Merlin – Im Reich des Zauberers (Live 1989)
Power Metal, Speed Metal
Das Schwert in der Mauer
Wieso fasziniert mich der Heavy Metal aus der ehemaligen DDR? Jan Kubon bringt es in seinem Podcast für den MDR mit dem Titel «Iron East» auf den Punkt: Es geht um wilde Musik aus einem Land, das es so nicht mehr gibt.
Das Label German Democratic Recordings ist die beste Adresse für alle, die solche Aufnahmen entdecken möchten. Damals ist nur ein winziger Bruchteil verewigt worden, aber einiges ist heute in Archiven erhalten und geduldige, kundige Sucher können darin fündig werden. Und German Democratic Recordings wird gerne fündig. Die Bänder werden dann aufwändig restauriert, die Booklets mit vielen Informationen aus erster Hand bestückt und mit oft unveröffentlichten Bildern geschmückt. Wenn das kein Mehrwert ist.
Das Quintett Merlin war laut dem Buch «Red Metal» eine der wenigen erfolgreichen und von den Kulturfunktionären offiziell anerkannten Heavy Metal-Gruppen der DDR. Sie wurde als Helloween des Ostens gehandelt, was auch an Mario Schneider lag, ihrem hervorragenden Sänger, dessen Stimme der Kai Hansens ähnelte. Dies greift allerdings zu kurz, denn Merlin erinnerten zwar hie und da an ihre BRD-Kollegen, waren allerdings britischer unterwegs und ernster, nun, wie Kürbisse high auf Iron Maiden.
Etwas mehr als drei Monate vor dem Mauerfall, am 21.7.1989, traten Merlin am 6. Rocksommer der FDJ in Berlin auf und ihre Show wurde – zum Glück – aufgenommen. Wieso ist «Im Reich des Zauberers» so besonders? Die neun Songs hätten später bei Amiga als Studio-LP erscheinen sollen, aber der Lauf der Geschichte schnitt dem Plan den Weg ab.
Für DDR-Bands war es an Konzerten üblich, oder besser gesagt, es wurde von ihnen erwartet, Stücke der West-Metal-Helden zu covern, denn das Publikum wollte bei diesen abgehen. Merlin entschieden aber, bei diesem Anlass nur die eigenen Lieder zu spielen, vermutlich weil «Im Reich des Zauberers» ein ambitioniertes Konzept-Album war, auf das sie zu Recht stolz sein durften. Es handelte von einem Jugendlichen, der in die Sagenwelt von König Artus und des Zauberers Merlin eintaucht, um der Realität zu entfliehen. Ich frage mich, ob dieses Thema und die Ansage «den Traum, in einer anderen Welt zu existieren» als Wunsch, aus dem System auszubrechen, gedeutet werden kann.
Von Beginn an laden Merlin zum Mitsingen ein und uns erstaunt, wie gut die Qualität der Aufnahme ist. Dabei wurde, aus verständlichen Gründen, nichts neu eingespielt und alles ist hundertprozentig live, was deutlich zu hören ist. Auch die Motivation und Freude der Musiker ist gut zu spüren. Sie spielten ihre Songs straff und das Ergebnis steht einer Studio-Aufnahme in nichts nach. Um einen passenden Vergleich zu ziehen: Helloweens «Live In The U.K.» ist insgesamt schwächer trotz einem Label und entsprechendem Produktionsbudget dahinter. Lieder wie das abwechslungsreiche «Vortigern», das lebhafte «Excalibur» (mein Favorit) oder das epische «Artus» werden viele Ohren bei der Metalinside-Community begeistern.
Das Fanzit zu Merlin – Im Reich des Zauberers
Merlins «Im Reich des Zauberers» ist ein einzigartiges Zeitdokument, das zeigt, wie Metal-Musik auch unter schwierigen Bedingungen gedeihen und sich prächtig entfalten kann. Bei Helloween kriselte es 1989, aber andere Bands waren bereit, in die Bresche zu springen. Merlin hätten unter anderen Umständen womöglich mit Namen wie Blind Guardian oder Iced Earth mithalten und internationale Erfolge feiern können.
Die Tracklist – Merlin – Im Reich des Zauberers
- Land der Träume
- Ich will hier raus
- Der Zauberer
- Vortigern
- Excalibur
- Artus
- Was kommt danach
- Die Welt von Morgen
- Im Reich des Zauberers
Das Line-up – Merlin
- Frank Lebe Bass
- Dan Uhden Gitarre
- Rocco Stellmacher Gitarre
- Mario Schneider Gesang
- Marcel Thiele Schlagzeug
Video Merlin – Im Reich des Zauberers (Live 1989)

