Wacken Open Air 2025 – Guns N’ Roses, Gojira u.v.m.
Wacken (Schleswig-Holstein, DE)
Wacken – alle Jahre wieder – Rain or Shine
Wer nach Wacken reist, weiss eigentlich nie genau, was ihn erwartet. Regen oder Sonne, Schlamm oder Staub, Improvisation oder Perfektion. Was aber Jahr für Jahr konstant bleibt, ist die einzigartige Atmosphäre dieses Festivals. Auch 2025 verwandelt sich das kleine Dorf in Schleswig-Holstein erneut in die Welthauptstadt des Metal.
Ich selbst darf dabei ein kleines Jubiläum erleben. Ich habe die letzten zwanzig Jahre in Wacken alle live miterlebt. Über vieles gelacht, über einiges auch geweint. Auf jeden Fall unglaublich viel erlebt und oft genug mit schlammbefleckten Schuhen wieder den Weg zurück in die Schweiz angetreten.
Das Wacken Open Air bleibt für mich schlicht ein Mekka für die Metal-Gemeinde. Natürlich wird immer wieder darüber diskutiert, ob das Festival mittlerweile fast zu gross geworden ist oder ob es überhaupt noch «true» ist. Was ich aber sagen kann: Wacken vereint jedes Jahr unglaublich viele freundliche Menschen aus der ganzen Welt an einem Ort. Menschen, die fast eine Woche lang zusammen feiern und jene Bands hochleben lassen, die einen Auftritt auf dem Holy Ground erhalten. Für die Bands selbst scheint es jedenfalls immer wieder eine Ehre zu sein, hier zu spielen. Das ist bei Motörhead so gewesen, das ist bei Saxon so, und das gilt auch für viele weitere Bands, die Wacken mittlerweile schon mehrmals bespielt haben. Für die Bands wird an diesem Festival gut geschaut. Das merkt man.
Auf der anderen Seite stehen natürlich die Fans. Darauf komme ich am Ende dieses Festivalberichts nochmals zurück. Vieles haben die Organisatoren in den letzten Jahren verbessert, verändert und aus Fehlern gelernt. Es darf aber ebenso ehrlich erwähnt werden, dass die Sache mit «viel Regen» im letzten Jahr noch nicht wirklich gelöst war. Ich bin gespannt, wie es in diesem Jahr aussieht, denn die Aussichten sind diesmal wieder nicht wirklich die besten. Somit widme ich das nächste Kapitel zuerst einmal dem Wetter.
Gesamterlebnis Wetter 2025
Wer nach Wacken reist, weiss eigentlich schon vor dem ersten Gitarrenriff, dass das Wetter eine eigene Rolle im Festivalprogramm spielen wird. Auch 2025 macht das Open Air seinem Ruf alle Ehre. Bereits zum Auftakt sorgen Regen, Wind und dunkle Wolken dafür, dass sich das Gelände vielerorts in eine einzige Schlammwüste verwandelt. Meteorologen warnen schon vor Festivalbeginn vor ergiebigen Niederschlägen, und die Vorhersagen sollen leider recht behalten.
Bereits am Mittwoch verwandeln starke Regenfälle weite Teile des Festivalgeländes in eine braune Rutschpartie. Gummistiefel werden innerhalb weniger Stunden vom nützlichen Accessoire zur absoluten Pflichtausrüstung. Wer glaubt, mit normalen Turnschuhen durchzukommen, wird spätestens nach den ersten Metern eines Besseren belehrt. Der Holy Ground zeigt wieder einmal sehr deutlich, weshalb er diesen Namen zwar verdient, aber sicher nicht wegen seiner trockenen Bodenbeschaffenheit.
Doch genau hier offenbart sich jedes Jahr aufs Neue der besondere Charakter von Wacken. Während andere Festivals bei solchen Bedingungen wohl kollektiv in den Jammermodus verfallen würden, machen die Metalheads aus der Not eine Tugend. Es wird durch den Schlamm marschiert, in Pfützen gefeiert und teilweise sogar bewusst nach den grössten Matschlöchern gesucht. Regen und Schlamm werden nicht zum Problem, sondern zum Teil des Erlebnisses. Klingt verrückt, ist es wahrscheinlich auch. Aber eben genau deshalb Wacken.
In Gesprächen mit Festivalbesuchern höre ich immer wieder den Vergleich mit dem legendären Schlammjahr 2023. Einige langjährige Besucher bezeichnen 2025 sogar als eines der härtesten Wetterjahre der letzten Dekade. Das Infield besteht zeitweise gefühlt nur noch aus unterschiedlichen Variationen von Schlamm. Flüssig, klebrig, tief, tückisch. Die ganze Palette. Trotzdem bleibt die Stimmung bemerkenswert positiv.
Selbst ein nächtliches Unwetter mit Starkregen und Blitzaktivität bringt die Metal-Gemeinschaft nicht wirklich aus der Ruhe. Zwar müssen die Besucher zwischenzeitlich Schutz suchen, doch schon kurze Zeit später wird weitergefeiert, als wäre nichts gewesen. Genau diese Mischung aus Leidensfähigkeit, Humor und Gemeinschaft macht Wacken aus. Man flucht kurz, zieht den Poncho enger, sucht den nächsten sicheren Weg und steht wenig später doch wieder vor irgendeiner Bühne.
Widmen wir uns nun aber der Musik. Wie gewohnt bekommt ihr von Metalinside.ch die wichtigsten Eindrücke von diversen Bands quer durch die Festivaltage serviert. Da ich auch in diesem Jahr alleine über die Äcker pilgere, kann es natürlich sein, dass die eine oder andere Band leider nicht im Bericht auftaucht. Bei der mittlerweile kaum noch überschaubaren Menge an Gruppen wäre das aber wohl selbst dann der Fall, wenn sich mehrere Journalistinnen und Journalisten gleichzeitig im Infield und vor den weiteren Bühnen tummeln würden.
Wacken Open Air 2025 – Anreisetag (Dienstag, 29. Juli)
Wie gewohnt geht es am Dienstagmorgen Richtung Wacken. Ich weiss noch, als ich das erste Mal nach Wacken pilgerte. Damals nahm ich einen Car, der von der Raststätte Deitingen bis in den hohen Norden fuhr. Das machte ich genau einmal und danach nie wieder. Bereits nach drei Stunden Fahrt war der hintere Teil des Reisecars nicht mehr wirklich benutzbar, da sich jemand offenbar im Verdauungsweitwurf versuchen musste. Seither geht es mit dem Flugzeug nach Hamburg. Wohl einer jener Flughäfen, die ich in meinem Leben am häufigsten angeflogen habe. Dank Wacken, natürlich.
Danach geht es weiter nach Itzehoe. Hier treffen wir wie jedes Jahr bereits auf die schwarze Meute, die am Bahnhof auf die Shuttles wartet, welche sie zum Holy Ground bringen. Neu ist in diesem Jahr, dass Festivalgängerinnen und Festivalgänger kein zusätzliches Ticket mehr für den Shuttle lösen müssen. Die Verbindung ist nun im Ticketpreis inkludiert. Finde ich sehr gut, denn eigentlich wäre das schon länger nötig gewesen.
Am Ankunftstag gibt es wie gewohnt bei unseren Hosts in Itzehoe Kaffee und Kuchen. Wir installieren uns, geniessen noch ein normales Essen und wissen gleichzeitig genau, dass in den kommenden Tagen vor allem Fast Food und flüssige Zwischenmahlzeiten unsere Verdauungsorgane fordern werden.
Und so geht es zeitgerecht ins Bett, um noch ein bisschen Schlaf zu geniessen, bevor die Sause am Mittwoch so richtig Fahrt aufnimmt.
Wacken Open Air 2025 – Tag 1 (Mittwoch, 30. Juli)
So, nun geht es also los. Wir nehmen den Shuttle zum Holy Ground. Und es ist seit zwanzig Jahren immer noch das Gleiche: Die Nervosität vor dem ersten Ankommen ist tatsächlich nach wie vor da. Obwohl einem eigentlich immer wieder Ähnliches begegnet, fühlt es sich jedes Jahr wie ein Heimkommen an. Dieses Festival hat sich längst einen festen Platz in vielen Herzen erobert. Ich würde sogar behaupten, dass es genauso viele Fans gibt, die jedes Jahr die Reise nach Wacken antreten, wie solche, die einmal hinfahren und danach sagen: Das war es dann aber auch wieder.
Wie bereits im letzten Jahr befindet sich der Ankunftsort der Shuttle-Busse nicht mehr im Dorf oder direkt beim Dorf, sondern man betritt das Festival quasi von hinten. Das hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist klar: Es gibt weniger Verkehrsprobleme und der Shuttle-Verkehr ist wohl deutlich weniger vom restlichen Chaos betroffen. Nachteile gibt es aber ebenfalls. Der Weg zum Infield ist bedeutend länger, und leider fehlen in diesem Jahr jene Stahlplatten, die im letzten Jahr diverse Stellen auf dem Weg immerhin etwas entschärft haben.
Da das Wetter heute bereits regnerisch ist, könnte das in den nächsten Tagen also noch spannend werden. Ich frage mich schon, weshalb hier nicht mehr Geld investiert wird, um das Erlebnis für die Besucherinnen und Besucher etwas angenehmer zu machen. Ja, Schlamm und Regen gehören zu Wacken. Geschenkt. Aber irgendwo hat alles seine Grenzen. Und wenn man gefühlt schon vor der ersten Band eine kleine Expedition durch den Matsch absolvieren muss, darf man das durchaus einmal erwähnen.
Nun aber zur Musik. Diese besteht heute vor allem aus dem Wacken Metal Battle. Der Wettbewerb läuft bereits auf Hochtouren, und schon im letzten Jahr gab es hier einige Neuentdeckungen für mich, die ich nicht mehr missen möchte. Vielleicht ist auch eine der nachfolgenden Bands für euch einen Blick oder zumindest ein Ohr wert. Checkt sie mal ab. Die Bands sind natürlich nicht auf dem grossen Infield anzutreffen, sondern im hinteren Bereich auf der W.E.T Stage und der Headbangers Stage.
Thus – Headbanger Stage
Mit Thus steht nicht einfach die nächste Metal-Battle-Band auf der Bühne. Die Dänen haben sich ihren Platz auf dem Holy Ground bereits 2024 mit dem Gewinn des Wacken Metal Battle verdient. Und genau so wirken sie auch: nicht wie eine Band, die zufällig hier gelandet ist, sondern wie eine, die diesen Moment ziemlich bewusst nutzt.
Musikalisch bewegen sich Thus irgendwo zwischen progressivem Death Metal, atmosphärischen Klangflächen und komplexeren Songstrukturen. Das klingt auf dem Papier zuerst einmal nach Arbeit. Funktioniert live aber erstaunlich gut. Die Band schafft es, technische Raffinesse und emotionale Tiefe miteinander zu verbinden, ohne dabei in diese unangenehme «Schaut mal, wie kompliziert wir spielen können»-Ecke abzudriften. Das ist schon mal sehr sympathisch.
Besonders stark ist die Atmosphäre, welche Thus während ihres Auftritts aufbauen. Die Songs kommen nicht mit der Brechstange, sondern entwickeln sich langsam, ziehen sich auf, verdichten sich und entfalten ihre Wirkung oft erst nach ein paar Minuten. Wer hier den schnellen Mitsing-Refrain oder den sofortigen Festival-Hit sucht, ist vermutlich falsch abgebogen. Wer sich aber auf diese Reise einlässt, bekommt einen intensiven Auftritt serviert, der mehr hängen bleibt, als man beim ersten Vorbeigehen vielleicht erwartet.
Sie gehören definitiv zu jenen Namen, bei denen ich mir denke: Die sollte man im Auge behalten. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, dürfte das kaum ihr letzter Auftritt auf einer grösseren Festivalbühne gewesen sein.
Die Setlist – Thus
- Inhale The Ash
- Pacify The Parasite
- Spit From The Ceiling
- Incorporeal
- Inevitable Saints
- Atlas Of Hate
- Deadweight
- Graveyard Of Empires
Lita Ford – Louder Stage
Nach Thus geht es kurz querfeldein vor die Louder Stage. Lita Ford kennen die ganz Jungen unter euch vielleicht nicht mehr. Für die älteren Semester wie mich ist sie hingegen eine bekannte Grösse. Und ja, spätestens hier merkt man wieder einmal, dass Wacken nicht nur aus modernen Metal-Spielarten, Blastbeats, Growls und Breakdowns besteht, sondern auch aus ganz viel Musikgeschichte.
Der Auftritt von Lita Ford wirkt deshalb fast wie eine kleine Zeitreise. Zurück in eine Ära, in der harte Gitarrenriffs, grosse Melodien und charismatische Persönlichkeiten den Rock und Metal geprägt haben. Die ehemalige Runaways-Gitarristin bringt eine gehörige Portion Geschichte mit auf den Holy Ground und zeigt, weshalb sie bis heute als eine der wichtigsten Frauen im Hardrock und Heavy Metal gilt.
Dabei wird schnell klar, dass hier keine Musikerin auf der Bühne steht, die sich einfach nur noch auf vergangenen Erfolgen ausruht. Lita Ford wirkt präsent, selbstbewusst und spielfreudig. Das muss man ihr lassen. Gleichzeitig darf man aber auch ehrlich sagen, dass stimmlich nicht mehr alles so sitzt wie vielleicht früher einmal. Das ist keine Schande, gehört aber zur Wahrheit dazu. Und auf Dauer wirken einige Songs dann doch etwas ermüdend, zumindest für jemanden, der vorher gerade noch im progressiven Death-Metal-Modus unterwegs war.
Musikalisch setzt die Amerikanerin auf eine Mischung aus Klassikern ihrer Solokarriere und Songs, die tief in ihrer Vergangenheit verwurzelt sind. Stücke wie «Kiss Me Deadly» oder «Close My Eyes Forever» sorgen für zahlreiche Mitsingmomente im Publikum, während «Cherry Bomb» die Brücke zurück zu den frühen Tagen bei den Runaways schlägt. Das ist nicht der härteste Auftritt des Tages, vermutlich genausowenig der überraschendste. Aber es ist ein Stück Rockgeschichte auf der Bühne. Und davon darf man sich in Wacken zwischendurch durchaus auch einmal berieseln lassen.
Die Setlist – Lita Ford
- Gotta Let Go
- Larger Than Life
- Relentless
- The Bitch Is Back
- Playin‘ With Fire
- Can’t Catch Me
- Cherry Bomb
- Black Leather
- Only Women Bleed
- Close My Eyes Forever
- Kiss Me Deadly
Wind Rose – Louder Stage
Wenn man über Wind Rose spricht, kommt man um ein Wort nicht herum: Zwerge. Die Italiener aus Pisa haben es geschafft, aus einem ursprünglich eher klassischen Power-Metal-Konzept eine weltweit bekannte Marke zu formen. Heute nennt die Szene ihren Stil nicht selten «Dwarf Metal».
Gegründet wurde die Band bereits 2009. Die ersten Alben waren noch deutlich stärker im klassischen Power Metal verwurzelt. Der grosse Durchbruch gelang jedoch mit der konsequenten Ausrichtung auf Tolkien-Themen, Zwergenmythologie, Fantasy-Welten und einer gehörigen Portion Selbstironie. Das absolute Aushängeschild ist natürlich «Diggy Diggy Hole». Ursprünglich stammt der Song gar nicht von Wind Rose, sondern von den YouTube-Gamern Yogscast. Die Italiener verwandelten das Stück 2019 jedoch in eine Folk- und Power-Metal-Hymne und landeten damit einen viralen Volltreffer. Für viele Fans ist dieser Song mittlerweile untrennbar mit Wind Rose verbunden.
Von den ersten Takten an wird mitgesungen, geklatscht und gefeiert. Die Italiener wirken eingespielt, aber gleichzeitig herrlich unbeschwert. Songs wie «Drunken Dwarves», «Mine Mine Mine!» oder «Rock And Stone» verwandeln den Platz vor der Louder Stage in eine einzige Zwergenmine voller feiernder Metalheads. Das ist nicht subtil. Das will es auch gar nicht sein. Wind Rose sind musikalisch ungefähr so zurückhaltend wie ein betrunkener Zwerg mit Spitzhacke im Porzellanladen.
Der unumstrittene Höhepunkt folgt natürlich mit «Diggy Diggy Hole». Schon die ersten Töne genügen, um tausende Kehlen gleichzeitig zu aktivieren. Wacken singt, springt und gräbt mit. Spätestens in diesem Moment zeigt sich, weshalb Wind Rose in den letzten Jahren einen derart grossen Popularitätsschub erlebt haben. Diese Band liefert keine heimliche Liebe für Eingeweihte, sondern ein direktes Festival-Werkzeug: Refrain rein, Arme hoch, Bier festhalten und los.
Die Truppe nimmt sich selbst nie zu ernst, ihre Musik hingegen schon. Hinter den Zwergenbärten, den Fantasy-Anspielungen und der grossen Party steckt eine sehr gut eingespielte Power-Metal-Band mit starken Melodien, satten Chören und einem feinen Gespür für ihr Publikum. Tiefgründigkeit ist hier nicht wichtig. Sie würde das Feiern vermutlich nur unnötig erschweren.
Die Setlist – Wind Rose
- Dance Of The Axes
- Fellows Of The Hammer
- Drunken Dwarves
- Gates Of Ekrund
- Mine Mine Mine!
- Rock And Stone
- Together We Rise
- Diggy Diggy Hole
- I Am The Mountain
Apocalyptica – Infield
Nach den Bühnen ausserhalb des Infields geht es nun kurz zurück in die Zentrale des Wacken-Wahnsinns. Vor Faster und Harder Stage fühlt sich eben doch alles nochmals eine Nummer grösser an. Mehr Menschen, mehr Druck, mehr Holy-Ground-Gefühl.
Als Nächstes stehen Apocalyptica bereit, um die Bühne zu entern. Wie seit vielen Jahren werden die Bands auf den Hauptbühnen mit dieser Slot-Maschine in Form einer Gitarre angekündigt. Erst drehen die Logos, dann wartet man auf den Moment, in dem beim dritten Versuch endlich dreimal der gleiche Bandname erscheint. Und genau dann weiss man: Jetzt geht es los. Eigentlich ein kleines Detail, aber irgendwie gehört auch das zu Wacken.
Es gibt Bands, die sich im Laufe ihrer Karriere ständig neu erfinden müssen. Und es gibt Bands wie Apocalyptica, bei denen man irgendwann feststellt, dass ihre ursprüngliche Idee eigentlich schon genial genug gewesen ist. Ein paar Finnen mit Celli spielen Metallica. Klingt fast zu simpel, um über Jahrzehnte zu funktionieren. Tut es aber. Und zwar ziemlich eindrücklich.
Apocalyptica verzichten auf grosse Spielereien. Keine übertriebene Inszenierung, kein unnötiges Theater. Da stehen Musiker mit ihren Celli und holen aus bekannten Metallica-Klassikern eine erstaunliche Tiefe heraus. Bereits mit «Ride The Lightning», «Enter Sandman» und «Creeping Death» zeigt die Band, weshalb sie seit Jahrzehnten ihren festen Platz in der Metal-Szene hat. Man kennt diese Songs natürlich in- und auswendig. Und trotzdem wirken sie in dieser Form wieder anders. Nicht neu erfunden, aber neu beleuchtet.
Besonders faszinierend ist die Atmosphäre. Während andere Bands versuchen, möglichst viele Noten in möglichst kurzer Zeit unterzubringen, lassen Apocalyptica ihre Songs atmen. Die bekannten Riffs bekommen durch die Celli eine andere Farbe. Plötzlich wirken selbst altbekannte Metallica-Klassiker episch, melancholisch und teilweise fast filmisch. Die Härte geht dabei aber nie verloren. Wer glaubt, ein Cello könne nicht drücken, bekommt hier ziemlich deutlich das Gegenteil serviert.
Ein weiterer Höhepunkt folgt mit «Seek & Destroy», bei dem Tina Guo als Gastmusikerin auf die Bühne kommt. Das Zusammenspiel sorgt für einen dieser Festivalmomente, die nicht riesig erklärt werden müssen. Man steht da, hört diese Melodien, sieht tausende Metalheads mitsingen und merkt wieder einmal: Gute Songs funktionieren in fast jedem Gewand, wenn sie mit Respekt und Können gespielt werden.
Am Ende bleibt bei mir die Erkenntnis, dass Apocalyptica auch nach all den Jahren nichts von ihrer Faszination verloren haben. Die Finnen beweisen auf eindrückliche Weise, dass man weder klassische Gitarren noch einen Sänger braucht, um ein grosses Metal-Publikum zu packen. Manchmal reichen ein paar Celli, grossartige Songs und die Fähigkeit, Musik neu zu interpretieren, ohne ihr die Seele herauszureissen.
Die Setlist – Apocalyptica
- Ride The Lightning
- Enter Sandman
- Creeping Death
- For Whom The Bell Tolls
- St. Anger
- The Four Horsemen
- Blackened
- Master Of Puppets
- Nothing Else Matters
- Seek & Destroy
- One
Nefalem – Headbanger Stage
Zurück zum Metal Battle und zur Headbangers Stage. Hier sind gerade Nefalem im Begriff, die Bühne zu betreten. Ein weiterer Kandidat im Rennen um den Sieg beim Wacken Metal Battle. Die Band stammt aus Ungarn und bewegt sich musikalisch im Melodic Death Metal.
Bemerkung am Rande: Wer am Wacken Open Air nur von Hauptbühne zu Hauptbühne hetzt, verpasst jedes Jahr einige der spannendsten Geschichten des Festivals. Klar, auf dem Infield stehen die grossen Namen, die fetten Produktionen und jene Bands, wegen denen viele überhaupt anreisen. Aber gerade auf den kleineren Bühnen findet man oft diese Momente, bei denen man plötzlich stehen bleibt und denkt: Hoppla, wer ist denn das?
Hier stehen keine routinierten Festival-Headliner auf der Bühne, die ihr Set mit links runterspielen. Hier stehen Musiker, die jede Minute ihrer Spielzeit nutzen wollen, um neue Fans zu gewinnen. Entsprechend hoch ist die Intensität, welche die Band an den Tag legt.
Besonders gefällt mir bei solchen Auftritten immer wieder die spürbare Leidenschaft. Während bei den grossen Namen manchmal auch ein Stück Routine mitschwingt, geht es hier noch um etwas sehr Direktes. Um Aufmerksamkeit und diesen einen Moment, in dem vielleicht jemand im Publikum nach dem Konzert den Bandnamen googelt. Nefalem nehmen diese Herausforderung an und zeigen, weshalb sie Ungarn auf einer der grössten Metal-Bühnen der Welt vertreten dürfen.
Die Setlist – Nefalem
- Ashen Spirit
- Empyrean
- Invictus
- They Bleed Black
Radity – W.E.T. Stage
Musikalisch treten Radity das Gaspedal von Beginn an kräftig durch. Die Spanier verlieren keine Zeit mit langen Einleitungen oder verspielten Experimenten, sondern feuern ihre Thrash-Metal-Salven direkt ins Publikum. Rasante Gitarrenläufe, ein treibendes Rhythmusfundament und eine spürbare Leidenschaft prägen den gesamten Auftritt.
Die Jungspunde faszinieren mich dabei von Anfang an. Zudem finde ich es cool, dass die Band eine Bassistin in ihren Reihen hat. Das ist nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern bringt auch optisch und vom Bühnengefühl her nochmals eine andere Dynamik hinein.
Während des Auftritts tigert und irrt die Band stellenweise wie ein Rudel Irrwische über die Bühne. Alles ist in Bewegung. Nichts wirkt brav oder vorsichtig. Genau so muss sich ein Metal-Battle-Auftritt anfühlen: als gäbe es keine zweite Chance. Für mich sind Radity eine absolute Entdeckung dieses Tages. Checkt die Band unbedingt mal ab.
Die Setlist – Radity
- World of Violence
- Just Kill
- Bringers Of Madness
- Bullet King
Tarja – Louder Stage
Weiter geht es vor der Louder Stage. Tarja Turunen steht am Wacken 2025 auf dem Programm. Ich bin vielleicht nicht ganz so ein grosser Fan wie unser pam – tribute to you –, aber Tarja schafft es mit ihrer Singfreude und ihrer sehr empathischen Art fast jedes Publikum innert kürzester Zeit in ihren Bann zu ziehen.
Zudem ist heute nicht nur ein reiner Solo-Auftritt angedacht. Bereits im Vorfeld wird angekündigt, dass auch Marko Hietala, Ex-Nightwish, Tarja auf der Bühne unterstützen wird. Somit ist eigentlich schon vor dem ersten Ton damit zu rechnen, dass der eine oder andere Nightwish-Song in den Abendhimmel über Wacken erschallen wird. Da freut sich doch die alte Nightwish-Seele.
Bereits mit den ersten Songs zeigt die Finnin, weshalb ihre Stimme seit Jahrzehnten zu den markantesten des Symphonic Metal gehört. Kraftvoll, elegant und unverwechselbar schwebt sie über den Songs und zieht das Publikum sofort in ihren Bann.
Die eigentlichen Höhepunkte folgen jedoch, als Marko Hietala die Bühne betritt. Spätestens bei «Wishmaster», «Wish I Had In Angel» oder «The Phantom Of The Opera» wird deutlich, weshalb sich vor der Bühne so viele Menschen versammelt haben. Für viele Fans fühlt es sich an, als würde ein kleines Stück Metal-Geschichte wieder lebendig werden. Die Chemie zwischen den beiden stimmt, die Stimmen harmonieren hervorragend und das Publikum feiert jede einzelne Note. Vor dem geistigen Auge ziehen bei den Oldschool-Nightwish-Fans wohl frühere Konzerte vorbei. Und vielleicht verdrückt da auch die eine oder andere Person eine kleine Träne.
Für mich ist das einmal mehr Hühnerhaut. Emotion. Ein Moment zum Träumen und Durchatmen. Durchaus im Wissen, dass Tarja mit ihrem Auftritt zwischen all den anderen, teilweise deutlich brachialeren Bands, eine willkommene Abwechslung für Gehör und Seele bietet. Sie ist und bleibt einfach eine der authentischsten Sängerinnen dieses Genres. Mit einer unverkennbaren und einmaligen Stimme, die einem durch Mark und Bein fahren kann.
Auch das Wiedersehen mit Marko Hietala ist ein Erlebnis, das berührt. Schön war es.
Die Setlist – Tarja
- Eye Of the Storm
- Demons In You
- Tears In Rain
- Dark Star
- Undertaker
- I Walk Alone
- Victim Of Ritual
- Silent Masquerade*
- Wishmaster*
- Dead Promises*
- The Phantom Of The Opera*
- Wish I Had An Angel*
- Until My Last Breath
*mit Marko Hietala
Beyond The Black – Infield
Manchmal vergisst man fast, wie schnell eine Band wachsen kann. Wenn ich Beyond The Black heute auf der Wacken-Bühne beobachte, fällt es schwer zu glauben, dass ihre Geschichte auf dem Holy Ground erst vor etwas mehr als zehn Jahren begonnen hat. Mittlerweile wirkt die Band um Jennifer Haben wie eine feste Grösse im europäischen Symphonic Metal. Und genau dieses Selbstverständnis strahlt sie während des gesamten Auftritts aus.
Von Beginn an gelingt es der Band, das Publikum mitzunehmen. Die Mischung aus Härte, grossen Melodien und hymnischen Refrains funktioniert auf einem Festival wie Wacken nahezu perfekt. Das ist professionell, gross gedacht und auf solche Bühnen zugeschnitten. Besonders auffällig ist dabei, wie souverän Jennifer Haben die Bühne beherrscht. Sie sucht immer wieder den Kontakt zum Publikum, wirkt gleichzeitig fokussiert und entspannt und führt die Band mit einer Natürlichkeit, die man nicht einfach lernen kann.
Auch die Inszenierung rund um die neuen Songs sitzt. Dazu kommt mit Tina Guo am Cello erneut ein prominenter Gast auf die Bühne, der dem Auftritt zusätzliche Akzente verleiht. Beyond The Black wissen mittlerweile sehr genau, wie man grosse Momente baut. Starke Melodien, eine charismatische Frontfrau und Songs, die auch auf einer riesigen Festivalwiese funktionieren. Da gibt es objektiv wenig zu meckern.
Und trotzdem schaffen es Beyond The Black heute einmal mehr nicht ganz, mein Herz zu erobern. Es hat zwischen uns noch nie so richtig funktioniert. Ich kann mir in dieser Beziehung wenigstens nicht vorwerfen, dem Gegenüber keine Chancen gegeben zu haben. Die Band liefert ab, das Publikum geht mit, der Auftritt ist stark. Nur bei mir springt der letzte Funke einfach nicht über.
Die Setlist – Beyond The Black
- In The Shadows
- When Angels Fall
- Heart Of The Hurricane
- Dancing In The Dark
- Break The Silence
- Shine And Shade
- Written In Blood
- Free Me
- Lost In Forever
- Songs Of Love And Death
- Rising High
- Reincarnation
- Running To The Edge
- Hallelujah
Outro – Mittwoch
Es hätte heute durchaus noch die eine oder andere Band gegeben, die ich gerne gesehen hätte. Rage zum Beispiel. Oder auch Saltatio Mortis. Aber alles kann man in Wacken nun einmal nicht haben. Es gibt zu viele Überschneidungen, zu viele Wege und irgendwann sollte man zwischendurch ja noch etwas essen. Und vor allem trinken. Flüssigkeitshaushalt und so. Ihr wisst schon.
Zudem spreche ich aus Erfahrung, wenn ich euch mitteile, dass ein Fussmarsch durch tiefen Schlamm nicht einfach nur ein Weg von A nach B ist, sondern schnell zu einer eigenen kleinen Sporteinheit wird. Zeitfresser inklusive. Muskelkater übrigens ebenfalls nicht ausgeschlossen.
So ziehe ich mich langsam zurück und tanke in Itzehoe wieder etwas Kraft für den nächsten Tag. Der Donnerstag wartet bereits mit Guns N’ Roses als grossem Headliner. Zudem sehe ich meinen Metalinside-Kollegen Raphi und freue mich auf das Treffen mit ihm. Für heute reicht es. Good night.
Wacken Open Air 2025 – Tag 2 (Donnerstag, 31. Juli) – Lichtblicke und Lowlights
Zuerst zum Start des neuen Tages ein paar News von der Wetterfront. Bereits in der Nacht auf Donnerstag zieht ein schweres Gewittergebiet über Norddeutschland. Auch das Festivalgelände wird von Starkregen getroffen und Teile des Campingplatzes müssen vorübergehend geräumt werden. Tagsüber endet das an vielen Orten des Geländes in einer einzigen, unverkennbaren Schlammwüste.
Somit rüsten wir, die nicht auf dem Campingground nächtigen, ebenfalls mit entsprechendem Schuh-Equipment auf. Wacken. Rain or Shine. Auch in diesem Jahr wieder das absolut passende Motto.
Diesbezüglich bleibt aber festzuhalten, dass hier aus meiner Sicht weiterhin das grösste Potenzial für die Organisatoren liegt. Nicht etwa darin, das Wetter zu verändern. So weit sind wir meines Wissens auch im hohen Norden noch nicht. Aber man müsste sich ernsthaft überlegen, wie man bei 85’000 Besucherinnen und Besuchern gewisse Möglichkeiten schafft, um solche Situationen zumindest etwas zu entschärfen.
Ich bin wirklich seit zwanzig Jahren Wacken-Fan. Aber irgendwann hat man den Schlamm trotz Lachen, Hüpfen und Durchhalteparolen ein wenig satt. Vielleicht überlege ich zu einfach, aber aus meiner Sicht gäbe es durchaus Möglichkeiten, mindestens das Infield etwas zu entlasten.
Nachtrag: Wie nach dem Festival informiert wurde, sind solche Bestrebungen nun offenbar im Gange. Man darf gespannt sein, ob daraus wirklich Konsequenzen gezogen werden oder nicht. Nötig wäre es sicher, damit zukünftige Durchführungen noch reibungsloser funktionieren.
Also wieder ab in den Shuttle Richtung Holy Ground. Stürzen wir uns rein in den zweiten Festivaltag.
Skyline – Infield
Skyline sind untrennbar mit dem Wacken Open Air verbunden. Schliesslich stehen mit Thomas Jensen und Andreas «Gösy» Schlüter zwei Personen in ihrer Geschichte, die das Festival überhaupt erst mit aus der Taufe gehoben haben. Wenn Skyline heute auf dem Holy Ground spielen, fühlt sich das deshalb ein wenig an wie ein Familientreffen mit mehreren zehntausend Gästen. Nur halt mit mehr Kutten, mehr Bier und mehr Matsch.
Musikalisch geht es dabei weniger um Innovation als um Leidenschaft. Hardrock, Heavy Metal und jede Menge Herzblut prägen den Auftritt. Die Band wirkt nicht wie ein nostalgisches Relikt aus vergangenen Tagen, sondern wie ein lebendiger Teil der Festival-DNA. Das Publikum dankt es mit viel Applaus und einer Stimmung, die vom ersten Moment an zeigt, wie gross der Respekt vor diesen Wacken-Urgesteinen ist.
Zudem gilt: Wenn Skyline spielen – und sie spielen eigentlich jedes Jahr –, dann ist das Wacken Festival so richtig lanciert. Ob es am Ende vielleicht doch ein paar Cover zu viel sind, darf jede Person für sich selbst entscheiden. Aber Skyline ist Wacken. Und Wacken ohne Skyline würde sich irgendwie anfühlen, als hätte jemand beim Dorffest die Dorfmusik vergessen.
Die Setlist – Skyline
- Hold On
- Running Back To You
- Under The Radar
- Stricken
- Dream Engine
- Fool For Your Loving
- You’ve Got Another Thing Comin‘
- Human Monster
- In The End
- Fireball
- This Is W:O:A
Umbra Conscientia – W.E.T. Stage
Auf mich wirkt es beinahe so, als wäre es Umbra Conscientia völlig egal, ob man ihre Musik versteht oder nicht. Und wahrscheinlich ist genau das ein Teil der Faszination.
Die Formation aus Costa Rica und Deutschland erschafft keine klassischen Songs, sondern vielmehr Stimmungen. Kalte Gitarrenwände treffen auf frostige Blastbeats und Gesang, der klingt, als würde er direkt aus irgendeinem dunklen Ritual stammen. Das Ganze wirkt düster, beklemmend und gleichzeitig faszinierend. Genau diese Mischung macht es schwierig, den Blick von der Bühne abzuwenden.
Grosse Ansagen gibt es keine. Übertriebene Interaktion mit dem Publikum ebenfalls nicht. Showeinlagen? Fehlanzeige. Die Musik steht kompromisslos im Zentrum. Dadurch entsteht eine Intensität, die ich bei vielen anderen Black-Metal-Bands manchmal vermisse. Umbra Conscientia wirken nicht wie Musiker, die einfach ein Konzert spielen. Sie wirken eher wie ein Kollektiv, das einen düsteren Klangstrudel erschafft und das Publikum ohne grosse Nachfrage hineinzieht.
Wer hier auf eingängige Refrains, klassische Festival-Hymnen oder freundliche Mitsingmomente hofft, dürfte sich schwertun. Wer sich jedoch auf diese dichte Atmosphäre einlässt, entdeckt eine Band, die den ursprünglichen Geist des Black Metal erstaunlich glaubwürdig transportiert. Roh, kalt und kompromisslos.
Die Setlist – Umbra Conscientia
- Constant Self Sacrifice In Devotion To Darkness
- Lord Of Phosphorus
- The Numbing Bloodstreams Of Detachment
- Mundo Vult Mori
- Yellowing Of The Lunar Consciousness
- Umbra Conscientia
Nightmare – Wasteland Stage
Diese Band heute zu sehen, ist für mich gleich in zweifacher Hinsicht cool. Erstens treffe ich endlich einmal Raphi aus unserem Metalinside-Team. Und zweitens zeigen Nightmare ziemlich eindrücklich, wie ein starker Auftritt klingen und aussehen muss.
Aber zuerst zu meinem kleinen Journalisten-Treffen vor Ort. Es gibt Menschen, die kennst du zwar nicht wirklich lange oder intensiv, aber sie sind dir vom ersten Moment an sympathisch. Raphi ist für mich einer dieser Metalheads. Seine Leidenschaft für die Arbeit in unserem Team, die ich immer wieder hervorheben kann, ist auch hier in Wacken sofort spürbar. Wir reden kurz miteinander, doch dann gibt es für Raphi kein Halten mehr. Voll und ganz taucht er in die Welt von Nightmare ein. Und das spricht schon sehr dafür, dass die Franzosen heute nichts anbrennen lassen.
Als die Band loslegt, wird schnell klar, dass Erfahrung manchmal mehr wert ist als jede noch so moderne Produktion. Die Songs marschieren druckvoll nach vorne, die Gitarren harmonieren ausgezeichnet, und vor allem die Refrains bleiben erstaunlich schnell hängen. Sogar bei Personen wie mir, welche die Band zwar kennen, aber bei den Songs und vor allem bei den Texten nicht ganz so sattelfest sind. Der Auftritt imponiert mir wirklich.
Ein weiterer Faktor, weshalb Nightmare heute so frisch und energiegeladen wirken, steht direkt am Mikrofon. Barbara Mogore verleiht den Franzosen seit einigen Jahren ein neues Gesicht und vor allem eine neue Stimme. Dabei fällt auf, wie mühelos sie die teilweise anspruchsvollen Gesangslinien meistert. Ihre Stimme bewegt sich souverän zwischen kraftvollen Heavy-Metal-Passagen und den melodischeren Momenten der Songs. Gleichzeitig wirkt ihre Bühnenpräsenz natürlich und nie aufgesetzt.
Besonders gefällt mir, dass sie nicht versucht, frühere Sängerinnen oder Sänger zu kopieren. Barbara bringt ihre eigene Note in die Musik ein und schafft es damit, den klassischen Nightmare-Sound zu bewahren und gleichzeitig neue Akzente zu setzen.
Insgesamt ist das ein völlig souveräner Auftritt. Und für mich zusätzlich ein wunderbares Treffen im hohen Norden Deutschlands. Manchmal braucht es eben genau diese Mischung: gute Musik, gute Menschen und ein bisschen Wacken-Wahnsinn drumherum.
Die Setlist – Nightmare
- The Blossom Of My Hate
- Divine Nemesis
- Ikarus
- Eternal Winter
- Downfall Of A Tyrant
- Aeternam
- Serpentine
- Nexus Inferis
Grave Digger – Infield
Von der Wasteland Stage geht es zurück ins richtige Infield, wo sich nun die Totengräber die Ehre geben. Grave Digger zelebrieren am WOA ihr 45-jähriges Bestehen und machen aus ihrem Auftritt eine kleine Happy-Birthday-Sause auf dem Holy Ground. Und diese Sause hält tatsächlich die eine oder andere Überraschung bereit. Aber lest selbst.
45 Jahre Grave Digger. Alleine diese Zahl sorgt bereits dafür, dass man kurz innehält. Während unzählige Bands kommen und gehen, stehen die Deutschen auch 2025 noch auf der Bühne und feiern ihr Jubiläum ausgerechnet dort, wo Heavy Metal seit Jahrzehnten zuhause ist: in Wacken. Das passt natürlich. Mehr Metal-Familienfest geht fast nicht.
Einer der besonderen Momente entsteht, als mit Uwe Lulis ein ehemaliger Gitarrist auf die Bühne zurückkehrt. Für langjährige Fans ist das eine kleine Zeitreise zurück in wichtige Jahre der Bandgeschichte. Noch emotionaler wird es jedoch, als Jamiro Boltendahl, der Sohn von Chris Boltendahl, ans Mikrofon tritt. Plötzlich geht es nicht mehr nur um 45 Jahre Bandgeschichte. Es geht um Generationen. Um Leidenschaft. Und um Heavy Metal, der offenbar nicht einfach irgendwann endet, sondern weitergegeben wird.
Man kann über Trends im Metal diskutieren, wie man will. An diesem Nachmittag erinnern Grave Digger eindrücklich daran, dass manche Institutionen einfach Bestand haben. Und dass sie sich musikalisch nicht ständig neu erfinden müssen, um relevant zu bleiben. Ein eindrücklicher Auftritt mit viel Geschichte, viel Herzblut und überraschend viel Tiefgang.
Die Setlist – Grave Digger
- Twilight Of The Gods
- The Grave Dancer
- Kingdom Of Skulls
- Under My Flag
- Valhalla
- The Curse Of Jacques
- The Dark Of The Sun
- The Devils Serenade
- Back To The Roots
- Excalibur
- Rebellion (The Clans Are Marching)
- Heavy Metal Breakdown
Michael Schenker – Infield
Es geht gleich weiter mit der nächsten Legende: Michael Schenker. Rein optisch sieht man ihm die vielen Jahre auf den Bühnen dieser Welt natürlich an. Aber was der Mann noch immer aus seiner Gitarre zaubert, ist mindestens Bundesliga. Wenn nicht sogar Champions League.
Während andere Gitarristen versuchen, möglichst spektakulär zu wirken, genügt bei Schenker oft schon ein einziger Lauf über das Griffbrett, um klarzumachen, weshalb er Generationen von Musikerinnen und Musikern beeinflusst hat. Da muss niemand mehr herumturnen, posieren oder künstlich den Jungspund geben. Schenker steht da, spielt und plötzlich weiss man wieder, weshalb dieser Name im Hardrock und Heavy Metal einen solchen Klang hat.
Der Deutsche widmet seinen Auftritt den legendären UFO-Jahren und genau so fühlt sich das Ganze auch an. Es ist keine angestaubte nostalgische Rückschau, sondern vielmehr eine Feier jener Songs, welche den Hardrock und Heavy Metal nachhaltig geprägt haben. «Doctor Doctor», «Rock Bottom» oder «Only You Can Rock Me» funktionieren Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nach wie vor erstaunlich gut und werden vom Publikum entsprechend gefeiert.
Der Moment des Auftritts folgt jedoch mitten im Set. Plötzlich erscheint Slash auf der Bühne. Für «Mother Mary» stehen zwei Gitarristen nebeneinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich dennoch auf Augenhöhe begegnen. Man spürt förmlich, dass hier nicht einfach irgendein Gastauftritt stattfindet. Hier trifft ein Schüler auf einen seiner wichtigsten Lehrmeister. Das Publikum realisiert schnell, dass gerade etwas Besonderes passiert und feiert die beiden Gitarristen frenetisch.
Diese Ruhe und Selbstverständlichkeit, die nur Musiker besitzen, welche ihre Geschichte längst geschrieben haben, besitzt Michael Schenker noch immer. Mit der Live-Premiere des neuen Songs «Don’t Sell Your Soul» schlägt er am Ende sogar die Brücke in die Zukunft. Und zeigt eindrücklich, weshalb er trotz eher verhaltenem Bewegungsradius ein Urgestein ist und bleibt. Hoffentlich bereichert er die Szene noch lange. Denn solche Typen wachsen nicht einfach nach.
Die Setlist – Michael Schenker
- Natural Thing
- Only You Can Rock Me
- Hot ’n‘ Ready
- Doctor Doctor
- Mother Mary
- I’m A Loser
- This Kid’s
- Lights Out
- Love To Love
- Let It Roll
- Can You Roll Her
- Reasons Love
- Rock Bottom
- Shoot Shoot
- Too Hot To Handle
- Don’t Sell Your Soul
Guns N` Roses – Infield
Der grosse Headliner des Wacken Open Air 2025. Eine Institution. Prägende Gestalten. Meine Kindheit. «Use Your Illusion I» und «Use Your Illusion II». Axl Rose. Slash. Guns N’ Roses.
Was will man von einer solchen Band erwarten? Was darf man überhaupt noch erwarten? Ich erinnere mich an den Auftritt in Bern vor knapp zwei Jahren zurück. Schon damals war ich zwiegespalten. Auf der einen Seite sind da immer noch diese wunderbaren musikalischen Momente, die durchaus an die grosse Zeit der Band erinnern. Auf der anderen Seite ist da aber auch der Gesang von Axl Rose, der für mich leider nicht mehr das hergibt, was Guns N’ Roses früher ausgemacht hat. Die Töne sitzen längst nicht mehr immer, die Kraft fehlt stellenweise und der Zahn der Zeit nagt hörbar an dieser Stimme.
Vielleicht liegt es an den Erwartungen oder es liegt es am Status dieser Band. Vielleicht liegt es aber auch ganz einfach daran, dass ich mir von einem der grössten Namen der Rockgeschichte deutlich mehr erhoffe. Genau deshalb will ich ihnen hier in Wacken nochmals eine Chance geben.
Und genau deshalb schmerzt es fast ein wenig, dass der Auftritt über weite Strecken erstaunlich wenig Emotionen bei mir auslöst. Oder schlimmer: stellenweise sogar das Gegenteil. Bereits nach den ersten Songs spüre ich, dass ich wohl nicht das ganze Set durchstehen werde. Das ist bitter. Nicht, weil hier irgendeine unbekannte Band auf einer Nebenbühne enttäuscht. Sondern weil hier Guns N’ Roses auf dem Holy Ground stehen.
Das Konzert zieht sich. Und zwar nicht im positiven Sinn. Ja, die Band spielt gefühlt alles, was man sich wünschen könnte. Ja, die grossen Hits sind vorhanden. Aber irgendwann stellt sich bei mir die Frage, ob Quantität wirklich Qualität ersetzt. Mehrere Songs wirken unnötig in die Länge gezogen, der Spannungsbogen reisst immer wieder ab. Statt einer grossen Reise durch die Geschichte von Guns N’ Roses fühlt sich das Set zeitweise wie eine sehr lange Playlist an.
Hinzu kommt – und ich muss es leider nochmals ansprechen – die Leistung von Axl Rose. Das ist natürlich ein schwieriges Thema. Niemand erwartet, dass ein Sänger nach Jahrzehnten noch exakt gleich klingt wie auf «Appetite for Destruction». Das wäre unfair und auch völlig unrealistisch. Trotzdem fällt auf, dass viele Passagen stimmlich an ihre Grenzen geraten. Gewisse Songs verlieren dadurch einen Teil ihrer ursprünglichen Wucht und Intensität. Während Slash und die übrigen Musiker einen starken Eindruck hinterlassen, entsteht am Mikrofon immer wieder das Gefühl, dass Vergangenheit und Gegenwart nicht ganz zusammenpassen wollen.
Vielleicht bin ich mit dieser Meinung in der Minderheit. Vielleicht auch nicht. Für mich bleibt am Ende jedoch die Erkenntnis, dass ich an diesem Wacken-Wochenende mehrere Konzerte sehe, die mich emotional deutlich stärker packen. Bands mit weniger Budget, weniger Legendenstatus und weniger Geschichte. Und genau das macht es für mich so ernüchternd.
Ich verlasse das Infield noch vor dem Ende des Auftritts. Nicht, weil das Konzert katastrophal schlecht ist. Sondern weil es für mich weit hinter dem zurückbleibt, was ich von einer Band dieser Grössenordnung erwarte. Irgendwann schaffe ich es einfach nicht mehr, mir das weiter anzutun. Das Kapitel Guns N’ Roses, ich muss es leider in aller Deutlichkeit sagen, ist für mich an diesem Abend geschlossen worden.
Die Setlist – Guns N` Roses
- Welcome To The Jungle
- Bad Obsession
- Brownstone
- Chinese Democracy
- Live And Let Die
- Yesterdays
- It’s So Easy
- Civil War
- Used To Love Her
- Slither
- Never Say Die
- Sabbath Bloody Sabbath
- Shadow Of Your Love
- You Could Be Mine
- Estranged
- Double Talkin‘ Jive
- Hard Skool
- The General
- Thunder And Lightning
- Coma
- Absurd
- Rocket Queen
- Knockin‘ On Heaven’s Door
- Slash Guitar Solo
- Sweet Child O‘ Mine
- November Rain
- Sorry
- Patience
- Human Being
- Nightrain
- Paradise City
Benediction – Headbangers Stage
Nach der Enttäuschung im Infield ist mir danach nach etwas Härterem zumute. Irgendwie muss der Frust ja wieder runtergespült werden. Also mache ich auf dem Rückzug Richtung Shuttlebusbahnhof noch bei Benediction halt. Gute Entscheidung.
Manchmal frage ich mich, ob gewisse Bands überhaupt altern. Die Band existiert mittlerweile seit einer gefühlten Ewigkeit. Als ich vor der Bühne stehe, fällt mir sofort auf, wie wenig Schnickschnack hier betrieben wird. Benediction kommen raus, legen los und prügeln ihren Death Metal durch die Lautsprecher. Fertig. Keine grosse Inszenierung, keine aufgeblasene Dramaturgie, kein unnötiges Herumgetue. Einfach Death Metal. Direkt ins Gesicht. Und genau das gefällt mir in diesem Moment enorm.
David Ingram hat noch richtig Spass an dieser Musik. Seine Stimme klingt dreckig, aggressiv und authentisch. Das Publikum frisst ihm regelrecht aus der Hand. Überall kreisen die Haare, Fäuste gehen in die Höhe und die ersten Moshpits lassen nicht lange auf sich warten.
Zwischendurch wird es sogar kurz emotional, als die Band Ozzy Osbourne Tribut zollt. Ein kleiner Moment des Innehaltens mitten in diesem Death-Metal-Brett.
In geschätzt zwei Stunden weniger Spielzeit werde ich hier deutlich mehr bedient als beim grossen Headliner vorher. Vielleicht ist das unfair. Vielleicht aber auch nicht. Manchmal braucht es eben keine gigantische Bühne, keine endlose Setlist und keinen Legendenstatus. Manchmal reichen ein paar alte Hasen, eine ehrliche Portion Death Metal und der Wille, den Laden nochmals richtig durchzuschütteln.
Die Setlist – Benediction
- Scriptures In Scarlet
- A Carrion Harvest
- Stormcrow
- Artefacted Irreligion/Subconscious Terror
- Vision In The Shroud
- In The Dread Of The Night
- Suffering Feeds Me
- They Must Die Screaming
- Crawling Over Corpses
- The Grotesque
- Engines Of War
- Progenitors Of A New Paradigm
- The Dreams You Dread
Outro – Donnerstag
Musikalisch darf ich am heutigen Tag einige Lichtblicke geniessen. Leider aber auch eine ziemlich grosse Enttäuschung. Trotzdem: Obwohl das Wetter nicht wirklich mitspielt, obwohl Guns N’ Roses enttäuschen und obwohl heute bei der Band-Dichte für meinen Geschmack etwas zu viel Luft im Programm liegt, gibt es in Wacken immer etwas zu erleben.
Und wenn einem die Musik einmal kurz überdrüssig wird, geht man eben zum Tätowieren. Nach zwanzig Jahren in Folge an diesem Festival gönne ich mir tatsächlich ein kleines WOA-Tattoo auf der Wade. Ja, auch das geht auf der Spielwiese Wacken. Irgendwie passt es sogar. Dieses Festival schreibt sich ja ohnehin jedes Jahr irgendwo in den Körper. Meistens in Form von Schlamm an den Schuhen, Muskelkater in den Beinen oder Sonnenbrand an Stellen, die man vorher vergessen hat einzucremen. Dieses Mal also zusätzlich mit etwas Tinte.
Genau solche Dinge werden den Organisatoren immer wieder vorgeworfen. Wacken sei zu gross, zu kommerziell, zu sehr Jahrmarkt. Ich verstehe diesen Vorwurf durchaus. Und ja, man kann über gewisse Entwicklungen diskutieren. Trotzdem bleibe ich trotz aller kritischen Punkte der Meinung, dass die Musik noch immer den Hauptanteil dieses Festivals ausmacht. Dazu kommt, dass sich das Publikum erstaunlich gut auf dem Gelände verteilt. Anders als beispielsweise bei Rock am Ring, wo man in der letzten Reihe gefühlt einen Kilometer von der Bühne entfernt steht, bleibt Wacken trotz seiner Grösse in vielen Momenten erstaunlich erlebbar.
Noch ein Wort zum Essen und Trinken am Wacken Open Air 2025. Die Preise sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Wer sich vor Ort ernähren will, sollte definitiv einige hundert Euro einplanen. Zum Vergleich: Vor sechs oder sieben Jahren kostete ein Dürüm noch rund fünf Euro. Heute sind wir beim doppelten Preis angelangt. Dies gilt natürlich auch für die Getränke. Das spürt man. Und zwar nicht nur im Magen, sondern ebenso im Portemonnaie.
Aber hier gibt es ebenfalls eine positive Seite der Medaille. Das bargeldlose Bezahlen mit dem Festivalbändchen wurde in den letzten Jahren extrem optimiert. Es macht das Festival nicht nur sicherer, sondern im gleichen Masse einfacher und verkürzt die Wartezeiten an den Getränke- und Imbissständen deutlich. Hier muss ich den Organisatoren wirklich ein Kränzchen winden. Das Einzahlen funktioniert unkompliziert, das Auszahlen nach dem Festival ebenfalls. Die Funktionalität und auch die Rückzahlung werden für diese riesige Anzahl an Besucherinnen, Besuchern und Einzeltransaktionen erstaunlich schnell abgewickelt.
Und so endet dieser zweite Festivaltag für mich irgendwo zwischen Schlamm, Tattoo, Kritik, Frustbewältigung und der Erkenntnis, dass Wacken selbst an schwierigen Tagen immer noch genügend Geschichten liefert.
Wacken Open Air 2025 – Tag 3 (Freitag, 1. August) – Geböller der anderen Art & Back to the roots
Den 1. August habe ich, glaube ich, in den letzten zwanzig Jahren fast nie mehr in der Schweiz verbracht. Und wenn ich ehrlich sein darf: Es fehlt mir auch gar nicht gross. Zum einen hat es auf dem Wacken-Gelände jeweils genügend Schweizerinnen und Schweizer, damit man sich nicht völlig landesverräterisch fühlt. Zum anderen investiere ich das Geld, das früher vielleicht in Raketen geflossen wäre, mittlerweile lieber in musikalisches Geböller.
Denn Musik hinterlässt Spuren in der Seele. Raketen am 1. August höchstens kurz im Nachthimmel. Und manchmal auch auf dem Balkon des Nachbarn.
Gleich zum Voraus: Heute lasse ich es etwas ruhiger angehen und habe mir zum Geburtstag der Schweiz ein kleines Wohlfühlprogramm zusammengestellt. Man muss ja nicht jeden Festivaltag so bestreiten, als würde man für eine militärische Sonderprüfung im Schlammwandern trainieren.
Den Start hätten eigentlich Heavysaurus machen sollen. Das schaffe ich aber aus rein zeitlichen Gründen schon mal nicht. Stage-Time um 11 Uhr morgens? In Wacken? Nach den bisherigen Tagen? Das geht für mich definitiv nicht. Dafür kaufe ich für meine Kinder zu Hause als Ersatz gleich zwei Shirts. Schlechtes Gewissen beruhigt. Pädagogischer Auftrag erfüllt. Irgendwie.
Peyton Parrish – Infield
Vielleicht bin ich einfach nicht die Zielgruppe. Dieser Gedanke schiesst mir bereits nach wenigen Songs durch den Kopf. Versteht mich nicht falsch: Peyton Parrish kann singen. Seine Stimme hat Druck, Volumen und passt hervorragend zu diesen nordischen und heroischen Themen, die er in seinen Songs verarbeitet. Das Problem liegt für mich weniger bei der Stimme, sondern vielmehr in der Musik selbst.
Während rund um mich zahlreiche Fans die Songs feiern, habe ich immer wieder das Gefühl, dass hier vieles sehr kalkuliert wirkt. Die grossen Refrains. Die monumentalen Chöre. Die Wikinger-Ästhetik. Die Pathos-Momente. Alles ist vorhanden. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. Stellenweise fühlt es sich an, als hätte jemand sämtliche erfolgreichen Zutaten der letzten Jahre in einen Mixer geworfen und daraus ein Produkt entwickelt, das möglichst vielen Menschen gefallen soll.
Genau dort verliere ich persönlich den Zugang. Mir fehlt die Rauheit und das Unperfekte. Mir fehlt jene Eigenständigkeit, die mich wirklich packt. Es ist alles gross, sauber und wirkungsvoll angerichtet. Aber eben auch sehr vorhersehbar. Und wenn Pathos zu sehr nach Rezeptbuch klingt, dann wird es für mich schwierig.
Das Publikum sieht dies allerdings teilweise anders. Vor der Bühne wird mitgesungen, gefeiert und die Resonanz ist durchaus positiv. Deshalb will ich fair bleiben: Peyton Parrish macht offensichtlich vieles richtig. Sonst würde er nicht vor einer solchen Kulisse auf dem Holy Ground stehen. Die Performance sitzt, die Stimme überzeugt und die Show funktioniert für viele Anwesende sehr gut.
Trotzdem verlasse ich den Auftritt mit gemischten Gefühlen. Technisch gibt es wenig auszusetzen. Emotional bleibt bei mir aber erstaunlich wenig hängen. Während andere Bands mich auf eine Reise mitnehmen, habe ich hier eher das Gefühl, einer sehr professionell inszenierten Produktion beizuwohnen.
Die Setlist – Peyton Parrish
- Child Of God
- Dane
- Fear My Roar
- My Mother Told Me
- Master Of War
- I’ll Make A Man Out of You (Be A Man)
- Poetry Glass
- Slayer
- Reload, Aim, Fire
- Leave Out All The Rest
- Void
- Drengr Of Ragnarok
Angel Witch – W.E.T. Stage
Wenn man durch Wacken läuft, stolpert man ständig über grosse Produktionen, riesige LED-Wände und Bands, die gefühlt alle fünf Minuten eine Explosion zünden müssen. Und dann kommen Angel Witch. Ein paar Musiker. Ein paar Instrumente. Ein Haufen grossartiger Songs. Mehr braucht es plötzlich nicht. Und trotzdem zieht mich das Set sofort in den Bann. Ich kann mich kaum davon losreissen.
Besonders bei «Atlantis», «White Witch» oder natürlich «Angel Witch» merke ich, wie viele Fans jede einzelne Zeile mitsingen können. Schlichtweg faszinierend.
Dann ertappe ich mich bei einem Gedanken: Vielleicht brauchen wir gar nicht immer die nächste Revolution im Metal. Vielleicht reicht es manchmal, wenn eine Band genau weiss, wer sie ist. Angel Witch sind schon lange unterwegs und machen einfach ihr eigenes Ding. Das begeistert sicher nicht alle. Mich aber schon.
Keine Ahnung, ob das bei der jüngeren Generation gleich funktioniert oder ob dort mehr Abwechslung, mehr Tempo, mehr Show und mehr visuelle Reize nötig sind. Ich denke dabei natürlich auch an Bands wie AC/DC oder Motörhead. Sie sind ebenfalls ihrer Spur mehr oder weniger immer treu geblieben. Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sie bis heute zu diesen legendären Namen gehören. Manchmal ist Beständigkeit eben spannender als jeder krampfhafte Versuch, sich neu zu erfinden.
Die Setlist – Angel Witch
- Atlantis
- Death From Andromeda
- Dead Sea Scrolls
- White Witch
- Sorceress
- Phibes
- Angel Of Death
- Angel Witch
Expellow sind die Wacken-Metal-Battle-Gewinner 2026 – Happy-Birthday-Geschenk für die Schweiz!
Dieser Abschnitt gehört dem Wacken-Metal-Battle-Gewinner 2025: Expellow aus der Schweiz. Als diese Nachricht die Runde macht, muss ich sie zuerst eigenhändig im Internet verifizieren. Was für ein Zufall. Nationalfeiertag in der Schweiz, und ausgerechnet an diesem Tag gewinnt eine Schweizer Band diesen grossen internationalen Battle mit vielen anderen starken Acts. Eine Band, die ich leider nicht einmal live auf der Bühne sehen durfte. Herzliche Gratulation an dieser Stelle von Herzen.
Ich schaue mir den Auftritt später natürlich noch im Internet an und kann nur sagen: Der Sieg ist absolut verdient. Für die Schweizer Szene ist das mehr als nur eine hübsche Randnotiz. Es ist ein Ausrufezeichen. Eine Band reist aus Zürich nach Norddeutschland, spielt zwanzig Minuten, reisst ab, gewinnt den Metal Battle und fährt mit einem Stück Wacken-Geschichte im Gepäck wieder nach Hause. Kann man schon mal machen. Und genial hat es geklappt.
Krokus – Infield
Ja, und es geht gleich weiter mit schweizerischen Heimatgefühlen. Denn Krokus treten als Nächstes im Infield auf. Die Band übernimmt jenen freien Slot, der eigentlich von Saxon hätte gespielt werden sollen, und wird dadurch kurzfristig noch nach Wacken eingeladen.
Wieso Krokus immer wieder so viele Coverversionen in ihr Set einbauen, muss ich Chris von Rohr bei Gelegenheit einmal direkt fragen. Aber dies nur als Randnotiz. Bei Krokus bin ich ehrlich gesagt immer ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits steht hier natürlich Schweizer Rockgeschichte auf der Bühne. Das muss man nicht klein reden. Diese Band hat Türen geöffnet, lange bevor viele andere Schweizer Acts überhaupt daran denken konnten, international wahrgenommen zu werden. Andererseits reicht Geschichte allein für mich nicht automatisch aus, um einen Auftritt auf dem Wacken 2025 in den Himmel zu loben.
Die Solothurner wirken routiniert. «Headhunter», «Long Stick Goes Boom», «Bedside Radio» oder «Easy Rocker» funktionieren natürlich auch auf dem Holy Ground. Das ist jetzt nicht böse gemeint. Krokus müssen niemandem mehr beweisen, dass sie Hardrock spielen können. Das können sie. Und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich über Jahrzehnte erarbeitet.
Trotzdem fehlt mir an diesem Nachmittag zwischendurch dieser letzte Funke Wahnsinn. Dieses Gefühl, dass eine Band nicht einfach ihr Programm abliefert, sondern nochmals richtig beissen will. Gerade auf einem Festival wie Wacken, wo an jeder Ecke jüngere Bands um Aufmerksamkeit kämpfen, wirkt diese gesetzte Souveränität manchmal fast ein wenig zu bequem. Zumal Krokus diesen Slot durch die Absage von Saxon kurzfristig übernehmen dürfen. Da hätte ich mir schon noch etwas mehr Spirit gewünscht. Etwas mehr «Dräck» wie Chris von Rohr sagen würde.
Marc Storace bleibt natürlich ein Frontmann mit Wiedererkennungswert. Seine Stimme trägt die Songs noch immer und hat diesen rauen, leicht dreckigen Charakter, der perfekt zu Krokus passt. Aber man fällt nicht unbedingt vom Stiefel.
Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen man als Schweizer vor der Bühne steht und denkt: Ja, irgendwie ist das schon stark. Krokus auf Wacken, am 1. August, vor internationalem Publikum. Das hat Symbolik. Das hat Gewicht. Das ist mehr als nur ein weiterer Slot in der Running Order. Wenn die Sonne kurz durch den norddeutschen Matschhimmel drückt und diese alten Riffs über das Gelände rollen, dann funktioniert diese Rock -’n’-Roll-Maschine eben doch noch.
Mein Fazit fällt deshalb bewusst zwiespältig aus. Krokus liefern einen soliden, professionellen und würdigen Auftritt ab. Für Fans der Band ist das vermutlich genau das, was sie sehen wollen. Für mich persönlich fehlt aber ein wenig Reibung, ein wenig Risiko und vielleicht ein wenig frisches Blut im alten Hardrock-Motor. Es ist gut. Aber es ist halt auch ein wenig «schweizerisch».
Die Setlist – Krokus
- Headhunter
- Long Stick Goes Boom
- Stayed Awake All Night
- Rock ’n‘ Roll Tonight
- Winning Man
- Hoodoo Woman
- Eat The Rich
- Fire
- Rockin‘ In The Free World
- Easy Rocker
- Bedside Radio
- Heatstrokes
- Screaming In The Night
- Live For The Action
Dirkschneider – Infield
Eigentlich müsste man Udo Dirkschneider langsam verbieten, so unverschämt unkaputtbar zu sein. Andere Stimmen verabschieden sich nach ein paar Tourneen in den wohlverdienten Ruhestand. Bei ihm klingt es weiterhin, als würde jemand mit einer rostigen Kettensäge durch Stahlbeton schneiden. Schön ist das nicht immer im klassischen Sinne. Aber verdammt nochmal: Es ist Udo.
Am Wacken 2025 stellt er nicht einfach ein paar Accept-Klassiker ins Schaufenster, sondern fährt gleich das ganze «Balls To The Wall»-Kapitel auf. Ein Album, das mittlerweile mehr Jahre auf dem Buckel hat als manche Festivalbesucherinnen und Festivalbesucher vor der Bühne. Und trotzdem knallt dieses Material noch immer erstaunlich direkt aus den Boxen. Auch Dirkschneider feiert heute hier seine «40th Anniversary Show» und gehört natürlich längst zum Inventar von Wacken. Gefühlt spielt er jedes zweite Jahr mit einer seiner verschiedenen Identitäten am WOA.
Dirkschneider wirkt wie jemand, der grimmig an der Bühnenkante steht und denkt: Ihr wollt wissen, wo das alles herkommt? Dann hört gefälligst zu. Die Songs marschieren schwer, kantig und ohne kosmetische Korrekturen durch das Infield. Da wird nichts weichgespült, nichts künstlich verjüngt und schon gar nichts anbiedernd auf 2025 getrimmt. Das ist klassischer Heavy Metal mit Falten, Narben und erstaunlich viel Muskelspannung.
Und dann kommt auch noch Doro Pesch auf die Bühne. Natürlich tut sie das. Wenn schon Metal-Geschichtsstunde, dann bitte mit vollständiger Besetzung. Bei «Winterdreams» entsteht plötzlich dieser Moment, in dem Pathos nicht peinlich wirkt, sondern irgendwie dazugehört. Zwei Figuren stehen da oben, die wahrscheinlich mehr Backstage-Flure gesehen haben als manche Bands überhaupt Proberäume. Und trotzdem wirkt es nicht museal. Es wirkt eher wie ein familiäres Treffen zweier Menschen, die diesen ganzen Zirkus seit Jahrzehnten überleben und immer noch Lust darauf haben.
Aber ich mag Doro trotzdem nicht so fest wie Udo Dirkschneider. Hüstel.
Die Setlist – Dirkschneider
- Fast As A Shark
- Living For Tonite
- Midnight Mover
- Balls To The Wall
- London Leatherboys
- Fight It Back
- Head Over Heels
- Losing More Than You’ve Ever Had
- Love Child
- Turn Me On
- Losers and Winners
- Guardian Of The Night
- Winterdreams
- Princess Of The Dawn
- Up To The Limit
- Burning
Zwischenspiel
Papa Roach schenke ich mir. Die Band hat zwar einen Teil meiner Jugend geprägt, aber live kann ich mit dieser Art von Rock und Metal heute nicht mehr ganz so viel anfangen. Manchmal darf man Erinnerungen vielleicht auch einfach Erinnerungen bleiben lassen.
Stattdessen schlendere ich durch etwas andere Gefilde von Wacken. Zum Beispiel über den Mittelaltermarkt, der gleich hinter dem Infield seinen Platz hat. Diesen Bereich gibt es mittlerweile schon seit mehreren Jahren, und es ist schon wahnsinnig, was einem dort geboten wird. Workshops, altertümliche Festivitäten, Duelle, Handwerk, kleine Shows und Essensstände, die thematisch ebenfalls schön ins Bild passen. Sei es ein Zwei-Meter-Fleischspiess oder ein selbstgebackenes Schlangenbrot. Hier wird schon einiges aufgefahren.
Man kann von Wacken denken, was man möchte. Zu gross, zu kommerziell, zu sehr Chilbi. Diese Diskussion gehört mittlerweile fast so fest zum Festival wie Schlamm und Dosenbier. Aber gerade in solchen Bereichen merke ich immer wieder, dass hinter dem Ganzen auch viel Herzblut steckt. Zumindest wird mir dieses Gefühl auf diesem Teil des Geländes durchaus vermittelt.
Was hinter den Kulissen passiert, weiss ich natürlich nicht. Aber als Besucher habe ich hier nicht das Gefühl, durch eine lieblos hingestellte Verkaufsmeile zu laufen. Es wirkt eher wie ein weiterer kleiner Kosmos innerhalb dieses ohnehin schon völlig überdrehten Wacken-Universums.
Wetter am Freitag
Der Freitag am Wacken 2025 wirkt wettermässig ein bisschen wie ein mürrischer Festivalbesucher, der sich noch nicht entscheiden kann, ob er nun wirklich gute Laune haben will. Am Morgen hängen viele Wolken über dem Holy Ground, zwischendurch gibt es einzelne Regenschauer und irgendwo im Hinterkopf bleibt immer diese leichte Gewitterdrohung hängen. Nicht dramatisch genug, um den Tag komplett zu versauen, aber präsent genug, um daran zu erinnern, dass Wacken und gepflegte Trockenheit einfach keine besonders innige Freundschaft pflegen.
Später zeigt sich die Sonne dann doch noch etwas häufiger. Nicht im Sinne von karibischem Festivalglück, aber immerhin so, dass man kurz das Gefühl bekommt, der Matsch könne vielleicht doch einmal aufhören, an allem zu kleben. Die Temperaturen bleiben dabei eher norddeutsch ehrlich als sommerlich grosszügig. Irgendwo zwischen Jacke offen, Jacke zu, Poncho griffbereit und Gummistiefel sowieso. Wacken halt. Irgendwann nimmt man das Wetter nicht mehr einfach als Wetter wahr, sondern als zusätzliche Bühne. Und diese Bühne spielt auch heute wieder ihr eigenes Programm.
Dimmu Borgir – Infield
Vorhin habe ich noch über das Wetter geschrieben. Und genau diese leicht feuchte, dunkler werdende Szenerie passt zu Dimmu Borgir dann eigentlich ziemlich perfekt. Wenn eine Band von einem Himmel profitiert, der ohnehin schon aussieht, als hätte jemand den Farbsättigungsregler nach unten gezogen, dann vermutlich die Norweger. Da braucht es keine strahlende Abendsonne. Dimmu Borgir funktionieren besser, wenn der Tag langsam kippt und das Gelände in diese Mischung aus Schlamm, Nebel, Licht und schwarzer Erwartung fällt.
Die Norweger bringen ihre ganz eigene Melange aus Kälte und Bombast auf die Bühne. Das muss man mögen, ignorieren kann man es aber kaum. «Puritania» sägt sich früh durch die Reihen, «Gateways» öffnet danach genau jene monumentale Tür, durch die diese Band seit Jahren marschiert. Das ist gross, düster, teilweise fast überladen, aber eben auch verdammt wirkungsvoll.
Besonders stark sind für mich jene Momente, in denen Dimmu Borgir nicht nur auf Grösse setzen, sondern wirklich Druck erzeugen. «The Serpentine Offering», «Progenies Of The Great Apocalypse» oder «Mourning Palace» zeigen, weshalb diese Band trotz aller Diskussionen um Kommerz, Bombast und Inszenierung weiterhin eine Sonderstellung besitzt. Diese Songs haben Wucht. Diese Songs haben Wiedererkennungswert. Und sie wirken live noch immer wie schwarze Kathedralen aus Klang.
Am Ende dieses 1. August bleibt ein passendes Bild zurück. Ein matschiger Festivaltag, der langsam in die Dunkelheit fällt. Ein Publikum, das schon einiges in den Knochen hat. Und eine Band, die genau diesen Moment nutzt, um dem Holy Ground noch einmal eine zusätzliche Schicht Finsternis überzuziehen.
Die Setlist – Dimmu Borgir
- Moonchild Domain
- Puritania
- Interdimensional Summit
- Gateways
- The Serpentine Offering
- In Death’s Embrace
- Grotesquery Conceiled (Within Measureless Magic)
- Stormblåst
- Council Of Wolves And Snakes
- Cataclysm Children
- The Insight And The Catharsis
- Progenies Of The Great Apocalypse
- Mourning Palace
Outro – Freitag
An solchen Festivals geht es meistens viel zu schnell. In diesem Jahr kommt auf der Rückfahrt in unsere Homebase einmal mehr wieder dieses Gefühl hoch. Da freut man sich fast ein Jahr lang auf dieses Erlebnis und dann ist es auch schon wieder fast vorbei. Aber noch steht der Samstag an. Und der wird rein musikalisch und von den Bands her noch das eine oder andere zu bieten haben.
Das Wetter geht mir in diesem Jahr wirklich ziemlich auf den Wecker. Nicht, weil es ständig regnet. Aber der Schlamm ist manchmal schon eine echte Spassbremse. Falls ich mich wiederhole, tut es mir leid. Aber vielleicht verleiht genau diese Wiederholung meiner Meinung den entsprechenden Nachdruck.
Auf der anderen Seite ist es jedes Jahr wieder ein Highlight, so viele verschiedene Menschen kennenzulernen, die wirklich aus allen Ecken der Welt nach Wacken pilgern. Man kommt ins Gespräch über Musik, Gott und die Welt. Manchmal nur kurz im Shuttle, manchmal beim Warten vor einer Bühne, manchmal irgendwo zwischen Matsch, Bierstand und völlig absurden Festivalmomenten. Genau das gehört für mich genauso zu Wacken wie die Bands selbst.
Die Friedlichkeit, mit welcher dieses Festival seit Jahren gesegnet ist, finde ich immer wieder unwahrscheinlich cool. Auch in diesem Jahr gibt es kaum Vorfälle, welche die Polizei wirklich fordern. Dies wird an den Pressekonferenzen während des Festivals immer wieder betont. Zudem ist die Polizei vor Ort sehr präsent, aber wie immer auf eine gute und freundliche Art. Es ist ein tolles Zusammenspiel von Behörden, Organisatoren und Publikum.
Obwohl es vorerst mein letzter Besuch hier sein wird, schliesse ich genau aus diesen Gründen nicht aus, dass ich irgendwann wieder zurückkehre. Jetzt gibt es aber zuerst einmal eine Kappe Schlaf, damit auch der letzte Tag noch durchgehalten werden kann.
Wacken Open Air 2025 – Tag 4 (Samstag, 2. August) – Ein würdiger letzter Festivaltag
So, der letzte Tag ist angebrochen, und das Wacken Open Air 2025 neigt sich bereits wieder dem Ende zu. Es heisst also: nochmals alle Kräfte sammeln. Vor allem in den Beinen, die vom ständigen Durch-den-Matsch-Stapfen mittlerweile doch schon ein wenig Muskelkater anmelden. Wacken ist eben nicht nur Festival, sondern teilweise auch ein sehr spezielles Beintraining.
Zum Glück hat der erfahrene Wackengänger hier schon einiges erlebt und weiss, was zu tun ist. Also stärken wir uns zuerst mit einem wunderbaren Frühstück. Danach heisst es, noch ein wenig chillen, Kräfte sammeln und dann zurück auf den Holy Ground, der eigentlich nie wirklich zur Ruhe zu kommen scheint. Kein Wunder bei so vielen Fans und bei diesen riesigen Campingflächen. Zudem bei diesem ganzen Wacken-Kosmos, der längst mehr ist als nur ein paar Bühnen auf einem Acker.
Das Festival hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Mittlerweile gibt es Campingflächen für jene, die in einer etwas anderen Ambiance und mit etwas mehr Ruhe feiern wollen. Schon länger gibt es zudem das Moshtel oder Zelte, die man fixfertig beziehen kann, ohne sich den Stress mit Aufbau und Abbau anzutun. Natürlich für viel Geld, wie man sich denken kann. Komfort kostet. Auch in Wacken.
Überhaupt zeigt die Entwicklung der Eintrittspreise vielleicht eine Kehrseite der Medaille. Ich habe schon sehr gestaunt, als ich gesehen habe, was ich bei meinem ersten Wacken für einen Festivalpass bezahlt habe. Da liegen mittlerweile Welten dazwischen. Oder anders gesagt: Früher kostete Wacken gefühlt ein Ticket und ein Schlafsack. Heute braucht es schon eher ein kleines Finanzkonzept. Die folgende Aufzählung zeigt diese Entwicklung ziemlich eindrücklich.
Eintrittspreise verschiedener Ausgaben des WOA (ausgewählte Jahre zum Vergleich)
- 1990 14 Euro
- 1996 25 Euro
- 2000 90 Euro
- 2010 130 Euro
- 2016 190 Euro
- 2025 333 Euro
- 2026 voraussichtlich 351 Euro
Midnight – Headbangers Stage
Bei Midnight riecht schon der Bandname nach Ärger. Nicht nach schön poliertem Festival-Metal. Nicht nach sauber durchchoreografierter Grossbühnen-Unterhaltung. Sondern nach Lederjacke, Schweiss, Bier, kaputten Saiten und einer gewissen Grundbereitschaft, die Bühne notfalls auch mit blossen Händen auseinanderzunehmen.
Die Amerikaner stehen nicht lange herum, sondern jagen diesen dreckigen Bastard aus Speed Metal, Punk, Black ’n’ Roll und Motörhead-Geist direkt in die Menge. Roh, wild, ohne Schnörkel. Genau so, wie es sein muss.
Gerade Songs wie «All Hail Hell», «Black Rock’n’Roll», «White Hot Fire» oder «I Am Violator» wirken live wie kurze Stromschläge. Schnell, schmutzig und auf den Punkt. Midnight treten Wacken mit dem Stiefel in die Seite und schauen, ob es zurücktritt.
Drei Gestalten in Kapuzen, Leder und Patronengurten, die aussehen, als seien sie direkt aus einem verrauchten Kellerloch auf die Wacken-Bühne gespült worden. Und trotzdem sitzt das Ganze. Der Sound ist erstaunlich druckvoll, der Bass knurrt herrlich tief und die Songs haben trotz aller Verwahrlosung diesen zwingenden Rock-’n’-Roll-Puls.
Am Ende bleibt nicht die Frage, ob Midnight musikalisch besonders fein gearbeitet haben. Die Frage ist eher, ob man nach diesem Auftritt noch alle Knochen am richtigen Ort hat. Chaos pur. Und verdammt, wie schön kann Chaos bitte sein?
Die Setlist – Midnight
- Sweet Leaf
- All Hail Hell
- Servant Of No One
- Black Rock’n’Roll
- White Hot Fire
- Endless Slut
- I Am Violator
- Turn Up The Hell
- Vomit Queens
- Long Live Death
- …On the Wings Of Satan
- Hot Graves
- Unholy And Rotten
Within Temptation – Infield
Irgendwann zwischen Schlamm, Bierbechern, schweren Gitarren und müden Beinen merkt man in Wacken, dass ein Festival nicht nur aus Abriss bestehen kann. Man braucht zwischendurch auch Momente, in denen nicht alles nach vorne prügelt. Momente, in denen die Musik nicht einfach auf den Brustkorb schlägt, sondern eher darunter etwas bewegt. Genau dort kommen Within Temptation ins Spiel.
Sharon den Adel ist dabei natürlich der Mittelpunkt. Alles andere wäre gelogen. Ihre Stimme schneidet nicht durch den Sound, sie hebt ihn an. Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied. Während viele Sängerinnen und Sänger auf einem Festival gegen Gitarrenwände ankämpfen müssen, wirkt es bei ihr so, als würde die Band um diese Stimme herum atmen. Gerade bei Songs wie «Angels», «Stand My Ground» oder später «Ice Queen» merkt man, wie viele Erinnerungen im Publikum plötzlich aufgehen. Da wird nicht einfach mitgesungen. Da wird kurz kollektiv zurückgespult.
Interessant finde ich, dass Within Temptation trotz all der grossen Melodien nie wie eine reine Wohlfühlveranstaltung wirken. Dafür sind die neueren Songs zu kantig und thematisch zu schwer. «Bleed Out» oder «Don’t Pray for Me» bringen eine andere Farbe in das Set. Weniger Märchenwald, mehr Gegenwart. Das tut der Band gut, weil sie dadurch nicht einfach in der eigenen Vergangenheit badet.
Der Gastauftritt von Christoph Wieczorek bei «Shed My Skin» passt da erstaunlich gut ins Bild. Plötzlich bekommt der Sound nochmals eine andere Kante, ohne dass der Auftritt auseinanderfällt. Within Temptation schaffen an diesem Abend genau diesen Spagat: grosse Gefühle, grosse Melodien, aber trotzdem genügend Druck, damit das Ganze nicht zu schön glattpoliert wirkt.
Die Setlist – Within Temptation
- We Go To War
- Bleed Out
- Faster
- In the Middle Of The Night
- Stand My Ground
- Wireless
- Shot In The Dark
- Angels
- Paradise (What About Us?)
- Don’t Pray for Me
- Supernova
- Lost
- The Reckoning
- Our Solemn Hour
- Shed My Skin
- Ice Queen
- Mother Earth
Soen – Headbangers Stage
Soen sind keine Band für den schnellen Festivalhappen zwischen Bierstand und nächstem Circle Pit. Wer hier nur kurz vorbeischaut, weil im Zeitplan gerade noch eine Lücke klafft, dürfte ziemlich schnell merken: Diese Musik will nicht einfach konsumiert werden. Sie fordert Aufmerksamkeit. Nicht lautstark mit der Brechstange, sondern eher mit diesem intensiven Blick, der einem sagt: Bleib jetzt gefälligst hier.
Der Einstieg mit «Sincere» passt diesbezüglich ziemlich gut. Der Sound wirkt schwer, aber nie plump. Melancholisch, aber nicht weinerlich. Technisch stark, aber nie so, dass man das Gefühl bekommt, hier wolle jemand beweisen, wie viele Taktwechsel in einen Song passen. Genau das gefällt mir an Soen. Sie können komplex sein, ohne den emotionalen Faden zu verlieren.
Bei «Antagonist» und «Deceiver» wird dann deutlicher, wie gut diese Mischung live funktioniert. Die Band baut Druck auf, nimmt ihn wieder zurück, lässt Luft in die Songs und zieht die Schraube danach wieder an. Joel Ekelöf steht dabei nicht als klassischer Frontmann im Mittelpunkt, der mit grossen Gesten das Publikum kommandiert. Er wirkt mehr wie jemand, der durch diese Songs führt. Seine Stimme bringt jene gewisse Verletzlichkeit mit, die bei Soen so wichtig ist. Würde hier nur Härte dominieren, wäre die Musik wohl deutlich weniger spannend. Gerade diese Mischung aus Kontrolle, Melancholie und innerer Spannung macht den Auftritt aus.
Spätestens bei «Lotus» zeigt sich dann, weshalb Soen bei vielen Prog-Fans einen so hohen Stellenwert haben. Dieser Song besitzt live eine fast schon seltsame Ruhe, obwohl darunter ständig etwas arbeitet. Es ist Musik, die nicht explodieren muss, um Wirkung zu erzeugen. Sie schiebt sich eher unter die Haut und bleibt dort liegen.
Die Setlist – Soen
- Sincere
- Antagonist
- Deceiver
- Unbreakable
- Lascivious
- Modesty
- Martyrs
- Memorial
- Lotus
- Violence
Gojira – Infield
Gojira sind längst nicht mehr diese Band, die man dem Kumpel mit leuchtenden Augen als Geheimtipp unterjubelt. Diese Zeiten sind vorbei. Die Franzosen stehen am Wacken 2025 nicht mehr vor der Tür der ganz Grossen. Sie haben den Schlüssel längst in der Hand und treten ziemlich selbstbewusst ein.
Früher wirkten Gojira manchmal wie ein gewaltiger Fremdkörper in der Metal-Landschaft. Zu technisch für die einen, zu spirituell für die anderen, zu trocken für die Freunde des einfachen Refrains. Heute steht diese Band auf dem Holy Ground und wirkt plötzlich wie eine logische Antwort auf die Frage, wohin moderner Metal gehen kann, ohne seine Seele an den Zirkus zu verkaufen. Der Auftritt selbst ist kein Feuerwerk im billigen Sinne.
Und dann dieser Moment mit «Mea Culpa (Ah! Ça ira!)». Spätestens hier merkt man, wie weit Gojira inzwischen gekommen sind. Eine Band, die einst aus dem extremen Metal-Untergrund wuchs, steht heute auf den grössten Bühnen der Welt und schafft es trotzdem, nicht nach Kompromiss zu riechen. Das ist vielleicht der eigentliche Triumph.
Für mich sind Gojira am Wacken 2025 deshalb weniger einfach ein Konzert als ein Zwischenstand einer beeindruckenden Bandgeschichte. Aus einer eigenwilligen, kantigen und fast störrischen Metalband ist eine Weltklasse-Formation geworden.
Gojira wirken an diesem Abend wie ein Naturereignis, das gelernt hat, seine eigene Zerstörungskraft exakt zu dosieren. Und genau das macht sie so gefährlich gut. Ich gestehe es: Ich habe mich heute Abend neu in diese Band verliebt.
Die Setlist – Gojira
- Only Pain
- The Axe
- Backbone
- Stranded
- Flying Whales
- The Cell
- From The Sky
- Another World
- Under The Sun/Every Day Comes And Goes
- Silvera
- Mea culpa (Ah! Ça ira!)
- The Chant
- Amazonia
- L’enfant sauvage
- The Gift Of Guilt
Machine Head – Infield
Es gibt Bands, bei denen man schon vor dem Auftritt weiss, dass jetzt niemand mehr entspannt am Bier nippen wird. Kaum setzt sich dieser Koloss in Bewegung, wird aus dem Infield nicht einfach ein Konzertgelände, sondern eher eine grosse metallische Werkhalle, in der Robb Flynn persönlich den Presslufthammer bedient.
«Imperium» als Einstieg ist diesbezüglich fast schon eine Kampfansage. Kein vorsichtiges Warmwerden, kein höfliches Anklopfen. Die Band reisst die Tür auf, stellt sich mitten in den Raum und fragt nicht lange, ob jemand bereit ist. Man ist es dann einfach. Oder man wird es sehr schnell.
Robb Flynn empfinde ich immer noch als wahnsinnig. Im besten Sinne. Er ist keiner, der einfach vorne steht und Songs ansagt. Er dirigiert diesen ganzen Wahnsinn. Machine Head ohne diese grosse Flynn-Geste wäre vermutlich wie Wacken ohne Matsch.
Spannend finde ich auch, wie gut die Band verschiedene Phasen ihrer Karriere zusammenbringt. Da stehen neuere Stücke neben alten Brechern, und trotzdem wirkt das Set nicht wie ein zusammengewürfeltes Best-of. «Davidian» ist natürlich einer dieser Momente, bei denen man merkt, wie tief gewisse Songs im kollektiven Metal-Gedächtnis eingebrannt sind. Spätestens hier wird nicht mehr nur gehört, sondern mitgebrüllt.
Und dann «Halo» als Zugabe. Ganz ehrlich: Viel besser kann man so einen Auftritt nicht zuschrauben. Dieser Song hat alles, was Machine Head in gross ausmacht: Drama, Härte, Melodie, Überlänge und diesen gewissen Hang zur totalen Selbstentladung. Andere Bands verabschieden sich. Machine Head hinterlassen eher einen Krater. Einen riesigen. Was bei all dem Matsch im Infield vielleicht auch nicht mehr ganz so schwierig ist.
Die Setlist – Machine Head
- Imperium
- Ten Ton Hammer
- CHØKE ØN THE ASHES ØF YØUR HATE
- Now We Die
- Is There Anybody Out There?
- ØUTSIDER
- Locust
- BØNESCRAPER
- Bulldozer
- From This Day
- Davidian
- Halo
King Diamond – Louder Stage
Ich gebe es zu: Ich habe King Diamond lange verabscheut. Der Gesang war mir schlicht zu fremd. Zu hoch, irgendwie eigen, fast zu viel von allem. Aber in den letzten Jahren, und vor allem nach einem Konzert im letzten Jahr, ist bei mir irgendwie der Schalter im Hirn umgekippt. Keine Ahnung, wieso genau. Auf jeden Fall kann ich diesem Meister des Falsett-Gesangs plötzlich unglaublich viel abgewinnen und mich kaum mehr von seiner Aura lösen. Aber lest selbst den letzten Konzertbericht vom diesjährigen Wacken.
Der Vorhang hebt sich für ein kleines Gruselkabinett mit königlicher Dienstpflicht. Wer hier vor der Bühne steht, ist nicht mehr bloss Festivalbesucher. Man ist Untertan in einem Reich aus Falsett, Kerzenlicht, Spinnweben, alten Gemäuern und diesem ganz eigenen Theaterblut, das nur King Diamond so überzeugend durch die Adern pumpt.
Schon mit «Arrival» wird klar, wohin es geht. King Diamond öffnet ein Schloss. Raum für Raum. Tür für Tür. Hinter jeder Ecke lauert ein anderer Schatten. «A Mansion In Darkness», «Halloween» und «Voodoo» wirken dabei nicht wie lose aneinandergereihte Songs, sondern wie Kapitel aus einem alten, leicht verfluchten Buch, das man wahrscheinlich besser nie hätte aufschlagen sollen.
Und dann diese Stimme. Man kann über King Diamonds Gesang sagen, was man will. Für die einen ist es Kult, für die anderen vermutlich die akustische Begegnung mit einem sehr wütenden Poltergeist. Aber genau darin liegt die Faszination. Dieses Falsett schneidet durch die Nacht, verschwindet kurz in der Dunkelheit und taucht an anderer Stelle wieder auf, als hätte es gerade den Geheimgang hinter der Bühne benutzt. Normal ist das alles nicht. Aber bei King Diamond wäre Normalität auch eine schwere Enttäuschung.
Besonders stark sind jene Momente, in denen die Show nicht nur auf Gruselkulisse setzt, sondern musikalisch wirklich zupackt. «Sleepless Nights», «Welcome Home» und «The Invisible Guests» zeigen, weshalb dieser Mann nicht einfach eine schräge Figur mit Schminke ist, sondern seit Jahrzehnten einen ganz eigenen Platz im Metal besetzt. Die Band spielt präzise, elegant und mit genau jener theatralischen Überhöhung, die es braucht, damit das Ganze nicht zur Karikatur kippt.
«Spider Lilly» bringt frisches Gift in den alten Kelch. Trotzdem sind es natürlich die Klassiker, bei denen das Publikum endgültig im Schloss angekommen ist. Spätestens bei «The Candle», «Eye Of The Witch» und «Abigail» wird aus dem Infield eine schwarze Hofgesellschaft, die brav mit erhobenen Fäusten huldigt. Der alte König sitzt noch immer erstaunlich fest auf seinem Thron.
Die Setlist – King Diamond
- Arrival
- A Mansion In Darkness
- Halloween
- Voodoo
- Spider Lilly
- Sleepless Nights
- Welcome Home
- The Invisible Guests
- The Candle
- Masquerade Of Madness
- Eye Of The Witch
- Burn
Ausblick auf die Ausgabe 2026 des Wacken Open Air
Nach Wacken ist bekanntlich vor Wacken. Kaum ist der Matsch von 2025 halbwegs aus den Schuhsohlen gekratzt, steht bereits die nächste Ausgabe vor der Tür. Und 2026 wird nicht einfach irgendein Jahr auf dem Holy Ground. Wacken feiert seine 35. Ausgabe. Also quasi Silberhochzeit plus zehn Jahre Zusatzwahnsinn.
Spannend ist für mich vor allem, dass die Veranstaltenden offenbar wirklich auf die Erfahrungen der letzten Jahre reagieren. Das Thema Wetter wird in Wacken ja traditionell nicht diskutiert, sondern erlebt. 2026 soll nun aber deutlich mehr gegen die bekannte Mischung aus Schlamm, Rutschpartie und norddeutscher Bodenromantik unternommen werden. Vor den beiden Hauptbühnen Faster und Harder werden erstmals rund 10’000 Quadratmeter mit festen Platten abgedeckt. Dazu kommen mehr befestigte Wege, ein neues Lichtsystem zur Orientierung und zusätzliche Bodenbefestigungen in sensiblen Bereichen. Kurz gesagt: Der Holy Ground bleibt heilig, soll aber etwas weniger wie ein Morast mit Gitarrenbeschallung funktionieren.
Ob das am Ende wirklich reicht, wird natürlich erst der Himmel entscheiden. Wacken und Wetter sind bekanntlich eine Beziehung, die seit Jahrzehnten zwischen Liebe, Hass und Gummistiefelpflicht pendelt. Aber die Richtung stimmt. Nach den nassen Erfahrungen der letzten Jahre wirkt dieser Ausbau nicht wie Luxus, sondern wie eine längst überfällige Investition in Nerven, Sicherheit und Bewegungsfreiheit.
Musikalisch fährt Wacken 2026 zum Jubiläum natürlich wieder schweres Gerät auf. Sabaton, Def Leppard, Powerwolf und Judas Priest stehen als grosse Namen im Raum. Dazu kommen Lamb of God, In Flames, Sepultura, Europe, Airbourne und viele weitere Acts, welche das Programm wieder einmal ziemlich breit aufstellen. Besonders spannend werden Sepultura, die in Wacken ihre letzte deutsche Festivalshow spielen sollen. Auch Running Wild bringen mit ihrem Farewell-Kontext zusätzliche Geschichtsschwere auf den Acker.
Und ja, natürlich kann man über Ticketpreise, Komfort-Upgrades und Festivalgrösse diskutieren. Wacken ist längst nicht mehr das kleine Dorfabenteuer von früher. Vielleicht war es das schon lange nicht mehr. Trotzdem fällt etwas auf: In den letzten Jahren war das Festival jeweils sehr schnell ausverkauft. Für die Ausgabe 2026 gibt es auch nach mehreren Monaten noch Tickets. Keine Spur von diesem klassischen «Sold out»-Wacken-Reflex. Vielleicht liegt es am erneut gestiegenen Ticketpreis. Eventuell an der allgemeinen Festivalmüdigkeit. Vielleicht auch daran, dass sich manche Fans nach den wettertechnisch schwierigen Jahren zuerst überlegen, ob sie sich das nochmals antun wollen.
Eventuell wurde der Bogen nun ein Stück weit überspannt. Oder Wacken steht einfach an einem Punkt, an dem sich zeigen wird, wie belastbar die Liebe zum Holy Ground wirklich ist. Es wird spannend sein, diese Entwicklung zu beobachten.
Rain or Shine. Aber dieses Mal vielleicht mit etwas mehr Bodenhaftung.
Das Fanzit – Wacken Open Air 2025
Wacken 2025 war kein perfektes Festival. Zwischen Schlamm, Wetterlaunen, Legendenpflege, übergrossen Erwartungen und echten Sternstunden zeigte der Holy Ground einmal mehr, weshalb dieses Festival gleichzeitig geliebt, kritisiert, belächelt und trotzdem jedes Jahr wieder gestürmt wird.
Und ja, manchmal wirkt Wacken inzwischen fast zu gross für sich selbst. Aber genau in dieser Mischung aus Wahnsinn, Matsch, Metal und Überforderung liegt auch der eigentliche Reiz.
Wacken bleibt ein Monster. Schwerfällig. Genial. Manchmal nervtötend. Trotzdem schlicht magisch. Aber eben immer noch ein Monster, das lebt, atmet, brüllt und jedes Jahr aufs Neue beweist, dass Metal weit mehr ist als Musik auf einer Bühne. I love you Wacken and we see us soon. Danke für alles in den letzten zwanzig Jahren.

