Scare The Children – Interview mit Sadako
Death Metal, Groove Metal, Thrash Metal
Kinderschreck mit Tiefgang
Wer beim Stichwort «Theatrical Metal mit Masken» reflexartig die Slipknot-Schublade aufmacht, greift bei Scare The Children definitiv zu kurz. Vor rund zwölf Jahren im tiefsten Underground von Peking gegründet, hat sich das internationale Vierergespann über die Jahre zu einer faszinierenden Konstante im chinesischen Metal-Zirkel hochgearbeitet.
Die Band präsentiert sich als schillerndes Paradoxon: Obwohl geografisch im Reich der Mitte beheimatet, vereint das aktuelle Line-up internationale Musiker mit lokalen Kräften aus den unterschiedlichsten Regionen Chinas. Genau aus diesem globalen Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Generationen zieht die Truppe die visionäre Kraft für ihr düsteres Kunstwerk.
Dabei setzt das finstere Gespann nicht auf billigen Jahrmarkts-Hokuspokus, sondern auf ein tiefgründiges Konzept, das auf ihrer aktuellen EP «Forsaken» eine überraschend persönliche, fast schon therapeutische Wendung nimmt: Der wahre Horror lauert hier nicht unter dem Bett, sondern in den Abgründen der eigenen Psyche.
Dass es die Truppe diesen Sommer für exklusive Shows (wie etwa am 11. September 2026 in der Sunset Bar in Martigny) und einen Auftritt beim Rock The Lakes erstmals überhaupt nach Europa und in die Schweiz verschlägt, grenzt angesichts des enormen logistischen und finanziellen Aufwands an ein kleines Metal-Wunder.
Einige Wochen vor dem Start in ihr Abenteuer hatte ich die Gelegenheit, mich mit Gründungsmitglied und Sänger Psy Sadako zu unterhalten. Entstanden ist ein offenes und tiefgründiges Gespräch über die Herausforderungen einer expliziten Horror-Show im Spannungsfeld strenger Zensurauflagen, die Entstehung eines unfreiwillig niedlichen, viralen Fankults im Netz und die Frage, wie man die düstere Club-Atmosphäre unter die gleissende Sonne eines Schweizer Open Airs rettet.
Schaltet den Kopf aus und tretet ein: Welcome to the other side!
Made in China
Eine Horror-Metal-Band mit internationalen Wurzeln, gegründet in Peking, die diesen Sommer antritt, um die Schweizer Bühnen ordentlich durchzuschütteln – das klingt nach einer verdammt wilden Fahrt! Für alle, die die Truppe gerade erst für sich entdecken, stellt sich natürlich die Frage nach der Identität hinter den Masken, den Anfängen im fernen China vor über zehn Jahren und dem musikalischen Fundament des Vierers.
Metalinside (Sandro): Wer verbirgt sich hinter den Masken, wie kam es zur Bandgründung in Peking und wie würdet ihr euren Sound sowie eure Einflüsse beschreiben?
Psy Sadako: Scare The Children wurde vor etwa zwölf Jahren in Peking ins Leben gerufen. Wie bei den meisten Bands, die über ein Jahrzehnt überstehen, hat sich die Besetzung im Lauf der Jahre mehrfach verändert. Das einzige verbliebene Gründungsmitglied bin ich, Sadako – ich halte die kreative Vision der Band bis heute auf Kurs.
Unsere aktuelle Formation besteht aus mir am Gesang, Yuriko an den Keyboards und dem Programming, Vlads an der Gitarre und Mört am Schlagzeug. Das Besondere an Scare The Children ist unsere Internationalität mitten in China. Wir kommen keineswegs alle aus dem Ausland, aber selbst die chinesischen Bandmitglieder stammen aus völlig unterschiedlichen Regionen des Landes. Peking hat uns zusammengeführt; hier fand dieses skurrile Projekt ein Zuhause, um zu wachsen.
Musikalisch ordnen wir uns im Theatrical Metal ein, stark untermalt von Horror-Einflüssen. Eine unserer grossen Stärken liegt darin, dass wir komplett verschiedene musikalische Wurzeln haben und unterschiedlichen Generationen angehören. Einige von uns stehen auf modernen Metal, Djent und zeitgenössische harte Klänge, während andere mit den klassischen Metal-Bands aufgewachsen sind, die das Genre überhaupt erst geprägt haben. Statt nur einer bestimmten Stilrichtung zu folgen, verweben wir all diese Einflüsse zu etwas, das unverkennbar nach uns klingt.
Sobald die Leute Masken und harte Musik sehen, schnappt die Slipknot-Schublade zu. Wir fassen das als Kompliment auf. Sie haben dem theatralischen Metal Türen geöffnet und bewiesen, wie mächtig eine visuelle Identität sein kann. Abseits der Masken konzentrieren wir uns jedoch darauf, unser eigenes Universum zu erschaffen – basierend auf Horrorgeschichten, dichter Atmosphäre und unvergesslichen Live-Shows.
Wenn Kuschel-Slang auf blanken Horror trifft
Wer im Netz nach der Band sucht, stösst im chinesischen Raum schnell auf eine kleine namentliche Doppelidentität. Während der offizielle Name übersetzt «Xià xiǎohái» lautet, hat sich in der Fangemeinde und den sozialen Medien längst der virale Meme-Ausdruck «Xià sǐ bǎobao» durchgesetzt. Ein augenzwinkernder Kontrast, der die Frage aufwirft, wie viel Raum für Internet-Slang in einer Horror-Metal-Band bleibt.
MI: Wie kam es zu diesem humorvollen Spitznamen und wie gut passt dieser niedliche Netz-Slang zur eigentlich düsteren Identität von Scare The Children?
Psy Sadako: Lustigerweise hatten wir anfangs gar keinen chinesischen Namen. Vor Jahren buchte uns ein lokaler Promoter für eine Show und nannte uns kurzerhand «吓小孩» (Xià Xiǎohái), was wortwörtlich übersetzt einfach «Erschrecke die Kinder» heisst. Das war zwar pragmatisch, aber so richtig warm wurden wir damit nie.
Fast zeitgleich verpassten uns die chinesischen Fans im Netz den Spitznamen «吓死宝宝» (Xià Sǐ Bǎobao). Das ist ein populärer Internet-Ausdruck, der grob bedeutet: «Du hast mich zu Tode erschreckt!», allerdings auf eine spielerische, selbstironische Art. Wir fanden das absolut genial. Der Name traf den Kern der Band viel besser als eine plumpe Übersetzung, weil er direkt aus der Community kam.
Bei solchen Dingen nehmen wir uns selbst nicht zu ernst. Horror soll schliesslich nicht nur Angst machen, sondern auch Spass bereiten. Als die Fans uns diesen Namen verpassten und er im Netz die Runde machte, haben wir ihn sofort angenommen. Das fühlte sich organisch an und nicht wie etwas, das uns von oben herab aufgedrückt wurde. Inzwischen kennt uns der Grossteil der chinesischen Fans unter «吓死宝宝», und das ist völlig in Ordnung. Auf gewisse Weise gehört der Name ihnen. Nicht wir haben ihn ausgesucht, sondern sie – und das ist wahrscheinlich das Beste, was passieren konnte.
Monster im Kopf
Mit ihrem Debüt «Odyssey» (2018) lieferten Scare The Children ein klassisches Konzeptalbum über die verfluchte Puppe Betsy ab. Seither hat sich im Lager der Horror-Metaller einiges getan: Auf die von Tue Madsen produzierte Anthologie «Tales» folgt nun die EP «Forsaken» – ein Werk, das nicht nur musikalisch eine neue Richtung einschlägt, sondern die Band auch produktionstechnisch und emotional an ihre Grenzen brachte. Hinter der dichten Atmosphäre verbirgt sich diesmal ein erschreckend realer Horror.
MI: Wie hat sich eure Storyline vom Debüt bis zur neuen EP «Forsaken» entwickelt, wie lief der Songwriting-Prozess in kompletter Eigenregie ab und welcher Song ging euch dabei besonders unter die Haut?
Psy Sadako: Unser Debütalbum «Odyssey» erzählte eine durchgehende Horrorgeschichte rund um die verfluchte Puppe Betsy. Jeder Song baute auf dem anderen auf und formte ein zusammenhängendes Narrativ.
Danach folgte «Tales», gemischt und produziert von Tue Madsen. Diese Scheibe war von alten Horror-Anthologien wie «Tales from the Crypt» inspiriert. Statt einer langen Story war jedes Lied ein in sich geschlossener Albtraum, meistens mit einem düsteren Twist am Ende. Die Zusammenarbeit mit einem so erfahrenen Mann wie Tue war eine Riesenchance für uns und hat uns als Band ein gewaltiges Stück vorangebracht.
«Forsaken» schlägt nun eine völlig andere Richtung ein. Es ist das wohl persönlichste Werk, das wir je abgeliefert haben. Gleichzeitig war es eine enorme Herausforderung, weil wir uns dieses Mal dazu entschlossen haben, alles in Eigenregie zu machen – vom Recording über die Produktion bis hin zum gesamten kreativen Konzept. Nach der Erfahrung mit Tue Madsen bei «Tales» die komplette Verantwortung für jedes Detail und jeden Handgriff allein zu tragen, war einschüchternd und bereichernd zugleich. Es bescherte uns absolute Freiheit, bedeutete aber auch, dass jede Entscheidung, jede Feinheit und auch jeder Fehler auf unsere Kappe gingen.
Die Kernfrage hinter der EP klingt simpel: Was passiert, wenn wir sterben? Folgt darauf Stille? Ein Jüngstes Gericht? Oder wartet auf der anderen Seite etwas völlig anderes? Dabei geht es uns gar nicht zwingend um den physischen Tod. «Forsaken» ergründet vielmehr, was passiert, wenn ein Teil von dir selbst stirbt. Der Verlust von Unschuld, Vertrauen, Hoffnung, Liebe, der eigenen Identität oder dem Menschen, der man zu sein glaubte. Die EP taucht tief ein in Themen wie Verlassensein, Traumata, wiederkehrende Albträume, Depressionen und das daraus resultierende selbstzerstörerische Verhalten.
Für das Konzept haben wir die Emotionen und psychischen Zustände in Monster verwandelt. Makaber ausgedrückt könnte man es als eine düstere, verdrehte Version des Animationsfilms «Inside Out» (Alles steht Kopf) beschreiben. Jede Kreatur steht für etwas, das einen Menschen von innen heraus auffressen kann. Wir laden die Hörer dazu ein, auf «die andere Seite» zu wechseln und sich diesen Wesen Stück für Stück zu stellen.
Die Zeile «Welcome to the Other Side» wurde zum Leitmotiv der Platte. Vordergründig stellt sie die Frage nach dem Danach. Eigentlich geht es aber um die Momente im Leben, in denen ein Teil von uns stirbt und wir gezwungen sind, uns neu zu erfinden. Die Monster auf «Forsaken» lauern genau in dieser Kluft zwischen dem, was wir waren, und dem, was wir werden. Der Horror versteckt sich nicht mehr unter dem Bett; er sitzt längst in deinem eigenen Kopf.
Interessanterweise fiel uns das Songwriting gar nicht schwer; der Entstehungsprozess hatte fast etwas Therapeutisches. Die echte Hürde war es, die Songs zu performen. Einige Texte basieren auf realen Erlebnissen und echten Gefühlen. Wenn ich sie singe, durchlebe ich jedes einzelne Wort. Das kann emotional wahnsinnig auslaugen, wirkt aber gleichzeitig ungemein befreiend. Es liegt eine enorme Kraft darin, diese Gefühle laut herauszuschreien, anstatt sie still mit sich herumzutragen.
Ein Song, der mir besonders am Herzen liegt, ist «famiLIAR». Er beleuchtet das ewige Herr-und-Knecht-Verhältnis, das auf falschen Versprechungen, Manipulation und Abhängigkeiten fusst. Ob man diese Dynamik nun auf eine toxische Beziehung zwischen zwei Menschen, eine Sucht oder einen Teufelskreis projiziert, bleibt jedem selbst überlassen. Für mich transportiert das Lied einen Kerngedanken von «Forsaken»: Die Monster, die uns gefangen halten, reden uns oft erfolgreich ein, dass wir sie zum Überleben brauchen.
Mehr als nur Masken
Wer Scare The Children live oder auf Promofotos sieht, merkt sofort: Die massgeschneiderten, grotesken Masken und Outfits sind kein billiger Jahrmarkts-Hokuspokus, sondern tief im Konzept der Band verwurzelt. Doch wie wurden diese Horror-Kreaturen ursprünglich zum Leben erweckt, und besitzen sie abseits der Alben tatsächlich ein dokumentiertes, psychologisches Eigenleben mit eigener Biografie?
MI: Wie wurden eure grotesken Bühnencharaktere ursprünglich entwickelt und stecken hinter den Masken feste Persönlichkeiten mit einer eigenen Hintergrundgeschichte?
Psy Sadako: Unsere Bühnenfiguren sind weit mehr als reine Kostüme, und sie sind keineswegs in Stein gemeisselt. Über die Jahre haben sie sich synchron zur Musik weiterentwickelt, fast wie lebendige Wesen innerhalb des Scare-The-Children-Universums.
Sadako war anfangs als eine Witwe konzipiert, die bereits das Zeitliche gesegnet hatte, aber durch Hexerei ins Leben zurückgeholt wurde. Nun wandelt sie zwischen den Welten – weder ganz tot noch lebendig, eher eine Art Reiseführerin durch die finsteren Kapitel unserer Geschichten.
Yuriko verkörpert das Konzept von Zwillingen. Sie war irgendwie schon immer Teil der Band, aber innerhalb der Storyline ist eine der Schwestern spurlos verschwunden. Was bleibt, ist das düstere Spiegelbild – jene Version, die zurückblieb, als das Unheil seinen Lauf nahm.
Mört begann als eine Art Ghul und mutierte schrittweise zu einer unberechenbaren, instabilen Kreatur. Er fungiert heute als Gestaltwandler, der sich der jeweiligen Story oder der transportierten Emotion des Songs anpasst.
Vlads ist der neueste Charakter und bringt die wohl tragischste Hintergrundgeschichte mit: ein missglücktes Laborexperiment, also etwas Erschaffenes und nicht Geborenes. Diese Thematik der künstlichen Existenz und Identität greifen wir auch in unserem neueren Material auf.
Jede dieser Figuren dockt an bestimmte Songs und Themen an. Wir wollen das Ganze aber gar nicht kaputterklären als nötig. Sie bewegen sich im selben Kosmos, und das Publikum kann selbst entscheiden, wie tief es in die jeweiligen Hintergrundgeschichten eintauchen möchte.
Wachstum gegen den Strom
Scare The Children haben sich über die Jahre zu einer echten Konstante im Pekinger Underground hochgearbeitet. Doch wie lebt es sich als theatralische Horror-Truppe in einem Land, das für seine strengen Regularien bekannt ist? Ein Blick auf die Entwicklung der lokalen Live-Landschaft, die Energie des chinesischen Publikums und den kreativen Umgang mit den strengen Hürden der Zensur.
MI: Wie habt ihr die Entwicklung der Metal-Szene in Peking über die Jahre erlebt und inwiefern beeinflussen lokale Vorgaben oder kulturelle Gegebenheiten die Inszenierung eurer Shows?
Psy Sadako: Die Metal-Szene in Peking hat sich im Lauf der Jahre massiv gewandelt. Als wir anfingen, war alles viel überschaubarer und tief im Underground verwurzelt. Heute existiert hier eine echte Community mit leidenschaftlichen Fans und einer Wahnsinns-Energie bei den Konzerten. Das Publikum ist unglaublich stark, und wir spüren auf der Bühne eine echte, unverfälschte Verbindung zu den Leuten.
Da wir noch nie in Europa gespielt haben, fehlt uns der direkte Vergleich. Fest steht aber, dass uns der Support in unserer Heimat extrem pusht und motiviert.
Was die Einschränkungen betrifft, mit denen wir manchmal konfrontiert werden: Wir begreifen sie als Ansporn. Uns hat das nie ausgebremst – im Gegenteil, es hat unseren Ehrgeiz nur angestachelt. Es gab weiss Gott genug Momente, in denen Aufgeben der leichtere Weg gewesen wäre, aber wir haben uns bewusst für die harte Tour entschieden. Wir haben weiter an uns gearbeitet, Neues kreiert, und langsam zahlt sich diese Beharrlichkeit aus. Wenn ich heute zurückblicke, sind genau diese Hürden der Grund, warum Scare The Children in dieser Form überhaupt existiert.
Der Spiegel des Schmerzes
Die Texte von Scare The Children wühlen im emotionalen Schutt und beleuchten die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche. Doch wo hört die theatralische Fiktion auf und wo fängt die reale Grausamkeit an? Ein paar Gedanken über die Natur der Angst im Alltag und die Frage, ob das Ausformulieren düsterer Klangwelten am Ende eine reinigende, fast schon rettende Wirkung entfalten kann.
MI: Was ist für dich persönlich der ultimative Horror im realen Leben und fungiert das Erschaffen eurer Musik als eine Art Rettungsanker oder Therapie?
Psy Sadako: Für mich liegt der wahre Horror im realen Leben, nicht im Übernatürlichen. Es ist die Vorstellung, sich selbst schleichend zu verlieren, ohne es überhaupt zu merken. Eines Tages aufzuwachen, in den Spiegel zu schauen und die Person nicht mehr zu kennen, oder völlig die Verbindung zu allem zu verlieren, was dem Leben mal einen Sinn gegeben hat.
Das Verlassensein spielt da eine grosse Rolle. Damit meine ich nicht nur, von anderen im Stich gelassen zu werden, sondern jene Momente, in denen man Teile seines eigenen Ichs aufgibt – einfach nur, um irgendwie weiterzufunktionieren, zu überleben oder mit Dingen fertigzuwerden, die man damals gar nicht greifen konnte. Das formt mit der Zeit eine Version deiner selbst, die meilenweit vom eigentlichen Ursprung entfernt ist.
Die Musik war für mich schon immer das Werkzeug, um genau das zu therapieren. Sie löst die Probleme zwar nicht, aber sie verleiht diesen diffusen Gefühlen eine greifbare Form. Wenn wir Songs schreiben oder auf der Bühne stehen, flüchten wir nicht vor den Schattenseiten – wir zerren sie ins Rampenlicht und zwingen uns, ihnen direkt ins Auge zu blicken. Das kann verdammt unangenehm sein, ist aber absolut notwendig.
Insofern ist Scare The Children keine Realitätsflucht, sondern unsere Art, der Realität schonungslos ehrlich zu begegnen. Selbst den schwärzesten Stoff können wir so kontrollieren, kanalisieren und auf der Bühne in etwas Bedeutsames verwandeln.
Im Camping-Modus
Der Sprung aus Fernost nach Europa ist für eine Underground-Band eine logistische wie auch finanzielle Herkulesaufgabe. Dass es Scare The Children diesen Sommer tatsächlich in die Schweiz verschlägt, grenzt an ein kleines Metal-Wunder. Auf dem Rock The Lakes wartet nun nicht nur die Herausforderung, die düstere Club-Atmosphäre auf eine sonnige Open-Air-Bühne zu hieven, sondern auch das Abenteuer, ungefilterte Schweizer Festival-Luft auf dem Campingplatz zu schnuppern.
MI: Wie kam die Verbindung in die Schweiz zustande, wie baut ihr eure visuelle Horror-Show für ein europäisches Open-Air um und wie schafft ihr es auf der Bühne, die perfekte Balance zwischen creepy und unterhaltsam zu halten, ohne dass die Inszenierung unfreiwillig komisch wirkt?
Psy Sadako: Die Verbindung zur Schweiz kam über unseren Manager zustande. Er ist Schweizer, hat jahrelang in China gelebt, und durch diese Verbindung fügten sich die Puzzleteile zusammen. Das hat uns überhaupt erst die Tür geöffnet, um Scare The Children in die Schweiz zu bringen.
Natürlich sind Logistik und Finanzen bei so einer internationalen Reise ein riesiger Brocken, aber wir arbeiten seit einer gefühlten Ewigkeit daran. Hoffen wir, dass alles glattläuft. Um ehrlich zu sein: Wir sind unfassbar nervös und voller Vorfreude, das lässt sich nicht leugnen. Wir werden uns die Bühne mit Bands teilen, vor denen wir riesigen Respekt haben und mit denen wir aufgewachsen sind. Das ist für uns ein Meilenstein.
Am meisten freuen wir uns auf den zwischenmenschlichen Aspekt: neue Leute kennenzulernen, die Festival-Atmosphäre aufzusaugen und das Ganze voll auszukosten. Wir haben uns sogar bewusst gegen ein Hotel und für das Campen entschieden, um das Rock The Lakes so ungefiltert wie möglich zu erleben.
Aus produktionstechnischer Sicht wird die Show eine spannende Umstellung. In China ist fast jede Location und jedes Festival mit LED-Wänden zugepflastert; unsere visuelle Welt baut deshalb stark auf Videosequenzen im Hintergrund auf. In der Schweiz müssen wir umdenken und das Konzept anpassen, aber genau das reizt uns. Wir sträuben uns nicht dagegen, sondern ziehen unser Ding durch und lassen die Performance für sich sprechen. Und wer weiss, mit etwas Glück ist es sogar bewölkt.
Bezüglich der Masken und Charaktere achten wir penibel darauf, nicht ins Lächerliche abzudriften. Das ist eine Gratwanderung. Für uns liegt das Geheimnis darin, uns selbst nicht zu ernst zu nehmen, aber das Gesamtkonzept absolut zu respektieren. Am Ende geht es darum, Spass zu haben und der Identität von Scare The Children treu zu bleiben.
Wir haben zwar noch nie in Europa gespielt, aber in Asien erleben wir es immer wieder: Ohne die Masken nehmen uns die Leute die Show oft nicht ab, sie erkennen die Band auf der Bühne kaum wieder. Mit den Masken hingegen zündet eine gänzlich andere Dynamik – es ist ein Schock, eine Metamorphose, fast so, als würde im Raum plötzlich die Sirene schrillen.
Backstage sind wir ganz normale Typen – wir trinken was, blödeln herum, Alltag eben. Die eigentliche Verwandlung passiert in der Sekunde, in der das Introband anläuft. Ab diesem Moment gibt es kein Zurück mehr. Der Schalter legt sich um und wir gehen all-In.
Letzte Warnung
Wenn im August das Rock The Lakes ruft, wird ein Grossteil der hiesigen Metalheads zum ersten Mal mit der kompromisslosen Performance der Pekinger konfrontiert. Bevor das Quartett die Schweizer Bretter entert und seine bizarre Metamorphose vollzieht, schicken die Herrschaften noch eine unmissverständliche Ansage an die hiesige Community voraus.
MI: Welche Botschaft oder welche «Warnung» möchtet ihr den Schweizer Fans mit auf den Weg geben, bevor ihr die hiesigen Bühnen stürmt?
Psy Sadako: An alle in der Schweiz, die uns zum ersten Mal live erleben: Wehrt euch nicht dagegen. Was wir tun, funktioniert nur, wenn ihr euch voll darauf einlasst. Es bringt nichts, sich das Ganze mit verschränkten Armen aus der Distanz anzuschauen. Schaltet für einen Moment den Kopf aus und betretet gemeinsam mit uns unsere Welt. Seid präsent, seid echt und haltet eure Emotionen in diesem Augenblick nicht zurück.
Wir werden auf der Bühne genau dasselbe tun. Wir geben da oben alles, und im Gegenzug saugen wir die Energie auf, die vom Publikum zurückkommt. Genau aus diesem Austausch zieht Scare The Children seine Existenzberechtigung.
Lasst es also einfach geschehen.
Welcome to the other side.
Scare The Children live in der Schweiz
Video Scare The Children – famiLIAR

