Katharsis in der Musigburg
Unter dem Slogan «Spring of Doom» laden Marianas Rest und Aeonian Sorrow zu einer Co-Headlinie-Tour ein. Die vielversprechende Kombination wird durch Wooden Veins als Support Act ergänzt.
Ein sehr mutiger Zug, da alle drei Bands mit äusserst schwerem, zutiefst melancholischem Geschütz auffahren. Die stilistischen Weichen sind dementsprechend in eine Richtung gestellt, dem heutigen Besucher ist das sehr wohl bewusst. Ein regelrechtes Nischentreffen, das den Underground von seiner schönen Seite zeigt.
Wie es für Marianas Rest eine Premiere auf Schweizer Boden ist, so bin ich heute Abend zum ersten Mal in der Musigburg. Gegenüber dem Bahnhof gelegen, wurde das ehemalige Kino in ein richtig ansprechendes Eventlokal verwandelt. Einladend schlicht gehaltenes Foyer, nettes Personal – hier fühlt man sich als Rocker und Metaller sofort daheim.
Wooden Veins
Während es im Foyer zu einem überraschenden Metalinside-Treff kommt (Kollege Fredy erklärt sich kurzerhand bereit seine Fotos zur Verfügung zu stellen, während ich spontan in die Schreiberrolle schlüpfe), laden Wooden Veins das geschätzt rund zur Hälfte gefüllte Lokal vor die Bühne ein. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass das Quartett mit ihrem gotisch angehauchten Post Metal aus Chile stammt. Der doomig atmosphärische Sound packt jedenfalls umgehend und besticht durch die passend tiefe Gesangsstimme von Juan Escobar. Da kann man schon mal in der Rhythmik aufgehen, zumal die progressiven Ansätze gekonnt punktuell eingestreut sind.
Wooden Veins erweisen sich als durchaus erfahrene Techniker. Als Eröffnungsband geht das als sehr feines Apero durch, dem höchstens noch der letzte Kick fehlt, das unter dem Strich aber zu überzeugen weiss.
Aeonian Sorrow
Mit der nächsten Truppe steht zugleich der Veranstalter selbst auf der Bühne. Der gebürtige Schweizer Jani Mikkänen hat 2022 die Agentur Dark Moon Events ins Leben gerufen und sich damit voll und ganz der Promotion verschrieben. Heute legt er als Livemusiker selbst an der Gitarre Hand an, während seine Frau Gogo Melone mit ihrer sphärischen Stimme einen sich zunehmend füllenden Saal in ihren Bann zieht.
Trotzdem braucht es etwa drei Stücke, bis ich die Mucke irgendwie entziffert habe und mich darauf einlassen kann. Die Kompositionen sind schwer und wuchtig zugleich, der Kontrast zwischen dem harschen Gesang von Joel Notkonen und der klaren Stimme von Gogo ist faszinierend. Das Publikum scheint eine sehr ähnliche Erfahrung zu machen, was an der zunehmenden Begeisterung wahrzunehmen ist. Mit dem letzten Stück vollenden Aeonian Sorrow ein brachiales Crescendo, das die ideale Basis für den Headliner legt.
Marianas Rest
Noch vor wenigen Monaten waren mir Marianas Rest völlig unbekannt. Eher zufällig bin ich über die digitale Promo ihres neuen Albums «The Bereaved» (die Hinterbliebenen) gestolpert und blieb fasziniert hängen. Allein ab Konserve den Sound der Finnen wirken zu lassen, ist per se schon ein Erlebnis. Umso mehr bin ich gespannt, wie das Ganze live zur Geltung kommt.
Die Abdankungszeremonie von ‹Thank You For The Dance› läuft ab Band und es wird mucksmäuschenstill. Die Musiker nehmen bei spärlichem Licht ihren Platz auf der Bühne ein und leiten vom Intro ins eigene Handwerk über. Mit schier statischer Bühnenpräsenz werden die fünf Herren zu einem Instrument, über das sie selbst keine Kontrolle haben – und auch nicht haben wollen. Die Musik spricht für sich. Die Tiefen, die sie beim Komponieren ihrer Songs erkundet haben, klingen irgendwo in einem jeden von uns wieder – vorausgesetzt, dass man sich darauf einlässt.
Tod und Verlust sowie Trauerbewältigung, aber auch Frust, Verstimmungen und Depressionen in jeglicher erdenklichen Form sind Zustände, die einen nur allzu oft komplett verstummen lassen. Dies kann zu einer Ansammlung innerer Schreie und Abgründe führen, für die man sich schämt oder gar hasst. Genau hier setzt die Musik von Marianas Rest an. Sie gibt dem Unbeschreiblichen ein Bild, dem Unsäglichen eine Stimme, dem Gefühl einen Klang. Das Bühnenbild ist mit einem Bandlogo-Backdrop sehr schlicht gehalten, die Performance von Sänger Jaakko Mäntymaa dagegen umso expressiver. Er schlüpft buchstäblich in die Rolle des jeweiligen Songs und schreit sich die Seele aus dem Leib. Das wirkt echt und haut voll rein – ein Hühnerhautmoment folgt dem nächsten.
Die Setlist besteht hauptsächlich aus Material vom aktuellen Album, das bis auf zwei Stücke durchgespielt wird. Ergänzt wird das Set mit ‹Glow From The Edge› und ‹Light Reveals Our Wounds› aus den Alben «Fata Morgana» und «Auer», die sich nahtlos ins Konzept einfügen. Ein Konzept, das sich z.B. die Frage stellt, wer bei einem Verlust das bessere Los zieht – der Verstorbene oder der Hinterbliebene? Tiefe Gedanken, die ebenso tief verborgene Gefühle erreichen. Verbunden mit der Schwere und Melancholie ihres Sounds entwickelt sich ein unerklärlich therapeutisches Feeling, das sich regelrecht heilsam anfühlt.
Nach einer guten Stunde endet die Reise in ungeahnte Tiefen. Nebst einer knappen Begrüssung und dankbaren Verabschiedung gibt es weder Ansagen noch Erklärungen. Marianas Rest haben jedem Song genau die Zeit zur Entfaltung gelassen, die er braucht – das ist musikalisches Feeling in Vollendung!
Im Gegensatz zur Schwere der Musik kehrt man erleichtert in die Realität zurück. Es bleibt Zeit, das Ganze ausklingen zu lassen und im Anschluss mit den Protagonisten locker und ungezwungen ein paar Worte zu wechseln.
Das Fanzit – Marianas Rest, Aeonian Sorrow, Wooden Veins
Ein schwermütiger und melancholischer Frühlingsabend, ist das nicht völlig absurd? Nicht wirklich. Denn so wie die Seele auch mal durch Herbst- und Winterzeiten gehen muss, um im Frühling wieder aufblühen zu können, hinterlässt der «Spring of Doom» in der Musigburg seine Spuren. Wooden Veins und Aeonian Sorrow legen gehaltvoll vor, während Marianas Rest in musikalisch ritueller Form vollenden: Ganz nach ihrem Konzept harren sie mit den Hinterbliebenen aus und schaffen inmitten von gedanklichem Chaos Raum für innere Ruhe.
Einfach nur DANKE für diese Katharsis!

