Das Duell: Confess vs. Masterplan – Metalmorphosis
Power Metal, Sleaze Rock
Äpfel mit Birnen
Man darf nicht durch Null teilen und Gleiches nur Gleichem gegenüberstellen, um gerecht zu sein. Doch was, wenn nicht? Die Sleaze Metaller Confess und die Power Metaller Masterplan veröffentlichen beide ein Album, das den Namen «Metalmorphosis» trägt, ansonsten aber wenig mit dem anderen gemeinsam hat. Zwei Stile, zwei Bands, zwei Alben, nichts, was man vergleichen kann. Trotzdem mache ich es. Jetzt und hier. Auge um Auge. Song um Song.
Auf in den Ring!
Runde/Track 1
Confess – Colorvision
Ein Chor und dunkle Synthies, so startet man in ein Album. «Colorvision» ist nicht nur der erste Song auf dem Album, es fungiert gleich als, dem Folgenden würdigen, Intro. Dafür sorgen das Mastering, das nicht mit Raumhall spart, und die mitsingeinladenden Oooh-Teile. Ausserdem wird gleich unter Beweis gestellt, was man so alles mit fünf Fingern und sechs Saiten machen kann.
Masterplan – Chase The Light
Düsterer starten Masterplan in ihr Album. Der erste Track «Chase The Light» markiert ebenfalls hörbar das Intro des Albums. Für dieses lässt man sich Zeit, jedoch ohne diese aus den Augen zu verlieren. Reibungslos gleitet man, hat man das Intro erst mal hinter sich gelassen, in das Main-Riff rüber. Dieses ist solide, jedoch nicht sonderlich einzigartig. Wie bei Confess, hier ähneln sich beide Bands, ist ein ausgedehntes Gitarrensolo ein Muss. Dieses klingt mächtig, ist am Ende aber doch nur ein Herumrutschen auf der Pentatonik. Ebenfalls ernüchternd sind die Drums, die, wie bei Confess, von Samples stammen, was hier leider deutlich hörbarer ist. Der Grundstimmung des Liedes dienlich eingesetzt wird der Synthesizer, der sich nie in den Vordergrund drängt, stattdessen mehr als Stütze dient für die anderen Komponenten des Klangs.
Zwei starke erste Tracks, die beide den Sinn eines Albums unterstützen, sprich: gleichzeitig als Intro dienen. Vielleicht ist es der simple Fakt, dass Confess das Ende ihres Beitrags nicht wie ihre Kontrahenten Masterplan auf ein Fade-out, sondern einen alles beendenden Schlagzeug-Schlag setzten und so gleich das Kapitel des nächsten Songs aufschlugen, der diesen Punkt an Confess gehen lässt.
Runde/Track 2
Confess – The Warriors
Weiter mit Stadionrock. Schön Hall auf alles, die Gitarre wuchtig und im Solo mit so vielen Effekten verzerrt, dass sie nach irgendwas zwischen Hammondorgel und Mundharmonika klingt, der Gesang ist in den Strophen näher am Rap als an einer Melodie und bei den Drums hat man sich für, zum Typos des gewählten Genres passende, Samples entschieden. Doch warum muss ich gerade an Mötley Crües «Dr. Feelgood» denken?
Masterplan – Electric Nights
Man nehme das Bild, das die Popkultur rückblickend von den 80ern zeichnet: nächtliche Neonlichter, die sich auf vom Regen nassen, leeren Strassen spiegeln, über die man mit einer amerikanischen Limousine rast. Ungefähr so fühlt sich «Electric Nights» beim Hören an.
Erneut zwei starke Stücke im Ring. Doch gewinnen kann nur eins und in diesem Fall ist es Masterplans «Electric Nights», das im Gegensatz zu «The Warriors» von Confess eine Spur mehr eigene Identität besitzt, wohingegen Confess auf mehr bekannte, geradezu typische Elemente des Stadion- respektive Hairrock zurückgreifen.
Runde/Track 3
Masterplan – Shadow Man
Nun wird es wieder düsterer. Der «Schattenmann» stampft, durch die Gehörgänge. Viervierteltakt, ganze Akkorde. Es gruselt. Eher unpassend wirkt dagegen das Gitarrensolo, das sich wie hineingequetscht anhört und einen etwas zu konträr «hellen» C-Teil einleitet, dem es nicht zu gelingen vermag, ohne zu stolpern in den nächsten schattigen Refrain überzuleiten. Vermutlich wäre es besser gewesen, im Dunkeln zu bleiben. Ähnlich abrupt endet der Song dann auch.
Confess – Wicked Temptation
Manchmal darf man sich auch gut fühlen. «Wicked Temptation» ist definitiv ein Aushängeschild von «Metalmorphis», also dasjenige von Confess, weswegen es wenig verwundert, dass man sich dazu entschied, es als Singleauskoppelung zu veröffentlichen. Hymnisch aufgebaut und mit einem starken, zweispurigen Gesang, der einen im Refrain regelrecht anschreiend zum Mitsingen der namensgebenden Wortkombinationen «Wicked Temptation» einlädt.
Die Entscheidung fällt der einmännigen Schiedsrichter-Elite in der dritten Runde leicht: Masterplan haben sicherlich keinen schwachen Einsatz gezeigt, sind Confess dennoch unterlegen.
Runde/Track 4
Confess – Metalmorphis
Lasst den Abspann laufen: Hier kommt der Titeltrack. Für diesen nimmt man sich Zeit. Allein das Intro knackt die Ein-Minuten-Grenze. Der komplette Song hat eine Spiellänge von über fünf Minuten, welche er leider nicht vollumfänglich zu füllen vermag. Es kommt zu Durststrecken, durch die man durchmuss, um einen weiteren, spannenderen Abschnitt zu erreichen.
Masterplan – Bound To Fall
Masterplan bleiben düster. Auch sie sind langen Songs nicht abgeneigt. Trotz für das, was es präsentiert, etwas zu langem Gitarrensolo, gelingt es ihnen, gekonnt ihre vier Minuten zu füllen. Womöglich macht diese Minute Minusdifferenz zu ihrem Gegner den Unterschied und in der Kürze liegt ein weiteres Mal mehr Würze. Sänger Rick lässt seine Stimme, proletenhaft ausgedrückt, mit «me Dräck» kratzen und gliedert sie kopflastig, choralisch, sabatonähnlich in den stampfenden Rhythmus der Instrumente ein.
Der Sieg dieser Schlacht geht an Masterplan. Ihnen gelang es besser, die Düsternis wie angestrebt einzufangen, als es Confess gelang, die Party aufleben zu lassen.
Runde/Track 5
Masterplan – Pain Of Yesterday
Im Rhythmus bleibt man stampfend. Der Gesang ist weiterhin gepresst, hauptsächlich wird mit Kopfstimme gearbeitet. Dank mehrerer übereinandergelegten Spuren klingt man nach Chor. Einige Hintergrundstimmen dürfen nicht fehlen, ein bisschen Aah, Aah, Aah, ein trotz unverändert auf Pentatonik limitiertes nicht unkreatives Gitarrensolo und ein gesampelter Sitar lassen den Song im besten Sinne eigenartig klingen.
Confess – Beat Of My Heart
Ein zu erwartender und deswegen nicht sonderlich herausragender Song: Die akustischen Gitarren werden ausgepackt, und damit das Ganze ein wenig epochaler klingt, darf ein Synthie und eine weitere, elektrische, Gitarre schöne, lange Töne ziehen. Es ist eine schöne Metal-Band-macht-Musik-die-Radiostationen-laufen-lassen-Ballade nach Schema F.
Sorry Confess, das war leider nichts. Dieser Punkt geht definitiv an Masterplan. Diese haben in «Pain Of Yesterday» einige Dinge ausprobiert, die geglückt sind.
Runde/Track 6
Masterplan – Metalmorphis
Nun also die Metalmorphose, wie sie sich Masterplan vorstellen.
Erstaunlicherweise erinnern die ersten Klänge, die erklingen, nicht sonderlich an Metal. Vielmehr wecken die einzelnen Synth-Töne Assoziationen mit Kraftwerk. Der Refrain hat ein weiteres Mal Mitsingcharakter («Breaking the Chaiiiiins – METALmorphosis […]»). Ähnlich wie Confess haben es Masterplan nicht eilig auf dem für den namensgebenden Track ihres Albums. Ganze fünfeinhalb Minuten lang kann man den Strophen, Chorussen, Solos und C-Teilen lauschen, wobei es auch hier vielleicht nicht ganze fünf Minuten gebraucht hätte, um den Song in seiner Essenz zu präsentieren. Man hätte, rein auf die Musik bezogen, gut eine Strophe wegsparen können.
Confess – Pursuit Of The Jenny Haniver
Bisher waren die lyrischen Inhalte der Lieder in diesem Duell eher zweitrangig, doch dieses «Jenny Haniver» macht mich neugierig. Was zur Nummer des Biestes ist ein Jenny Haniver? … Danke Google: Ein Jenny Haniver ist ein aus Rochenkadavern gefertigtes Meeresfabelwesen, oft Seedämonen, Seejungfrauen und was sonst noch so im Sagenwasser schwimmt und taucht, die von belgischen, genauer: Antwerpener Fischern präpariert werden. Durch ihr groteskes Erscheinungsbild lieben sie «Zwischenwissenschaftler» aller Bereiche – von Ufologen bis zu Antarktikajüngern – über alles. Confess basteln aus diesem Mythos eine zauberhafte Ballade mit verträumten Gesängen, treibenden Gitarren, einem in den geheimnisvollen Tiefen des Ozeans schwimmenden, synthlastigen C-Teil und einer generell flüssig verlaufenden Bipolarität zwischen Aufbruch und Entspannung.
Hier liefern Confess meinen persönlichen Favoriten ihres Albums. Masterplans «Metalmorphosis» hätte ein anderes Battle womöglich gewonnen, aber der Gegner «Pursuit Of The Jenny Haniver» war zu stark.
Runde/Track 7
Confess – The Other Side
Ein im Achtachtelrhythmus gehaltener, an Skate Rock erinnernder Einstieg, gefolgt von durch einen Synthesizer präsentierten Balladenelementen, fortgeführt mit einem hymnischen Refrain und alles ummantelt von einer unkitschigen Liebesliedatmosphäre. «The Other Side» scheint nicht so richtig zu wissen, was es sein soll, und macht damit alles richtig. Trotz dessen, dass es sich hier faktisch um keine Ballade handelt, ist es die bessere als «Beat Of My Heart».
Masterplan – Through The Storm
Ich habe so eine Kindheitserinnerung, in der ich wahllos auf Tasten eines billigen Roland Keyboards herumdrücke, das hundert unterschiedliche Klangmodi eingespeichert hat. Einer dieser Modi klang, obwohl er sich als solche ausgab, ebenso wenig nach Streicher wie das, was in «Through The Storm» im Intro erklingt. Doch man soll ein Buch nicht nach seinem Vorwort bewerten. Nun, dieses Buch ist kein sehr spannendes. Langweilig ist es nicht, aber «Through The Storm» beinhaltet nichts, was einem sonderlich im Gedächtnis bleibt. Ein Buch, das man sich ins Regal stellt, damit dieses voll ist, für dessen Besitz man sich aber nicht schämen muss.
Ein wilder Mix aus verschiedenen Einflüssen gegen ein ganz okayes Lied: Dieser Punkt geht an Confess.
Runde/Track 8
Confess – Running To My Dead
Confess scheinen sich auch mal in düsterem Gefilde auszuprobieren. Im Intro erklingen Kapellenglocken, der Grundton ist, für Sleaze-Metal-Verhältnisse, dunkel. Konsequent bleibt man jedoch nicht, schnell mischen sich Elemente aus dem Power Metal ein. Das unausweichliche Gitarrensolo wirkt vom restlichen Song gelöst und nebst der Frage, ob das Ei oder das Huhn zuerst da waren, versucht man zu beantworten, ob das Solo oder der Song zuerst existierten.
Masterplan – Ghostlight
Der nächste Song, der so vor sich hinplätschert. Bezeichnend schrummen die Akkorde der Rhythmusgitarre so vor sich hin. Der Gesang macht solide das, was er soll, und versucht gemeinsam mit dem Keyboard, etwas Hymnisches in den Song zu quetschen. Das potenziell rettende Gitarrensolo kommt eher lau daher und hätte auf mindestens die Hälfte gekürzt werden können. Hier wäre mit anders eingesetzten Sechssaitern deutlich mehr herauszuholen gewesen.
Zwei Lieder, die beide, wie das Foto einer Geburtstagstorte, zum Befüllen der Lücken eines Albums dienen. Dank ein wenig mehr Variation holen sich Confess knapp den Sieg.
Runde/Track 9
Confess – Plague Of Steel
Ein langes, auf Synthesizern zusammenprogrammiertes, episches Intro, das gleichzeitig als das einer Live-Show fungieren könnte. So startet «Plague Of Steel». Als erster Punkt auf einer Setlist würde sich der Song sicherlich gut machen, an der neunten Stelle eines zehntrackigen Albums wirkt er eher unpassend. Gleiches gälte, wenn das Lied live nicht als Erstes gespielt würde. Dann wäre es nichts weiter als eine solide Hardrock-Hymne, die man live mithört oder währenddessen die Toilette aufsucht.
Masterplan – The Call
Ein Monster von Song. Zumindest in der Länge. In über acht Minuten könnte man so einiges falsch machen, doch dieses Mal gelingt es Masterplan, über die ganze Zeit nicht zu langweilen. Spur über Spur, Gitarre über Gitarre baut sich das Lied auf, bis es im epochalen Rhythmus den ersten Höhepunkt findet. Zwei C-Teile, die auf unverzerrten Gitarren in Begleitung eines nach Flöte tönenden Synthesizern erklingen, bringen Abwechslung, aber hätten den hohen Axel-Rose-als-er-noch-singen-konnte-Kopfgesang nicht gebraucht. Dieser wirkt deplatziert, um nicht zu sagen nervig. Gegen Ende ein wenig zu viel Ooooh und der Track endet mit an Musik aus dem Balkan erinnerndem Gesang.
«The Call» ist DER Song von Masterplans «Metalmorphosis». Das hört man und es lässt sich auch nicht durch das solide «Plague Of Steel» verblenden. Punkt an Masterplan.
Runde/Track 10
Masterplan – Rise Again (Album Version)
Fünf zu vier für Confess. Nun bietet sich die letzte Chance für Masterplan, mit einem Unentschieden aus der Sache herauszukommen. Dies versuchen sie mit einem brachialen Track, bei dem das Düstere für einmal weggespart wurde. Vielmehr wirkt dieser Track, ganz im Sinne von «Rise Again», optimistisch, was sich in den Lyrics wie auch den zuversichtlich hymnischen Instrumenten zeigt, insbesondere gestützt durch das Keyboard und die Rhythmusgitarre.
Auf dem Album mag der Song herausstechen, ein bisschen Zuversicht zum Abschluss kann nie schaden, besonders aussergewöhnlich wirkt er jedoch nicht. Sowas hat man, obwohl es erkennbar von Masterplan stammt, schonmal gehört.
Confess – Silvermalen
Habe ich eigentlich erwähnt, dass Confess aus Schweden kommen? Zumindest erinnern sie im Chor und auf Schwedisch gesungenen Intro daran. Grundsätzlich ist es immer spannend, Lieder in der Landessprache von Bands, die aus keiner englischsprachigen Gegend stammen, zu hören, gerne auch in mehr als nur dem Intro. Inhaltlich dreht sich, zumindest nach meiner Deutung, der Song um eine pagane Kriegerflotte, die ein von Missionaren besetztes Land (zurück‑?) erobert. Alles in allem ein solider zehnter Track mit einem langen Outro, das gleichzeitig als Abschluss des Albums fungiert.
Ein Unentschieden oder ein Gewinner. Schwierige Entscheidung. Doch diese soll nicht beeinflusst werden von der Angst, dass der werte Leser womöglich die Einschätzung des Schreibers, also von mir, als untragbar empfindet. Also:
Ich gebe den letzten Punkt an (Trommelwirbel) Confess (Tusch), da sie in «Silvermalen» Schwedisch zum Ausdruck bringen (mal etwas anderes als Englisch) und einen Song an den zehnten und letzten Platz ihres Albums setzen, der dieses wundervoll abschliesst.
Das Fanzit (Auswertung) zu Confess vs. Masterplan – Metalmorphosis
Mit sechs zu vier Punkten gewinnen Confess, wobei es Masterplan auf einen ehrenvollen zweiten Platz schaffen.
Die Gegenüberstellung dieser zwei Bands, dieser zwei Alben, hat gezeigt, dass trotz der Prämisse und Tatsache, dass man sich unterschiedlichen Genres zuordnet, die beiden Gruppen ähnlicher sind als angenommen. Beide lassen mit Synthesizern ihren Sound wuchtiger klingen, müssen in jeden Song, ob es passt oder nicht, ein Gitarrensolo quetschen und beide setzen auf Kopfstimmen.
Doch wer hätte diesen Kampf gewonnen, wenn nicht ich, der allmächtige Richter über Sieg und Verlust, gewertet hätte? Nur der Leser, der sich nun beide Alben anhört, weiss darauf vielleicht eine Antwort.
Confess – Metalmorphosis: anhören und CD portofrei bestellen
Masterplan – Metalmorphosis: anhören und CD/Vinyl portofrei bestellen


