Musik zwischen zwei Welten
Mit Support von Vianova und TSS entführten uns Novelists im KIFF Aarau in verschiedene Winkel des Metalcore. Die sympathische Band aus Paris überzeugte mit diversen Gesangstechniken und faszinierenden Gitarrenriffs, die durch kreatives Songwriting ihr gesamtes Potenzial entfalteten.
Wie alles im Leben haben auch unterschiedliche Musikstile ihre jeweiligen Vor- und Nachteile: Auf der einen Seite stehen die eingänglichen Melodien aus Rock und Pop, die ein genussvolles und entspanntes Hörerlebnis sichern… Oft aber nur für kurze Zeit, bevor die lange Weile einsetzt. Auf der anderen Seite haben wir das technische Können, das einige virtuose Musikschaffende mit sich bringen. Daraus ergeben sich oft extrem spannende Songs, die aber viel Aufmerksamkeit erfordern und das Zuhören anstrengend machen können. Novelists kombinieren das jeweils Beste aus diesen beiden Welten. Eingängliche Melodien und schöne Harmonien werden versetzt mit schnellen und komplexen Gitarrenläufen, die sich allerdings geschmeidig in das Gesamtkunstwerk einfügen und so zugänglich werden. Um dem Metal treu zu bleiben, wird das Ganze mit harten Riffs und verzerrten Vocals gespickt – ein Erfolgsrezept, das begeistert.
Vianova
Unter freudigen Rufen und begleitet von Applaus betreten die Musiker die Bühne im Aarauer KIFF. Wie erwartet elegant in Weiss gekleidet, der Frontman Alexander natürlich im charakteristischen Outfit mit orangefarbenen Sonnenbrillengläsern und der weissen Pelzmütze. Bereits jetzt ist die Menge geladen, die riesige Vorfreude auf den heutigen Abend prickelt in der Luft. Schon während den ersten Takten wird das Publikum erfolgreich zum Mitsingen aufgefordert. Nach einem kurzen Part, gekennzeichnet von liegenden Synthesizer-Klängen sowie melodiösem und elektroeffektbeladenem Gesang, geht es plötzlich los: Im Song «Squier Talk» kapern die verzerrte Rhythmus-Gitarre, tiefe Bässe, ein wild wirbelndes Schlagzeug und die ersten harten Screams die bis anhin entspannte Atmosphäre und läuten unverkennbar den Metalcore ein. Unmittelbar nach diesem steilen Einstieg wird auch schon der erste Pit geöffnet, kurz darauf donnert eine Wall of Death durch das energiegeladene Publikum.
Die Berliner Band bringt überzeugt und souverän ihren ganz eigenen Musikstil herüber. Die meisten Songs zeigen neben hartem Metal auch Elemente aus diversen anderen Genres und sind so durch viel Abwechslung und spannende, aber stets passende Übergänge charakterisiert. Die einzigen Wehrmutströpfen sind, dass die Aufforderungen zum Pit vom Publikum ab dem fünften Mal verständlicherweise nur noch halbherzig entgegengenommen werden. Ausserdem ist zu bedauern, dass mit den oft anspruchsvoll hohen und glasklaren Kopfstimmpassagen ab und an auch Unsicherheit und Wackler mitschwingen. Beim gut gewählten letzten Song «Wheel Of Fortune» rückt das alles schnell wieder in den Hintergrund und es bleibt die Freude an der gelungenen Performance der ersten erlebnisreichen Band.
TSS
Nervenkitzel liegt in der Luft, als auf der Bühne rhythmische Lichtblitze aufflackern. Plötzlich setzen dazu präzise und synchrone Drum Beats ein und zerreissen immer wieder die beinahe unheimliche Stille dazwischen. Nach gelungenem Spannungsaufbau starten TSS mit erbarmungsloser Härte. Im Gegensatz zu der vorherigen Band sind die Musiker (ausser dem Drummer, der vor einem schwarzen Vorhang sitzt) komplett in Schwarz gekleidet. Sogar die beiden Gitarren erlauben sich ausser dem Glanz der Stahlsaiten und Tunern keinerlei Akzente. Der Sänger trägt schwarzes Leder in Form eines mit Riemen versehenen Kleides.
Die Band spielt, passend zum Outfit, ihre stimmungsvoll dunkel gefärbten Songs. Die beiden Rhythm-Gitarren legen ein kohlrabenschwarz wirkendes Fundament. Unterstützt von klaren, direkten und unmissverständlichen Schlagzeugbeats malt der Sänger gekonnt leuchtende Gesangslinien darüber. Dabei scheut er sich nicht davor, diverse Screams, Growls und ähnliche Techniken in beeindruckender Geschwindigkeit mit cleanem und melodiösem Gesang in voller Brust- und resonierender Kopfstimme abzuwechseln.
Trotz ihrer einzigartigen Klangfarbe (sofern Schwarz hier als Farbe interpretiert wird) verkaufen sich TSS meiner Meinung nach unter ihrem Wert: Die beiden Rhythm-Gitarren spielen meistens exakt dieselben Akkorde, wodurch der Sound «fetter» wird. Diese Technik wird häufig im Studio verwendet, bei einem Live-Auftritt würde ein Chorus-Effektpedal allerdings auch ein ähnliches Resultat erzielen. Durch diese Doppelbesetzung der Rhythmus-Gitarre kann keiner der beiden Musiker die Lead-Guitar übernehmen. So wird bei TSS vergebens auf gelegentliche Gitarrenläufe oder gar ein Solo gewartet. Überraschend sind auch die unzähligen hochgeregelten Effekte und ein starkes Auto-Tuning auf der Tonspur des Frontman. Die allem Anschein nach überwältigenden Gesangsqualitäten werden dadurch wie hinter einem dunklen Schleier verborgen. Durch diese Unterbindung von Dynamik wirken die tollen Vocals auf mich dann eher steril und unnahbar.
Obwohl mit derselben Besetzung und reduzierter Effekttechnik auch anderes möglich wäre, haben TSS ihren ganz eigenen Sound gefunden. Und das mit Erfolg: Das Publikum amüsiert sich, wilde Pits als auch Walls of Death sind hier angebracht und werden rege betobt. Möglicherweise macht auch das optisch als auch akustisch konsequent dunkel gefärbte Gesamtkonzept den Reiz dieser Band aus.
Novelists
Der Main Act des heutigen Abends übertrifft meine Erwartungen während der gesamten Spielzeit. Und das, obwohl die Band heute krankheitshalber ohne dem Bassisten Nico auf der Bühne steht (und Camille wegen einem Schnitt im Finger darauf verzichtete, zur Gitarre zu greifen). Bereits mit dem ersten Song «All For Nothing» werden sehr hohe Standards gesetzt: Ruhige Parts, harte Riffs, schnelle Gitarrenläufe, präzise und diverse Drums, ein geniales und fabelhaft gespieltes Gitarrensolo als auch das gesamte Spektrum von Camilles Stimme werden emotionsgeladen präsentiert. Mit einem schnellen Gitarrensolo als Einstieg von «Smoke Signals» wird die Energie aufrecht erhalten, anschliessend werden einige wohl bekannte Klassiker der Band zum Besten gegeben. Während einige der Sängerin an den Lippen hängen oder fasziniert die schnellen, im Dämmerlicht verschwimmenden Finger der Gitarristen beobachten, toben sich andere erfreut in den immer wieder neu entstehenden Pits aus.
Mit dem Song «In Heaven», geschrieben in Gedenken an die vor zwei Jahren verstorbene Grossmutter der Sängerin, wird ein ruhigerer Zwischenteil des Konzertes eingeleitet. Die darauf folgenden zwei Gitarren-Songs «Rest» und «Erre» werden von Florestan beziehungsweise Pierre jeweils alleine aufgeführt. Auch dank dem meisterhaften Einsatz von Harp Harmonics zählen wohl auch diese sehr ruhigen Songs zu den Highlights aller gitarrenbegeisterten Metalheads. Anschliessend beginnt Camille alleine zu singen, während sich im Verlauf von «Okapi» die anderen Bandmitglieder dazugesellen und von nun an wieder gemeinsam auf der Bühne stehen. Mit Ausnahme von «Say My Name», während dem sich Camille beim Crowd Surfing auf Händen getragen bis zum Mischpult treiben lässt. Nach der Darbietung einiger weiterer Liedern wird bereits viel zu früh der letzte Song angekündigt. Hier lässt sich die Band allerdings nichts nehmen und landet mit «Coda» einen Volltreffer in die Herzen ihrer Fans. Danach ist uns als Zugabe noch ein ganz besonderes Vergnügen vergönnt: Mit «Turn It Up» zeigen Novelists noch einmal, was sie alles drauf haben und verabschieden uns mit ungebremster Vorfreude auf ein nächstes Wiedersehen.
Das Fanzit – Novelists, Vianova, TSS
In Aarau wurde uns ein toller Abend mit drei sehr spannenden Bands geboten. Vianova starteten das Konzert mit viel Kreativität und brachte das motivierte Publikum mit voller Energie auf Kurs. TSS präsentierten uns einen harten und schweren Metal, der mit dazu kontrastierendem Gesang Akzentuiert wurde. Novelists zeigten sich von ihrer besten Seite und beeindruckten mit der Qualität ihrer Musik. Sowohl kompositorisch als auch mit ausgefeilter Gitarren- und Gesangstechnik. Dabei kamen sie stets sehr authentisch, entspannt und sympathisch herüber und überzeugten uns sowohl mit harter, energetischer Musik als auch mit emotionsgeladenen Songs.
Die Setlist – Novelists
- All For Nothing
- Smoke Signals
- Heretic
- Lost Cause
- Terrorist
- Prisoner
- In Heaven
- Rest
- Erre
- Okapi
- Do You Really Wanna Know?
- Say My Name
- Mourning The Dawn
- CRC
- Coda
- Turn It Up *
* Zugabe


