinsend daneben stehen und seelenruhig seinen Baustoff zum Bauwerk leeren. Prost!
Bei mir selbst flutscht das Bier noch nicht so richtig. Irgendwie kommt nun die Müdigkeit, die ich schon am Morgen erwartet hätte. Also entschliesse ich mich, eine kurze Pause in der Kabine einzulegen. Schliesslich will ich für den Start der Bands fit sein, und es wird generell bereits eine sehr lange Nacht werden zum Auftakt…
Roman: Da pam mit Smitty und Janine abgemacht hat, dass wir heute zusammen zum Hafen gehen, treffen wir uns zuerst im Finnegans Way. Fish and Chips zum Frühstück, wer sagt dazu schon nein. Beim Hafen angekommen verläuft auch unser Sicherheits- und Boarding-Prozess sehr speditiv und ohne Probleme. Da ich gerade zum ersten Mal überhaupt auf einem Kreuzfahrtschiff bin, ist das alles schon recht überwältigend. Bevor es dann später mit den ersten Konzerten los geht, nutze ich die Zeit, um mich ein wenig umzusehen und das Schiff zu erkunden. Ich bin gerade sehr dankbar für meinen guten Orientierungssinn.
Pöch: Relativ gut ausgeschlafen – und ohne Kater – stehe ich schon kurz vor 10 Uhr am Hafen und reihe mich ganz hinten in die rund fünfzigköpfige Schlange ein. Altbekannte überall – man könnte fast schon von einer Early-Bird-Survivor-Truppe sprechen. Nach Türöffnung um 10:00 Uhr bin ich dank jahrelanger Erfahrung ratzfatz durch die Sicherheitskontrolle und sichere mir im Wartebereich Boarding-Position Nummer zwei.
Um 11:15 Uhr öffnet sich endlich das Tor zur «Freedom of the Seas» – Empfang durch Pool Girls und Händeschütteln von Skipper Andy inklusive. Mein Frühstart hat einen klaren Grund: In den Vierer-Single-Kabinen gilt bei den Betten knallhart first come, first serve. Und ein unteres Bett ist Gold wert – oben gibts nämlich exakt null Ablagefläche. Da meine Partnerin Brigitte sich die Cruise nur etwa jedes zweite Jahr gibt, ist eine solche Vierer-Single-Kabine (mit drei völlig zufällig zugewiesenen Cruisern gleichen Geschlechts) eine preisgünstige Variante, auch als Einzelperson mitzufahren.
Trotz kreativen Schleichversuchs an der geschlossenen Korridor-Schiebetüre vorbei (Luke: Welchen ich mir gerade bildlich vorstelle – merci fürs Kopfkino, Pöch!) werde ich vom Room-Boy abgefangen («Kabinen erst ab 13:00 Uhr offen!»). Also dann zu Plan B: erstmal Mittagessen im Windjammer Selbstbedienungs-Restaurant. Zurück um 12:30 Uhr bei der Kabine folgt der Schock: Zwei Zimmerkollegen waren schneller, beide unteren Betten sind bereits besetzt. Zeit für die Joker-Karte: Schulter-OP im Juli, Leitersteigen dadurch immer noch etwas schwierig (hüstel) … Einer der beiden zeigt sich glücklicherweise völlig unbetten-eitel und überlässt mir grosszügig seinen Platz unten. Mission erfüllt! Erleichtert schnappe ich mir die rote Black-Survivor-Karte und bin nun endgültig bereit für meine persönliche Runde zehn.
Vio-Lence – Ice Rink
Luke: Dank einem ordentlichen Powernap sieht die Welt schon wieder viel besser aus. Nachdem ich den Rest unserer Truppe auf dem zwölften Deck getroffen habe, geht es pünktlich zum Auftakt des Konzertprogramms in den Ice Rink. Das Auslaufen des Schiffs verpasse ich somit zwar wieder einmal, aber Vio-Lence will ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Meine Live-Premiere der Bay Area Crossover-Thrasher erlebte ich 2020 ebenfalls hier auf dem Schiff (pam: Same, same). Mittlerweile durfte ich die Truppe aber auch in der Schweiz (Musigburg Aarburg) schon live erleben. 2022 folgte mit «Let The World Burn» auch endlich wieder einmal ein Studio-Lebenszeichen in Form einer EP, schlappe 29 Jahre nach dem letzten Longplayer «Nothing To Gain».
Mittlerweile hat Sänger Sean Killian wieder ein komplett neues Line-up um sich geschart. Gitarrist Phil Demmel scheint mit Kerry King komplett ausgelastet und somit bei Vio-Lence wieder einmal raus zu sein. Wenn wir ehrlich sind, ist der Glatzkopf am Mikrofon aber die eigentliche Essenz der Band, und zumindest live sind die Mitstreiter fast etwas zweitrangig. Auch heute überzeugt er den sehr gut gefüllten Ice Rink mit einer starken Performance und gibt sich sichtlich gut gelaunt. Mit seiner bis zum Hals zugeknöpften Kutte und den Militärstiefeln sieht der Gute zwar wieder einmal ein bisschen wie ein Hooligan aus, die böse Mimik passt dazu. Aber eher wie ein Gentleman-Hooligan der alten Schule, der dir wenigstens ein Bier offeriert, nachdem er dir die Fresse poliert hat. (pam: Göttlich ausgedrückt, Luke.)
Der Sound braucht bei der 45-minütigen Show fast die Hälfte der Zeit, um sich einigermassen einzupendeln. Gegen Ende klingt das dann sogar richtig gut und man fragt sich, was hier mit einem etwas ausführlicheren Soundcheck möglich gewesen wäre. Das Publikum braucht hingegen keine Anlaufzeit und verwandelt die Mitte des Ice Rinks ab Beginn in einen grossen, wilden Pit. Kein Wunder, die Band verlässt sich bei der Setlist fast nur auf Kracher des absolut legendären und unerreichten Debüts «Eternal Nightmare» von 1988. Einzige Ausnahmen sind der Abschluss «World In A World» (Single des zweiten Albums «Oppressing The Masses») und das Dead Kennedys-Cover «California über alles», bei welchem der Mitsing-Teil im Refrain allerdings nur so mässig klappt. Es hat wohl doch etwas zu wenig Punks hier… (pam: Ist so, dafür feiere ich das Cover dieses Klassikers entsprechend ab.)
Somit zeigt sich Sean bei der Songauswahl nicht gerade mutig, gerade von der «neuen» – immerhin nur vier Jahre alten – EP hätten es ruhig auch ein, zwei Songs sein dürfen. Aber klar, wer einen solchen Kracher in der Diskografie hat, darf eigentlich bei jeder Show einfach das komplette Album spielen. Im Grossen und Ganzen somit ein richtig geiler Auftakt. Zwar ohne grosse Überraschungen, dies aber sowohl im negativen als auch im positiven Sinn.
Roman, für dich war das deine Vio-Lence-Premiere, oder? Was sagst du dazu, und generell zu deiner ersten Schiffs-Show?
Roman: Genau, sozusagen eine Doppelpremiere. Vor dieser war ich bereits das erste Mal in der Zwickmühle: Soll ich mir das Auslaufen des Schiffs ansehen, in die Star Lounge zu Seven Spires oder in den Ice Rink zu Vio-Lence? Da meine Live-Premiere mit letzteren eigentlich bereits vor ein paar Jahren am Alcatraz Festival geplant gewesen wäre, ich damals aber Unfall- und coronabedingt meinen kompletten Festivalbesuch canceln musste (pam: Ich sag jetzt nichts dazu – damit ist wohl schon alles gesagt … Duck und weg), fühle ich mich heute fast verpflichtet, bei Vio-Lence vorbeizuschauen. Und das war definitiv keine schlechte Wahl. Mir kommt immer wieder der Gedanke, wie verrückt es ist, dass ich mich just in diesem Moment eigentlich auf einem Kreuzfahrtschiff befinde und das nicht einfach eine weitere, «normale» Konzerthalle ist. Mit diesem Gedanken ist dieses Konzert auch abgesehen von dem starken Auftritt von Vio-Lence etwas ganz Spezielles.
Die Setlist – Vio-Lence – Ice Rink
- Eternal Nightmare
- Serial Killer
- Calling In The Coroner
- Phobophobia
- Kill On Comand
- Bodies On Bodies
- California über alles (Dead Kennedys-Cover)
- World In A World
Die Fotos – Vio-Lence – Ice Rink
Xandria – Royal Theater
Roman: Die Running Order lässt mir heute kaum Zeit zum Verschnaufen. Direkt nach Vio-Lence mache ich mich auf die Suche nach dem Royal Theater. Neben der Pool Deck-Bühne war das Theater wohl die Location, auf die ich am meisten gespannt war. Und ich werde nicht enttäuscht, das sieht schon recht cool aus. Nun macht sich auch die Tatsache deutlich spürbar, dass wir uns auf einem Schiff befinden. Die Wellen draussen scheinen gerade ziemlich wild zu sein, was uns im Theater ein schönes Hin-und-her-Schaukeln beschert. Irgendwie noch angenehm. Der Stehbereich ist allerdings recht gut gefüllt, weshalb einem nicht allzu viel Platz bleibt, um zu schwanken.
Egal ob schwanken oder nicht, der Symphonic Metal von Xandria passt für mich sehr gut ins Theater. Nur höre ich von meinem Stehplatz aus leider fast ausschliesslich den Bass. Zum Glück gibt es gerade noch genügend freien Platz, um mich ein paar Meter weiter in die Mitte zu verschieben. Von da aus klingt der Sound bereits um einiges besser. Auch die Sicht auf die Bühne wird von hier aus nicht mehr von den Boxentürmen auf der Seite eingeschränkt. Was der Platzwechsel jedoch nicht beheben kann, ist die Tatsache, dass hier leider ziemlich viel ab Band kommt. Trotzdem gefällt mir der Auftritt und vor allem Ambre Vourvahis’ Stimme zieht mich in ihren Bann.
Wie bereits vorhin bei Vio-Lence zählen auch Xandria bei der heutigen Setlist primär auf ein Album. Abgesehen von den abschliessenden «Universal» und «Nightfall» stammen sämtliche Songs von ihrem 2023 erschienen Comeback-Album «The Wonders Still Awaiting».
Pöch: Mein Zeitplan kennt heute ebenfalls keine Lücken – ausser ganz am Anfang und ganz am Ende. Perfekt, um auf Deck 12 die Ausfahrt mit Sonnenuntergang vor der Miami-Skyline zu geniessen. Traumhaft! Danach steht auch für mich Symphonic Metal der Marke Xandria auf dem Programm. Um den Viertagekonzertmarathon zu überleben, gönne ich mir im Theater gerne mal einen Sitzplatz – auch weil der Sound in den Vorjahren vorne oft eher Glückssache war. Aber: Die Performance der ansehnlichen Frontfrau Ambre gehört definitiv in die erste Reihe. Also ab nach vorne zu Roman und pam.
Ambre liefert gewohnt souverän die Wechsel zwischen Growls und Clean-Gesang und die Band zeigt sich genauso von ihrer besten Seite – einziger kleiner Wermutstropfen: Mit «Nightfall» schafft es nur ein Xandria-Klassiker ins Set. In Grenchen am Summerside Festival wurden letztes Jahr mit «Ravenheart», «Valentine» und «A Prophecy Of Worlds To Fall» noch deutlich mehr Xandri-Asse gezogen.
pam: Soundmässig kann ich es grad vorwegnehmen: Die 70K Ausgabe 2026 ist zumindest für meine Ohren in der Tendenz ein gutes Jahr – wie schon in den Vorjahren – und ich sag jetzt mal, die Kritik meiner Mitschreiber ist da im Verhältnis schon fast Jammern auf hohem Niveau. Da hat man einen Riesengump gemacht. Früher wars überall viel zu laut, viel zu viel Bass. Das sind Welten dazwischen. Was aber, glaub ich, noch nie so schlecht war, ist das Licht. Ich meine, die bringen schon ziemlich viel Material aufs Schiff für die Cruise. Da kann man natürlich nicht auch noch ganze Lichtanlagen hochkranen und montieren. Insbesondere, da ja im Theater sowie im Ice Rink diese zumindest rudimentär vorhanden sind. Aber das ist doch noch lange kein Grund, diese kaum oder nur in Blau- und Rottönen zu nutzen. Somit ist der Ausschuss an unbrauchbaren Bildern in diesem Jahr besonders gross. Grad bei Xandria ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, anständige Fotos von der Dame und ihren Kollegen hinzubekommen. Schade, Ambre respektive Xandria wären definitiv ein schönes Sujet gewesen.
Die Setlist – Xandria – Theater
- You Will Never Be Our God
- Reborn
- Ghosts
- Universal
- Two Worlds
- Paradise
- Nightfall
Die Fotos – Xandria – Theater
Harakiri For The Sky – Ice Rink
Luke: Nach dem Bombenauftakt mit Vio-Lence dauert es ein bisschen bis zu meinem nächsten persönlichen Highlight. Also wieso nicht bei Harakiri For The Sky reinschauen? Dank Kollege Röschu habe ich mir die Österreicher bereits am letztjährigen Party.San (Bericht dazu hier) angesehen und wurde zwar nicht zum Fan, aber bin immerhin nicht geflüchtet. Ganz zu Beginn ist der Ice Rink um einiges leerer als zuvor bei Vio-Lence. Dies ändert sich allerdings nach wenigen Minuten schlagartig. Ob ein Grossteil der Post-Black-Metaller heimlich auch noch auf Symphonic Metal steht und entsprechend bei Xandria im Theater war? Ich kann nur spekulieren… (Pöch: Erwischt! Wobei ich eher umgekehrt als Symphonic Metal-Liebhaber heimlich noch auf Black Metal stehe.) Jedenfalls ist die Stimmung bald ziemlich gut. Es gibt trotz langatmiger Songs und atmosphärischer Sounds immerhin gelegentlich einen kleineren Pit, und irgendwann sind sogar die ersten Crowdsurfer des Jahres unterwegs. Während der Mosh da sicher wilder war, kann man das vom Vio-Lence-Set nicht behaupten.
Das spürbare Schaukeln des Schiffs passt auch irgendwie perfekt zu den wogenden Klängen der Gruppe. Besonders hier auf den Sitzplätzen ergibt sich durch die Mischung von repetitiver Musik, Beobachtung der Bewegung unten auf den Stehplätzen und genereller Stimmung ein wohliges Gefühl. Wenn nur das Keyboard nicht ab Band kommen würde, ich könnte wohl beruhigt einschlafen. Aber halt, dafür ist es sowieso noch zu früh! Also entschliesse ich mich, nach etwa der Hälfte des Sets für einen Wechsel in die Lounge. Irgendetwas haben HFTS, das mich fasziniert. So richtig begeistert es mich aber dann halt doch nicht. (Pöch: Deine Worte in meinem Mund. Mich fasziniert das Ganze auch, wird mir aber mit der Zeit zu repetitiv und es gibt keine Songs, welche wirklich hängen bleiben. Nichtsdestotrotz habe ich mich von HFTS auf dieser Cruise ganze eineinhalb Sets lang faszinieren lassen …)
Strike Master – Star Lounge
Luke: In der nicht allzu vollen Star Lounge spielen Strike Master aus Mexiko einen rabiaten Mix aus Old School Thrash- und Speed Metal. Auch wenn die Band einiges jünger aussieht, tönt das hier alles schwer nach 80er-Jahren. Vorne in der Lounge ist ein für die nicht übermässig grosse Anzahl Besucher sehr ordentlicher Pit am Drehen. Könnte also eine richtig geile Sause werden, das hier. Nur leider bleibt nach drei Songs anzumerken, dass alles sehr ähnlich tönt. Und, was fast noch schwerer wiegt, es ist viel zu heiss in der Lounge!
Keine Ahnung, ob wegen den tieferen Temperaturen draussen gleich alle Klimaanlagen in Richtung Heizen gedreht wurden, aber schon vorher im Ice Rink fand ich es eher etwas warm (pam: Lieber so als die Gefrierboxen in früheren Jahren …). Jetzt hier in der Lounge ist es aber effektiv fast nicht auszuhalten, und dabei hätten doch noch einige Leute mehr Platz in dem engen Raum. Mir schwant jetzt schon Böses für die nächsten Shows hier… Zum Glück reicht die Zeit gerade noch für eine Abkühlung – also eine Zigarette im Aussenbereich von Deck vier anstatt im Casino – bevor endlich mein nächstes Highlight ansteht.
Soen – Royal Theater
Luke: Hatten mich Soen früher irgendwie nie so richtig gepackt, ist dies mit dem «Memorial»-Album von 2023 schlagartig anders geworden. Umso gespannter bin ich nun auf die Live-Show der Schweden. Auch im Theater ist es sehr warm, wenngleich nicht ganz so heiss wie direkt vorher in der Lounge. Was dafür hier zu Beginn eindeutig viel schlechter ist? Der Sound. Ganz am Anfang hört man eigentlich nur einen Brei aus tiefen Tönen, unterbrochen einzig durch die unfassbare Stimme des Ausnahmesängers Joel Ekelöf, der verzweifelt gegen die dumpfe Walze anzukämpfen versucht. Zum Glück schafft es der Mischer dann irgendwie, dass man Gitarren, Mikrofon und Keyboard etwas besser hört. Dies scheint der gute Mann aber vor allem durch mehr Lautstärke bei den Höhen zu erreichen, die Tiefen bleiben schwammig. Und die Gesamtlautstärke ist nun trotz Ohrstöpseln an der Schmerzgrenze.
Band und Fans lassen sich davon aber nicht gross beeindrucken. Spätestens beim dritten Song, «Unbreakable», ist der Zuschauerraum vor der Bühne sehr ordentlich gefüllt, und viele der Anwesenden singen inbrünstig mit – ich inklusive. Einer meiner absoluten Lieblingssongs und trotz nicht idealem Sound auch live ein absoluter Genuss. Besonders wie präzise Sänger Joel auch die schwierigsten Töne trifft, ist schon sehr beeindruckend. Soen machen aber den altbekannten Fehler, zwischen den Songs einiges an Schwung herauszunehmen. Manchmal dauern die Unterbrüche mehr als eine Minute, und in der Zeit passiert einfach gar nichts. Ich glaube nicht, dass Joel der Typ für lange und unterhaltsame Ansprachen ist. Dann müsste man diese Unterbrüche aber zwingend etwas kürzer halten, sonst leidet der Fluss unweigerlich.
Was zudem auffällt: Der Bassist wirkt ein bisschen wie ein Fremdkörper und steht immer etwas abseits vom Rest der Band. Erscheint umso grotesker, wenn man bedenkt, wie sehr sein Instrument in den Vordergrund gemischt wird… Somit bleibt mein Eindruck etwas zwiespältig. Die grossartigen Songs und Joels Stimme sorgen aber doch für einen positiven Gesamteindruck. Trotzdem verabschiede ich mich etwas vor Ende der Show, schliesslich will ich mir nun im Backofen Lounge zwingend einen guten Platz sichern.
Roman: Da mich Soen während ihrem Auftritt im Z7 letztes Jahr leider überhaupt nicht abholen konnten, lasse ich den Auftritt heute sausen und nutze die Pause für einen Besuch im Windjammer. Mit den anstehenden Konzerten wird es schwierig, nochmals Zeit zu finden, um in Ruhe etwas zu essen. Allzu lange bleibt mir aber nicht, denn Cemetery Skyline möchte ich auf keinen Fall verpassen.
Gama Bomb – Star Lounge
Luke: In der Lounge kommt es nun zum ersten Set von einer der Bands, auf die ich mich am meisten gefreut habe. Obwohl bereits vier Alben der Gruppe ihren Weg in meine Sammlung gefunden haben, durfte ich die Thrasher bisher nie live erleben. Und das nicht etwa, weil es sich hier um einen obskuren Ami-Act handelt, der Europa einfach nie bereist. Nein, Gama Bomb sind in Irland wohnende Nordiren, die in Europa ab und zu einmal auf Tour anzutreffen sind. Nur kam in den letzten Jahren jeweils die Schweiz entweder nicht in den Genuss einer Show oder diese fand genau dann statt, wenn wir bereits Ferien gebucht hatten (so zum Beispiel 2021). Entsprechend gejubelt habe ich, als die Band für die Cruise bestätigt wurde.
Die Lounge ist vor Beginn schon gut halb voll, zum Glück schaffe ich es trotzdem noch ziemlich weit nach vorne. Der Soundcheck scheint etwas verspätet zu sein, also müssen sich die Anwesenden noch gedulden. Als dann nach einem kurzen Intro aber Sänger Philly Byrne endlich die Bühne betritt, geht es gleich richtig los. Und zwar Vollgas! Ab der Eröffnung mit «Slam Anthem» ist ordentlich Bewegung in der nun richtig vollen und unfassbar heissen Lounge, auf und vor der Bühne. Bereits beim zweiten Song wagt der hyperaktive Philly seinen ersten Ausflug ins Publikum, welches ebenfalls bereits heftig am Moshen ist. Ein grosser Pit wird schnell angerissen, dreht sich von Anfang bis am Schluss und erhält zu «Speed Funeral» auch noch Besuch von Band-Maskottchen Snowy The Gamabombinable Snowman.
Der etwas längere Soundcheck scheint sich gelohnt zu haben, denn zumindest hier ganz vorne klingt das richtig gut. Die Band spielt sich durch ein absolutes Best-of-Set, welches ältere Klassiker und neuere Songs in einem perfekten Wechsel bietet. Dazu gibt es noch ein Cover von The Pogues, der nach Aussage des Frontmannes besten irischen Band aller Zeiten, zu hören. Und natürlich darf auf einer Kreuzfahrt, welche in Miami gestartet ist, auch «Miami Supercops» von meiner liebsten Scheibe «Sea Savage» nicht fehlen. Man merkt schon, dass für Philly die Bühne hier fast ein wenig zu klein ist. So verbringt er neben seinen Ausflügen ins Publikum viel Zeit direkt beim Gitter vor der ersten Reihe, wo er auch immer mal wieder filmenden Leuten die Handys klaut, um damit eine kleine Tour über die Bühne zu machen. Zusammen mit seinen unfassbaren Grimassen und den witzigen Ansagen zwischen den Liedern ist er der klare Mittelpunkt der Show.
Der Gesang leidet darunter aber nicht, auch die schwierigen hohen Töne sitzen heute genauso, wie die Instrumentenfraktion abliefert. Ganz ehrlich, ich könnte hier noch drei weitere A4-Seiten mit meiner Schwärmerei füllen, es würde dem Gezeigten trotzdem nicht gerecht. Gama Bomb muss man einfach selbst live erleben, das ist mir nun klar. Meine hohen Erwartungen wurden übertroffen, was für ein Auftritt, ja was für eine Show! Ich bin zwar komplett durchgeschwitzt, aber das war es definitiv wert!
Wo treibt ihr euch so rum, Roman und pam? Ich brauche nun erst einmal ein trockenes T-Shirt aus der Kabine…
Die Setlist – Gama Bomb – Star Lounge
- Slam Anthem
- Egyptron
- Zombie Blood Nightmare
- Speed Funeral
- Hammer Slammer
- Give Me Leather
- She’s Not My Mother, Todd
- Mussolini Mosh
- If I Should Fall From Grace With God (The Pogues-Cover)
- Miami Supercops
- Ninja Untouchables / Untouchable Glory
- Terrorscope
Cemetery Skyline – Ice Rink
Roman: Während du, Luke, dir gerade dein T-Shirt nass schwitzt, geniesse ich (pam: Hüstel, also ich wäre auch da) bei angenehmen Temperaturen im Ice Rink den Sound von Cemetery Skyline. Mit Musikern von Dark Tranquility, Amorphis, Insomnium und Dimmu Borgir könnte man Cemetery Skyline wohl auch als Supergroup bezeichnen. Drei der fünf Mitglieder haben zudem gleich Doppelschicht, da sie neben Cemetery Skyline auch mit einer der oben erwähnten Bands auf dem Schiff vertreten sind. Anders als es die Namen wohl vermuten liessen, erwartet mich in den nächsten 45 Minuten aber kein Melodic Death Metal, sondern Dark respektive Gothic Rock.
pam: Auf der Cruise 2023 hatte mir ein gewisser Hansdampf namens Mikael Stanne (Sänger von Dark Tranquillity und The Halo Effect) bei einem gemeinsamen Drink verraten, dass er an einem neuen Projekt mit zwei Finnen, die damals alle auch mit ihren Hauptbands auf der Cruise mit dabei waren, ein neues Projekt à la The Sisters of Mercy am Start habe (siehe Review). Ich bin von Beginn an begeistert. Denn ich find Mikael als Typ und Frontmann hammermässig. Kaum einer ist so fannah wie er. Doch sein Gesang beziehungsweise Schreigegrowle bei seinen anderen Bands gefiel mir nie. Und jetzt höre ich ihn auf Nordic Gothic endlich mal clean singen und Leute, es ist der Hammer. Wer Sisters of Mercy, Paradise Lost und allgemein Gothic ohne Elektrogschmeus mag, der muss bei Cemetery Skyline unbedingt reinhören. Also die Konserve gibt es schon seit 2024 – gilt es aber gerne noch zu entdecken. So hab ich mich mächtig gefreut, dies heute im Livegewand zu erleben und ich werde nicht enttäuscht. Back to Roman.
Roman: Das eröffnende «Behind The Lie» löst bei mir irgendwie bereits ein entspannendes Gefühl aus. Der stimmungsvolle Sound mit Mikaels reinem Clean-Gesang und Santeri Kallios Keyboardmelodien hat etwas Beruhigendes. Und das trotz der treibenden Rhythmen. Dieses wohlige Gefühl zieht sich von Song zu Song durch das Set mit «The Coldest Heart» als persönliches Highlight.
Das mit dem Entspannen sehen im Ice Rink aber nicht alle gleich. Einige werden durch den Sound eher zum Crowdsurfen als zum Geniessen animiert. Denn einer nach dem anderen wird hier mehr oder weniger sanft in Richtung Bühne befördert. Spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Musik doch sein kann.
Pöch, wie hast du das Konzert empfunden?
Pöch: Nachdem auch ich 45 Minuten in die progressiven Klangwelten von Soen eingetaucht bin (Songs wie «Unbreakable» und «Martyrs» sind schlicht Weltklasse), wechsle ich rechtzeitig rüber auf den Ice Rink – zu meiner meist erwarteten Live-Premiere des Festivals.
Unvergessen bleibt das legendäre Rätselspiel von Mikael Stanne auf der 70000 Tons 2023, als er sich biertrinkend unter die Metalinsider-Truppe mischte und ankündigte, mit zwei Mitstreitern an Bord eine neue Band im Stil von The Sisters of Mercy zu gründen (pam: Ooops, sorry, hab das oben schon rausgeplappert. Bis aufs Bier jedoch ziemlich deckungsgleich 😉 Pöch: Unterdessen mittels Beweisfoto überführt, es war definitiv ein Drink … zum Glück habe ich keinen Painkiller gewettet ;-)). Nach kurzer, erfolgreicher Detektivarbeit war klar: Da kommt was Grosses auf uns zu. Und tatsächlich – das Debüt Nordic Gothic (Oktober 2024) landete bei mir locker in den Top 5 des Jahres. Live gibts folglich hauptsächlich dieses Album – plus die charmante Überraschung eines Covers von Roy Orbison («I Drove All Night»).
Auf der Bühne herrscht sichtbar Spielfreude: Santeri Kallio wärmt sich schon mal für Amorphis vier Stunden später auf, Markus Vanhala bearbeitet seine Gitarre mit einem Dauergrinsen im Gesicht und Mikael Stanne vermag mit seinem bei Dark Tranquillity und The Halo Effect nur sehr selten eingesetzten Clean-Gesang wohl die meisten Anwesenden im prall gefüllten Ice Rink zu verzaubern. Spätestens bei den ersten Tönen meines CS-Lieblingssongs «In Darkness» ist es um mich geschehen – Live-Premieren-Highlight dieser Cruise bereits gefunden! Der zweite Gig im Theater ist Pflichtprogramm … und eine Pilgerfahrt zum Club-Auftritt am 17. Mai 2026 in der Schüür Luzern wohl ebenso.
Die Setlist – Cemetery Skyline – Ice Rink
- Behind The Lie
- Torn Away
- Nothing From This World
- Never Look Back
- The Coldest Heart
- I Drove All Night
- In Darkness
- Violent Storm
Die Fotos – Cemetery Skyline – Ice Rink
Kamelot – Theater
Pöch: Durchatmen? Fehlanzeige. Kaum aus der düsteren Gothic-Wolke gefallen, wartet im Theater schon das nächste Brett: Kamelot legen mit einem angenehm wuchtigen (laut, aber sauber!) Sound los und servieren mir eine Setliste wie aus meinem persönlichen Wunschzettel. Mit «Karma» und «Forever» schaffen es gleich zwei Lieblingssongs vom Album Karma – meiner Kamelot-Einstiegsdroge anno 2001 – ins Set. Nostalgie-Level: kritisch hoch.
Wie inzwischen fast schon Tradition, wird die Band erneut von der Schweizer Growl-Geheimwaffe Melissa Bonny unterstützt, die etwa ein Drittel der Songs mit böser Stimme veredelt. Letztes Jahr teilte sie sich diesen Job teilweise mit der ebenfalls auf dem Kahn anwesenden Adrienne Cowan von Seven Spires – und ich hatte insgeheim auf ein episches Growl-Battle gehofft. Leider: Adrienne heute ohne Gastauftritt. Immerhin gibts trotzdem ein Duell – nämlich zwischen Tommy Karevik und Melissa bei «March of Mephisto». Und das? Locker das Highlight des Sets. Hühnerhaut mit Ansage!
Nach zwei Topkonzerten in Serie bin ich am Ende des Gigs eigentlich schon reif für die Horizontale. Aber falsch gedacht – Pause ist weiterhin ein Fremdwort. Denn mein persönlicher Höhepunkt des Abends mit Amorphis steht ja erst noch an …
Roman: Abgesehen von zwei, drei Songs sind Kamelot irgendwie immer etwas an mir vorbei gegangen. Höchste Zeit also, dass ich mir die Truppe mal live anhöre. Da ich ja nicht so genau weiss, was mich erwarten wird, habe ich auch nicht allzu hohe Erwartungen. Doch selbst wenn ich die gehabt hätte, wären sie wohl mindestens erfüllt worden. Bassist Sean Tibits hat am nächsten (oder war es am übernächsten?) Tag gleich noch zusätzliche Sympathiepunkte geholt, als er auf dem Pooldeck mit einem Z7-Hoodie neben mir steht. Kamelot werden zukünftig definitiv nicht mehr an mir vorbeigehen.
Die Setlist – Kamelot – Theater
- Veil Of Elysium
- Rule The World
- Insomnia
- When The Lights Are Down
- New Babylon
- Karma
- March Of Mephisto
- Forever
- One More Flag In The Ground
- Liar Liar (Wasteland Monarchy)
Tyr – Ice Rink
Luke: Zwei Stunden Zeit bleiben nach dem Ende der Gama Bomb-Show bis zum Beginn von Anthrax. Definitiv zu lange, um nur im Casino bei alkoholischen Getränken und Zigaretten zu warten. Schliesslich will ich heute noch lange aufbleiben. So bleibt wieder einmal Zeit für etwas Horizonterweiterung. Meine Wahl fällt schliesslich auf den Ice Rink und Tyr, auch wenn ich mit Wikinger-Geschichten normalerweise nicht viel anfangen kann. Aber die Alternative Dragonland in der Lounge klingt nicht vielversprechender, also suche ich mir einen Sitzplatz in der zweitgrössten Indoor-Location.
Diese ist erneut sehr gut gefüllt. Man merkt am ersten Abend jeweils schon, dass die Pool Deck Stage noch aufgebaut und entsprechend nicht bespielt wird, dadurch verteilen sich die Leute etwas weniger als an den anderen drei Tagen. Der Sound klingt hier oben sehr gut abgemischt, aber musikalisch hatte ich die Truppe von den Färöern anders eingeschätzt. Hier wird nicht etwa im Stile von Amon Amarth gewikingert (sorry schon jetzt an Lektor Raphi für die typisch Lukesche Wortschöpfung), sondern eher in der Art von Euro Power Metal geschunkelt. Die folkigen Elemente nehmen dabei nicht überhand und stören mich deswegen weniger als bei anderen Bands. Zudem finde ich den mehrstimmigen Gesang teilweise spannend.
Das wars dann aber auch schon mit positiven Eindrücken. Gleich der zweite Song, den ich höre, driftet sehr stark in Richtung ZDF-Fernsehgarten. Die Melodien sind teilweise schon fast Karies-verursachend Süss, ebenso bei den nächsten Liedern. So halte ich es nur knapp zwanzig Minuten aus und verziehe mich dann doch wieder ins Casino. Aber hey, immerhin ist der Anthrax-Auftritt nun etwas näher gerückt.
Pöch: Da ich im Metal-Kontext auch gerne mal zur süssen Fraktion gehöre (ernst gemeinter Lifehack: Stell Pöch NIEMALS eine offene Haribo-Tüte hin – die überlebt keine zwei Songs), und meine Zähne erstaunlicherweise bis heute tapfer durchhalten, konsumiere ich Tyr seit Jahren in ärztlich nicht beanstandeten Dosen. Ich erinnere mich dabei gerne an ihre Auftritte im Les Docks Lausanne als Support von Sabaton (2019) – und natürlich an diverse Gastspiele auf früheren Ausgaben von 70’000 Tons of Metal. Enttäuscht haben sie mich eigentlich nie – und das Publikum war jeweils genauso textsicher wie durstig.
Und plötzlich schleicht sich Nostalgie ein: Bei «Färöer-Inseln» denke ich unweigerlich an 1990 zurück, als deren Fussballnationalteam die Österreicher sensationell 1:0 schockte. Ironischerweise haben vor wenigen Stunden im Ice Rink die Österreicher von Harakiri For The Sky gespielt – und musikalisch sehe ich erneut die Nordländer knapp vorne. Und wie wird dieser Sieg gefeiert? Natürlich mit erhobenem Met-Horn und einem donnernden «Hold The Heathen Hammer High» – die standesgemässe Würdigung eines weiteren färöischen Triumphs!
Die Setlist – Tyr – Ice Rink
- By The Sword In My Hand
- Axes
- Tróndur í gøtu
- Hammered
- Mare Of My Night
- Hold The Heathen Hammer High
Die Fotos – Tyr – Ice Rink
Anthrax – Royal Theater
Luke: Der Moment ist endlich gekommen, der erste Anthrax-Auftritt steht an. Bei mir liegt das letzte Aufeinandertreffen mit den New-York-Thrashern etwas länger zurück, ganz im Gegensatz zu Superfan pam, welcher sich natürlich im Fotograben befindet. Das Royal Theater ist bereits zu Beginn brechend voll und es liegt eine gewisse Spannung in der Luft. So sorgt schon das Blues Brothers-Intro für Jubel, und als Scott Ian, Joey Belladonna und Co. dann auf der Bühne stehen, gibt es kein Halten mehr. Die Stimmung ist von Anfang an fantastisch, auch die Leute auf den unteren Sitzreihen stehen nun alle.
Der Sound ist für einmal gar nicht so schlecht im Theater. Klar, die Tiefen sind wie gewohnt etwas zu laut, bei anderen Shows wars aber definitiv schlimmer. Joey hat zwar optisch sichtlich gealtert, bringt stimmlich jedoch eine solide bis gute Leistung. Seine Ansagen wirken darüber hinaus sympathisch, ohne allzu ausschweifend zu sein. Der ganz grosse Trumpf ist schlussendlich einfach das Songmaterial. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich zuhause eigentlich selten Anthrax auflege. Bei Shows wird mir dann aber immer wieder bewusst, wie viele Hits die Band eigentlich im Repertoire hat. Der ganz grosse Höhepunkt «Indians» wird bis zum Schluss aufbewahrt, und obwohl es da bereits ein kleines bisschen weniger Leute im Theater hat, schliesst der wohl grösste Hit der Truppe einen wirklich starken Auftritt mit ausgezeichneter Stimmung würdig ab.
Oder wie seht ihr beiden das? Besonders dein Urteil als ausgewiesener Anthrax-Experte würde mich wundernehmen, pam.
Roman: Das ist eines der Konzerte, auf welches ich mich am meisten gefreut habe. Genau wie bei dir, Luke, liegt auch mein letztes Aufeinandertreffen mit Anthrax schon länger zurück. Daher bin ich bereits früh genug im Theater, um mir einen guten Platz im Pit zu sichern. Eine solche Spannung im Publikum habe ich schon länger nicht mehr erlebt. Alle scheinen nervös zu sein und man kann es kaum erwarten, bis schliesslich der erste Ton gespielt wird. Entsprechend brechen im Pit dann alle Dämme, als es endlich losgeht. Hier geht es ziemlich wild zur Sache. Doch nicht nur vor, sondern ebenfalls auf der Bühne ist die Freude spürbar. Band und Publikum scheinen sich gegenseitig anzustecken und die Stimmung so immer weiter nach oben zu treiben. Obwohl Anthrax mit 75 Minuten bereits die längste Spielzeit in der Running Order erhalten haben, hätte das von mir aus gerne noch etwas weitergehen dürfen.
pam: Okay, wenn du mich schon als «Anthrax-Experte» und «Superfan» betitelst, Luke, dann lass mich etwas ausholen … far, far back in Time.
Denn mit Anthrax ist das so eine Sache. Wir sind da wie ein altes Ehepaar. Die grosse Verliebtheit und Flitterwochen sind schon ewig lange her. Sie waren definitiv eine meiner immer wieder erwähnten fünf Top-Sek-Bands (AC/DC, Metallica, Anthrax, Sepultura und die Ärzte). Anfang der Neunziger haben sie dann etwas den Faden verloren und schienen an der Grunge- und späteren Nu-Metal-Welle zugrunde zu gehen. Ironischerweise waren sie so ziemlich die erste Metalband, die gerappt hat, gar mit Public Enemy auf Tour war, und so die Basis für den Crossover und eben späteren Nu Metal legte. Wie geht der Spruch? Das Kind frisst die eigenen Eltern? Okay, eigentlich frisst die Revolution ihre eigenen Kinder, aber das müsste man hier etwas zurechtbiegen beziehungsweise umdrehen.
Dann folgte in den Nullerjahren des neuen Jahrtausends eine längere Zeit von ewigem Hin und Her zwischen dem Neunzigerjahre-Sänger John Bush und Joey Belladonna. Joey war immer wieder mal dabei für Reunions, um dann wieder rausgekickt zu werden. John wurde das dann irgendwann mal zu blöd, so dass man nach gescheiterten Anwerbungsversuchen von Corey Taylor (Slipknot), wohl aufgrund mangelnder Alternativen, sich dann wieder um Joey bemühte. In den Zehnerjahren ist dann langsam Ruhe eingekehrt und albummässig hat man sich wieder an den Wurzeln aus der erfolgreichsten Zeit in den Achtzigern orientiert. So konnte man mit Joey an der Front zumindest die alten Fans wieder etwas besänftigen und zurückgewinnen. Doch irgendwie waren Anthrax live nur noch eine lustlose Kopie von sich selbst. Dies schmerzte umso mehr, weil ja Anthrax grad eine sehr geile Live-Band mit wilden Mosh-Szenen auf der Bühne waren.
Meinen persönlichen Tiefpunkt hatte ich bei einem Interview (gibt es hier) mit Scott Ian kurz nach dessen erster Teilnahme auf der 70’000 Tons of Metal Cruise 2017. Er meinte, dass die Cruiser eh alle besoffen seien, was ich etwas uncool fand, wenn einer meiner Metalheroes genau die Vorurteile derer bestätigt, die keine Ahnung vom Metal haben. So war ich dann etwas überrascht, dass Anthrax für die 70’000 Tons of Metal 2026 angekündigt wurden. Nichtsdestotrotz, waren schlussendlich Anthrax einer der Hauptgründe, warum es für mich dieses Jahr so ein starkes Line-up ist. Inbesondere auch, weil die Band im vorletzten Jahr zusammen mit Kreator und Testament in der Halle 622 in Zürich ein sackstarkes Lebenszeichen von sich gab (hier gehts zum Review). Nachdem sie notabene die letzten zwei geplanten Tourneen wegen «logistischen Problemen» … also mangels Nachfrage … abgesagt hatten.
Somit hatte ich mich eigentlich schon halb versöhnt mit meinen Lieblingsmoshern, bevor es heute im Theater losgeht … Und wie es abgeht. Ich hab die New Yorker schon lange nicht mehr so spielfreudig erlebt. Da mosht mein Fanherz. Und wo man hinschaut, nur zufriedene Gesichter, sogar bei meinen doch eher kritischen Freunden Luke und Yvonne. Letztere steht eigentlich nicht so auf Klargesang, aber auch sie ist von der positiven Energie, die uns da entgegengeschleudert wird, angetan.
Von der Setliste her sind es ausschliesslich «Belladonna-Songs» aus den Achtzigern. Da lacht mein Herz. Gestartet mit zwei meiner absoluten Lieblingssongs – weil mit geilen Bassläufen von Frank Bello —, «Got The Time» (inklusive einem sehr geilen Bass-Solo) und «Caught In A Mosh». Fun Fact: Wusstet ihr, dass Drummer Charlie Benante der Onkel von Frank ist?
Immer wieder wird die Setliste gespickt mit Songs aus den allerersten Alben. Einzig auf das lahme «Keep It In The Family» konnte ich live schon immer verzichten. Das wirkt wie eine Spassbremse im Gegensatz zum Rest. Ansonsten kann ich definitiv nichts aussetzen, inklusive einem weiteren Highlight ganz am Schluss mit «Indians». Waaaaaar Dance!
Anthrax haben ihren «Headliner-Status» mit der längeren Spielzeit heute mehr als nur gerechtfertigt. Auch wenn sie nicht mehr die ganz grosse Nummer sind und kleinere Brötchen backen, so beweisen sie heute einmal mehr oder endlich wieder einmal, warum sie zu den Big 4 des Thrash Metals gehören. Ich bin gespannt, wie stark sie die Setliste gegenüber heute bei ihrem zweiten Auftritt ändern werden.
Die Setlist – Anthrax – Royal Theater
- Intro
- A.I.R.
- Got The Time (Joe Jackson-Cover)
- Caught In A Mosh
- Madhouse
- Metal Thrashing Mad
- Keep It In The Family
- Be All, End All
- Medusa
- I Am The Law
- Antisocial (Trust-Cover)
- Efilnikufesin (N.F.L.)
- Indians
Die Fotos – Anthrax – Royal Theater
Kanonenfieber – Ice Rink
Luke: Der Grund, warum sich das Theater bei Anthrax gegen Ende etwas geleert hat, dürfte grösstenteils bei der nun im Ice Rink spielenden Band zu suchen sein. Auch mein Kumpel Rob aus Colorado, welchen ich bei fast allen Thrash- und Death-Shows antreffe, hat sich direkt nach dem Ende fluchtartig in Richtung Kanonenfieber verabschiedet. Seine herrlich amerikanische Aussprache «Canounenfaiber» bleibt bei mir irgendwie hängen, ich werde die Band künftig nur noch so nennen.
Nun bin ich im Gegensatz zum daheimgebliebenen Kollegen Dutti kein grosser Fan der Truppe, wie man auch dem gemeinsamen Bericht vom Meh Suff! Metal-Festival 2025 hier entnehmen kann. Aus reiner Neugier statte ich dem Ice Rink trotzdem einen kurzen Besuch ab und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich glaube, so voll habe ich die Location in meinen sechs Jahren noch nie gesehen. Die Leute stauen sich auf den Treppen zum Stehplatzbereich, die Sitzplätze sind bis auf den letzten Platz besetzt und sogar hinter den obersten Stuhlreihen stehen die Leute noch dicht gedrängt und versuchen, irgendwie einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Crazy. So verabschiede ich mich effektiv gleich wieder und werde mir die Band dann wohl bei der zweiten Show auf dem Pooldeck etwas ansehen.
Hast du einen Platz gefunden, Roman?
Roman: Nicht wirklich. Ich bin nach Anthrax noch einen Moment im Theater geblieben und habe mir unterwegs bei Sorrento’s zudem kurz eine Pizza geholt. Bis ich dann schliesslich im Ice Rink eintreffe, reicht es leider nur noch für die letzten zwei, drei Songs. Entsprechend schlecht sieht auch meine Chance auf einen halbwegs guten Platz aus. Nach dem vergeblichen Versuch, noch irgendwie über die Treppe nach unten zu gelangen, bleibe ich oberhalb der Sitzplätze mit wenig bis gar keiner Sicht auf die Bühne. Immerhin für das abschliessende «Die Havarie» erhasche ich ein paar Blicke nach vorne.
Pöch: Nach einem kleinen Anthrax-Häppchen zum Apéro und einer strategisch klugen Stärkung am Late Night Buffet erreiche ich frisch aufgetankt den aus allen Nähten platzenden Ice Rink. Da ich Kanonenfieber 2024 bereits im Vorprogramm von Amon Amarth inklusive kompletter Bühnenshow mit Pyros bestaunen durfte, beschränke ich mich diesmal auf die ersten vier Songs aus sicherer Distanz. Anschliessend pilgere ich weiter in Richtung erstem Schweizer Gig auf der diesjährigen Cruise. Unterwegs treffe ich noch die pizza-gestärkten pam und Roman, die sich wacker zum verbleibenden Rest der Kanonenfieber-Show kämpfen.
pam: Kurze Anmerkung zu Sorrento’s Pizza. Da kann man beim Vorbeigehen bekanntlich immer schnell ein, zwei Slices reinziehen. Und die schmecken eigentlich ganz gut. Doch erst bei meiner zehnten Cruise habe ich gesehen, dass man auch andere Sorten bestellen kann … unter anderem eine Gemüse-Pizza. Was ich dann grad mal testete … und holy Napoli, wow, die schmeckt grad noch ein paar Zacken besser als die Standard-Sorten. So als kleiner Geheimtipp für die nächste 70’000 Tons of Metal.
Die Setlist – Kanonenfieber – Ice Rink
- Menschenmühle
- Sturmtrupp
- Der Maulwurf
- Panzerhenker
- Kampf und Sturm
- Z-Vor!
- Die Havarie
Die Fotos – Kanonenfieber – Ice Rink
Illumishade – Star Lounge
Pöch: Als ich bei der Star Lounge eintreffe, schwebt gerade die traumhaft schöne Ballade «Rise» durch den Raum und Fabienne Erni sorgt mit ihrer Stimme wie immer zuverlässig für akute Hühnerhautbildung. Da sich gefühlt der halbe Dampfer bei Kanonenfieber austobt, herrscht hier angenehm viel Platz – also nichts wie ein paar Schritte nach vorne. Über den Köpfen der Anwesenden stechen sofort zwei Navigationslichter ins Auge: die blaue Haarpracht von Mirjam Skal und die roten Haare von Fabienne. Die Band legt trotz der verschwindend kleinen Bühne einen richtig engagierten Gig hin, kämpft dabei aber leider mehrmals gegen technische Stolpersteine. Hoffen wir, dass am Folgetag im Rink dann nicht mehr die Technik, sondern nur noch die Musik die Hauptrolle spielt.
Die Fotos – Illumishade – Lounge Bar
Amorphis – Royal Theater
Luke: Eigentlich wollte ich mir Amorphis im Theater ansehen. Und technisch ist mir das soweit auch geglückt. Allerdings habe ich die fatale Entscheidung getroffen, mir einen Sitzplatz zu suchen. Und der Sound war an der Position wo ich gesessen bin wirklich gut. So viel kann ich noch zum Auftritt sagen. Im Anschluss an diese Feststellung bin ich mehr oder weniger gleich eingeschlafen. Die paar wachen Momente, die ich danach noch hatte, reichen definitiv nicht für ein ausführlicheres und faires Review. Jungs, ich hoffe jemand von euch kann hier übernehmen?
Roman: Das ist jetzt lustig zu lesen, Luke. Mir ist nämlich genau das gleiche Malheur passiert. Eigentlich habe ich mich richtig auf den Auftritt gefreut. Der bequeme Sitz und das Schaukeln des Schiffes hatten aber leider die falsche Wirkung auf mich, so dass ich ebenfalls weggenickt bin. Pöch, soweit ich weiss, warst du widerstandsfähiger und hast das Konzert hellwach erlebt, oder?
Pöch: Obwohl ich vor dreizehnJahren auf den Theaterstühlen der Majesty of the Seas das Konzertschlafen quasi salonfähig gemacht habe, würde ich mir heute nie verzeihen, auch nur einen Song von Amorphis zu verpennen. Also gehe ich auf Nummer sicher und positioniere mich – im für 01:15 Uhr morgens erstaunlich gut gefüllten Theater – rechtzeitig vorne bei der Bühne. Und siehe da: Hier vorne klingts dieses Jahr endlich so, wie es soll. Der Sound ist im Vergleich zu früheren Jahren markant besser (pam: Sag ich doch … ;-)) – perfekte Voraussetzungen, um seine Lieblinge mit der passenden Klangdröhnung direkt ins Gesicht serviert zu bekommen.
Amorphis haben erfahrungsgemäss immer einen starken Mischer dabei und so katapultiert mich der progressive Melo Death der Finnen ab dem ersten Ton direkt auf Wolke 7. Die Band operiert von Sekunde eins an auf höchstem Niveau, und Tommy Joutsen trifft sowohl beim Growling als auch bei den Clean-Parts zielsicher jeden Ton.
Während man im Vorprogramm von Arch Enemy das neue Meisterwerk Borderland noch mit gerade mal zwei Songs angetestet hat, gibts heute endlich die Vollbedienung: Gleich vier Stück werden ausgepackt – darunter mit «The Lantern» und «Light And Shadow» zwei persönliche Live-Premieren für mich. Dazu servieren die Finnen sieben Leckerbissen aus ihrem so genialen Backkatalog. Standesgemäss beendet «The Bee» ein Konzert, das alle wach gebliebenen Anwesenden mit einem breiten Grinsen zurücklässt. Dieser Gig dürfte wohl nur sehr schwer aus meinen Top 5 des Jahres 2026 zu verdrängen sein.
Die Setlist – Amorphis – Royal Theater
- Bones
- Light And Shadow
- Silver Bride
- Wrong Direction
- The Castaway
- The Lantern
- The Moon
- Dancing Shadow
- Black Winter Day
- House Of Sleep
- The Bee
Die Fotos – Amorphis – Royal Theater
Trash Panda – Star Lounge
Luke: Zum Glück stehen nun etwas härtere Klänge und ein Stehplatz an. Trash Panda wurde als eine der letzten Bands bekannt gegeben, langes Reinhören war also nicht drin. Im Falle der Truppe aus Jacksonville (Florida) hat es scheinbar nicht einmal mehr für einen Vorstellungstext im Programmheft gereicht. Ein kurzer Blick ins Internet hat dann aber ergeben, dass der Sound definitiv etwas für mich sein könnte. Die Lounge ist für die späte (beziehungsweise frühe) Uhrzeit um viertel nach zwei ziemlich ordentlich gefüllt. Und ab den ersten Tönen ist hier bereits ein Pit am Kreisen.
Geboten wird hier bester Slam irgendwo zwischen Brutal Death Metal und etwas Deathcore. Sänger Devin Alford setzt zusätzlich zu seinen Growls teilweise auf Screams, was einen ganz leichten Abzug gibt, hier aber nicht tragisch ist, sondern eher für etwas Abwechslung sorgt. Und auch sonst bietet die Truppe Musik genau nach meinem Gusto. Richtig grooviger, moderner Slam mit Beatdown-Parts en masse. Genau das, was ich nun brauche, um aufzuwachen. Der Pit wechselt immer ein bisschen zwischen harmlosem «Im-Kreis-Stampfen» und richtig hartem Gemoshe, wobei auffällt, dass der Alkoholpegel bei der einen oder anderen Person schon tiefer war als heute. Die Stimmung ist aber eher ausgelassen positiv als besoffen negativ oder gar aggressiv.
In der Mitte des Sets nehmen technische Probleme ein ganz kleines bisschen den Schwung raus. Devin meint dazu nur schulterzuckend, dass ihnen dieser Unterbruch gerade noch gelegen kommt, denn sie hätten die komplette Spielzeit ansonsten sowieso nicht ausnutzen können. Und auch die Zuschauer lassen sich nicht beirren und machen nach dem Unterbruch genauso weiter wie davor. Zum Abschluss gibt es mit «Devoured By Vermin» ein gut umgesetztes Cannibal Corpse-Cover und dann ist die Spielzeit dank kurzem Unterbruch effektiv fast komplett aufgebraucht. Sehr guter Auftritt einer jungen Band, die ich künftig auf dem Radar behalten werde. Und ein richtig guter Wachmacher zu später Stunde, schliesslich ist mein Tagesprogramm nach wie vor nicht abgeschlossen.
Skyclad – Ice Rink
Pöch: Als ich 2001 die Emmentaler Drachentöter von Excelsis kennen und lieben lernte, packte mich die Neugier: Gibts eigentlich noch mehr von diesem Folk-Metal-Zeug? Meine Recherche führte mich damals zu den Briten von Skyclad, die diesen Stil schon seit 1990 fröhlich vor sich hin praktizierten. Zwei CDs wurden gekauft, für gut befunden – und danach irgendwo zwischen CD-Regal und Lebensrealität vergessen.
pam: Raphi hatte vor Jahren aufgrund meiner Aussage (beziehungsweise sie kam von Max Cavalera himself), dass Sepultura mit «Roots» das erste Folk Metal-Album rausbrachten, darauf hingewiesen, dass Skyclad die erste Folk Metal-Band gewesen sei. Nun, da muss ich ja heute jetzt reinschauen und mir die Pioniere zum ersten Mal reinziehen.
Pöch: Schnitt ins Jahr 2026: Folk Metal gibts inzwischen gefühlt an jeder Strassenecke. Und ganz ehrlich – Skyclad klingen für mich heute sowohl auf Platte als auch live eher wie solider Einheitsbrei im mittlerweile überfüllten Flöten-Universum. Aber: Folk Metal live macht immer Spass. Besonders dann, wenn der Alkoholpegel der Anwesenden zu dieser frühen Morgenstunde bereits überdurchschnittlich hoch ist. Unübersehbar ist beim Skyclad-Gig Violinistin Georgina Biddle, die mit ihrem Instrument während der gesamten Dreiviertelstunde praktisch pausenlos über die Bühne marschiert. Stillstehen? Fehlanzeige. Ihre Schritt-App wird unter Insidern vermutlich liebevoll «Geigerzähler» genannt.
Die Setlist – Skyclad – Ice Rink
- Earth Mother, The Sun And The Furious Host
- Spinning Jenny
- Change Is Coming
- Cry Of The Land
- Think Back And Lie Of England
- The Widdershins Jig
- A Well-Travelled Man
- Swords Of A Thousand Men
- Anotherdrinkingsong
- Inequality Street
Die Setlist – Skyclad – Ice Rink
Leaves‘ Eyes – Theater
pam: Hm, wo sind jetzt alle hin? Bin ich jetzt wirklich der einzige Metalinsider im Theater bei Leaves‘ Eyes? Alexander Krull und ebenso eine seiner Bands, Leaves‘ Eyes, gehören bei der 70’000 Tons of Metal schon fast zum Inventar. Er hostet seit ein paar Jahren darüber hinaus den All Star Jam. Trotz der Routine sind auch Profis nicht von technischen Problemen gefeit und so passiert lange gar nichts. Wir stehen einfach mal ein wenig rum … Da wäre gut gewesen, ein bisschen Infos zu geben, wann es denn los gehen soll. Weil auf der Bühne passiert nicht viel und somit erschliesst sich den Anwesenden nicht grad, was das Problem sein könnte beziehungsweise, dass es überhaupt Probleme gibt.
Nun, mit rund einer halben Stunde Verspätung gehts dann los mit der Symphonic Viking Party. Alex fungiert wie immer als der Animator, während uns die finnische Sopranistin Elina Siirala mit ihrem Gesang verzaubert. Es ist morgens um halb vier nicht mehr ganz das volle Haus, aber die, die da sind, haben ihren Spass. Zu viel mehr Infos fehlen mir jetzt grad die Notizen, hätte ja nicht gedacht, dass sich das ein Pöch oder Roman entgehen lassen würde. Mit Luke hab ich jedoch nicht wirklich gerechnet …
Die Fotos – Leaves‘ Eyes – Theater
Suidakra – Ice Rink
Luke: Während ich die Zeit zuerst im Casino totzuschlagen versuche, entscheide ich mich auf Anraten von Kollegin Karima dann doch noch einmal zu einem Horizonterweiterungs-Versuch. Suidakra feiern heute scheinbar die Reunion mit dem alten Sänger Marcel Schoenen, was für Fans ein ziemliches Happening sein muss. Und tatsächlich, der Ice Rink könnte echt leerer sein um diese Uhrzeit. Die Band macht einen sympathischen und spielfreudigen Eindruck, nur ist das halt so gar nicht meins. Dudelsäcke sind generell nicht mein liebstes Instrument, und dass diese ab Konserve kommen, macht es auch nicht besser. So kommt es, wie es kommen muss: Ich schlafe wieder ein. Diese verfluchten Sitzplätze! Also besser zurück ins Casino, viel Zeit gilt es jetzt zum Glück nicht mehr zu überbrücken.
Pöch: Im Theater bei Leaves‘ Eyes geht erstmal gar nichts. Absolute Ruhe – perfekte Bedingungen, um meinen ersten offiziellen Powernap der Cruise in den erstaunlich bequemen Theatersesseln einzulegen. Mit rund 25 Minuten Verspätung erwacht dann nicht nur die Technik, sondern auch die Band – doch da ich die Symphonic Metaller schon mehrfach live gesehen habe und am Folgetag noch ein Pool-Deck-Set lockt, entscheide ich mich für eine weitere Live-Premiere: Suidakra. (pam: Ah, du warst ja doch da.Tja, dann sehen wir uns ja gleich wieder …). Auf dem Weg dorthin treffe ich pam (pam: Ui, das ging jetzt aber schnell) und gemeinsam stürmen wir den Ice Rink. Auf der Tribüne entdecken wir Luke – tiefenentspannt im Halbschlaf. Wie oben beschrieben ebenfalls im «Energy Management»-Modus.
Suidakra hingegen sind bei ihrer Reunion mit dem früheren Sänger alles andere als müde und strotzen nur so vor Spielfreude. Der Gitarrist macht kurzerhand einen Abstecher ins Publikum, legt sich demonstrativ auf der Tribüne nieder (Solidarität mit Luke?) – nur um danach mit frischer Energie eine gigantische Polonaise durch den Ice Rink zu starten. Die Stimmung bleibt über die gesamten 45 Minuten konstant auf Anschlag – der Gig: definitiv gelungen. Die 25 Minuten Theater-Verspätung versuche ich danach gar nicht mehr zu überbrücken und beschliesse um 4:30 Uhr, meiner Kabine einen Besuch abzustatten. Irgendwann muss ja auch der Akku wieder ans Ladegerät.
pam: Suidakra gehören wohl zu den Bands, die bei mir am längsten ohne Live-Erlebnis im CD-Regal stehen. Heute feiere ich endlich meine Premiere und werde nicht enttäuscht. Ab Konserve haben die schon ein paar sehr geile Songs, aber auch den einen oder anderen Füller. Doch live lässt man die entweder ganz weg oder sie kommen definitiv besser rüber. Die überaus sympathische Band war es wert, so lange zu horten.
Die Setlist – Suidakra – Ice Rink
- Over Nine Waves
- Pendragon’s Fall
- Stone Of The Seven Suns
- Pair Dadeni
- March Of Conquest
- Gates Of Nevermore
- Dead Man’s Reel
- The IXth Legion
- Wartunes
Die Fotos – Suidakra – Ice Rink
Dust Bolt – Royal Theater
Luke: Kurz vor halb fünf Uhr morgens finde ich mich im Theater ein. Nun folgt der Grund, warum ich immer noch wach bin. Meine erste Dust Bolt-Show durfte ich 2015 im Vorprogramm von Obituary erleben (hier den Bericht von Sabi nachlesen). Seither sind viele weitere Konzerte dazu gekommen, und ich besitze selbstverständlich die komplette Diskografie (ausser die rare Debüt-EP, faire Angebote von stolzen Besitzern gerne an mich 😉). Gerade das letzte Album «Sound & Fury», welches im Netz sehr kontrovers diskutiert wurde, hat mich absolut umgehauen. Trotz oder gerade wegen der Einflüsse von ausserhalb des Thrash-Tellerrandes. Ehrensache also, dass ich die Band auch an zwei der drei Schweizer Daten im Dezember gesehen habe. Und trotzdem bin ich richtig aufgeregt auf die Show. Nichts mehr mit Müdigkeit.
Allerdings wird unsere Geduld noch etwas auf die Probe gestellt. Scheinbar hatten Leaves’ Eyes, welche zuletzt hier gespielt haben, gröbere technische Probleme, was zu Verzögerungen geführt hat. Aber hey, auf eine halbe Stunde später kommt es jetzt eigentlich auch nicht mehr an… Und mit ziemlich genau dreissig Minuten Verspätung geht es dann auch endlich los. Ganz zu Beginn sind wohl etwas mehr als vierzig Zuschauer anwesend, bereits beim Opener «Trapped In Chaos» füllt sich das Theater aber immer besser, ja es gibt sogar einen ersten kleinen Pit zu vermelden. Und die Band? Lässt sich, wie von mir eigentlich erwartet, von der späten Uhrzeit und den nicht allzu zahlreich anwesenden Besuchern überhaupt nicht beeindrucken und legt los wie die Feuerwehr. Ich glaube ja, dass Dust Bolt auch für ein Dutzend Leute vor der Bühne Vollgas geben würden. Man merkt der Truppe die Spielfreude echt immer an.
Roman: Zum Glück bin ich aufgewacht, als pam vorhin in unsere Kabine gekommen ist. Eigentlich wollte ich ja nur kurz für einen Powernap ins Bett, dass das aber nach zwei Uhr morgens schwierig wird, hätte ich mir eigentlich von Beginn an denken können. So schnell wie jetzt bin ich noch selten aufgestanden (vor allem um 04:30 Uhr morgens). Nichts wie los ins Theater! Für einmal bin ich dankbar für einen verzögerten Konzertbeginn, denn so stehe ich sogar noch pünktlich zum ersten Riff vor der Bühne.
Luke: Im Gegensatz zu den Schweizer-Shows letzten Monat sind zwei Tracks von der neuen Scheibe aus der Setlist geflogen, was ich besonders beim Titeltrack sehr schade finde. Auf der anderen Seite macht es natürlich absolut Sinn, bei so einer Gelegenheit und etwas kürzerer Spielzeit ein Best-of-Set zu spielen. Und die alten Kracher wie «Toxic Attack» oder «SickXBrain» sind definitiv geile Nummern! Mich packt aber wieder «Disco Nnection» am meisten, der Song ist einfach für die Bühne geschrieben worden. Als nach dem Klassiker «Agent Trash» die Uhr eigentlich bereits abgelaufen ist, nutzen die sympathischen Bayern den einzigen Vorteil, den es hat, wenn man als letzte Band ran muss: Es gibt trotzdem nochmals eine Zugabe. Das Neil Young-Cover «Keep On Rockin‘ In The Free World» ist zwar eigentlich etwas zu Tode gedudelt worden in den letzten Jahren, aber die Dust Bolt-Version ist trotzdem grosse Klasse und ein absolut stimmiger Schlusspunkt.
Was für eine grossartige Show! Dust Bolt liefern vor geschätzten 50 bis 120 Leuten – die Anzahl der Anwesenden war immer etwas wechselhaft – einen richtigen Abriss. Ich bereue kein bisschen, so lange wach geblieben zu sein. Und an Schlaf ist nun im ersten Moment nach der Show sowieso nicht zu denken. Also gibt es noch ein letztes Bierchen auf Deck zwölf, wo die Sonne langsam aufgeht. Dabei treffen wir auch auf Musiker von Suidakra, die von der eigenen Show ebenfalls noch am Runterkommen sind. Bei ein paar letzten Gesprächen – unter anderem über die im letzten Jahr hier aufgetretenen Endseeker – lasse ich die Nacht ausklingen und verabschiede mich gegen sieben Uhr morgens in Richtung Bett. Zum Glück ist morgen Landtag! So bleibt genügend Zeit, um auszuschlafen.
Die Setlist – Dust Bolt – Royal Theater
- Intro
- Trapped In Chaos
- Toxic Attack
- Chaos Possession
- Killing Time
- Ghost On My Screen
- Disco Nnection
- Rhythm To My Madness
- SickXBrain
- I Am The One
- Agent Thrash
- Keep On Rockin‘ In The Free World (Neil Young-Cover)
70‘000 Tons Of Metal 2026 – Tag 2 (Freitag, 30. Januar)
Luke: Der Landtag auf der 70k wird von mir seit Jahren vor allem dafür genutzt, endlich zu etwas Schlaf zu kommen. Und da bei der von uns gebuchten «Back2Back-Cruise» (also die direkt im Anschluss stattfindende Kreuzfahrt auf demselben Schiff) Nassau ebenso als Halt eingeplant ist, war der Fall diesmal umso klarer. So schlafe ich eigentlich ausgiebig aus, nur um dann trotzdem überhaupt nicht fit aufzuwachen. Der Hals kratzt, die Augen tränen und irgendwie fühle ich mich fiebrig. Trotzdem quäle ich mich anfangs Nachmittag auf und treffe den Rest unserer Gruppe schliesslich auf Deck 12. Nach einer kurzen Mahlzeit im Windjammer werde ich von meinen Mitreisenden mit allerlei Medikamenten ausgestattet (merci!) – und lege mich schliesslich tatsächlich nochmals etwas hin. Dadurch verpasse ich zwar das traditionelle Schweizer Foto, aber komme dafür ein wenig mehr zu Kräften.
Pam, wie wars? Waren ein paar Nasen anwesend zum Fototermin?
pam: Ein paar ja, aber so wenige noch nie, obwohl gefühlt dieses Jahr noch mehr Schweizer an Bord sind als zuvor. Immerhin ist es schon fast Tradition, dass Skipper Andy per Zufall auch in der Nähe ist und als Mit-Schweizer unser Foto ergänzt. Und wie jedes Jahr denke ich, wir müssten den Hellvetier-Cruise-Fototermin bereits vor der Cruise fixieren und ankünden. Vielleicht schaffen wir das ja mal im nächsten Jahr.
Das Schweizer Cruiser Foto inklusive Andy The Skipper*
*nur ein kleiner Teil aller Anwesenden Schweizer Mitcruiser – auch die Hälfte vom Metalinside-Team fehlt 😉
Pöch: Auch ich geniesse – wie in den letzten Jahren schon fast Tradition – den Landtag ganz entspannt an Bord: ausschlafen, in Ruhe zu Mittag essen und bei ein bis zwei hervorragend dosierten Painkillern mit den ebenfalls standhaft an Bord Gebliebenen sich über neue Wortspiel-Kreationen kaputtlachen. Dieses Jahr ist Energiesparen besonders angesagt, denn der Landtag fällt einen Tag früher aus – und das bedeutet: Drei lange Konzerttage am Stück stehen vor der Tür. Also lieber jetzt noch einmal Kräfte sammeln, statt später beim Headbangen mit leeren Batterien dazustehen. Vor lauter gepflegtem Rumchillen verpasse ich zwar ebenfalls das Schweizer Gruppenfoto, schaffe es aber rechtzeitig zurück zur Pool Stage, wo Orden Ogan die musikalische Wiedereröffnung des Tages übernehmen.
Roman: Während ihr die Zeit taktisch klug zum Schlafen nutzt, wagen pam und ich es doch noch kurz vom Schiff. Immerhin scheint aktuell (noch) die Sonne. Die Temperaturen sind aber auch auf den Bahamas nicht wirklich sommerlich. Die kurzen Hosen werden aus Prinzip montiert, das Hoodie muss dann aber trotzdem mit.
Der Hafen und die anschliessende Marktstrasse sind jetzt nicht unbedingt ein Augenschmaus. Es ist aber so, wie man sich das von einem Touri-Hotspot vorstellen kann. Souvenir-Shops reihen sich aneinander, man wird gefragt, ob man ein bisschen Gras kaufen oder sich die Haare flechten lassen möchte. Wir fokussieren uns lieber auf das einheimische Bier. Mit dem einsetzenden Regen wird das aber schnell etwas ungemütlich. Wir machen uns noch kurz auf die Suche nach einem «Siegerstumpen», der traditionsgemäss bei der nächsten gemeinsamen Reise geraucht werden kann, während man in Erinnerungen an den letzten Trip schwelgt. Es wird aber nicht nur ein neuer gekauft, sondern auch der alte geraucht. Nämlich zurück auf dem Schiff, auf einem Liegestuhl mit einem Lemmy in der einen und dem Siegerstumpen von unserem AC/DC-London-Trip in der anderen Hand. Neben all den Konzerten und Erlebnissen, sind es vor allem diese Momente, die solche Ausflüge immer wieder zu etwas Besonderem machen (pam: So true. Danke für eine weitere tolle gemeinsame Erinnerung).
Orden Ogan – Pool Deck
Pöch: Die diesjährige Pool-Stage-Einweihung ist gleich doppelt speziell: So spät (Tag 2 um 17:30 Uhr) gings noch nie los – und obendrauf müssen Orden Ogan auf ihren Originalsänger Sebastian «Seeb» Levermann verzichten. Der musste nach einer frischen Knie-OP leider reisetechnisch passen. Absage ist aber keine Option. Stattdessen springt kurzerhand Marc Lopes (bekannt von Ross the Boss und Metal Church) ein – und macht das nicht nur solide, sondern richtig stark. Er verpasst den Songs eine neue Note, ohne ihnen den vertrauten Orden-Ogan-Stempel zu nehmen.
In der ersten Reihe geniesse ich den Auftritt in vollen Zügen. «Let The Fire Rain», «Gunman» und «Come With Me To The Other Side» haben sich jedenfalls schon wieder erfolgreich in meinen Gehörgängen eingenistet – Mietvertrag auf unbestimmte Zeit inklusive. Am Horizont in Fahrtrichtung unseres Kahns ziehen derweil dunkle Wolken auf… Vielleicht doch besser kurz in die Kabine huschen und den Einweg-Regenschutz holen, so dass ich für alle Eventualitäten während des anstehenden Gigs meiner Lieblinge Amorphis gerüstet bin.
Und Roman: Wie hat dir eigentlich deine Pool-Stage-Premiere gefallen?
Roman: Ich habe zwar kurz bei Orden Ogan vorbeigeschaut, dies aber mehr oder weniger nur auf dem Weg in den Ice Rink. Aufgrund der fast winterlichen Temperaturen entscheide ich mich nämlich lieber für Izegrim im Inneren des Schiffes und werde mir Orden Ogan wohl morgen bei ihrem zweiten Auftritt reinziehen. Die Pool-Stage ist aber schon imposant und ich freue mich bereits auf meine richtige Premiere hier.
pam: Ich bin überhaupt kein Kenner von Orden Ogan … einzig, dass Kaufi die geliebt hat. Und so sind meine Gedanken einmal mehr bei ihm. Und ich denke dabei, warum er grad die Band toll fand. Da ist sie eben wieder, die Kaufimusic, wo man nie wirklich weiss, welche Band warum dazugehört. Ich vermiss dich einmal mehr mein Freund.
Die Setlist – Orden Ogan – Pool Stage
- F.E.V.E.R.
- Conquest
- Come With Me to the Other Side
- Heart Of The Android
- The Order Of Fear
- Gunman
- Let The Fire Rain
- The Things We Believe In
Die Fotos – Orden Ogan – Pool Stage
Izegrim – Ice Rink
Luke: Mein Wecker klingelt um fünf Uhr abends und ich würde gerne nochmals etwas länger liegen bleiben. Allerdings geht nun das Programm weiter, Izegrim habe ich mir spätestens nach einer zufälligen Begegnung mit Sängerin Marloes und Gitarrist Jeroen im Finnegans vor der Cruise vorgemerkt. Die Truppe aus den Niederlanden existiert seit 1996, war nun aber seit mehreren Jahren inaktiv und feiert hier auf dem Schiff die Reunion. Wie uns die Frontfrau wissen lässt, ist dies der erste Auftritt überhaupt seit sechs Jahren – und auf der 70k sogar seit 2014.
Geboten wird hier Thrash Metal mit leichter Death-Kante, der definitiv Laune macht. Nicht nur wegen der (blonden) weiblichen Sängerin kommen mir mehrmals Holy Moses in den Sinn. Auch musikalisch ist das vergleichbar, was definitiv ein Kompliment ist. Marloes hat ihre Vocals genauso im Griff, wie es Sabina jeweils hatte. Leider ist auch hier der Sound im ungefähr halbvollen Ice Rink zu Beginn nicht ideal. Die Band verzichtet zwar ganz offensichtlich auf einen Live-Bassisten, ich vermute aber, dass eine der beiden Gitarren zusätzlich durch einen Bassverstärker laufen gelassen wird. Und zwar nicht einmal immer dieselbe, die beiden Herren an den Sechssaitern scheinen sich da abzuwechseln. Nur leider sind genau diese tiefen Töne wieder einmal zu laut, zumindest in der ersten Hälfte des Gigs. Danach wird es glücklicherweise etwas besser.
Die Gruppe wirkt sehr bodenständig. Die Ansagen sind sympathisch unaufgeregt und man merkt der Performance jederzeit die Freude der Beteiligten an. Die Songs wissen ebenfalls zu gefallen, obwohl die ganz grossen Ausreisser fehlen. Auf Dauer tönt das alles etwas ähnlich. Eventuell aber auch, weil ich die Sachen zum allerersten Mal höre, mir war die Band bisher gar kein Begriff. Das wird sich aber künftig ändern, ab sofort habe ich Izegrim auf dem Schirm. Guter Auftritt!
Die Setlist Izegrim – Ice Rink
- White Walls
- The Legion
- Retraumatized
- Endless Desire
- Reclaim My Identity
- Relic Of The Past
- Deathstrip
- Insanity Is Freedom
- Point Of No Return
- Celebratory Gunfire
Die Fotos Izegrim – Ice Rink
Ad Infinitum – Royal Theater
Roman: Weiter geht es im Theater mit Ad Infinitum. Nachdem Melissa gestern bereits mit ihrem Gastauftritt bei Kamelot überzeugen konnte, bin ich gespannt, ob sie das heute mit ihrer eigenen Band wiederholen kann. Nach den Growls bei ebendiesem Gastauftritt setzt die Schweizerin hier grösstenteils auf Clean-Gesang. So stark dieser auch ist, gefallen mir ihre Growls persönlich deutlich besser. Nur kommen sie bei Ad Infinitum für meinen Geschmack eben leider etwas zu selten zum Einsatz.
Vielleicht liegt es genau daran, dass mir mit der Zeit ein wenig die Abwechslung fehlt und sich vieles für mich recht ähnlich anhört. Mit wenigen Ausnahmen von Breakdowns oder den erwähnten Growls. Es kann aber auch einfach daran liegen, dass ich mit ihrer Musik nicht ganz so vertraut bin. Denn ansonsten passt hier eigentlich alles und Ad Infinitum liefern einen soliden Auftritt ab.
Pöch: Ich muss dir – wenn auch etwas schweren Herzens – ein bisschen recht geben. Ich verfolge Melissa Bonny nämlich schon ziemlich lange. Angefangen hat alles, als Georg Neuhauser 2017 auf einem kleinen Festival in Gossau SG stolz verkündete, dass Serenity eine neue Live-Gastsängerin aus der Schweiz dabeihaben. Danach tauchte Melissa 2018 sogar privat auf der 70’000 Tons of Metal auf – als Pool Girl – und wurde kurzerhand noch Miss September im 70’000tons-Kalender. Nicht schlecht für einen Cruise-Urlaub.
Seitdem habe ich sie live unzählige Male als Gastsängerin gesehen: mit Serenity, Warkings, Feuerschwanz und Kamelot – und jedes Mal war ich begeistert. Als «Nebendarstellerin» bringt sie derart viel Energie auf die Bühne, dass man automatisch mitgerissen wird. Vielleicht liegts wirklich daran, dass sie dann auch gerne die Growls auspackt (pam: Genau so gehts mir auch).
Bei ihrem eigenen Projekt Ad Infinitum, wo sie plötzlich die Hauptrolle tragen muss, hatte ich dagegen manchmal das Gefühl, dass ihr diese Rolle nicht ganz so leicht von der Hand geht. Mit dem neueren, stärker Richtung Modern Metal gehenden Material fällt das zwar weniger auf – allerdings wird dadurch ihre glasklare, wunderschöne Stimme auch etwas weniger ausgespielt.
Und wenn man das Ganze mit dem Abriss vergleicht, den sie gestern zusammen mit Kamelot hingelegt hat, bleibt am Ende halt doch eher «solider Durchschnitt». Aber: Fortschritte sind definitiv zu erkennen. Vor allem mit ihrem Filmmusik-Projekt «The Dark Side Of The Moon» konnte sie mich letztes Jahr in München richtig abholen – vielleicht hilft es ja, wenn am Schlagzeug der eigene Ehemann den Takt vorgibt.
Wo treibst du dich eigentlich rum, Luke? Da Ad Infinitum wohl kaum deine Baustelle sind, gehe ich nicht davon aus, dass du ebenfalls im Theater bist.
Die Fotos Ad Infinitum – Royal Theater
Ignea – Ice Rink
Luke: Nein, da bevorzuge ich einen Abstecher ins Casino. Und danach steht als nächstes bereits wieder der Ice Rink auf dem Programm. Gemäss Booklet sollen Ignea aus der Ukraine symphonischen Progressive Metal mit mittelöstlichen Folk-Einflüssen spielen, da riskiere ich doch einmal kurz ein Ohr. Der Ice Rink ist ungefähr zur Hälfte gefüllt, und wie schon fast immer dieses Jahr ist der Bass viel zu laut. Dass auf der Bühne eine Keytar zu sehen ist, gibt bei mir Pluspunkte, weil ich die Teile irgendwie liebe. Komisch, dass dann trotzdem jede Menge ab Band kommt. Besonders die Vocals von Sängerin Helle scheinen immer wieder gedoppelt zu sein. Sie wechselt zwischen Growls und Klargesang, und irgendwie klingt beides nicht besonders spannend – genauso wie das Songmaterial. So habe ich nach etwas mehr als zwei Songs alles gehört. Und hey, das Pool Deck wird ja seit heute auch bespielt, also wäre ein Besuch da sowieso einmal angesagt.
Die Setlist Ignea – Ice Rink
- Dunes
- Camera Obscura
- Sputnik
- Gods Of Fire
- Jinnslammer
- Seytanu Akbar
- Alga
- Nomad’s Luck
- Disentchantment
Die Fotos Ignea – Ice Rink
Amorphis – Pool Deck
Luke: Dort angekommen dann aber eine grosse Enttäuschung: Es regnet! Und zwar nicht so ein bisschen, sondern ausgiebig. Dazu ist es auch noch ziemlich kühl. Dementsprechend hat es nicht übertrieben viele Leute, wobei die hinteren Plätze unter einem schützenden Dach sehr begehrt sind. Direkt vor der Bühne hingegen stehen nur die grob geschätzt hundert Härtesten der Amorphis-Fans. Eigentlich wollte ich mir diese Show zumindest in Teilen ansehen, nachdem ich den Grossteil der Theater-Show gestern verpennt hatte. Aber unter diesen Bedingungen will ich meine sowieso angeschlagene Gesundheit nicht noch weiter belasten.
Ich hoffe, dass jemand meiner Mitschreiber weniger Schönwettermetaller ist als ich gerade?
Pöch: Ich bin effektiv einer dieser hundert härtesten Amorphis-Fans, die rechtzeitig zum Einweg-Regenschutz greifen. Und das war diesmal definitiv keine modische Fehlentscheidung: Wind und Regen verwandeln das Pool Deck in eine Mischung aus Open-Air-Festival und Arktis-Expedition – wobei die Temperaturen für 70’000-Tons-Verhältnisse dieses Jahr sogar noch als «mild» durchgehen.
Die Finnen trotzen den garstigen Bedingungen tapfer – sind dafür aber auch die erste Band, die offiziell Feierabend hat. Und zwar bereits am Tag 2 um 20:00 Uhr. Das gabs so definitiv noch nie.
An der Qualität ändert sich hingegen rein gar nichts. Sänger Tommy Joutsen, sonst eher für minimalistische Ansagen bekannt, lässt sich sogar zu einem lockeren Spruch hinreissen: «Fühlt sich heute an wie Singen unter der Dusche.» So ungewohnt humorvoll von ihm, dass ich mir das Grinsen nicht verkneifen kann – vermutlich das einzig wirklich Trockene an diesem Abend.
Musikalisch knüpft die Band exakt dort an, wo sie siebzehn Stunden zuvor im Theater aufgehört hat: progressiver Melo-Death auf allerhöchstem Niveau. Mit «Fog To Fog» gibts nochmals frisches Material vom aktuellen Album Borderland, während mit «Death Of A King», «The Smoke» und «Sampo» drei neue Hochkaräter aus dem ach so starken Backkatalog ins Set eingeflochten werden. Unverändert bleibt der Rausschmeisser «The Bee» – eine Perle, die zuverlässig für offene Kinnladen sorgt und von mir aus gerne noch lange diesen Ehrenplatz behalten darf.
Den widrigen Bedingungen professionell getrotzt, ist der Feierabend mehr als verdient. Wobei Keyboarder Santeri Kallio später mit Cemetery Skyline im Theater noch einen Trockeneinsatz zu absolvieren hat.
Die Setlist – Amorphis – Pool Stage
- Bones
- Silver Bride
- Death Of A King
- The Smoke
- Fog To Fog
- Light And Shadow
- Sampo
- Black Winter Day
- Dancing Shadow
- House Of Sleep
- The Bee
Wolf – Star Lounge
Luke: Meine gefühlte moralische Pflicht gegenüber Röschu, mir etwas Harakiri For The Sky anzusehen, habe ich gestern bereits erfüllt. Also entscheide ich mich nun für die schwedischen Wolf in der Lounge. Die Truppe aus Örebrö ist gemäss Metalarchives eine von zehn Bands mit diesem Namen und ist nun mittlerweile auch schon seit über dreissig Jahren aktiv. Zuerst heisst es allerdings, sich noch etwas in Geduld zu üben. Als es dann mit knapp zwanzig Minuten Verspätung losgeht, ist die Lounge ordentlich gefüllt und der Sound ziemlich gut. Auch hier müsste der Bass nicht noch lauter sein, aber im Vergleich mit anderen Shows in den letzten Tagen ist das nun absolut erträglich.
Das Set wird mit «Shoot To Kill» eröffnet – lustigerweise der wohl einzige Song der Truppe, den ich bereits von einem Sampler kenne. Und dieser gibt gleich die generelle Marschrichtung vor: klassischer Heavy Metal mit teilweise ein paar Speed Metal-Einflüssen. Nichts Spektakuläres, aber gut gemacht und mit viel Herz und Seele gespielt. Die Oldschool-Maniacs in den vorderen Reihen gehen jedenfalls ordentlich steil, und auch mir gefällt das ziemlich gut. Für mich dürfte die Stimme von Sänger und Gitarrist Niklas Stålvind – was für ein Nachname übrigens für einen echten Warrior Of Steel – noch etwas mehr Druck haben, besonders in den weniger hohen Passagen. Das bleibt aber am Ende des Tages Geschmackssache. Auf Dauer fehlt mir ein klein wenig die Abwechslung im Songmaterial, aber abgesehen davon ein wirklich guter Auftritt.
Ereb Altor – Ice Rink
Roman: Mein letztes Aufeinandertreffen mit den Wikingern von Ereb Altor ist zwar erst drei Wochen her, ihr Auftritt am Meh Suff! Winter-Festival (siehe Review) war aber eine richtige Wucht, weshalb ich mich gleich danach bereits darauf gefreut habe, die Schweden hier wieder zu treffen.
Gitarrist Ragnar nimmt sich aus persönlichen Gründen während einigen Konzerten der aktuellen Tour eine Live-Pause. So auch für die beiden Shows auf der Cruise. Als Ersatz übernimmt Jacob Björnfot (Kvaen) seinen Posten. Dieser erfüllt die Aufgabe aber souverän und fügt sich problemlos in den Rest der Truppe ein. Zusätzlich unterstützt ein gewisser Herr, der als Oscar aus Spanien vorgestellt wird, mit Hintergrundgesang am Mikrofon.
Ereb Altor spielen sich gekonnt und ohne grosse Überraschungen durch ihr Set – Überraschungen sind hier aber auch gar nicht nötig. Das vorgetragene Material entfaltet eine mystisch-düstere Stimmung im Ice Rink, die keinerlei zusätzlichen Effekte braucht.
Inhaltlich setzen Mats und Co. heute primär auf ihr neuestes Werk «Hälsingemörker». Mit «Valkyrian Fate», «Vi är mörkret» und «The Last Step» stammt die Hälfte der Setlist vom 2025 erschienenen Album. Wobei das bei einer Setlist von lediglich sechs Songs auch nicht allzu viel aussagt. Hätten sie ihren Slot aber ganz ausgenutzt, hätte durchaus noch ein zusätzlicher Song Platz gehabt.
Pöch: Ereb Altor ist auch so eine Band, die ich auf einer früheren Cruise (2020) entdeckt habe – seither läuft ihr Schaffen bei mir regelmässig im Player. 2023 kam dann der Cruise-Auftritt ihrer Zweitband Isole dazu: noch doomiger, noch schwerfälliger – aber live genauso sehr empfehlenswert.
Natürlich habe ich mir deshalb ihr Konzert Anfang Jahr in Zürich ebenfalls nicht entgehen lassen und freute mich entsprechend auf eine Wiederholung dieses grossartigen Auftritts auf dem Schiff. Ganz an das Zürcher Niveau kommt der Gig diesmal zwar nicht heran. Wirklich schade ist vor allem, dass in der verbleibenden Spielzeit kein Platz mehr für einen Kracher der Kategorie «I Have The Sky» oder «With Fire In My Heart…» war. Aber gut – man kann halt nicht immer alle epischen Wikinger-Trümpfe auf einmal ziehen.
Die Setlist – Ereb Altor – Ice Rink
- Valkyrian Fate
- Vargtimman
- Queen Of All Seas
- Vi är mörkret
- Midsommarblot
- The Last Step
Beast In Black – Pool Deck (oder auch nicht…)
Luke: Als ich nach Wolf aus rein wetterbedingter Neugier kurz das Pool Deck aufsuche, rechne ich schon mit dem Schlimmsten. Und ja, es regnet tatsächlich nach wie vor, wenn auch nicht so stark wie vorher. Aber immerhin spielen die nun geplanten Beast In Black nicht, es könnte also alles noch viel schlimmer sein… Scherz beiseite: Scheinbar hat der Regen der Technik etwas zugesetzt und die Show der ultimativen Playback-Kitsch-Metaller kann zumindest im Moment nicht stattfinden. Kollegin Karima bangt bereits um die spätere Show von ihren Lieblingen Kanonenfieber an derselben Stätte . Weitere Infos gibt es aber nicht, also zuerst einmal weiter im Programm.
Pöch: Den Treppenaufstieg vom Ice Rink aufs Pool Deck für die Beast In Black-Zugaben hätte ich mir eigentlich sparen können – besser vorher den Bericht von Luke gelesen. Immerhin: Im Vergleich zum Amorphis-Gig herrscht diesmal ja fast schon Kaiserwetter (der Regen hat praktisch aufgehört).
Na ja, ich will jetzt wirklich niemandem etwas unterstellen. Sänger Yannis Papadopoulos hat sich bei einigen Festivals in der Schweiz allerdings schon als… sagen wir mal… etwas sensibler Zeitgenosse erwiesen. Dass ihn im Brienzer Festzelt das verbotene Rauchen stimmlich etwas aus der Bahn geworfen hat, konnte ich noch nachvollziehen. Aber bei der Outdoor-Bühne am Rock The Lakes fand ich den Vorwurf an die Raucher dann doch schon leicht auf der pingeligen Seite. Sagen wir es so: Ich habe da eine kleine – völlig unbelegte – Vermutung, weshalb der Gig bei Regen lieber ins Innere verlegt wurde.
Da ich Beast In Black wegen des Ereb Altor-Gigs kurzerhand auf die Ersatzbank geschoben habe und immer noch nicht genau weiss, wie ich die Zeit zwischen Seven Spires (3:30 Uhr) und Bloodred Hourglass (5:00 Uhr) ohne unfreiwilligen Tiefschlaf überbrücken soll – abgesehen von ein bis zwei Burgern am Late-Night-Buffet – kommt mir die Sache gerade recht. Denn der Gig wird praktischerweise um 4:15 Uhr im Theater nachgeholt
Skeletal Remains – Star Lounge
Luke: In der Star Lounge steht nun eines meiner heute sehr raren Highlights an. Wobei ich bei der Veröffentlichung der Running Order ehrlich gesagt schon etwas erstaunt war, dass Skeletal Remains hier in der kleinsten Location ran müssen. Die Kalifornier sind nun doch bereits ein paar Jahre unterwegs und kriegen bei Szene-Festivals (wie dem Party.San 2025) ganz ordentliche Slots auf der Hauptbühne. Auf der Cruise teilen sie nun aber das Schicksal mit vielen anderen Death- und Thrash-Bands, welche einmal in der Besenkammer Lounge und einmal mitten in der Nacht ran müssen.
Nun, wenigstens ist die Lounge ein Garant für gute Stimmung, was hier wieder einmal bewiesen wird. Als es mit nach wie vor gut zwanzigminütiger Verspätung losgeht, ist der kleine Raum wirklich brechend voll – und erneut ist es sehr warm. Keine Ahnung, ob dank schlechtem Wetter draussen die Heizungen aufgedreht wurden oder ob dies einfach an den vielen Leuten hier liegt. Die Luft ist jedenfalls richtig stickig. Umso besser, wenn man wie ich direkt neben dem ab der ersten Sekunde drehenden Pit steht. Dieser übernimmt eine gewisse Ventilator-Funktion und sorgt so wenigstens für ein kleines bisschen Erfrischung.
Und die Band selbst? Lässt sich von äusseren Umständen wie Wärme, kleiner Bühne oder Verspätung sowieso nicht beeindrucken und spult ein astreines Set runter. Ich mag an Skeletal Remains die Verbindung von grosser Brutalität und Groove. Diese bringen Gitarrist, Sänger und Alleinherrscher Chris Monroy und seine wieder einmal runderneuerte Truppe live fast noch präziser rüber als auf Platte. Wie schon am Party.San gibt es kein grosses Stageacting und auch keine Ansagen zwischen den Songs, sondern einfach knapp 45 Minuten puren Death Metal direkt in die Fresse. So muss das sein! Der Sound ist unglaublich laut, ansonsten aber sehr gut abgemischt. Für einmal kriegt der Bass zwar genügend Raum, übertönt aber die Gitarren und die Vocals nicht.
Somit liefert die Truppe einen sackstarken Auftritt, welcher ausser etwas frischer Luft nicht viel vermissen lässt. Vor Ort gibt es dafür beide Daumen nach oben von mir und den klaren Tagessieg. Die im Nachhinein zahlreich geäusserten Vorwürfe gegen Frontmann Chris trüben die Freude nun beim Schreiben etwas. Mehrere Frauen melden, dass sich der betrunkene Musiker abseits der Shows übergriffig verhalten haben soll. Sowas geht natürlich gar nicht! Ich wollte aus Fan-Sicht aber trotzdem meine ehrliche Meinung zum Konzert abgeben, und die war durchaus positiv. Abgesehen davon gilt für Chris dasselbe, was auch für alle anderen betrunkenen Frauengrabscher gilt: Verpisst euch! Und an alle anständigen Männer, welche – davon bin ich überzeugt – 99% einer Metal-Crowd ausmachen: Nicht einfach wegschauen, eingreifen!
Haggard – Royal Theater
Roman: Mit Haggard folgt für mich eine weitere Live-Premiere. Ich fühle mich bei der Musik von Haggard zwar noch nicht allzu lange zu Hause, doch ab dem Zeitpunkt, als es mich gepackt hat, hat sie mich immer weiter in ihren Bann gezogen. Zudem haben Mastermind Asis und seine Truppe in Miami Beach einen sehr sympathischen Eindruck gemacht, als pam und ich ihn getroffen haben. Dort hat er uns auch bereits verraten, dass sie auf dem Schiff mit dreizehn Personen auf der Bühne stehen werden. Da darf man also durchaus gespannt sein.
Zuerst gilt es allerdings noch, alle Instrumente zu stimmen und einen ausführlichen Soundcheck zu absolvieren. Die Vorbereitung scheint sehr ernst genommen zu werden und dabei lässt sich auch niemand stressen. So soll es sein. Lieber noch ein paar Minuten warten, wenn dafür später alles passt. Dieses Später ist jetzt und ich bin ab dem ersten Moment baff. Was hier auf die Bühne gezaubert wird, ist absolut überwältigend. Vom Gesang über das Orchester bis hin zur metallischen Fraktion mit Gitarre, Bass und Schlagzeug harmoniert alles und lässt einen dahinschmelzen. Die Stimmgewalten, die hier aufeinanderprallen (oder eben ineinander verschmelzen), sind schon aussergewöhnlich. Allen voran die Sopranstimme von Janika Gross ist gross-artig (ok, ihr habt bestimmt schon bessere Wortspiele gelesen). Meine Schwärmerei gebührt aber jedem und jeder Einzelnen, die hier gerade auf der Bühne stehen.
Auch die Abmischung ist richtig gut, was bei so vielen Personen auf der Bühne (und den anscheinenden Problemen in den letzten Jahren auf dem Schiff) nicht selbstverständlich ist (pam: Indoor hat das meist immer gut geklappt. Problematischer war es jeweils auf dem Pool Deck mit Wind … im Theater ist einmal mehr das Licht das Problem, zumindest für anständige Fotos. Die ganze Band beziehungsweise Orchester ist mehr oder weniger immer im Dunkeln gehalten).
Nach diesem grandiosen Auftritt müssen am Merch-Stand gleich alle Haggard-Artikel gekauft werden. Gut, das sind leider «nur» zwei T-Shirts. Aber hätten sie noch mehr dabeigehabt, ich hätte es wohl ebenfalls noch gekauft.
Obwohl es erst Januar ist und mich dieses Jahr noch einige Perlen erwarten, bin ich überzeugt, dass es dieser Auftritt am Ende des Jahres in meine Top 5 der Jahreshitparade schaffen wird. An dieser Stelle: Danke, pam, dass du mir lange genug von Haggard vorgeschwärmt hast, bis auch mein Gehör daran gefallen gefunden hat (pam: Das freut mich, dass dich Haggard auch so in den Bann zieht wie mich seit vielen Jahren. Haggard haben früh in den 90ern geliefert, wovon ich zuvor immer geträumt hatte).
Wie sieht es bei dir aus, Pöch, teilst du meine Meinung?
Pöch: Wie könnte ich anders – was bei anderen Symphonic-Metal-Bands höchstens bei ganz exklusiven Shows passiert, gehört bei Haggard einfach zum Standard: alles live, nichts aus der Konserve, keine Tricks. Und wenn das dann noch so sauber abgemischt ist, lädt die Musik regelrecht zum Wegträumen ein (pam: The Real Deal!).
Dummerweise in meinem Fall auf einem dieser verdammt bequemen Theatersessel. Ab Song zwei verschwimmen Realität und Traumwelt so ein bisschen – aber hey, ihr kennt dieses Paralleluniversum ja schon vom Amorphis-Konzert vom Vortag. Was ich aber garantieren kann: Bei «Awaking the Centuries» bin ich schlagartig wieder im Hier und Jetzt und geniesse dieses Meisterwerk in vollen Zügen. Fanzit: Ein Konzert, das in jeder Dimension restlos überzeugt hat.
Die Setlist – Haggard – Royal Theater
- Upon Fallen Autumn Leaves
- Eppur si muove
- In A Pale Moon’s Shadow
- Per aspera ad astra
- Awaking The Centuries
Die Fotos – Haggard – Royal Theater
Soilwork – Pool Deck
Luke: Durch die Verspätung in der Lounge lohnt sich nach dem Ende der Show von Skeletal Remains ein Besuch bei pams Favoriten Haggard im Theater nicht mehr wirklich. Also mal schauen, was auf dem Pool Deck los ist. Da scheint es – wenn auch mit ganz leichter Verspätung – tatsächlich weiterzugehen. Es ist sich niemand ganz sicher, wieso Beast In Black nicht spielen konnten. War es wirklich der Regen oder gab es da sonstige Probleme? Nun, zumindest stark nachgelassen haben die Niederschläge auf jeden Fall, und so steht einer Soilwork-Show nichts im Weg.
Ich bin mit den schwedischen Melo-Deathern nie so richtig warm geworden. Und dies obwohl ich Sänger Björn Strid sehr mag. Aber sowohl The Night Flight Orchestra als auch Nighthawk gefallen mir besser als seine eigentliche Hauptband. Eigentlich wäre alles da, was mich ansprechen müsste: ein guter Groove, eine gewisse Härte, Keyboards, die live gespielt werden und nicht ab Band kommen – aber es packt mich einfach nicht. Zudem können Björns Growls mit seiner super Klarstimme so gar nicht mithalten. Der Erfolg gibt der Truppe aber Recht, der Zuschaueraufmarsch ist dafür, dass es nach wie vor nicht richtig schön ist, ziemlich beachtlich. Klar, es regnet nicht mehr, aber so richtiges Pool-Deck-Wetter ist doch noch nicht. Und so verabschiede ich mich auch nach ein paar Songs wieder ins Schiffsinnere.
Pöch: Mit den Schweden verbinde ich eigentlich eine ziemlich verlässliche Erfolgsgeschichte: viele starke Songs im Gepäck, live bisher nie enttäuscht – egal ob auf der 70’000 Tons of Metal 2020, am Rock The Lakes 2023 oder zuletzt im Vorprogramm von Arch Enemy und In Flames 2024.
Eigentlich also ein Selbstläufer. Eigentlich. Denn heute schaffen sie das Kunststück, während gut zwei Dritteln des Sets konsequent um alle meine persönlichen Favoriten herumzuspielen. Respekt – das muss man auch erst mal hinbekommen. Entsprechend will der Funke diesmal einfach nicht überspringen.
Mal schauen, ob mich das Theater-Set am Folgetag wieder abholt. Aktuell ziehe ich aber weiter zu Jag Panzer – die habe ich schliesslich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr live gesehen.
Die Setlist – Soilwork – Pool Deck
- Like The Average Stalker
- As We Speak
- Exile
- Death In General
- Harvest Spine
- Electric Again
- The Nurturing Glance
- Witan
- Distortion Sleep
- Death Diviner
- The Ride Majestic
- Stabbing The Drama
Jag Panzer – Star Lounge
Luke: Es folgt ein weiterer Abstecher in die Lounge zu einer Band, die ich eigentlich als zu gross für diese Location eingeschätzt habe. Zu meinem Erstaunen ist der Raum aber gar nicht übermässig gefüllt, als ich ein paar Minuten nach dem Beginn eintreffe. Ich selbst bin zugegebenermassen kein riesiger Fan von Jag Panzer, ich weiss jedoch durchaus um das Standing der US-Metal-Legende, zumindest in Europa. Aber klar, das Publikum hier überschneidet sich grösstenteils auch nicht mit der Keep It True-Zielgruppe. Trotzdem hat es in den vorderen drei bis vier Reihen ein paar Hardcore-Fans, die jeden Song mit erhobenen Fäusten abfeiern.
Weiter hinten ist der Zuschauerraum aber um einiges weniger gefüllt. Die Band selbst gibt Gas, und die Lieder laufen mir instrumental eigentlich auch ziemlich gut rein. Nur mit dem Gesang werde ich hier gar nicht warm. Ich weiss, dass Harry Conklin bei vielen Metalheads ganz weit oben auf der Liste der Lieblingssänger steht. Mir ist das aber erstens zu hoch und zweitens habe ich darüber hinaus das Gefühl, dass der Gute zumindest heute nicht alle Töne immer so trifft, wie er gerne möchte. Und so habe ich nach drei Songs dann doch genug gesehen und vor allem gehört.
Pöch: Ich besitze tatsächlich zwei Alben von Jag Panzer und habe sie irgendwann in den frühen 2000ern mal an den Metal Days in Pratteln gesehen – damals fand ich den Auftritt absolut passabel. Heute gehts mir aber genau wie dir, Luke: Die Stimme von Harry Conklin will mich so gar nicht packen. Nach drei Songs ist bei mir deshalb ebenfalls Schluss. Manchmal zünden alte Erinnerungen live halt nicht mehr ganz so wie früher.
Illumishade – Ice Rink
Roman: pam und ich besuchen derweil die Schweizer Fraktion von Illumishade. Die sympathische Truppe hatte laut Pöch bei ihrer gestrigen Show mit einigen technischen Problemen zu kämpfen. Zum Glück scheint heute im Ice Rink aber alles rund zu laufen und so können wir ungestört der märchenhaften Musik von Fabienne und Co. lauschen.
Apropos Fabienne: Sie holt wirklich alles aus der diesjährigen Cruise. Neben den zwei Auftritten mit Illumishade wird sie zusammen mit Jonas und Yannick noch zwei Mal mit Eluveitie auftreten und zudem morgen eine Listening-Session samt Acoustic-Set ihres bevorstehenden Solo-Albums geben. Das volle Programm also (pam: Nicht zu vergessen; auch beim All-Star-Jam wird sie übermorgen auftreten. Die Dame tanzt also hier genau wie im richtigen Leben auf mehreren Hochzeiten).
Nun aber zurück in den Ice Rink, wo sich die gesamte Band bestens aufgelegt zeigt und vor allem Jonas einen mit seinem Dauer-Smile ansteckt (pam: Wie du schreibst, sind alle top aufgelegt, aber so richtig ansteckend finde ich die Smiles von Miri und Fabi). Die Setlist ist heute beinahe gleichmässig auf die beiden bisher erschienenen Alben aufgeteilt. Die ersten fünf Songs stammen nämlich allesamt vom 2024er-Album «Another Side Of You». Mit der Ballade «Rise» folgt dann nicht nur mein persönliches Highlight des Sets, sondern auch der Wechsel zur Platte «Eclyptic: Wake Of Shadows», welche mit den restlichen vier Songs den zweiten Teil der Setlist ausmacht.
Das war ein richtig gelungener Auftritt, bei dem es eigentlich nichts auszusetzen gibt. Ausser vielleicht aus Fotografensicht, da das gefühlt durchgehend blaue Licht wohl nicht gerade das Material ist, aus dem gute Fotos entstehen. Oder wie sieht es aus, pam?
pam: Definitiv eine Katastrophe. Das schlechteste Licht der ganzen 70’000 Tons of Metal Ausgabe 2026. Die blauen Haare von Miri und die roten von Fabi sind praktisch während des ganzen Konzerts nicht in diesen Farben erkennbar. Sehr schade, denn grad die beiden Damen zeigen ein tolles Stageacting und bieten perfekte Sujets für die Fotografen. Doch das Licht in Blau – und wenn mal kurz nicht in Blau, dann in Rot – macht das alles zunichte. Ich werds wohl nie verstehen, warum man solche Musik und Protagonisten so verunstaltet. Nun, ich teile trotzdem einige Fotos mit euch, weil ich finde, dass die Spiel- und Singfreude der Band auch mit nicht perfekten Farben schon sehr gut rüber kommt.
Die Setlist – Illumishade – Ice Rink
- Elegy
- Enemy
- Here We Are
- In The Darkness
- Cloudreader
- Rise
- Muse Of Unkown Forces
- Tales Of Time
- World’s End
Die Fotos – Illumishade – Ice Rink
Firewind – Royal Theater
Pöch: Nachdem ich mein Illumishade-Erlebnis auf dieser Cruise mit der ersten Konzerthälfte im Ice Rink komplettiert habe – und erfreut feststellen durfte, dass auf der grossen Bühne diesmal auch die Technik mitspielt –, mache ich noch einen kurzen Abstecher ins Theater zu Firewind. Da morgen In Mourning einen fixen Stammplatz in meiner Running Order haben, fällt das Pool-Deck-Set der Griechen leider flach.
Viel Zeit bleibt nicht: gerade mal vier Songs. Aber immerhin weiss ich inzwischen, dass Firewind am Brienzer Rockfest 2026 einen Headliner-Slot übernehmen werden – also alles halb so schlimm: Die aus meiner Sicht schlecht gelegten Slots verzeihe ich dem Skipper im Nachhinein grosszügig.
Erste Überraschung beim Reinkommen: nicht mehr Herbie Langhans am Mikro, sondern wieder Henning Basse. Und der legt gleich mit meinem Favoriten «Ode to Leonidas» los – stark gesungen, sauber abgemischt, passt. Konstante im ganzen Geschehen: Gus G. Der Mann haut wie gewohnt ein Solo nach dem anderen raus. Spätestens beim «Maniac»-Cover (ja, genau das aus Flashdance) wird das gut gefüllte Theater dann endgültig zur Tanzfläche.
Kurz gesagt: wenig gesehen, aber voll überzeugt. Brienz kann kommen.
Kanonenfieber – Pool Deck
Luke: Die Neugier treibt mich wieder aufs Pool Deck. Obwohl ich mit Kanonenfieber (oder eben Canounenfaiber, siehe erste Show) bisher nie warm geworden bin, will ich auf dem Pool Deck nochmals versuchen, das Phänomen zu verstehen. Die schlimmsten Wetterkapriolen scheinen endgültig durch zu sein, die Show beginnt pünktlich auf die Minute – wie es sich für eine deutsche Band gehört. Ist eventuell genau dieses Deutsche etwas, was zumindest die Amis so fasziniert? Ich habe jedenfalls seit Rammstein nie mehr so viele Nicht-Muttersprachler mitsingen gehört bei Liedern in dieser Sprache.
Generell ist das Pool Deck nun besser gefüllt als so ziemlich den ganzen Tag – was zu einem Stück sicher auch am Ende des Regens liegt. Es strömen aber während der Show immer weitere Leute auf Deck elf, und ganz vorne ist ab Beginn ein ordentlicher Pit am Kreisen. Die Bühne selbst ist definitiv weniger mit Kriegsmaterial zugestellt als noch am Meh Suff!. Was aber natürlich trotzdem nicht fehlen darf, sind die ganzen Uniformen und Masken. Sogar die Roadies sind allesamt maskiert. Die Stimmung schaukelt sich von Song zu Song weiter hoch – bis es zu einem grösseren Unterbruch kommt und die ganze Band die Bühne verlässt. Ein Stimmungskiller?
Nein, denn als die Truppe wieder erscheint – nun in Kurzarmhemden, der Frontmann ohne Helm (nennt man die Dinger Haube?), dafür mit Uniformmütze und Schaufel in der Hand – steigt der Lärmpegel noch weiter an. Es folgt irgendwas mit Spaten und Graben (Google meint «Der Maulwurf»), und die Crowd vor der Bühne geht komplett steil. Crowdsurfer sind nun en masse über den Köpfen unterwegs, und die Lautstärke des ganzen Publikums-Chor erreicht eine neue Dimension. Eins muss man Kanonenfieber definitiv lassen: für Stimmung sorgen können sie! Ich verstehe nun wirklich den kometenhaften Aufstieg der Gruppe. Und ich mag es ihnen wirklich auch gönnen. Mich spricht das aber einfach null und gar nicht an.
Keine Ahnung, ob mir das zu poppig ist – bei anderen Sachen wie Soen stört mich ein gewisser Pop-Appeal nicht. Aber diese Lieder von Kanonenfieber bleiben bei mir überhaupt nicht hängen und lösen auch keinerlei Gefühle aus. Wohl am Ende des Tages wirklich einfach Geschmackssache. Aber hey, ich habe es nochmals versucht… Da nun gerade gar nichts für mich auf dem Programm steht, und sich auch mein leicht kränklicher Zustand mit später Stunde nicht verbessert, beschliesse ich, eine Schlafpause einzulegen. Auf dem Weg zur Kabine entdecke ich dann A4-Anschläge der Veranstalter, dass Beast In Black ihre Show heute um 04:15 Uhr im Theater nachholen. Auch wenn mich das nicht betrifft; bitter für die Fans, welche sich auf eine Show um 20:45 Uhr gefreut hatten und nun richtig lange wach bleiben müssen…
Pöch: Auch ich gebe Kanonenfieber noch einmal eine Chance – und muss zugeben: Die Resonanz beim Publikum ist ziemlich beeindruckend. Da geht ordentlich was. Bei mir selbst… eher weniger. Ich bin da ganz bei dir, Luke – hängen bleibt bei mir nichts, auch wenn ich absolut verstehe, warum viele die Deutschen abfeiern.
Nach gut zwei Dritteln ist für mich deshalb Schluss. Ich ziehe weiter in die Lounge und sichere mir lieber schon mal den Übersong «Colossus» von In Mourning als würdigen Konzertabschluss. Man muss ja wissen, wie man seine Kräfte sinnvoll einsetzt.
Cemetery Skyline – Royal Theater
Pöch: Zu der Supergroup wurde ja eigentlich schon bei ihrem Auftritt am Tag 1 im Ice Rink alles gesagt. Beim zweiten Gig knüpfen die Protagonisten nahtlos an ihre Performance des Vortags an. Amorphis-Keyboarder Santeri Kallio ist nach dem Sintflut-Auftritt von Amorphis auf dem Pool-Deck wieder trocken – und verbreitet mit guter Laune das beruhigende Gefühl: Kurzschluss-Gefahr gebannt!
Mir persönlich fetzt der zweite Auftritt im Theater noch etwas mehr, weil der Sound hier absolut spitze abgemischt ist und man den Live-Genuss in den vorderen Reihen richtig spürt. Obwohl Cemetery Skyline erst ein Album vorzuweisen haben, tauschen sie im Vergleich zum Vortag zwei Songs in der Setlist aus. Ergebnis: Auf dieser Cruise mussten wir nur auf «The Darkest Night» von ihrem Erstlingswerk verzichten.
Fanzit: Beide Auftritte von Cemetery Skyline gehören definitiv zu den Highlights der diesjährigen 70’000 Tons of Metal.
Die Setlist – Cemetery Skyline – Royal Theater
- Behind The Lie
- Torn Away
- Anomalie
- The Coldest Heart
- When Silence Speaks
- I Drove All Night
- In Darkness
- Violent Storm
Leaves’ Eyes – Pool Deck
Pöch: Die deutschen Symphonic-Metaller rund um 70’000 Tons of Metal-Dauergast Alexander Krull, der auch dieses Jahr wieder durch den All-Star-Jam führt (pam: Der Nachfolger von Jeff Waters – sowohl als Dauergast und Host des Jams), hatten noch etwas gutzumachen: Am Vortag legten sie erst mit zwanzigminütiger Verspätung los. Heute läuft alles wie geschmiert – pünktlicher Start, keine Ausreden.
Trotz später Stunde und den widrigen Bedingungen auf dem Pool Deck einige Stunden zuvor feiern die Cruiser ihr Set kräftig ab. Die Mischung aus klassisch-epischen Melodien und viking-inspirierten Arrangements sprüht nur so vor Energie. Die Engelsstimme von Elina Siirala und die Growls von Alexander harmonieren perfekt. Und auch wenn die Setlist keine allzu großen Überraschungen bereithält, macht der Auftritt richtig Spaß und gehört definitiv zu den gelungenen Momenten der Cruise.
Seven Spires – Ice Rink
Pöch: Und gleich weiter zu einer tollen, charismatischen Sängerin: Avantasia-Mitglied Adrienne Cowan mit ihrer Hauptband Seven Spires. Ihre Bühnenpräsenz ist absolut überzeugend – auch wenn ich sie mit den blond gefärbten Haaren zuerst kaum wiedererkannt habe. Live ist ihre Stimme schlicht beeindruckend: kraftvoll, kontrolliert und wandelbar zwischen kristallklaren Höhen und rauchigen, emotionalen Tiefen. Dazu die Band: spielfreudig, treibend, mit einem druckvollen Rhythmus, der die Songs der Symphonic-Metal-Formation perfekt in Szene setzt.
Im Ice Rink wird heute das zweite Studioalbum «Emerald Seas» als spezielles Set gespielt – ein echtes Highlight für Fans. Das Publikum scheint Adrienne regelrecht aus den Händen zu fressen und saugt jede Sekunde des Auftritts auf. Ein rundum gelungener Gig der Amerikaner.
Die Setlist – Seven Spires – Ice Rink
- Ghost Of A Dream
- No Words Exchanged
- Every Crest
- Unmapped Darkness
- Succumb
- Drowner Of Worlds
- Silvery Moon
- Bury You
- Fearless
- With Love From The Other Side
- The Trouble With Eternal Life
Vader – Pool Deck
Roman: Hoppla, es ist schon wieder passiert. Wie naiv kann man sein, dass man zwei Nächte hintereinander denkt, man schafft es mit sowieso schon zu wenig Schlaf, mitten in der Nacht einen Powernap zu machen. Naja, durch die knapp drei Stunden Schlaf wache ich nun wenigstens etwas fitter auf, als wenn es tatsächlich bei einem Powernap geblieben wäre. Kurzer Check der Uhr: 03:30. Prima, soeben beginnen Vader auf dem Pool Deck ihr Set. Also nichts wie raus aus den Federn und rauf auf Deck 11 (oder 10? Ich weiss es nicht so genau, jedenfalls zum Pool Deck). Da angekommen, entdecke ich gleich ein paar bekannte Gesichter. Es sind also tatsächlich noch nicht alle im Bett.
Leider muss ich aber feststellen, dass ich wohl doch nicht ganz so wach bin wie gedacht. Oder zumindest nicht ganz so aufnahmefähig. Aufgrund von sehr sparsamen Notizen und fehlendem Erinnerungsvermögen will es mir hier einfach nicht gelingen, eine halbwegs schlaue Review zu schreiben. Ein kleiner Auszug aus meinen Notizen lautet «Sehr geil!». Nicht sehr hilfreich, aber somit kann ich zumindest sagen, dass es wohl ein starker Auftritt war.
Pöch, wenn ich mich richtig erinnere, warst du eines der bekannten Gesichter, die ich getroffen habe. Kannst du für unsere werten Leserinnen und Leser noch ein paar Zeilen zum Auftritt beisteuern?
Pöch: Ich kann somit offiziell bestätigen, dass du zu diesem Zeitpunkt definitiv noch nicht ganz wach warst ;-). Denn während du irgendwo zwischen Realität und Traum unterwegs bist, sitze ich ganz bodenständig im Windjammer und geniesse nach dem fulminanten Seven Spires-Gig meinen Late-Night-Hamburger – schliesslich werden dort um 4:00 Uhr gnadenlos die Tore geschlossen.
Beast In Black – Royal Theater
Roman: Nachdem die Pool Deck Show von Beast In Black aufgrund des Sturmes abgesagt wurde, wird diese nun um 04:15 Uhr im Royal Theater nachgeholt.
Grundsätzlich gefällt mir der Disco Metal von Beast In Black eigentlich recht gut. Mit ihren Konzerten ist das jedoch so eine Sache. Denn von einem Live-Auftritt kann man hier schon fast nicht mehr sprechen, sondern vielmehr von einer Playback-Show. Angefangen beim Keyboard, welches bei den Biestern schon gar nicht erst auf der Bühne steht, aber trotzdem einen wesentlichen Bestandteil ihrer Musik ausmacht. Dazu kommt, dass der Gesang einfach weiterläuft, selbst wenn niemand auf der Bühne singt. Dass nun auch noch die zweite Gitarre ab Band kommt, macht eigentlich schon fast keinen Unterschied mehr.
Trotzdem muss ich sagen, dass die Finnen zum aktuellen Zeitpunkt und um diese Uhrzeit auch «live» richtig Laune machen. Mit Hits wie «Die By The Blade», «Unlimited Sin» oder «Blind And Frozen» sorgen sie hier im Theater für hervorragende Stimmung. Bei «One Night In Tokyo» gibt es sogar eine Polonaise durch das Publikum. Wenn man also für 45 Minuten die Tatsache ausblendet, dass wohl gerade mehr Töne ab Band kommen, als live gespielt werden, macht das echt Spass.
Pöch: Jetzt liegst du richtig – bei Beast in Black haben wir uns getroffen. Und ja: Das Ganze fetzt gewaltig. Wobei… mit dem entsprechenden Alkohol-Level um diese Uhrzeit wahrscheinlich sogar noch mehr als beim ursprünglich geplanten Prime-Time-Auftritt.
Spätestens beim letzthin eher selten gespielten «Unlimited Sin» ist es dann komplett um mich geschehen – ich gebe alles und versuche (natürlich völlig erfolglos), den Rest der Halle stimmlich zu übertönen. Und bei «One Night In Tokyo» eskaliert die Sache endgültig: Unsere Swiss Gang startet parallel zur Polonaise einen Tanz mit den allerneuesten Disco-Metal-Moves: Von aussen sieht das wohl eher aus wie eine Horde unkontrollierter Metal-Zombies.
Die Setlist – Beast In Black – Royal Theater
- Power Of The Beast
- Die By The Blade
- Highway To Mars
- Born Again
- Moonlight Rendezvous
- Unlimited Sin
- Enter The Behelit
- Dark New World
- One Night In Tokyo
- Blind And Frozen
- No Surrender
Bloodred Hourglass – Pool Deck
Roman: Nach dem unterhaltsamen Auftritt von Beast In Black geht es nochmals zurück auf das Pool Deck. Hier dürfen als letzte Band des Tages (oder der Nacht) noch Bloodred Hourglass ran. Das im letzten Oktober erschienene Album «We Should Be Buried Like This» find ich echt stark und vor allem der gleichnamige Track bleibt mir richtig im Ohr hängen.
Bei ein paar Recherchen über die Band ist mir aufgefallen, dass die Finnen zwar seit ihrer Gründung den gleichen Sänger haben, inzwischen aber trotzdem überall ein anderer Name auftaucht. Jarkko Koukonen hat seinen Namen vor ein paar Jahren, als Anlehnung an den 30 Seconds To Mars-Sänger, Jared Leto, in Jaredi Koukonen geändert. Was ursprünglich als Witz entstand, endete schliesslich in einer offiziellen Namensänderung.
Und eben dieser Jaredi eröffnet das Set mit der Frage: «Is it good morning or good evening?». Eine durchaus berechtigte Frage, wenn man ein Konzert um fünf Uhr morgens spielt. Was die korrekte Antwort auf seine Frage ist, kann hier jeder für sich selbst entscheiden.
Die zu Beginn erwähnte Platte wird heute fast in ganzer Länge durchgespielt. Zwar nicht ganz in der korrekten Reihenfolge, aber von den zehn Songs schaffen es immerhin ganze acht in die Setlist. Zusätzlich geschmückt wird diese mit «In Lieu Of Flowers» und «The Sun Still On Me» vom 2023er-Album «How’s The Heart?».
Leider kommt jedoch auch hier recht viel ab Band und genau wie bei Beast In Black vorhin sucht man das Keyboard auf der Bühne vergebens. Dennoch finde ich das Ganze ein ziemlich gelungener Auftritt. Um diese Uhrzeit bietet zudem auch der Platz vor der Bühne zunehmend eine lustige Szenerie. Und spätestens, wenn der Whirlpool von komplett bekleideten Menschen inklusive Jeanshosen geentert wird, wird es wohl Zeit ins Bett zu gehen.
Pöch: Ich bin froh, dass du inzwischen wieder hellwach bist und zum Abschluss von Tag 2 noch ein so ausführliches Review hinkriegst. Ich selbst bin nur bei Haggard kurz in eine Traumwelt abgetaucht – und merke nun langsam die Abnutzungserscheinungen einer langen Nacht. Der Auftritt der Finnen gefällt mir zwar richtig gut (obwohl ein paar Fan-Klassiker wie «Veritas» und «Drag Me The Rain» in der Setlist fehlen), aber warum genau, kann ich zu dieser frühen Stunde nicht richtig sagen. Also vertraue ich voll und ganz auf deine Einschätzung – und freue mich jetzt auf dreieinhalb Stunden Schlaf, bevor es um 10:00 Uhr mit Hiraes wieder losgeht.
Die Setlist – Bloodred Hourglass – Pool Deck
- The Crown Is Permanent
- In Lieu Of Flowers
- Chasing Shadows
- Royally Done
- God Has Favourites
- Dance Of The Dandelions
- The Sun Still In Me
- Vividus
- Shun The Limelight
- We Should Be Buried Like This
Pub – Sonnenaufgang – Windjammer
Roman: Das mit dem Schlafengehen ist so eine Sache. Denn der Sonnenaufgang ist nicht mehr allzu weit entfernt und so wäre es ja fast schade, jetzt in die Kabine zu verschwinden. Also was machen, wenn keine Konzerte mehr laufen, es aber doch noch eine kurze Zeit zu überbrücken gibt? Das Pub bietet sich da als willkommene Lösung an. Dort treffen wir unter anderem auch auf die Truppe von Vader, die nicht den Anschein erwecken, gleich ins Bett zu gehen.
Mit einem letzten Bier ausgestattet geht es hinauf auf Deck 12. Sonnenaufgänge sind ja immer etwas Schönes. Auf einem Kreuzfahrtschiff auf offenem Meer fährt das aber irgendwie nochmals extra ein. Es hat sich also auf jeden Fall gelohnt, wach zu bleiben. Und da nun im Windjammer bereits das Frühstücksbuffet eröffnet ist, kann auch ein weiterer Abstecher nicht schaden, bevor es kurz vor acht Uhr dann definitiv in Richtung Kabine geht. Immerhin will ich um zehn Uhr bereits wieder bei Hiraes vor der Bühne stehen.
70‘000 Tons Of Metal 2026 – Tag 3 (Donnerstag, 31. Januar)
Luke: Eigentlich war gestern nach Kanonenfieber ja nur eine Schlafpause geplant. Auf Vitame Et Mortem, oder allerspätestens auf Vader um 03:30 Uhr morgens, wollte ich wieder aufstehen. Nun, das Durchschlafen trotz mehreren Weckern und Schichtwechseln der Kabinenbesatzung ist wohl ein eindeutiges Zeichen, dass der Körper grad viel Schlaf gebraucht hat. Und dies obwohl ich ja gestern schon lang und viel geschlafen habe. Aber hey, dafür fühle ich mich nun richtig gut! Der Hals kratzt praktisch nicht mehr, und auch das leicht kränkliche Gefühl ist wie weggeschlafen. Somit scheint sich die verpasste Nachtschicht, welche auch Line-up-mässig zu verkraften ist, definitiv gelohnt zu haben!
Hiraes – Pool Deck
Luke: So tauche ich auch mehr als pünktlich auf dem Pool Deck auf. Obwohl ich kein Schiffs-Internet gebucht habe, funktioniert mein Telefon über Daten-Roaming und US-Handynetz. Immer ein eindeutiges Zeichen dafür, dass wir uns wohl sehr nahe vor der Küste Floridas aufhalten. Dem Sturm scheinen wir somit ausgewichen zu sein – es drückt sogar ein ganz kleines bisschen Sonne durch – die Temperaturen sind aber nach wie vor alles andere als angenehm. Besonders der fiese Wind sorgt nicht gerade für sehr sommerliche Gefühle. Egal, denn es folgt nun eine Band, die uns sicher aufheizen wird.
Hiraes wurden mir vor der Cruise von Chef pam wärmstens ans Herz gelegt. Am Mikrofon steht bei der Gruppe mit Britta Görtz eine Sängerin, die in letzter Zeit in aller Munde war – sei es durch ihr Feature mit Kreator oder auch durch die Tätigkeit als Live-Aushilfe bei Heaven Shall Burn. Musikalisch ist der zweite der beiden Acts allerdings definitiv die bessere Referenz für Hiraes: Geboten wird nicht etwa Thrash, sondern moderner Melodic Death Metal an der Grenze zum Metalcore. Nach anfänglich kleinen Problemen mit dem Mikrofon packt Britta gleich ihre beeindruckenden Growls aus, welche teilweise sogar mit Pig Squeals ergänzt werden. Zusätzlich zu ihrer guten Stimme weiss die Frontfrau übrigens genau, wie man Vocal-Effekte richtig einsetzt, ohne dass sie allzu störend wirken.
Im Gegensatz dazu empfinde ich die Backtracks wieder einmal als eher nervig und vor allem zu laut. Dank dem Wind ist der Sound auch sonst nicht ganz ideal und gerade dann stören mich die zusätzlichen lautstarken Spuren ab Band manchmal extrem. Britta macht das mit ihrem Charme und den sehr sympathischen Ansagen aber locker wett. So lässt sie die Anwesenden wissen, dass sie mit einer anderen Band (Cripper) bereits auf der ersten 70’000 Tons of Metal war, damals als eine von zwei oder drei Frauen. Dass sie nun nicht nur mit Hiraes zurück auf der Cruise ist, sondern auch viel mehr Gruppen mit weiblicher Beteiligung auf dem Boot sind, freut sie sehr. Das für die kühlen Temperaturen ziemlich zahlreich anwesende Publikum hat sie somit sehr schnell im Sack.
Musikalisch gefällt mir das Dargebotene abgesehen von den Backtracks ziemlich gut, obwohl mich das Songwriting nicht komplett umhaut. So richtig viel hängen bleibt bei mir nicht, und es klingt alles eher gleich. Auch dank einer sehr aktiven Britta – beim letzten Song gibt es sogar einen Ausflug ins Publikum und bis zum Whirlpool direkt vor uns – ist der Auftritt eine wirklich gelungene Sache. Pams Grinsen beim Betrachten seiner Fotos nach Brittas Ausflug spricht jedenfalls Bände. Keine Ahnung, ob ich mir nun gleich eine CD zulegen werde, live würde ich mir Hiraes aber jederzeit wieder ansehen.
Roman: Deiner Einleitung mit Ausschlafen und so richtig fit vor der Bühne Stehen, kann ich mich zwar nicht ganz anschliessen, Luke, deinen Worten zu Hiraes hingegen schon. Musikalisch gefällt mir das sehr gut, aber auch für mich klingt mit der Zeit alles etwas ähnlich. Britta macht das mit ihrem sympathischen Auftritt und ihrer krassen Stimme aber definitiv wieder wett. Für mich war das insgesamt also ein sehr cooler Auftritt.
Die Fotos – Hiraes – Pool Deck
Darkane – Royal Theater
Luke: Weiter geht es für mich mit Darkane. Die Truppe aus Schweden war mir ehrlich gesagt vor der Cruise gar kein Begriff, hat aber nach der Beschreibung im Programmheft grosses Potential, eine Entdeckung zu werden. Beim Eintreffen im Royal Theater ist der Stehplatzbereich ganz ordentlich gefüllt, auf den Sitzplätzen tummeln sich hingegen nur ganz vereinzelt Leute. Dafür klingt der Sound direkt vor der Bühne für einmal hervorragend. Und auch sonst gefällt mir das hier aufs erste Ohr sehr gut!
Die Band vermischt melodischen Death Metal und Thrash abgeschmeckt mit ein paar Prisen Core zu einer sehr eigenständigen Mischung. Die Vocals von Sänger Tobiasz Derengowski sind ebenso vielfältig wie der Stilmix der Gruppe. Dazu kommt die wirklich grandiose Gitarrenarbeit, bei welcher Klas Ideberg und Christofer Malmström sich mit Leads abwechseln und gegenseitig zu Höchstleistungen antreiben. Umso unverständlicher, dass auch hier teilweise viel zu opulente Backtracks dazu gemischt werden müssen. Zum Glück nicht bei allen Liedern gleich stark – bei einem neuen Song, dessen Titel ich leider nicht verstanden habe, wird sogar komplett darauf verzichtet. Und trotzdem klingt das sehr gut, umso unverständlicher, wieso man nicht generell darauf verzichtet.
Das soll aber sowieso die einzige Kritik von meiner Seite bleiben, abgesehen davon gefällt mir der Auftritt gut. Künftig werde ich Darkane definitiv auf dem Radar behalten.
Roman: Genau wie bei dir, Luke, war die Beschreibung der Band im Programm mein erster Kontaktpunkt mit Darkane und der hat durchaus mein Interesse geweckt. Nach kurzem Reinhören vor dem Konzert war ich mir ziemlich sicher, dass das auch für mich eine Entdeckung werden könnte. Nur leider holt mich das live gar nicht ab. Immer wieder denke ich, jetzt packt es mich dann gleich. Doch irgendwie will der Funke bei mir einfach nicht rüberspringen. Somit verabschieden sich pam und ich nach ein paar Songs in Richtung Windjammer zum Buffet.
Wo treibst du dich eigentlich rum, Pöch?
Pöch: Danke der Nachfrage! Mit drei Stunden Schlaf und einem kurzen, aber energiereichen Frühstück starte ich überraschend fit in diesen Monster-Tag (10:00 Uhr bis ungefähr 4:30 Uhr). Dank euren starken Berichten bleibe ich entspannt im Hintergrund: Hiraes (vor allem die charmante Britta mit ihrer Bühnen- beziehungsweise Poolpräsenz) überzeugen auch mich, während ich Darkane nach ein paar Songs gegen ein nahezu warteschlangenfreies Survivor-Shirt eintausche.
Die Fotos – Darkane – Royal Theater
VBO – Pool Deck
Luke: Auf dem Pool Deck folgt nun der allererste Auftritt überhaupt von Vice Business Only, abgekürzt VBO. Dabei handelt es sich um ein neues Projekt von Wind Rose-Sänger Francesco Cavalieri, welches gemäss 70k-Info den Synth-Rock-Sounds der 80er-Jahre Tribut zollen soll. Klingt grundsätzlich nicht einmal so uninteressant, was genau einen erwartet, konnte man aber nicht wirklich herausfinden im Vornherein. So gibt es Beispielsweise noch gar keine Songs auf Spotify, und auch die Soundschnipsel auf YouTube und sonstigen Plattformen sind äusserst dürftig. Dafür, dass wohl noch niemand wirklich weiss, wie das ganz tönt, ist der Platz vor der Bühne bei Beginn ordentlich gefüllt.
Los geht es mit einem italienischen Opern-Intro, und dann betreten die im 80er-Drogendealer-Look gekleideten Italiener die Bühne. Sofort fällt auf: Hier gibt es nicht nur ein stationäres Keyboard, sondern der Bassist hat unter seinem Viersaiter zusätzlich noch ein kleines Exemplar montiert. Habe ich so auch noch nie gesehen. Was dann aber musikalisch folgt, ist zumindest für mich eine ziemliche Enttäuschung: Hier wird scheinbar nicht etwa Hardrock aus den 80er-Jahren gefrönt, sondern seichtestem Synthie-Pop. Und dazu liefert Francesco Gesang, der so gar nicht passt, ja sogar regelrecht stört. Ich könnte mir vorstellen, dass Björn Strid auf der instrumentalen Vorlage tatsächlich etwas einigermassen Vernünftiges kreieren könnte. Aber so in der Kombination ist das gar nichts, sorry.
Es bleibt die grosse Frage, wie eine solche Truppe zu zwei dermassen guten Spielzeiten und Locations (Tag 3 Pool Deck 11:30 Uhr, Tag 4 Ice Rink 15:30 Uhr) gekommen ist? Reicht da der Hype um Wind Rose? Findet Andy das tatsächlich gut? Oder hat hier sogar jemand bezahlt, um ein neues Projekt möglichst gross lancieren und vermarkten zu können? Keine Ahnung, die Antwort weiss wohl nur der Skipper. Mir tut es schlicht und einfach leid für alle Bands, die WIRKLICH etwas draufhaben und sich zweimal mitten in der Nacht oder auf der kleinen Bühne abrackern müssen… Nun ja, immerhin ist es von hier nicht weit in den Windjammer und essen wäre sowieso keine schlechte Idee.
Pöch: Als alter Achtziger-Fan habe ich ja grundsätzlich nichts gegen eine Prise Synthie-Pop – aber wie Luke treffend beschreibt, passt Francescos Stimme hier einfach nicht ins Bild. Zwerg, bleib bei deinem Pickel (oder wie heisst das Sprichwort schon wieder)! Immerhin rettet das Duran Duran-Cover «The Wild Boys» kurz die Stimmung – nichtsdestotrotz hätte man diese Slots definitiv besser besetzen können.
Die Fotos – VBO – Pool Deck
Heathen – Royal Theater
Luke: Frisch gestärkt geht es ins Theater, wo Heathen bereits am Spielen sind, als wir eintreffen. Hier hat es nun doch um einiges mehr Leute als noch bei Darkane zuvor, obwohl es definitiv auch noch voller sein könnte. Schliesslich haben wir es hier mit einer seit 1984 aktiven Band zu tun. Zum ganz grossen Durchbruch hat es der Gruppe zwar nie gereicht, ein gewisses Standing hat man sich aber durchaus erarbeitet. Meine Theorie, wieso Heathen nicht noch grösser geworden sind, bestätigt sich heute einmal mehr ein Stück weit: Irgendwie fällt die Musik zwischen alle Stühle und Bänke. Der musikalische Unterbau ist eindeutig etwas für die Thrasher und diejenigen Speed Metaler, die es gerne etwas härter mögen. Die Stimme von David R. White hingegen würde perfekt in eine Power Metal-Band passen und ist für viele Thrasher – mich eingeschlossen – fast etwas zu hoch und melodiös.
Damit ereilt die Kalifornier ein ähnliches Schicksal wie Flotsam and Jetsam: Den einen zu hart (musikalisch), den anderen zu soft (gesanglich). Live gefällt mir das aber in der Regel gar nicht so schlecht, und das ist heute ebenfalls so. Bei nahezu perfektem Sound – dieses Lob muss nach meiner ganzen Kritik an zu lauten Bässen nun auch sein – spielen sich Heathen durch ein richtig gutes Set, welches einiges an Abwechslung bietet. Dem Frontmann merkt man sein Alter von 63 Jahren weder stimmlich noch optisch an. Die Töne sitzen und so nebenbei hat der gute Herr zudem einen ordentlichen Bewegungsdrang auf der Bühne. David und seine Mitstreiter, bei welchen Original-Gitarrist Lee Altus (auch bei Exodus) leider fehlt, liefern einen richtig guten Auftritt ab, der Spass macht.
Die Fotos – Heathen – Royal Theater
Minipony – Ice Rink
Luke: Ab in den Ice Rink für eine weitere Folge «Lass dich überraschen». Minipony waren eine der letzten Bands, die bekannt gegeben wurde, und stammen aus Ecuador. In der 70K-Bands-App steht bei Stilrichtung nur «Minipony from Ecuador», was an und für sich schon ein Statement ist. Und die Macher der App haben damit nicht einmal unrecht, ich habe noch nie eine auch nur ähnliche Gruppe gehört. Die Band besteht aus einem Drummer, welcher sein Kit äusserst energisch, aber ebenso monoton bearbeitet. Dazu ein Gitarrist mit achtsaitigem Arbeitsgerät und einem Laptop vor sich. Und schliesslich wäre da noch die Sängerin Emilia, welche zwischen dem teils klaren, teils gegrowlten und teils einfach nur schrägen Gesang noch einen Sampler bedient. Diesem entlockt sie aber nicht etwa weitere Instrumente, sondern schräge bis absurde Geräusche wie das Pfeifen einer Rückkopplung.
Kollegin Karima ergreift bereits während des ersten Songs die Flucht, Röschu kurz danach. Yvonne und ich halten hingegen tapfer drei «Lieder» lang durch, wobei diese frei von jeglichen Strukturen sind. Irgendwie scheint das die Extreme Metal-Variante von Free Jazz zu sein, angereichert durch Industrial- und Noize-Elemente. So ergreifen auch wir nach den obligatorischen drei Stücken Musik (oder so) die Flucht. Eventuell bin ich einfach zu blöd für den Sound, aber beim Rausgehen halte ich es mit Hans Jucker und seiner Meinung zu Ponys. Also lieber kurz beim Merch vorbeischauen, wie lange die Schlange aktuell noch ist.
Pam, welcher später eintrifft, scheint das aber, wie wir später erfahren, gefallen zu haben?
pam: Ui, gut hab ich den Beschrieb von Luke nicht gelesen, bevor ich mich in die Eishalle begebe … denn das hört sich definitiv nicht nach meinem Geschmack an. Aber hey, entweder hab ich grad einen Toleranzboost oder der Beschrieb von dir, Luke, entspricht nicht so ganz dem, wie ich es wahrnehme. Gut, du bist mit meinem Vergleich von einem Mix zwischen Rage Against The Machine und Fear Factory nicht ganz einig. Du meinst gar, dass es eher eine schlechtere Variante von Ministry sei. Grundsätzlich hat das schon einiges an Industrial drin, aber wie ich eben finde, auch was von RATM. Nun, aus irgendeinem Grund packt mich das Ganze schon. Sogar so, dass ich grad nach dem Konzert nochmals in den Merch renne und mir ein Minipony-Shirt ergattere. Darauf steht in «normaler» Schrift einfach Minipony. Solche Bandshirts sind praktisch, weil die nicht nach Bandshirts aussehen und so auch bei der Freundin durchgehen könnten. (Luke: Und wenn der Riese pam ein Shirt mit Aufdruck «Minipony» trägt, gibt es für den Nicht-Kenner zudem durchaus etwas zu lachen 😉 Aber mal ganz im Ernst, wo du hier zwischen den ganzen Disharmonien RATM gefunden hast, erschliesst sich mir echt nicht. Aber eventuell war ja die zweite Hälfte des Sets effektiv ganz anders, als der noisige Free-Jazz-Beginn, wer weiss…).
Live hat das Ganze so eine Wucht, dass es wohl ab Konserve schon nie so rüberkommt. Und so zögere ich noch, mir das Ganze auch mal zu Hause anzuhören. Ich hab Schiss, dass es dann die ganze Erinnerung an diesen Abriss zerstört. Für mich definitiv die grösste und positivste Überraschung der 70’000 Tons of Metal 2026.
Roman, das müsstest du jetzt auch grad erleben … Wo steckst du?
Roman: Ich bin auf dem Weg! Nach einem kurzen Abstecher aufs Pool Deck zieht mich die Neugier ebenfalls in den Ice Rink. Wie es scheint, ist Luke zu diesem Zeitpunkt schon wieder weg – zumindest sehe ich ihn nicht. Aber ich entdecke ein völlig begeisterter pam, nichts wie hin. Ich kann zwar nicht ganz die gleiche Begeisterung aufbringen, der Auftritt ist aber definitiv interessant. Minipony gehen ziemlich ab auf der Bühne. Selbst ein kaputter Gitarrengurt bringt hier niemanden aus dem Konzept, sondern es wird einfach munter weitergemacht. Zusammen mit ihrem ganz eigenen Sound ergibt das eine ziemlich unterhaltsame Mischung. Ob mir das, was ich da sehe und höre, schlussendlich wirklich gefällt, kann ich aber nicht so recht sagen. Zu Hause wird der Sound bei mir wohl auch nach der Cruise nicht laufen, live würde ich mir Minipony aber jederzeit wieder reinziehen.
Die Setlist – Minipony – Ice Rink
- Kill Like A Human
- Gatos
- Imago
- Milkwithsilk
- The Meeting
- Dragónprincesa
- Song For Fiona
- Don 18
- Minipony Meat
Die Fotos – Minipony – Ice Rink
Roman: Da uns die Running Order nun eine kleine Verschnaufpause gönnt, ziehen pam und ich nach dem Konzert weiter in den Windjammer. Dort treffen wir wieder auf Asis, zusammen mit Mattia Rubino, Drummer von Haggard. Beim gemeinsamen Mittagessen besprechen sie gerade ihr anstehendes Konzert auf der Pool-Deck-Stage und verraten uns dabei sogar die Setlist, die uns heute Abend erwarten wird. Zudem schwärmt Asis von Paradise Lost und erzählt uns, dass er die Jungs gerne treffen würde. Während ich also gerade völlig begeistert bin, mit Asis zu essen, möchte er ebenfalls seine «Helden» treffen. Pam hat das anschliessend schön gesagt: «Irgendwie sind wir doch alle nur Fans.»
Ignea – Pool Deck
Pöch: Was für ein bemerkenswert unpolitisches Statement von Skipper Andy, als er im September 2025 am selben Tag Ignea (Ukraine) und Arkona (Russland) ankündigte. Oder eben ein klares Zeichen dafür, dass bei den «United Nations of Heavy Metal» Grenzen keine Rolle spielen – und einzig das gemeinsame, friedliche Feiern zählt.
Die ukrainische Band Ignea bewegt sich stilistisch irgendwo zwischen Modern Metal, Symphonic Metal und orientalisch angehauchtem Melodic Death Metal – genau diese Mischung macht sie so spannend. Seit 2017 rotieren ihre Alben regelmässig in meiner Playlist, doch erst 2024 klappt es endlich mit dem Live-Debüt in Monthey als Support von Eleine. Nach dieser starken Performance ist die Vorfreude auf ihren Auftritt auf der Pool Stage entsprechend gross.
Ignea ziehen das Publikum sofort in ihren Bann und erschaffen eine dichte, fesselnde Atmosphäre. Im Zentrum steht Frontfrau Helle Bogdanova: Mit beeindruckender Präsenz wechselt sie mühelos zwischen zerbrechlichen, sphärischen Momenten und kraftvollen Growls. Ihre Interaktion mit dem Publikum wirkt dabei jederzeit authentisch und herzlich. Die Band liefert dazu präzise Riffs mit ordentlich Groove, während die elektronischen Elemente live überraschend stark zur Geltung kommen – die Keytar sticht dabei natürlich besonders ins Auge.
In ihrem 45-minütigen Set decken Ignea ihre verschiedenen Schaffensphasen ausgewogen ab und liefern einen rundum überzeugenden Auftritt, der ihnen mit Sicherheit einige neue Fans einbringt.
Die Setlist – Ignea – Pool Deck
- Sputnik
- Gods Of Fire
- Jinnslammer
- Too Late To Be Born
- Nomad’s Luck
- Daleki Obriyi
- Bosorkun
- Magura’s Last Kiss
- Şeytanu Akbar
- Alga
Royal Hunt – Theater
Pöch: Weiter gehts mit den Dänen von Royal Hunt – einer Band, die meinen Metal-Einstieg Anfang der 2000er mehr als einmal versüsst hat. Diese herrlich keyboardgetränkten, melodischen Prog-Metal-Nummern haben sich damals sofort im Ohr festgesetzt. Live durfte ich sie in dieser Phase gleich zweimal erleben – einmal als Support von Pretty Maids im Z7 und 2005 bei einem Club-Gig im Rock City Uster.
Und auch 2026 funktioniert das Ganze noch erstaunlich gut. Spätestens als sie bereits an zweiter Stelle meinen Lieblingssong «Lies» aus dem Ärmel schütteln, ist der Nostalgie-Trip komplett. Einziger kleiner Dämpfer: Die Gitarren könnten heute etwas mehr Wumms vertragen, während die Keyboards phasenweise fast schon Alleinherrscher spielen – auch wenn das natürlich irgendwie zum Konzept der Band gehört.
Zum Schluss drehen sie dann nochmal richtig auf und servieren gleich drei Songs vom Überalbum «Paradox» – und holen mich damit endgültig ab. Fanzit: ein starker Auftritt mit ordentlich Retro-Charme.
Die Setlist – Royal Hunt – Theater
- One Minute Left To Live
- Lies
- The Mission
- Martial Arts
- River Of Pain
- Tearing Down The World
- Message To God
Ad Infinitum – Pool Deck
Pöch: Da sich meine nächsten Musikerlebnisse nur noch im Schiffsinneren abspielen werden, tanke ich bei Ad Infinitum noch ein paar letzte Sonnenstrahlen – vermutlich eines der letzten Konzerte draussen, bei dem die Kapuze noch Pause hat.
Offenbar haben viele denselben Plan: Die Truppe rund um die Schweizer Sängerin Melissa Bonny darf vor einer beachtlichen Kulisse ran. Da der Auftritt stark dem gestrigen Theater-Gig ähnelt, sparen wir uns an dieser Stelle eine weitere Detailanalyse. Aber eins ist klar: Die Band sorgt dafür, dass das Pool Deck noch einmal ordentlich Wärme speichert.
Luke: Auch ich schaue kurz bei Ad Infinitum vorbei und bin beeindruckt von Melissas Stimme. Growls und Klargesang, alles sehr schön. Der ganze Rest ist hingegen nichts für mich. Unendlich Backtracks und musikalisch irgendwo zwischen Operette und Evanescence. Nö du, da verabschiede ich mich lieber Richtung Ice Rink.
Die Setlist – Ad Infinitum – Pool Deck
- Follow Me Down
- Aftermath
- Somewhere Better
- Outer Space
- Upside Down
- Dead End
- Surrender
- The One You’ll Hold On To
- Regicide
- Unstoppable
- Into the Night
Satan – Ice Rink
Luke: Jetzt habe ich doch glatt wegen Ad Infinitum den Anfang von Satan verpasst. Ich bin wahrlich nicht der grösste Kenner oder Fan der NWOBHM, aber seit meinem Erstkontakt mit Satan am Party.San 2019 mag ich die Gruppe sehr. Dort haben die Engländer trotz fehlender zweiter Gitarre und absoluter Exoten-Position im Billing mehr als nur überzeugt. Als ich mit meiner Verspätung eintreffe, ist der Ice Rink ziemlich gut gefüllt, und vorne dreht ein sehr langsamer, aber zur Musik passender Circle Pit. Habe ich so also auch noch selten gesehen…
Die Band überzeugt mich erneut ab der ersten Sekunde. Musikalisch ist das irgendwie einfach anders als alle anderen Genre-Bands. Im Vergleich zu Aushängeschildern wie Iron Maiden und Judas Priest etwas mehr Hardrock und weniger Metal, aber einfach mit guten Songs und vor allem super Melodien. Der grösste Trumpf ist und bleibt Sänger Brian Ross. Nicht nur, dass er mit über siebzig (!!) noch absolut top bei Stimme ist. Auch sein Stage-Acting mit einer Mimik irgendwo zwischen Alice Cooper und Gerre von Tankard zieht mich in den Bann. Dazu die in breitestem Geordie-Englisch vorgetragenen und mit viel Humor gespickten Ansagen zwischen den Songs. Unter anderem lässt er die Anwesenden jetzt schon wissen, dass die Band zwei komplett unterschiedliche Setlists für die beiden Auftritte hat .
Dies wäre gar nicht mehr nötig gewesen, ich habe mir das zweite Set morgen sowieso schon gedanklich dick angestrichen. Dann werde ich definitiv nicht mehr die ersten zwanzig Minuten verpassen, denn dieser sehr starke Auftritt heute hat sowas von Lust auf mehr gemacht.
Die Setlist – Satan – Ice Rink
- Siege Mentality
- Twenty Twenty Five
- Ascendancy
- Burning Portrait
- The Devil’s Infantry
- Sacramental Rites
- Ophidian
- Testimony
Orden Ogan – Royal Theater
Roman: Da ich den ersten Auftritt von Orden Ogan für Izegrim habe schleifen lassen, stehe ich für ihren zweiten Auftritt nun pünktlich im Royal Theater. Ich bin offensichtlich nicht der Einzige, der den Orden der Angst sehen möchte, denn das Theater ist bereits ordentlich gefüllt. Anders als es der übersetzte Bandname voraussagt, verursachen die Herren bei mir aber überhaupt keine Angst, sondern durchweg positive Gefühle. Die eingängigen Melodien bleiben direkt hängen und versetzen mich in Mitsing-Laune. Mit ihren Hymnen wie «Gunman» oder «The Things We Believe In» bringen sie zudem im Publikum ordentlich Bewegung rein. Die Stimmung ist hervorragend und sowohl auf als auch vor der Bühne sind hier alle engagiert bei der Sache. Sehr cooler Auftritt.
Pöch: Auch ich lasse mir die zweite Show von Orden Ogan natürlich nicht entgehen. Erstens, weil ihre eingängigen Power-Metal-Hymnen bei mir immer funktionieren, und zweitens, weil es wohl der letzte Auftritt von Marc Lopes als Orden Ogan-Leadsänger ist. In Anbetracht seines kurzfristigen Einspringens sei verziehen, dass beim zweiten Gig exakt die gleiche – wenngleich mit Hits vollgepackte – Setlist gespielt wird. Never change a winning setlist, sozusagen.
Während ich mich durch die Show höre, steigt gleichzeitig schon die Vorfreude auf Januar 2027: Orden Ogan (dann hoffentlich wieder mit Seeb in Bestform am Mikro) und Ensiferum werden dann das Z7 rocken.
Die Setlist – Orden Ogan – Royal Theater
- F.E.V.E.R
- Conquest
- Come With Me…
- Heart Of The Android
- The Order Of Fear
- Gunman
- Let The Fire Rain
- The Things We Believe In
In Mourning – Ice Rink
Luke: Nach meinem Flash bei Satan muss ich zuerst einmal etwas herunterkommen. Das mache ich natürlich wieder einmal im Casino, da mir die Alternativen Ereb Altor und Orden Ogan beide nicht allzu verlockend vorkommen. Mein musikalisches Programm hat auch sonst gerade nicht die grossen Must-sees in Petto und so schaue ich doch mal bei In Mourning vorbei. Die Betonung liegt hier aber auf schnell, denn ich finde den Sound ziemlich schnarchig. Ich würde das irgendwo zwischen Melo Death und Gothic einordnen, und die Cleanvocals hätten genauso perfekt auf die kurz vor der 70k stattfindende E.N.D. (Emo Never Dies)-Cruise gepasst. Nein, definitiv nichts für mich. Wohl eher deine Baustelle, Pöch?
Pöch: Oh ja, definitiv! Ich bin mittlerweile so oft bei den Schweden unterwegs, dass ich mich bald offiziell als Baustellenleiter der Band bewerben kann. Keine drei Wochen nach dem Gig hier im Ice Rink stehe ich schon wieder im Kiff Aarau vor der Bühne – diesmal im Vorprogramm von Omnium Gatherum (zusätzlich ein Wiedersehen mit Saitenhexer Markus Vanhala, für den ich nach den vier Auftritten auf der diesjährigen Cruise mit Cemetery Skyline und Insomnium schon fast eine Stempelkarte bekomme).
Seit meinem Erstkontakt am Sabaton Open Air 2016 kreuzen sich die Wege mit der progressiven Melodic Death Metal-Band regelmässig – live, wie auch im Kopfhörer. In Mourning liefern einfach immer wieder spannende Kost ab. Nicht unbedingt Fast Food, eher ein mehrgängiges Menü für Fortgeschrittene.
Der Ice Rink macht es einem dieses Jahr allerdings nicht leicht: Unten im Stehbereich wummert der Bass gern mal alles zu. Ganz oben bei den Sitzplätzen leicht seitlich versetzt klingts deutlich besser – also ab zum bewährten Trick: Sitzplatz mit perfekter Sicht nahe Bar vor einem Pfosten (da in meiner Lieblingslocation in Pratteln alle strategisch gut gelegenen Pfosten schon getauft sind, kriege ich vielleicht wenigstens hier auf hoher See einen «Pöch-Pfosten» 😉 ).
Für den komplexen, technischen Sound von In Mourning gehe ich kein Risiko ein, parke bei meinem Pfosten und lasse mich direkt in die melancholisch-düstere Atmosphäre ziehen. Irgendwo zwischen älteren Opeth-Vibes, Hühnerhaut-Melodien und Wechselspiel aus Growls und cleanen Vocals – dazu gleich drei Gitarren, die ein dichtes Klangnetz spannen. Im Fokus steht das aktuelle Werk «The Immortal» (2025), das live richtig gut zündet.
Und dann kommt er natürlich: «Colossal». Der Song vom 2012er-Album «The Weight Of The Oceans», bei dem ich jedes Mal kurz vergesse, wo ich eigentlich bin. Genau der Grund, warum ich gestern noch schnell zehn Minuten in der Lounge vorbeischauen musste. Was für ein Brett!
Mit breitem Grinsen und innerlich noch leicht durchgeschüttelt gehts weiter Richtung Theater – die nächste Portion Schweden Metal wartet schon.
Die Setlist – In Mourning – Ice Rink
- Song Of The Cranes
- Silver Crescent
- Sovereign
- A Vow To Conquer The Ocean
- Thornwalker
- Colossus
Firewind – Pool Deck
Luke: Mooooment, lieber Pöch. Zuerst steht doch noch mein Ausflug aufs Pool Deck an, wo es zwar kalt ist, die Sonne aber trotzdem ein kleines bisschen durchdrückt. Richtig viele Leute, welche dem Genudel von Gus G. (seines Zeichens ehemaliger Gitarrist von Ozzy Osbourne) und seiner Truppe zuhören wollen, hat es trotzdem nicht. Verständlich, denn bis auf die natürlich über jeden Zweifel erhabene Gitarrenarbeit gibt es hier auch nicht sehr viel Spannendes zu entdecken. Ich kann mich gerade nicht entscheiden was mich mehr nervt: Die massiven Backtracks oder die in hohen Lagen sehr anstrengende (für den Hörer, für den Sänger angestrengte) Stimme von Sänger Henning Basse. Wenn man die hohen Töne so rausdrücken muss, sollte man sie eventuell ganz weglassen. Nö, nichts für mich. Also nochmals kurz ins Casino, bevor ich wieder einen Termin hier oben habe.
Roman: Mich haut das zwar jetzt auch nicht grad aus den Socken, ich kann dem Auftritt aber durchaus etwas mehr abgewinnen als du, Luke. Und wenn die Sonne auf dem Pool Deck schon mal kurz scheint, muss man das definitiv ausnutzen.
Mein Blick wandert zwischen der Bühne und dem Whirlpool hin und her. Während auf der Bühne Gus G. mit der echten Gitarre hervorragende Fingerfertigkeiten zeigt, eifern ihm im Whirlpool zwei mit aufblasbaren Gitarren nach. Der Unterhaltungsfaktor scheint im Whirlpool um einiges höher als auf der Bühne (zumindest gilt das für mich). Zwischendurch sind die beiden Gummi-Gitarristen im Pool sogar am Crowdsurfen, jedoch nur bis wieder ein Crew-Mitglied vorbeiläuft und das Unterfangen unterbricht. Alles in allem also ein sehr unterhaltsames Konzert.
Soilwork – Royal Theater
Roman: Es folgt ein weiterer Abstecher ins Theater. Obwohl mir der Sound von Soilwork eigentlich gefallen müsste, werde ich einfach nicht so richtig warm mit ihnen. Trotzdem sind die Schweden wieder mal einen Versuch wert. Da gibt es allerdings einige, die mit Soilwork definitiv wärmer sind als ich. Das Theater ist gerade so voll wie noch nie (zumindest bei meinen Besuchen hier). Was man Soilwork im Vornherein bereits zugutehalten muss, ist, dass sie heute eine komplett andere Setlist als bei ihrem ersten Auftritt spielen werden.
Die Truppe macht einen sehr sympathischen Eindruck und legt eigentlich einen souveränen Auftritt hin. Ich schaue mir zwar fast das ganze Set an, doch irgendwie will mich das trotzdem nicht so ganz packen. Ich kann zwar nicht sagen, an was es liegt, am heutigen Auftritt allerdings bestimmt nicht. Pöch, wie sieht es bei dir aus?
Pöch: Gestern am Pool Deck noch am Meckern, weil nur gefühlt jeder dritte Lieblingssong im Set war – heute liefern die Jungs im Theater nun vorbildlich ein komplett anderes Programm ab. Und siehe da: plötzlich deutlich mehr Trefferquote bei meinen Soilwork-Favoriten! Ganz perfekt wirds trotzdem nicht – auch hier schleichen sich ein paar kleine Hänger ein. Die ultimative Lösung wäre wohl ein «Best of beider Gigs»-Set … Dann gäbe es bei mir vermutlich kein Halten mehr.
So oder so: erneut ein sehr solider Auftritt der sympathischen Schweden, der beim gut gefüllten Theater bestens ankommt.
Die Setlist – Soilwork – Royal Theater
- Arrival
- This Momentary Bliss
- Distance
- Full Moon Shoals
- Sworn To A Great Divide
- The Living Infinite I
- Rise Above The Sentiment
- The Crestfallen
- Bastard Chain
- Spirit Of No Return
- Övergivenheten
- Stålfågel
Ein Painkiller auf Kaufi
Luke: Vor dem Set von Chefs Lieblingen Haggard trifft sich ein Grüppchen Schweizer trotz Kälte auf Deck 12. Nach der Trennungszeremonie eines langjährigen Mit-Cruisers aus unserem Land gedenkt etwas mehr als ein Dutzend Leute unserem Kaufi (zum Nachruf). Und das natürlich stilecht mit einem Painkiller in der Hand. Pam hält eine kurze, aber sehr schöne und positive Ansprache auf unser Original. Mischa, ein sehr enger Freund von Kaufi, lässt uns an einer kleinen Parodie teilhaben. Man kann sich unser übers Wetter schimpfende Original richtig vorstellen (pam: Ui ja du …). Wir lachen. Genauso, wie es ganz sicher auch im Sinne von Kaufi war. Trotzdem rollen bei mir ein paar Tränen. Ja, ich bin bei sowas generell nah am Wasser gebaut. Aber das Fehlen von Kaufi, welches ich die ganze Cruise schon spüre, akzentuiert sich genau jetzt in diesem Moment. Und trotzdem ist er gerade sehr präsent. Merci pam, für deine Worte! Ein weiteres Mal: Machs gut, mein Freund. Wo auch immer du gerade bist. Wir werden dich nicht vergessen.
Pöch: Leider verpasse ich Pams kurze Ansprache, schaffe es aber immerhin noch, gemeinsam mit allen mit einem Painkiller auf unseren guten Freund anzustossen. Auch wenn die 2026er-Cruise nicht ganz das perfekte Kaufi-Line-up bietet, sind meine Gedanken immer wieder bei ihm. Mal in den grossen Momenten – etwa bei den beiden Orden Ogan Gigs, die er garantiert gefeiert hätte. Und mal bei den weniger ruhmreichen – wie unserem Metal-Zombie-Tanz zu seiner Disco-Metal-Hass-Hymne «One Night In Tokyo» von Beast In Black, bei dem er wohl nur den Kopf geschüttelt und diskret die Flucht ergriffen hätte. Kaufi, wir vermissen dich!
Haggard – Pool Deck
Luke: Nach dem Anstossen bietet es sich natürlich an, gleich noch hier auf dem Pool Deck bei Haggard reinzuschauen. Im Gegensatz zu pam haben mich die Klassik-Metaller nie so richtig gepackt. Und – Spoiler – das ist heute ebenfalls so. Die ganze klassische Formation ist schon sehr eindrücklich und trotz Wind ist das auch ziemlich gut gemischt. Nur packt mich halt das Songmaterial gar nicht. Im Gegensatz zu vergleichbaren Projekten, wie Rage mit dem Lingua Mortis Orchester, schlägt für mich hier einfach der Folk-Einfluss zu stark durch. Das ist schon symphonisch, aber irgendwie auf so eine Operetten-Art. Während Rage eher in der Oper waren. Da können sogar die Growls das Eisen für mich nicht mehr aus dem Feuer holen. Aber ich muss ja sowieso weiter, so überlasse ich Haggard wieder pam und Neo-Fan Roman.
Roman: Nach dem grandiosen Auftritt gestern im Theater will ich mir auch den zweiten Auftritt von Haggard nicht entgehen lassen. Um das Ganze aus nächster Nähe zu sehen, ergattere ich mir einen Platz in der zweiten Reihe. Einerseits spürt man hier, dank der Menschenmasse, den fiesen Wind zwar nicht ganz so stark, andererseits ist der Sound hier vorne aber leider nicht auszuhalten. Also gebe ich meinen Platz nach dem ersten Song wieder auf und begebe mich zum Rest unserer Truppe weiter nach hinten. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut die Abmischung hier hinten ist, und das trotz des Windes. Da uns Asis, wie weiter oben erwähnt, bereits verraten hat, welche Songs die heutige Setlist für uns bereithalten wird, habe ich mich besonders auf «Herr Mannelig» gefreut, das im ersten Set noch nicht gespielt wurde. Aber auch sonst wurde die Setlist für heute neu zusammengestellt. Der einzige Song, der nach gestern heute wieder gespielt wird, ist «Per aspera ad astra». Da ich bei ihrem ersten Auftritt bereits alles gesagt habe, was aus meiner Sicht zu sagen ist, gibt es hier nicht mehr viel zu erzählen. Haggard machen dort weiter, wo sie gestern aufgehört haben und überzeugen auf der ganzen Linie.
Pöch: Dem gibt es nichts hinzuzufügen, und heute schaffe ich den ganzen Gig ohne Erholungsschlaf (was auf dem Balkon beim angesprochenen Wind eher ungemütlich wäre). Sound und Auftritt absolut perfekt, 100 % live. Da wird wohl beim anschliessenden Beast In Black-Auftritt im Theater einiges mehr ab Band kommen.
pam: Definitiv nichts hinzuzufügen. Haggard bleiben im Classical Metal live das Mass aller Dinge. Und wie uns Asis beim von Roman erwähnten Abendessen erzählte, haben sie dieses Jahr auch Optimierungen beim Orchester gemacht, damit die Töne von den Instrumenten besser abgenommen und weniger vom Wind verweht werden. Das hat in der Tat um einiges besser geklappt. Nur beim nächsten Mal sollte man noch ein paar Klammern mitnehmen, denn anstelle der Töne hat es dieses Mal die Notenblätter vom Winde verweht. Welch Ironie. Die Musiker liessen sich davon jedoch nichts anmerken und spielten ihr Set wie gewohnt auf allerhöchstem Niveau durch. Pedantisch angeführt und dirigiert durch meinen Lieblingskomponisten und Freund Asis. Immer ein sehr schöner Moment, sich zu treffen und auszutauschen. Sollte einfach öfters passieren … sprich Haggard mehr auf Tour sein respektive regelmässiger in der Schweiz spielen.
Schade, holt dich das nicht ab, Luke. Vielleicht solltest du dich mal mit den deathigen Frühwerken von Asis beziehungsweise Haggard auseinandersetzen. Da hättest du wohl mehr Zugang. Oder halt was sonst noch mehr rumpelt und weniger Melodie hat sowie sicher nie im ZDF-Fernsehgarten auftritt. Da wirst du auf dem Schiff sicher schnell wieder fündig …
Die Fotos – Haggard – Theater
Illdisposed – Star Lounge
Luke: Irgendwie muss ich mich immer noch daran gewöhnen, dass eine Band an Tag drei ihre erste Show spielt, und nicht etwa die zweite. Aber es ist so, Illdisposed dürfen tatsächlich erst heute zum ersten Mal auf die Bühne. Dem Frontmann und einzig verbliebenen Gründungsmitglied Bo Summer wird ja gerne nachgesagt, dass er dem Alkohol alles andere als abgeneigt ist. Gleich zu Beginn kann ich in der gut gefüllten Lounge aber Entwarnung geben: Trotz bereits zwei Tagen auf See ist der Gute noch bestens bei Stimme, die Growls sitzen wie eine Eins.
Nur bei gewissen Ansagen merkt man Bo an, dass wohl doch schon das eine oder andere Gläschen getrunken wurde. Sein gewohnt trockener Humor kommt teilweise ein bisschen gelallt daher und er wechselt auch immer mal wieder ins Dänische – sehr zur Freude seiner anwesenden Landsmänner. Abgesehen davon bietet er aber einen absoluten Topauftritt, genauso wie seine Mitstreiter. Irgendwie habe ich nie ganz verstanden, dass die Band nicht grösser geworden ist. Die Mischung aus hartem Death Metal und groovigen Thrash-Elementen trifft zumindest meinen Nerv genau. Die Truppe aus Aarhus, wo gemäss Ansage nur noch Bo selbst wohnt, hat sich für heute eine geniale Best-of-Setlist zusammengestellt, welche bei zehn Tracks ganze acht Alben aus der langen Karriere seit 1991 berücksichtigt. Dazu kommt ein nahezu perfekter Sound, welcher den Auftritt perfekt abrundet.
Nicht ganz mithalten kann für einmal das Publikum. Die Stimmung ist verglichen mit der geilen Show lange etwas verhalten und die Bewegung vor der Bühne beschränkt sich auf fleissiges Headbangen. Erst in der Mitte des Sets gibt es erste Moshpits. Diese halten dann aber bis zum Ende an und geben dem Auftritt den verdienten Rahmen. Dies scheint nun auch die Band nochmals zusätzlich zu beflügeln und so wird mit einer Restzeit von eins dreissig auf der Uhr tatsächlich nochmals ein Song angespielt. Auf diese Weise wird die Spielzeit nicht nur voll ausgenutzt, sondern sogar um ein paar Minuten überzogen. Und, ganz ehrlich: Von mir aus hätten die Dänen noch lange weitermachen können. Grossartiger Auftritt!
Die Setlist – Illdisposed – Star Lounge
- Sense The Darkness
- Dark
- Throw Your Bolts
- I Believe In Me
- I Walk Among The Living
- With Hate
- Lay Low
- Let Go / The Tension
- Psychic Cyclus
- Submit
Beast In Black – Royal Theater
Pöch: Beast In Black im Royal Theater? Moment… hatten wir das nicht gerade eben? Genau – schlappe vierzehn Stunden zuvor als Ersatz für den verschobenen Pool-Stage-Gig. Sänger Yannis Papadopoulos legt am Nachmittag sogar noch einen weiteren Auftritt nach. Nebenbei gibt sich der bekennende Nerd und Magic: The Gathering-Botschafter im Ale & Anchor Pub die Ehre und bringt zusammen mit Xander Kamyshin von Ignea neuen Spielern die Grundlagen des Kartenspiels bei – inklusive spezieller Pre-Release-Packs. Starke Aktion der zwei!
Zur Prime Time ist das Theater dann brechend voll und die Fans gehen von Sekunde eins steil. Erst jetzt fällt mir auf: Gitarrist und Background-Sänger Anton Kabanen fehlt krankheitsbedingt. Aber hey – das Beast-In-Black-Team weiss, wie man solche Lücken mit etwas «technischer Unterstützung» elegant kaschiert 😉 Der Stimmung tuts jedenfalls keinen Abbruch. Im Gegenteil: Yannis wirkt präsenter denn je und reisst die Menge locker mit. Rund die Hälfte des Sets wird im Vergleich zur Nachtshow ausgetauscht, und mit «One Night in Tokyo» und «Blind and Frozen» verwandeln die Finnen das Theater endgültig in einen kochenden Metal-Kessel.
Die Setlist – Beast In Black – Royal Theater
- Power Of The Beast
- Hardcore
- From Hell With Love
- Blood Of A Lion
- Cry Out For A Hero
- Sweet True Lies
- Enter The Behelit
- Beast In Black
- Die By The Blade
- One Night In Tokyo
- Blind And Frozen
- No Surrender
Hour Of Penance – Star Lounge
Luke: Nach einer kurzen Casino-Pause geht es für mich gleich in der Lounge weiter. Hour Of Penance sind zwar seit 1999 in der Death Metal-Szene unterwegs, komischerweise haben sich unsere Wege trotzdem bis heute nie gekreuzt. Bei Beginn ist der kleinste der Konzerträume zwar noch praktisch leer. Es hat definitiv weniger Leute als vorher bei Illdisposed. Überraschenderweise gehen die Anwesenden dafür nun gleich ab, während es zuvor eine gewisse Anlaufzeit gebraucht hatte. Und der Circle Pit scheint eine Sogwirkung auf weitere Besucher zu haben, schnell füllt sich der Raum vor der Bühne etwas mehr.
Die Römer legen gleich los wie die Feuerwehr und machen klar, wohin die Reise geht: Hier gibt es brutalen und vor allem sehr technischen Death Metal zu hören. Unglaublich, wie vertrackt das Material ist, für das hier nur drei Leute auf der Bühne stehen. Aber halt, eigentlich sind die Italiener zu viert. Ganz offensichtlich konnte der Bassist nicht mitkommen, und so kommt sein Instrument teilweise ab Band. Gewisse tiefe Töne werden wohl zusätzlich von einem der beiden mit Siebensaitern bewaffneten Gitarristen übernommen.
Dass Sänger Paolo Pieri neben seinem Mikro auch noch die eine dieser beiden Gitarren bedienen muss, hilft der Aktivität auf der Bühne natürlich nicht wirklich. So wirkt der Auftritt rein optisch etwas statisch. Wer Bewegung sehen will, muss sich auf die Finger (beziehungsweise Arme beim Drummer) konzentrieren. Was diese leisten, ist aber formidabel. Ein bisschen fehlt mir hier trotz vieler Wendungen innerhalb der Songs die Abwechslung generell. Das Songmaterial wirkt etwas eintönig. Abgesehen davon aber definitiv ein guter Auftritt einer Band, die ich künftig auf dem Zettel haben werde.
Paradise Lost – Pool Deck
Pöch: Paradise Lost gehören zu den ganz grossen Pionieren des Gothic Metal und haben ihre Wurzeln im düsteren Death/Doom der frühen 90er-Jahre. Die Briten rund um Sänger Nick Holmes und Gitarrist Gregor Mackintosh stehen seit Jahrzehnten für eine einzigartige Mischung aus melancholischen Melodien, schweren Riffs und dieser typisch kühlen Grundstimmung.
Das Konzept ihres Pool-Stage-Sets ist eigentlich ein Selbstläufer: Die Fans bestimmen die komplette Setlist. Trotzdem will der Funke bei mir nicht so recht überspringen. Vielleicht liegt es weniger an der Band selbst, sondern eher an den stetig sinkenden Temperaturen auf dem Pool Deck. Mit jedem Song wird es kälter – und irgendwie überträgt sich diese Kühle, so passend sie auch zum Sound der Briten ist, ein Stück weit auf meine eigene Stimmung.
Das zweite Set im warmen Theater soll dann dem neuen Album «The Ascension» gewidmet sein, das ich als überaus gelungen empfinde. Mal schauen, ob sie mich dort stärker abholen können.
Die Setlist – Paradise Lost – Pool Deck
- Enchantment
- Tragic Idol
- Gothic
- Requiem
- Mouth
- Beneath Broken Earth
- Hallowed Land
- Smalltown Boy
- As I Die
- Embers Fire
- The Last Time
Die Fotos – Paradise Lost – Pool Deck
Trick Or Treat – Ice Rink
Pöch: Aktuell springe ich gefühlt im Halbstunden-Takt zwischen Spass, Düsternis und wieder zurück zu Halligalli. Im Ice Rink ist jetzt wieder gute Laune angesagt – spassiger Power Metal aus Italien mit Trick Or Treat.
Die Truppe startete Anfang der 2000er tatsächlich als Helloween-Coverband – daher auch der Name. Sänger Alessandro Conti hat sich mittlerweile längst einen Namen gemacht, unter anderem bei Luca Turilli’s Rhapsody und als heutiger Frontmann von Twilight Force. Die Italiener sind daneben ebenfalls schon lange kein Geheimtipp mehr: verspielter Power Metal, kombiniert mit Themen aus Games, Anime und Fantasy – das zieht.
Auf der Bühne wird das Ganze mit Skelett-Outfits und zwei riesigen, aufgeblasenen Geistern am Bühnenrand auch optisch zelebriert. Besonders cool: Das Publikum wird immer wieder eingebunden, und mit dem augenzwinkernden «Girls Just Want To Have Fun»-Cover von Cyndi Lauper sorgt die Band endgültig für breites Grinsen im Rund. Starker Auftritt!
Die Setlist – Trick Or Treat – Ice Rink
- Creepy Symphony
- Loser Song
- Evil Needs Candy Too
- Return To Monkey Island
- Girls Just Want To Have Fun
- The Great Escape
- Dance With The Dancing Clown
- Bloodmoon
- Crazy
Dark Tranquillity – Royal Theater
Pöch: Im Theater ist es Zeit für die nächste Portion Melodic Death aus Skandinavien: Dark Tranquillity stehen auf dem Programm. Wie schon beim Ultima Ratio Fest im September dreht sich alles um Jubiläen – «The Gallery» (30 Jahre) und «Character» (20 Jahre). Im ersten Set gibts konsequent nur Songs dieser beiden Alben.
Da «The Gallery» nicht unbedingt mein Favorit ist, «Character» dafür meine persönliche Einstiegsdroge war, nutze ich den Start kurzerhand für einen strategischen Powernap in den bequemen Theater-Sesseln. Wir sind schliesslich erst etwa bei Halbzeit des längsten Konzerttages der Cruise. Pünktlich zu den «Character»-Songs bin ich wieder voll da und geniesse den gewohnt starken Auftritt der Schweden. Frontmann Mikael Stanne strahlt wie immer übers ganze Gesicht – der Mann wirkt einfach glücklich, wenn er vor so vielen Fans performen darf.
Doch beim letzten Song kippt die Stimmung spürbar: Mit «Blinded By Fear» folgt ein Cover von At the Gates – eine Band, die die Göteborger Szene massgeblich geprägt hat. Ihr Frontmann Tomas «Tompa» Lindberg, ein enger Freund von Stanne, ist nach zweijährigem Kampf gegen eine seltene Krebsform im Alter von 52 Jahren viel zu früh verstorben.
Die Emotionen sind Stanne in diesem Moment deutlich anzusehen – ein kurzer, ehrlicher Einbruch, der unter die Haut geht. Ein intensiver, sehr persönlicher Abschluss eines starken Dark-Tranquillity-Gigs.
Die Setlist – Dark Tranquillity – Royal Theater
- Punish My Heaven
- Edenspring
- Lethe
- The Emptiness From Which I Fed
- The Dividing Line
- The New Build
- The Endless Feed
- Through Smudged Lenses
- My Negation
- Lost To Apathy
- Blinded By Fear
Anthrax – Pool Deck
Luke: Auf der 70’000 Tons Of Metal ist man immer wieder gespannt, ob eine Band zwei verschiedene Sets spielt oder nicht. Dass aber eine Gruppe nicht (nur) die Songs wechselt von einer Show zur anderen, sondern sogar den Bassisten – das gab es meines Wissens so noch nie. Des Rätsels Lösung: Frank Bello wurde am gestrigen Landtag von Nassau nach Los Angeles geflogen. Als Nominierter für den Grammy «Best Rock Performance» aufgrund seiner Mitwirkung am Black Sabbath-Cover «Changes» mit Yungblud wollte er sich die Verleihung nicht entgehen lassen. Zurecht, er durfte den Preis dann auch entgegennehmen. Wir gratulieren! Als Ersatz ist mit Joey Vera (u. a. Fates Warning, Armored Saint) auch nicht gerade ein No-Name dabei, so kann man mit der Auswechslung hier gut leben.
pam: Sorry Luke, da muss ich schnell reingrätschen. Der Grammy ist sowas von verdient. Ich war ja in Birmingham live vor Ort und hatte eines der zigtausenden offenen Münder bei dieser unerwarteten Hühnerhaut-Performance von Yungblud mit der All-Star-Band. Das war was vom Besten, was ich je live erlebt hatte (gerne hier nachschauen). Doch bevor Scott Ian das Rätsel gelüftet hat, warum Franky heute nicht auf der Bühne ist, war ich schon etwas geschockt, meinen Lieblingsbassisten aus der Teenie-Zeit (ja, sogar damals noch mehr als Cliff Burton) nicht auf der Bühne zu sehen. Da war ich schon sehr erleichtert, als ich den Grund erfuhr. Ich hab schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Es gab ja bereits mal eine kurze Anthrax-Phase (2004/2005) ohne Franky. Da hatte ihn übrigens ebenfalls Joey Vera auf Tour ersetzt und ich muss gestehen, rein spielerisch macht er das heute ganz gut (und das ist jetzt eine sehr hohe Auszeichnung, denn Franky ist sicher einer der aktivsten Bassisten im Thrash Metal und Anthrax haben wohl auch den basslastigsten Sound aller grösseren Bands in meinem Lieblings-Genre), aber stageperformancemässig kann man einen Franky nicht eins zu eins ersetzen, das ist dann doch zu hohe Schule für jeden und jede.
Scotty meint heute noch, er hoffe, dass Franky jetzt endlich einen ersten Grammy für Anthrax abholen kann. Also so ein halber oder strenggenommen ein Fünftel für Anthrax. Eigentlich schon krass, du giltst als Big-4-Thrash-Metal-Band und hast noch keinen Grammy gewonnen. Gut, sie sind da in guter Gesellschaft mit Slayer. Egal, die Grammys sind schliesslich auch nicht für den Metal erfunden worden. Trotzdem und nochmals: Sehr schön, konnten Yungblud, Franky und Co. den Grammy abholen. So, zurück zum Wesentlichen Luke.
Luke: So mancher Besucher wünscht sich hingegen wohl auch, er wäre lieber im warmen L.A. anstatt hier auf dem windigen Pool Deck (pam: Ähm, ich meinte jetzt eigentlich nicht das Wetter 😉). Nicht nur, dass die Temperaturen tief sind, es geht zudem ein unangenehmer Wind. So entscheide ich mich schnell für einen Platz etwas näher vor der Bühne. Im hier doch ziemlich dichten Gedränge friert man ein bisschen weniger als in den um einiges lichteren Reihen weiter hinten. Auch sonst eine gute Entscheidung, denn hier vorne ist die Stimmung wirklich grossartig! Obwohl die Band aufgrund der Umstände nicht top motiviert wirkt, kann man mit diesem Songmaterial schlicht und einfach nicht viel falsch machen. Die Setliste wurde zwar nur an zwei Positionen angepasst – «Metal Thrashing Mad» sowie «Keep It In The Family» raus, «Deathrider» und «In The End» rein – trotzdem wirkt das Set wieder sehr stimmig.
pam: Die Setliste ist definitiv top und «Keep It In The Family» trauere ich überhaupt nicht nach. Ersatz «In The End» ist zwar auch eine eher lahmer Mid-Tempo-Nummer, aber immerhin ehrt es die beiden verstorbenen Mitmusiker Dimebag und Dio. Dennoch hätte eine Band mit einem Backkatalog wie Anthrax schon zwei mehr oder weniger komplett unterschiedliche Sets spielen können. Die müssen ja nicht mehr mit den Tophits neue Fans gewinnen … Wie es zum Beispiel Metallica auf ihrer aktuellen «No-Repeat»-Tour macht.
Luke: Von meiner Position aus, direkt neben den dauernden Moshpits und unter zahlreichen Crowdsurfern, tönt auch der Sound den Umständen entsprechend sehr vernünftig. So schneidet für mich der zweite Auftritt nicht wirklich schlechter ab als der Abriss im Theater. Trotz Kälte und Wind. Definitiv headlinerwürdig!
Oder was meint ihr?
Roman: Auf dem Weg hinauf zum Pool Deck sind pam und ich an Scott Ian und Charlie Benante vorbeigelaufen. Als wir kurz angehalten haben, hat uns ihr Security direkt weitergeschickt. Wir standen nur kurz auf der Treppe und haben ihnen zugeschaut, nichts weiter. Dass wir dann trotzdem sofort weggeschickt werden, hinterlässt irgendwie einen etwas unsympathischen Eindruck. Vielleicht hat ihnen auch einfach das Wetter draussen die Laune vor ihrem Auftritt ein bisschen vermiest, wer weiss.
pam: Ja, das hat bei mir leider den Eindruck vom Interview mit Scott – siehe Anmerkung dazu bei der ersten Show am Tag 1 – grad nochmals verstärkt. So geil ich es finde, dass Anthrax bei der 70’000 Tons of Metal dabei sind, solche VIP-Rockstar-Allüren sind hier einfach fehl am Platz. So was hab ich bei meinen zehn Teilnahmen nicht annähernd bei einer anderen Band erlebt. Schon gar nicht, dass sich die Bands durch (private?) Security abschirmen lassen. Das ist der Philosophie der Cruise unwürdig (O-Ton Skipper Andy: «Es gibt keine VIPs auf der 70’000 Tons of Metal Cruise. Alle sind VIPs»). Wetter und Laune hin oder her: Scotty, komm mal raus aus der Kabine und misch dich unter das Volk. Du wirst sehen, man lässt dich in Ruhe, ohne dass du einen Bodyguard um dich haben musst. Das hat mir die Freude auf die zweite Show von Anthrax grad ziemlich vermisst. Bei Joey oder Franky wäre das sicher nie der Fall gewesen.
Roman: Als es auf dem Pool Deck dann losgeht, merkt man der Truppe zwar schon irgendwie an, dass sie nicht grad top motiviert sind, der Stimmung tut dies jedoch keinen Abbruch. Es geht auch heute wieder ab der ersten Sekunde wild zu und her. Da ich gestern im Moshpit bereits die volle Ladung Anthrax hatte und die Temperaturen hier wirklich nicht gerade Hoodie-tauglich sind, mache ich mich nach rund der Hälfte des Sets auf ins Schiffsinnere. Da schaue ich noch kurz für einen Song bei Persefone im Ice Rink vorbei und mache mich anschliessend früh genug auf den Weg ins Theater, um mir einen Platz in den vordersten Reihen bei Eluveitie zu sichern.
pam: Ich hab ja schon mit meinen Kommentaren bei euch dazwischengefunkt. Danke jedoch euch beiden, Luke und Roman. Ihr habt es für mich sehr gut zusammengefasst und ich schwanke zwischen euren beiden Eindrücken. Es ist alles in allem und dem Wetter entsprechend ein guter Auftritt mit schalem Beigeschmack. Aber den müssen sie ja auch liefern – also ich meine jetzt nicht den Beigeschmack, der müsste nicht sein. Es ist, huere Siech, ja niemand anders als Anthrax. Die Mosh-Könige!
So, jetzt freue ich mich umso mehr auf die erste Show von Eluveitie. Nicht nur, weil ich dem Poolwetter entfliehen kann …
Die Setlist – Anthrax – Pool Deck
- Intro
- Among The Living
- Got The Time (Joe Jackson-Cover)
- Caught In A Mosh
- Madhouse
- Deathrider
- In The End
- Be All, End All
- Medusa
- I Am The Law
- Antisocial (Trust-Cover)
- Efilnikufesin (N.F.L.)
- Indians
Die Fotos – Anthrax – Pool Deck
Persefone – Ice Rink
Pöch: Nach Dark Tranquillity folgt Persefone – ein durchaus spannender Übergang. Die Andorraner starteten 2001 ganz am Anfang mit Covern von Arch Enemy, In Flames und eben Dark Tranquillity. Seither ist aber einiges passiert: Heute stehen Persefone für eine eigenständige Mischung aus Progressive Metal, Melodic Death Metal und ordentlich technischem Anspruch. Komplexe Strukturen, zahlreiche Tempowechsel, filigrane Gitarren und sphärische Keyboards treffen auf Growls und klare Vocals – dazu ein leicht spiritueller Unterton. Nichts für nebenbei, eher Metal zum Eintauchen und Mitdenken. Nach In Mourning gleich die nächste Portion Hirnfutter.
Nach 2019 ist es erst mein zweites Konzert der Band – und tatsächlich wieder am (fast) gleichen Ort. Gut, damals wars noch die Independence of the Seas, aber immerhin: Der Pöch-Pfosten scheint auch hier strategisch perfekt positioniert 😉 Also rein ins Klangbad!
Der Sound ist für Ice-Rink-Verhältnisse überraschend differenziert, was bei diesem technischen Material absolut Gold wert ist. Jeder Lauf sitzt, jedes Break kommt punktgenau. Die Band spielt sich durch ihre komplexen Arrangements, als wäre es das Normalste der Welt (ist es für sie wahrscheinlich auch 😉 ). Obwohl ich nicht jeden Song im Detail kenne, packt mich diese dichte, atmosphärische Stimmung sofort – und dem ordentlich gefüllten Ice Rink scheint es ähnlich zu gehen. Dass es nicht komplett voll ist, liegt wohl einerseits am anspruchsvollen Stil, andererseits daran, dass parallel auf der Pool Stage mit Anthrax der grosse Headliner aufspielt.
Ein starkes, intensives Konzerterlebnis – das allerdings vom folgenden Eluveitie-Gig gleich wieder pulverisiert wird.
Eluveitie – Royal Theater
Luke: Pam zuliebe mache ich nach Anthrax einen kurzen Abstecher ins Theater – oder ich versuche es zumindest. Denn hier ist es nun fast so voll, wie vor zwei Tagen bei Kanonenfieber im Ice Rink. So hat, wer wie ich etwas später eintrifft, fast keine Chance mehr, irgendwie nach vorne zu kommen. Also schaue ich zwei Songs von hinten, und dann ist meine Flöten-Toleranz bereits erreicht. Aber wenngleich das nach wie vor so überhaupt nicht mein Sound ist: Ich habe riesigen Respekt davor, wie viele Leute «unsere» Eluveitie auch international zu begeistern wissen! Für einen fachlichen Bericht der Show müsste nun aber einer meiner – hoffentlich flöten-affineren – Kollegen übernehmen.
Roman: Zum Glück bin ich bereits früh genug ins Theater gepilgert. Denn somit kann ich euch nun von vorderster Front vom Auftritt berichten. Eluveitie haben sich offensichtlich darauf gefreut, endlich auf der Bühne zu stehen. Immerhin haben wir ja bereits Tag 3. Die ganze Truppe versprüht von Beginn an eine Spielfreude, die sich direkt auf das Publikum überträgt und im Pit geht es soeben mit der gleichen Energie zu und her wie gestern Abend bei Anthrax an gleicher Stelle.
Die Abmischung klingt von hier vorne wirklich hervorragend, sodass alle Instrumente (auch Lukes Lieblinge, die Flöten) sauber aus den Boxen kommen. Hier hätte ich echt keinen Bock gehabt, meinen Platz aufzugeben, wie vorhin bei Haggard. Denn habe ich schon erwähnt, dass die Stimmung am Kochen ist? Ich würde sogar sagen, das ist bisher die beste Stimmung, die ich hier auf dem Schiff erlebt habe. Bei «The Call Of The Mountains» überzeugt das Publikum zudem in Sachen Textsicherheit. Ich glaube, ich höre den Song live grad zum ersten Mal auf englisch. Bei den Konzerten, die ich von Eluveitie bisher gesehen habe, hat Fabienne den Song immer in Schweizerdeutsch zum Besten gegeben. Somit also gleich noch eine kleine persönliche Premiere.
Am Schluss darf natürlich «Inis Mona» nicht fehlen. Und da wird nochmals aus allen Rohren geschossen. Sowohl auf als auch vor der Bühne werden die letzten Reserven gezündet und somit endet ein leider viel zu kurzer Auftritt. Aber zum Glück müssen wir ja nur bis morgen warten. Denn da steht bereits ihr zweiter Auftritt an.
pam: Das, was Eluveitie heute liefern, ist wirklich sackstark zwischen viel Routine aber auch ansteckender Spielfreude. Und schön, Luke, dass du kurz reingeschaut hast und, obwohl du nicht auf Flöten stehst, unseren Landsmännern und -Frauen für ihre Leistung und ihren Erfolg Respekt zollen kannst. Elu sind definitiv einer der ganz grossen Acts im Line-up und wie Roman schon geschrieben hat, ist die Stimmung sackstark; ebenso ein, zwei Reihen weiter hinten. Es ist schlichtweg DER Abriss der diesjährigen Cruise und reisst wirklich jeden und jede mit (Okay, bei Luke stiessen die Helvetier auf einen Römer …). Bei «Ambiramus» hüpft auch, was sonst nicht hüpft. Wieder einmal ist mein Gedanke bei Kaufi, weil ich ihn vor ein paar Jahren mit einem solchen banalen Hüpfspruch zu einem Lachanfall animierte. Verdammt, ich vermiss dich sogar bei Elu und mit denen hattest du soviel am Hut wie Luke …
Riesenauftritt von Chrigel und Co. Und Fabienne schafft es wirklich mit jeder Art von Musik das Publikum mit viel Charme, aber auch Professionalität zu begeistern und zu verzaubern.
Pöch: Wow, ein Eluveitie-Gig, der wirklich keine Wünsche offenlässt. Geniale Setlist, Sound glasklar abgemischt, Stimmung am Überkochen – und vor allem Fabienne Erni in absoluter Topform. Ganz grosses Kino im Theater. Und jetzt kommts: Das ist tatsächlich noch nicht mal mein Lieblings-Set von Tag 3 …
Die Setlist – Eluveitie – Theater
- Helvetios
- Ategnatos
- The Prodigal Ones
- Exile Of The Gods
- A Rose For Epona
- Deathwalker
- The Call Of The Mountains
- Ambiramus
- Havoc
- King
- Premonition
- Inis Mona
Die Fotos – Eluveitie – Theater
Bloodred Hourglass – Ice Rink
Luke: Wenn ich gestern Nacht etwas fitter gewesen wäre, dann hätte mein Wecker nicht nur wegen Vader geklingelt, sondern auch wegen Bloodred Hourglass. So ist für mich klar, dass ich mir die zweite Show nicht entgehen lassen will. Als es dann im zu Beginn nicht sonderlich gut gefüllten Ice Rink losgeht, wird mir aber schnell klar, dass es sich hier um eine Verwechslung handelt. Die ähnlich benannten Blood Red THRONE aus Norwegen hatte ich schon einmal live gesehen an einem Festival und für ziemlich gut befunden. Ihre finnischen Fast-Namensvettern hingegen halte ich nicht länger als zwei Songs aus. Die Techno-Beats ab Band, welche mit billigstem Plastik-Melodeath zugekleistert werden, treiben mich schnell in die Flucht. Falls irgendjemand schon sein Leben lang nach einer Mischung aus Electric Callboy und Omnium Gatherum gesucht hat, wird er hier fündig. Für mich ist das aber definitiv nichts.
Roman: Pam und ich sind nach Eluveitie noch etwas im Theater hängengeblieben. Gegen Ende des Sets schauen wir aber für ein paar Songs auch noch bei Bloodred Hourglass vorbei. Der Auftritt gestern (also eigentlich war es ja heute morgen früh) auf dem Pool Deck hat bei mir einen guten Eindruck hinterlassen. Heute überzeugt mich das aber nicht mehr ganz so wie beim ersten Gig. Vielleicht sind zwei Konzerte innerhalb eines Tages dann doch etwas zu viel. Oder es liegt daran, dass Elu grad dermassen abgeliefert haben, dass alles, was heute noch kommt, einen schwierigen Stand hat.
Die Fotos – Bloodred Hourglass – Ice Rink
Wind Rose – Pool Deck
Pöch: Nachdem Francesco Cavalieri uns mit seinem 80er-Flashback-Projekt VBO noch nicht wirklich aus der Komfortzone locken konnte, steht er jetzt mit seiner etablierten Zwergen-Metal-Truppe Wind Rose auf der Bühne – und plötzlich herrscht eine völlig ausgelassenere Stimmung als noch heute Vormittag.
Mit der Ansage, dass sich das dicke Zwergenkostüm bei den aktuell frostigen Temperaturen auf dem Pool Deck endlich mal wie ein Vorteil anfühlt, holt er sich direkt die ersten Lacher ab. Gleichzeitig schwebt noch die Erinnerung von vor zwei Jahren in der Luft, als technische Probleme dazu geführt hätten, dass ihr Riesenhit «Diggy Diggy Hole» am Schluss nicht mehr ins Set passte und wir die leicht holprige Survivor-A-cappella-Version anhören «mussten». Doch inzwischen ist der Status der Italiener deutlich gewachsen – inklusive fünfzehn Minuten zusätzlicher Spielzeit. Diesmal sollte also wirklich nichts schiefgehen.
Und wie! Von Beginn an herrscht Ausnahmezustand: catchy Power-Metal-Hymnen, überall schwingende Plastik-Hämmer, Pickel und Schaufeln – gefühlt jeder Zweite bereit für den Schichtbeginn im Zwergenstollen. Der Alkoholpegel und die herrlich simplen Mitsing-Refrains erledigen den Rest.
Um kein Risiko einzugehen, wird «Diggy Diggy Hole» diesmal schon als zweitletzter Song gezündet – mit dem Effekt, dass sich das Schiff plötzlich wie im Presslufthammer-Modus anfühlt. Der Wellengang? Könnte man meinen, wird direkt von der Crowd gesteuert. Ein paar besonders motivierte Fans nehmen das Motto dann etwas zu ernst und hüpfen tatsächlich eine Deckplatte im Stehbereich kaputt. Ergebnis: spontane «Bauarbeiten» an Bord und eine halbe Stunde Verspätung für die nächste Band.
Fanzit: Wenn Zwerge am Werk sind, ist immer Chaos vorprogrammiert
Die Setlist – Wind Rose – Pool Deck
- Dance Of The Axes
- The Great Feast Underground
- Army Of Stone
- Mine Mine Mine!
- To Be A Dwarf
- Trollslayer
- Together We Rise
- Diggy Diggy Hole
- Rock And Stone
Hirax – Star Lounge
Luke: Nun folgt nach dem Auftritt von Gama Bomb vorgestern eine weitere Thrash-Premiere für mich. Obwohl Hirax aus Kalifornien seit Anfang der 80er-Jahre unterwegs sind, habe ich es noch nie an eine Show von Kult-Fronter Katon W. de Pena und seinen Mitstreitern geschafft. In meiner CD-Sammlung tummeln sich bereits mehrere Zeugen der Urgewalt der Truppe, aber live muss das gemäss diverser Kollegen noch viel geiler sein. Bei diesem Ruf heisst es, eher früh in der Lounge anwesend zu sein. Und tatsächlich, bereits zehn Minuten vor Beginn sind die vorderen Reihen schon sehr ordentlich gefüllt. Zum Glück konnte ich mir gerade noch einen guten Platz sichern.
Als es pünktlich um halb eins endlich losgeht, wird sofort klar, dass sich die Band ihren Ruf als hervorragende Stimmungskanonen völlig zurecht erarbeitet hat. Katon performt ab Beginn direkt am Gitter bei der vordersten Reihe Zuschauer und wagt beim dritten Song bereits seinen ersten Crowdsurf-Ausflug. Der gute Herr ist schon über sechzig Jahre alt, davon merkt man aber gar nichts. Stillstand gibt es trotz kleiner Bühne so gut wie nie. Und wenn einmal jemand aus dem ebenfalls euphorisierten Publikum von der Menge nach vorne getragen wird, nimmt Katon die Person mangels anwesender Securities gleich selbst in Empfang. So geht voller Einsatz!
Stimmlich sind Hirax eine der Bands, bei denen ich froh bin, dass der Frontmann nicht noch höher singt. Das ist gerade so meine Schmerzgrenze, passt aber zum etwas aus der Zeit gefallenen Old School Thrash perfekt. Die Umsetzung des Songmaterials ist aufgrund der intensiven Live-Situation selbstverständlich nicht immer genau wie auf den Studioversionen. Nicht ganz jeder Einsatz sitzt genau dort wie auf dem Tonträger, was aufgrund der wilden Show aber auch absolut unmöglich ist und nicht gross stört. Der 45- minütige Auftritt ist jedenfalls verdammt kurzweilig und gefühlt kaum hat er angefangen schon wieder vorbei. Was für ein Abriss!
Als sich Katon nach der Show dann auch noch länger vor der Bühne aufhält und bereitwillig fotografieren lässt, lassen Chefe pam und ich uns die Chance nicht entgehen. Ich bin definitiv nicht jemand, der bei jedem Halb-Star gleich das Natel zücken muss. Aber mein Foto mit dieser Legende muss einfach sein – besonders nach so einem Konzert.
pam: Ging mir eben genau auch so … Und weisst du was? Als Roman und ich zwei Tage später das Schiff verlassen, können wir es nicht sein lassen, grad nochmals mit der ganzen Band ein Foto zu machen. Und es gibt nochmals einen weiteren coolen Austausch mit dieser Legende Katon: Er will mir das neue Album sobald wie möglich vor Release zukommen lassen. Mal schauen, ob das klappt. Ich hab der Bande ohne Schleimen sagen müssen, dass sie die coolste Truppe auf dem Dampfer waren. Das hat insbesondere die junge Latino-Band um das Original Katon sehr berührt. Aber das ist so true. Definitiv eine der ganz grossen Überraschungen und Highlights der 70’000 Tons of Metal 2026.
Roman: Abriss trifft das hier auf den Punkt, Luke. Trotz des Kult-Statuses, war mir die Band bisher zwar unbekannt, aber bereits beim Reinhören vor der Cruise habe ich mir Hirax direkt auf die Must-see-Liste gesetzt. Wie sich herausstellte, die richtige Entscheidung.
Auch wenn die Lounge aufgrund der engen Platzverhältnisse und der kleinen Bühne wohl nicht die dankbarste Location für Bands ist, so haben Hirax perfekt hierher gepasst. Nicht etwa, weil sie keine grössere Bühne verdient hätten, sondern viel mehr da eben genau die engen Platzverhältnisse und die kleine Bühne die Show zum Abriss gemacht haben. Zudem ist es für das Publikum natürlich immer cool, wenn man nicht durch tiefe Gräben und hohe Bühnen von der Band getrennt ist. Hirax machen aber sowieso den Eindruck, dass sie am liebsten mitten im Publikum gespielt hätten und gar keine Bühne benötigt hätten. Zumindest Sänger Katon verbringt mehr Zeit im Publikum oder auf dem Gitter als auf der eigentlichen Bühne.
Leider geht es mir wie dir, Luke. Kaum hat das Konzert begonnen, ist es schon wieder zu Ende. Hirax haben aber definitiv das Maximum aus der Lounge geholt. Nach einer kurzen Verschnaufpause werfe ich einen Blick auf die Running Order. Für heute stehen keine Konzerte mehr an, die ich unbedingt sehen möchte. Also bin ich heute mal vernünftig und mache mich auf den Weg zurück zur Kabine – und zwar nicht nur für einen kurzen Powernap, sondern für die Nacht. See you tomorrow!
Die Setlist – Hirax – Star Lounge
- Intro (Hellion Rising)
- Blind Faith
- Drill Into The Brain
- Warlords Command
- The Plague
- Black Smoke
- Faster Than Death
- Lightning Thunder
- Hate, Fear And Power
- Drowned Bodies
- Hostile Territory
- Destruction And Terror
- Destroy
- Criminal Punishment
- Broken Neck
- El Diablo Negro
- Bombs Of Death
Die Fotos – Hirax – Star Lounge
Insomnium – Royal Theater
Pöch: Die finnischen Melodic-Death-Melancholiker von Insomnium kündigten an, auf der diesjährigen Cruise ihr komplettes sechstes Studioalbum «Shadows Of The Dying Sun» zu performen. Diese Platte war 2014 meine Einstiegsdroge in die Welt der Finnen und die Band hat sich mittlerweile mit vielen denkwürdigen Live-Auftritten in meine persönlichen Top Ten gespielt. Kein Wunder dass die Vorfreude auf diesen Gig schon im Vorfeld ins Unermessliche anstieg.
«Shadows Of The Dying Sun» war seinerzeit die erste Platte mit Gitarrist Markus Vanhala und markierte eine neue Phase im Sound der Band. Weniger brachial, dafür umso mehr Atmosphäre, Melancholie und diese typisch nordische Schwermut, die einem direkt ins Herz kriecht. Für Härte-Junkies vielleicht einen Tick zu «soft», für alle anderen: pures Gold.
Soundtechnisch hat sich der vordere Bühnenbereich im Theater ja bereits bewährt – also wieder ab nach vorne, Position sichern und bereit machen für sechzig Minuten Hühnerhaut. Schon die ersten Töne von «The Primeval Dark» legen sich wie ein dichter Nebel über den Raum. Kein hektischer Einstieg, kein sofortiger Moshpit – stattdessen baut sich langsam diese typische Insomnium-Atmosphäre auf, die dich eher einfängt als überrollt.
Mit «While We Sleep» kommt dann der erste Gänsehautmoment: Das Publikum ist sofort drin, singt mit, lässt sich treiben. Genau hier zeigt sich, wie stark dieses Album als Gesamtwerk funktioniert – die Songs greifen ineinander, wirken live fast noch geschlossener als auf Platte. Und für mich ist schon jetzt klar, dass ich hier gerade einem meiner Top-5-Konzerte des Jahres 2026 beiwohne.
Das gut gefüllte Theater bekommt von Sekunde eins an ein nahezu perfektes Soundbild serviert, während sich die Band bestens gelaunt präsentiert. Für Gitarrist Tommy Laisto übrigens die erste Show als offizielles Mitglied. Was für ein Einstand!
Die Gitarrenmelodien entfalten live eine fast schon tranceartige Wirkung – und wenn man sich umschaut, merkt man schnell: Ich bin definitiv nicht der Einzige, der gerade leicht wegdriftet. Die Dynamik zwischen Growls und cleanen Vocals kommt extrem intensiv rüber und selbst die ruhigeren Passagen funktionieren überraschend stark. Hier gehts nicht um einzelne Hits, hier gehts um eine Reise. Und genau das macht diesen Auftritt so besonders.
Mit dem Titeltrack lässt mich die Band dann komplett geplättet zurück. Einziger kleiner Wermutstropfen: Die Stunde Spielzeit reicht nicht ganz für den letzten Song «Out To The Sea». Aber bei einem 62-Minuten-Album … irgendwie auch logisch.
Danke Insomnium, für dieses phänomenale Konzerterlebnis. Wie schön, dass wir uns heute Abend zum Sonnenuntergang bereits wiedersehen.
Die Setlist – Insomnium – Royal Theater
- The Primeval Dark
- While We Sleep
- Revelation
- Black Heart Rebellion
- Lose To Night
- Collapsing Words
- The River
- Ephemeral
- The Promethean Song
- Shadows Of The Dying Sun
Pöch: Ich bin übrigens gerade leicht überrascht, dass ich bei meinen geliebten nordischen Melodic-Death-Bands (Amorphis, Insomnium, Dark Tranquillity) so oft als einziger Metalinsider die Fahne hochhalte. Klar, ihr dürft im Gegenzug gerne fragen, was mich jeweils reitet, wenn ich bei den grossen Thrash-Bands lieber das Weite suche … Mit dieser bunten Mischung an bevorzugten Musikstilen knacken wir dieses Jahr wohl locker den Seitenrekord unserer Review. Kein Wunder, dass es schon Fans gibt, die das Ganze als ihre Lieblings-«Buchreihe» bezeichnen 😉
Luke: Nun, skandinavischer Melodic Death ist grundsätzlich absolut ok, aber wirklich nicht mein allerliebstes Genre. Auch wenn ich ein grosser Fan von At The Gates bin und mit frühen In Flames sowie Children Of Bodom durchaus etwas anfangen konnte: Bei Insomnium bin ich definitiv raus, das ist mir zu viel Melodic und zu wenig Death. Bei Dark Tranquillity bin ich mit der Stimme des ansonsten super-sympathischen Mikael Stanne bisher genauso wenig warm geworden wie mit dem Songwriting. Und von Amorphis steht bei mir im Regal effektiv nur die «Tales From The Thousand Lakes». Umso besser für die Leser. Und wer weiss, eventuell spendiert pam ja mal einen Hardcover-Buchdruck des aktuellen Berichts 😉 Nun aber zurück zur Action.
pam: Also ich bin ähnlich unterwegs wie Luke – einziger klitzekleiner Unterscheid, ich mag bei Melodic Death auch wirklich das Melodic. Bei Bands wie Amorphis bin ich absolut am Start und hab auch alle Alben im Regal. Dark Tranquillity – siehe Luke – und Insomnium … da fehlt mir nicht nur das Death, sondern auch das Melodic ;-). Aber frag mich doch mal nach Amon Amarth … oder so. Uiuiui …
Buch … hm, reden wir doch mal mit den Lesern und Andy …
Arkona – Pool Deck
Luke: Gute Nacht, Roman! (pam: Ich glaub, da bist du jetzt schon ein bisschen spät dran mit dem Gute-Nacht-Wünschen …). Ich bin noch lange nicht am Ende… Nach Hirax gönne ich mir eine etwas längere Casino-Pause, beschliesse dann aber doch, dem Pool Deck nochmals einen Besuch abzustatten. Bei eisigen Temperaturen harren gut fünfzig Leute vor der Bühne aus. Ich find die Growls von Masha nicht so schlecht, das wars dann aber auch schon. Sonst ist das nichts für mich, also lieber gleich wieder in die Wärme.
pam: Ich fand Arkona seit ihrem Auftritt bei Elu & Friends vor vielen Jahren in Winterthur sehr geil. Doch leider sind sie vom härteren Folk-Metal in Richtung einlullendem Schamanen-Folk abgedriftet (Raphi, wir müssen das nicht grad als neues Genre übernehmen). Bei der letzten Teilnahme auf der 70’000 Tons of Metal hat es mich entsprechend nicht mehr so gepackt. Und nebst den nicht grad passenden Auftrittszeiten war das wohl auch der Grund, warum ich beide Shows von Arkona dieses Jahr verpasste. Dabei hatte ich extra ein Arkona-Shirt eingepackt …
Luke, hatte Masha immerhin ihre legendäre Pelzbekleidung an? Damit war sie vor vielen Jahren bei grösster Hitze unter der karibischen Sonne noch wild auf der Pool-Bühne umhergehüpft. Damals stand sie keine Sekunde still. Unmöglich zu fotografieren. Heute wäre sie damit dem Wetter beziehungsweise der Temperatur entsprechend perfekt gekleidet gewesen …
Pöch: Genau, diese Pelzklamotten bei tropischen Temperaturen sind auch mir noch bestens in Erinnerung 😉 Dieses Jahr wirkt das Ganze überraschenderweise deutlich luftiger: ein langes, braunes, folkloristisches Kleid mit Kapuze – irgendwo zwischen Waldschamanin und Mittelalter-Fashion-Week. Keine Ahnung, wie man das korrekt nennt, aber für mich deutlich weniger wärmespendend als Fell deluxe.
Wegen der beim Wind Rose-Gig demolierten Bodenplatte gehts allerdings erst mit dreissig Minuten Verspätung los. Perfekt, um sich kurz vom Insomnium-Flash zu erholen.
Musikalisch passen Arkona dann den Sound gleich den Temperaturen an und servieren ausschliesslich Songs vom aktuellen Album Kob’, das sich mit der langsamen Selbstzerstörung der Menschheit beschäftigt. Klingt genau so fröhlich, wie es ist. Wie pam schon treffend bemerkte: Vom härteren Folk Metal früherer Tage ist hier nicht mehr allzu viel übrig.
Schlecht ist das keineswegs – aber unter den wetterbedingten Umständen und nach dem Insomnium-Abriss doch eher schwere Kost. Nach etwas mehr als der Hälfte ziehe ich deshalb den Rückzug ins Warme vor. Spoiler: Der zweite Gig im Theater wird dann wieder deutlich mehr die «klassische» Arkona-Phase bedienen, die pam und ich so schätzen.
Die Setlist – Arkona – Pool Stage
- Kob‘
- Ydi
- Ugasaya
- Mor
- Na zakate bagrovogo solntsa
- Razryvaya plot‘ ot bezyskhodnosti bytiya
Vader – Royal Theater (Part 1)
Luke: Nun folgt eine Überschneidung, die wohl für gut 98 Prozent der Personen auf dem Schiff keine ist. Vader spielen im Theater, während Rhapsody Of Fire den Ice Rink beackern. Da sehr viele Freunde und Bekannte von der ersten Show der polnischen Oldschool-Deather – welche ich leider verschlafen hatte – geschwärmt haben, fange ich nun einmal hier an. Und für kurz vor drei Uhr morgens ist die Location auch sehr ordentlich gefüllt. Da haben wohl einige von den guten Berichten zur Pool Deck-Show in der zweiten Nacht gehört. Das Publikum ist zudem nicht nur anwesend, sondern startet, wie es sich gehört, gleich einen ordentlichen Pit. Und darüber hinaus klingt der Sound sehr gut. Trotzdem, irgendwie fand ich Vader bisher immer eher langweilig. Die ersten zweieinhalb Songs sind nun auch nichts, was mich eindeutig vom Gegenteil überzeugt, also starte ich einen kurzen Sprint quer durchs Schiff.
Rhapsody Of Fire – Ice Rink
Luke: Auf der anderen Seite angekommen, müssen Rhapsody Of Fire mit einem eher mässig gefüllten Ice Rink vorliebnehmen. Wieso ich überhaupt zu den italienischen Power Metallern gewechselt habe? Nun, in den 90er-Jahren waren «Legendary Tales» und «Symphony Of Enchanted Lands» von Rhapsody zwei wichtige Alben für mich. Allerspätestens seit der ganzen «Of Fire»-Geschichte fand ich die Band aber eigentlich nur noch peinlich. Nur: Kurz reinschauen will ich halt trotzdem. Und da sich der zweite Gig morgen sowohl mit Gama Bomb als auch Dust Bolt überschneidet, bleibt das hier die einzige Chance.
Ich merke aber schnell, dass ich mir meine sportliche Höchstleistung genauso gut hätte sparen können. Entweder sind unterdessen sogar in Italien die Kosten für Live-Keyboarder ins Unermessliche gestiegen – oder man hat sich irgendwann gesagt, dass wenn sowieso Orchesterklänge und sogar weitere Gesangsstimmen ab Band kommen, gleich der Grossteil als Backtrack eingepackt werden kann. Zusätzlich wirkt das mittlerweile generell wie eine Parodie von sich selbst, nur halt ohne die Klasse von Nanowar Of Steel zu erreichen. Die zwei neuen Schubidu-Party-Powermetal-Songs, welche ich mitbekomme, animieren mich jedenfalls genauso zum Fremdschämen wie der langsam wandelnde Circle Pit der grösstenteils verkleideten und betrunkenen Zuschauer. Zum Glück bin ich mittlerweile wieder zu Luft gekommen, so kann ich denselben Sprint gleich nochmals hinlegen. Im beruhigten Bewusstsein: Ich werde auch morgen wohl nichts verpassen … (pam: Oh doch …).
Pöch: Nach der frostigen Lehrstunde über den Niedergang der Menschheit bei Arkona kommt ein Stimmungsreset im angenehm temperierten Ice Rink genau zur richtigen Zeit. Symphonischer Power Metal statt Weltuntergang – nehmen wir! Da drücke ich auch mal beide Augen zu, wenn das musikalische Niveau nicht ganz an die legendäre Rhapsody Reunion von vor ein paar Jahren rankommt. Hauptsache, der Emotionsspeicher wird wieder aufgefüllt. Und das klappt, trotz der von Luke angesprochenen kleinen Schwächen, ziemlich gut. Beim bereits gut angeheiterten Publikum erübrigt sich diesbezüglich ohnehin jeder Kommentar.
Spätestens zum Schluss, wenn je ein Song der ersten drei Rhapsody-Alben gezündet wird, ist auch bei mir der Stimmungshöhepunkt erreicht. (Luke: Ok, dann wäre ich wohl definitiv besser ebenfalls erst am Schluss gekommen. Wobei, ob ich das mit dieser Besetzung hätte sehen wollen? Ich werde es wohl nie wissen… 😉 ) Genau diese Tracks haben Anfang der 2000er den Grundstein für meine Metal-Leidenschaft gelegt.
Die Setlist – Rhapsody Of Fire – Ice Rink
- Unholy Warcry
- Rain Of Fury
- I’ll Be Your Hero
- Chains Of Destiny
- The Magic Of The Wizard’s Dream
- Dawn Of Victory
- Land Of Immortals
- Emerald Sword
Vader – Royal Theater (Part 2)
Luke: Zurück im Theater haben sich zwar die Reihen etwas gelichtet, die Stimmung ist aber immer noch gut. Und die Band ist vor allem nach wie vor gut drauf. Die Musiker wirken sehr bodenständig und sind sichtlich froh um jeden anwesenden Fan. Verständlich, gerade für eine seit über vierzig Jahren aktive Band ist es wohl nicht ganz einfach, beide Sets mitten in der tiefsten Nacht spielen zu müssen. Da hatten es die Grünschnäbel von VBO um einiges leichter. Aber lassen wir das… Vader beenden mit dem «Imperial March» aus Star Wars jedenfalls einen tollen Auftritt, welcher mich definitiv mehr überzeugt, als meine letzten Aufeinandertreffen mit den Polen.
Die Setlist – Vader – Royal Theater
- Wings
- Cold Demons
- Epitaph
- This Is War
- Lead Us!
- The Book
- Triumph Of Death
- Shock And Awe
- Unbeding
- Helleluyah!!! (God Is Dead)
Saturnus – Pool Deck
Pöch: Auch der längste Konzerttag geht irgendwann zu Ende. Also schnell im Windjammer den obligaten Late-Night-Burger sichern und gemütlich Richtung Pool Deck schlendern. Nach der Arkona-Verspätung rechne ich auch hier mit Verzögerung – aber Saturnus haben offenbar keine Lust, länger als nötig zu frieren, und holen die halbe Stunde kurzerhand wieder auf.
Sänger Thomas Akim Grønbæk Jensen setzt beim Outfit ganz pragmatisch auf «arktisch funktional»: dicke Daunenjacke, Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Ein herrliches Bild – perfekt, um Freunden zu Hause zu zeigen, wie «heiss» so eine Metal-Cruise in der Karibik wirklich ist 😉
Meine Live-Premiere der Melodic-Death/Doom-Band passt dann wie die Faust aufs Auge: düster, intensiv und genau richtig, um langsam in den wohlverdienten Schlafmodus zu gleiten. Die Performance ist ein würdiger musikalischer Schlusspunkt eines mit Highlights gespickten Konzerttags. Zwar trotzen nur wenige Fans der Kälte, aber die Hartgesottenen werden ihr Durchhaltevermögen definitiv nicht bereut haben. Und ich bin mir sicher: Den sympathischen Dänen werde ich in Zukunft noch das eine oder andere Ohr leihen.
Skeletal Remains – Ice Rink
Luke: Gute Nacht, Pöch! Mein persönlich letztes Highlight des Tages findet im Ice Rink statt. Und dieser ist gar nicht sooo voll, wenn man bedenkt, wie viele Leute Skeletal Remains gestern in die kleine Lounge gezogen haben. Andererseits ist es mittlerweile auch nach vier Uhr morgens, so ganz unverständlich ist das also nicht. Und darüber hinaus wohl die Erklärung dafür, dass es zwar gleich bei Beginn einen ordentlichen Circle Pit gibt, dieser aber von sehr vielen Alkohol-Zombies bevölkert wird. Die Band hingegen liefert wie schon gestern einen richtig starken Auftritt ab – und das bei absolut bestem Sound. Jedes Instrument ist im Mix genau da, wo es hingehört. Bei eher technischem Death Metal absolut keine Selbstverständlichkeit.
Die doch nicht ganz so simple Musik der Gruppe sorgt zudem dafür, dass die Stimmung heute nicht ganz mit der Performance auf der Bühne mithalten kann. Die gelegentlichen Tempowechsel machen einen ständigen Circle Pit schwieriger, wenn, wie gestern gesehen, auch nicht unmöglich. Ich stehe am Rand des Pits und geniesse eigentlich vor allem die Musik, als irgendein Idiot eine einzige Runde im Kreis dreht. Und dies ganz offensichtlich mit dem Ziel, grösstmöglichen Schaden anzurichten. Mir kracht er zielgerichtet mit dem Ellenbogen rechts in die oberen Rippen, obwohl ich ihn kommen sehe, kann ich irgendwie nicht mehr abwehren. Mein Bier habe ich zwar gerettet, aber der Aufprall ist trotzdem ziemlich schmerzhaft. Und, soviel Blick in die Zukunft soll erlaubt sein, noch sehr lange zu spüren. Merci für nichts, du Idiot!
Über die (mutmasslichen) Verfehlungen von Frontmann Chris Monroy habe ich ja bereits anlässlich der Show gestern geschrieben. Musikalisch hat die Band heute hingegen erneut abgeliefert und einen sehr guten Auftritt hingelegt. Auch wenn die Freude bei mir durch den anderen Deppen etwas getrübt wurde, dafür können Skeletal Remains definitiv nichts. Ich gönne mir noch ein Abschiedsbier im Casino und zwei Painkiller. Nein, nicht die Kaufi-Drinks. Tabletten, um trotz Schmerzen irgendwie schlafen zu können. Danach verabschiede ich mich – trotz anwesender Prominenz in Form von zum Beispiel Chrigel (Eluveitie) – vom Casino und meiner Gruppe. Schliesslich will ich morgen wieder früh aufstehen.
Was uns der Rest der Cruise noch alles zu bieten hat, erfahrt ihr schon bald. Stay tuned!

