Metalinside.ch – Geoff Tate – Z7 Pratteln 2026 – Foto Sandro 29
Fr, 17. April 2026

Geoff Tate, Inner Vitriol

Z7 (Pratteln, CH)
22.04.2026

Mindcrime: Das letzte Kapitel

Als der «Operation: Mindcrime»-Architekt zum Rapport bat, pilgerte die Progressive-Metal-Gemeinde geschlossen nach Pratteln. Schliesslich wollte Geoff Tate an diesem Abend im altehrwürdigen Z7 beweisen, dass dieser grossartige Meilenstein der Musikgeschichte nichts von seiner ehrfurchtgebietenden Magie eingebüsst hatte.

Wir waren für euch vor Ort, um in Erfahrung zu bringen, ob das Gezeigte die hohen Erwartungen – irgendwo zwischen Hühnerhaut-Momenten, technischer Perfektion und schlichter Übergrösse – zu erfüllen vermochte.

«Operation: Mindcrime» zählt für mich persönlich zu den grossartigsten Schöpfungen, die je veröffentlicht wurden. Oftmals im selben Atemzug mit dem legendären «The Wall» von Pink Floyd genannt, bilden Musik und erzählerischer Inhalt bei diesem Epos eine dermassen starke Symbiose, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Und es bewies bei seinem Erscheinen, dass Heavy Metal nicht nur „laut und schnell“ sein musste, sondern auch anspruchsvolle, intellektuelle Geschichten erzählen konnte. Viele spätere Bands des Progressive Metal nennen «Operation: Mindcrime» nicht von ungefähr als den wichtigsten Einfluss für ihre eigene Songwriter-Karriere.

Kurzum: Mehr Vorfreude geht eigentlich kaum, soll doch heute im renommierten Rocktempel – wie der Konzert-Titel-Zusatz „The final chapter“ unschwer erahnen lässt – das Album zum letzten Mal in seiner gesamten Länge und emotionalen Tiefe vorgetragen werden. Vorfreude oder Wehmut – man wird sehen.

Da sich das Wetter von seiner sonnigen Seite zeigt, ist der Vorplatz der Konzertfabrik bei meinem Eintreffen bereits bestens besucht. Auch ich gönne mir bei frühlingshaft warmen Temperaturen erst einmal einen feinen Chlöpfer samt Pommes Frites, bevor es mich weiter in die Halle zieht. Was dort sogleich ins Auge sticht, ist das eher bescheidene Merch-Angebot, bei dem Inner Vitriol mit vier Shirts sowie einer Auswahl an Tonträgern (vs. zwei Mindcrime-Textilien) klar oben ausschwingt. Zudem wird ein Meet & Greet nach der Show mit Geoff himself feilgeboten: 85 Euro für einen Händedruck, ein gemeinsames Foto sowie ein paar Unterschriften mögen zwar dem branchenüblichen Ansatz entsprechen, dünken mich aber dennoch etwas hochpreisig. Aber sei’s drum.

Doch bevor der Maestro und seine Mannen die Bühne entern, dürfen wir uns auf die Dark-Prog-Metaller von Inner Vitriol aus Bella Italia freuen. Die beiden Equipen scheinen prima zusammenzupassen, bespielten sie doch bereits vor (rund) Jahresfrist gemeinsam das Old Capitol in Langenthal (zur Konzert-Review). Um die 700 Karten seien im Vorverkauf über die Ladentheke gegangen, was auf ein gut ge-, aber nicht überfülltes Z7 hoffen lässt. Perfekte Rahmenbedingungen also hier in Pratteln, um einen Abend der besonderen Art erleben zu können.

Inner Vitriol

Der Auftritt des italienischen Quartetts fühlt sich zumindest für mich unterschwellig wie ein doppeltes Déjà-vu an. Einerseits durfte ich, wie erwähnt, die Südländer vor etwas mehr als einem Jahr live erleben. Andererseits war Sänger Gabriele Gozzi heuer bereits an ebendieser Wirkungsstätte schon mal zugegen – jedoch mit seiner anderen Formation Induction (im Vorprogramm von Visions Of Atlantis und Warkings – zur Review). Ein Wiedersehen, auf das ich mich in der Tat freue!

Anders als bei der deutschen Truppe rund um Kai Hansens Sohnemann Tim darf der Vokalvirtuose nun vermehrt die sanftere Seite seiner Stimmbänder offenbaren. Krass, welchen emotionalen Range der gute Mann abzudecken weiss – stellenweise erinnert mich seine Ausdrucksstärke sogar an einen gewissen Geoff Tate in jüngeren Jahren. Ebenso beeindruckend agiert Gitarrero Michele Di Lauro, der wie gewohnt barfüssig in seinem Spiel aufgeht, jeden Ton, jeden Saitenanschlag zu atmen, ja zu leben scheint. Seine beiden Mitstreiter, Francesco Lombardo am Bass und Michele Panepinto am Schlagzeug, sorgen mit ihren Instrumenten für den nötigen Nachdruck, sodass der gut abgemischte Sound seine Wirkung optimal entfalten kann.

Die Songs wirken in ihrer verspielten Machart herrlich einlullend; man sieht nicht wenige im Publikum, die sich im Takt der Musik hin und her wiegen und jede Note in sich aufsaugen. Natürlich kommen Tracks vom unlängst erschienenen Eisen „Semper Tacui“ (20.03.2026) zum Zuge. Einer davon trägt den Namen «Weaker and Fading» – im Original ein Duett mit Mr. Tate. Schade, dass es hier und jetzt nicht zum (insgeheim erhofften) Wechselgesang kommt, doch würde dies der Spannung auf die Hauptattraktion des Tages wohl eher abträglich sein. Sei’s drum: Selbst ohne die legendäre Unterstützung weiss Fronter Gabriele dem Lied eine ganz spezielle Note aufzudrücken.

Mit im Gepäck haben die vier wiederum «Impressioni di Settembre», diese coole Cover-Version ihrer Landsleute von P.F.M. (ausgeschrieben Premiata Forneria Marconi). Und abermals ist es „Butterfly“, dieser Pendelschlag zwischen Aggression und Melancholie, der mich mit seiner dynamischen Spannung am meisten zu packen vermag.

Mit «Endless Spiral» findet die Darbietung der Dark-Prog-Metaller nach 45 starken Minuten einen formidablen Abschluss. Inner Vitriol sei all jenen ans Herz gelegt, die facettenreichen, atmosphärischen und emotional vielfältigen Prog Metal suchen; gerade Anhänger der düsteren Seite von Queensrÿche dürften hier voll auf ihre Kosten kommen. Womit die perfekte Überleitung gelungen wäre. 🙂

Geoff Tate

Um herauszufinden, was Geoff Tate bei der heutigen Sause in Pratteln plant, kann man sich einen Blick auf setlist.fm getrost sparen. Wer die Tourankündigung gelesen hat, weiss: «Operation: Mindcrime» in voller Länge, ein letztes Mal, das finale Kapitel. Eine Ansage, die schwer wiegt.

Denn für mich persönlich schliesst sich hier ein Kreis, der 1986 begann. Damals hob ich mein eigenes Fanzine namens En Force aus der Wiege, und Queensrÿche fungierten mit dem gleichnamigen Song als eine Art inoffizieller Namensgeber. Zwei Jahre später erschien dann die für mich nach wie vor beste Scheibe aller Zeiten: «Operation: Mindcrime». Noch heute erinnere ich mich an den Kauf im Old Town Store Luzern – und wie ich das Opus abends, jede Note wie eine Offenbarung aufsaugend, geradezu andächtig in mich aufnahm. Sogar eine Sonderausgabe war mir dieses Meisterwerk wert.

Knapp vier Jahrzehnte später stehe ich nun im Z7 und lausche dem Intro, das mich bereits mit seinen ersten Takten in seinen Bann zu ziehen vermochte. „Dr. Davis, telephone please“ – ein Auftakt aus dem Off, der sofort durch Mark und Bein fährt und die Härchen auf den Armen aufstehen lässt. „I can’t remember yesterday. I just remember doing what they told me…“ Dann geht es los: hart, druckvoll, aufwühlend. Ein direktes Eintauchen in die von Gewalt, Hass und Verzweiflung durchtränkte Welt von Nikki, musikalisch vorgetragen von einer Band, die vor Spielfreude nur so strotzt.

Auf der Spielfläche herrscht von Beginn an unglaublich viel Betrieb – was uns Fotografen so richtig ins Schwitzen bringt. Nun, wenn man drei Gitarristen am Start hat, ist Langeweile wohl definitiv ein Fremdwort! Ergänzt wird diese Powermaschinerie durch Bass, Schlagzeug und – tataaa – einem Keyboard. Bespielt wird dieses von Clodagh McCarthy, die nicht nur klanglich, sondern auch atmosphärisch Akzente zu setzen vermag. Ferner wird die Dame etwas später bei „Suite Sister Mary“ als singende Nonne in Erscheinung treten und sich mit Geoff ein unfassbar emotionales, bewegendes Duett liefern.

Womit wir bei der eigentlichen Hauptperson der heutigen Darbietung angelangt wären. Geoff Tate (geboren am 14. Januar 1959), die legendäre Stimme von Queensrÿche, tritt an, um sein Vermächtnis ein letztes Mal in seiner Gesamtheit zu präsentieren. Der Sänger selbst hält sich während des „Operation: Mindcrime“-Blocks mit Ansagen extrem zurück. Zwei kurze Statements – ein „Thank you“ und ein knappes „Shall we continue?“ nach „Suite Sister Mary“ und dem kaum zu bändigenden Applaus – mehr braucht es nicht. Die Geschichte ist stark genug, um für sich zu sprechen. Und ja, natürlich wissen alle im Saal längst, welches tragische Ende sie nimmt. Kein Hollywood-Ending, kein kitschiger Ritt in den Sonnenuntergang. Aber genau das macht die Inszenierung so intensiv.

Stimmlich ist Geoff absolut auf der Höhe – meines Erachtens sogar ein paar Stufen besser als vor Jahresfrist in Langenthal. Die ganz hohen Passagen erklingen zwar nicht mehr so locker und glasklar wie in den frühen Queensrÿche-Tagen, was aber auch eine absurde Erwartung wäre. Stattdessen präsentiert sich Tate wie ein edler Wein: gereift, voller Charakter, mit einer Wärme und Ausdruckskraft, die man nicht imitieren kann.

Rückblickend reicht die heutige Aufführung dieses Metal-Musicals zwar nicht ganz an die unfassbar packende Show vom 3. Dezember 1990 im Volkshaus Zürich heran – andere Zeiten, andere Voraussetzungen. Zudem bleibt der legendäre Text-Shift von damals – «Politicians say no to drugs while we pay for wars in *South Arabia*» – in Anspielung an den zweiten Golfkrieg unerreicht. Aber es ist auch so ganz grosses Kino, das uns hier serviert wird!

Doch wer hat Sister Mary nun tatsächlich auf dem Gewissen? War es der eiskalte Manipulator Dr. X – oder vollbrachte Nikki, in geistiger Umnachtung, das Unaussprechliche? Als ich 1990 die Gelegenheit hatte, Queensrÿche-Mastermind Chris DeGarmo dazu zu befragen, wagte ich eine eigene These: Es war Selbstmord (zumal im offiziellen «Operation: Mindcrime»-Longform-Film am Ende von «I Don’t Believe In Love» exakt dieses Wort kurz aufblitzt). DeGarmo bejahte. Ein echtes Geständnis oder bloss die höfliche Bestätigung einer Fan-Theorie? Wir werden es nie erfahren. Der Fall bleibt ein faszinierender Cold Case.

Wer nach den finalen Klängen von «Eyes Of A Stranger» nun denkt, die Luft sei erstmal draussen, irrt indes gewaltig! Schliesslich hat der Mann, der seit nunmehr 45 Jahren die Fans weltweit mit seinem Timbre zu verzücken vermag, noch viele weitere Kracher in petto. Besonders «Empire», «Take Hold Of The Flame» und natürlich «Silent Lucidity» lassen die Herzen nochmals unisono höherschlagen. War «Mindcrime» der wunderbare Hauptgang, so kann man sich über das superfine Dessert definitiv nicht beschweren. Ein Finale, bei dem die Tränen des Abschieds im Schweiss der Ekstase buchstäblich verdampfen.

Sollte Mr. Tate mit dieser Tour das unvergleichliche «Operation: Mindcrime» tatsächlich zu Grabe tragen, dürfen sich alle Anwesenden glücklich schätzen, dieses Juwel noch einmal in seiner ganzen Intensität erlebt zu haben. Es war ein triumphaler, tief emotionaler Abschied von einem Album, das mich seit meiner Jugend begleitet – eine Sternstunde, die noch lange nachklingen wird.

Die Setlist – Geoff Tate

  1. I Remember Now
  2. Anarchy-X
  3. Revolution Calling
  4. Operation: Mindcrime
  5. Speak
  6. Spreading the Disease
  7. The Mission
  8. Suite Sister Mary
  9. The Needle Lies
  10. Electric Requiem
  11. Breaking the Silence
  12. I Don’t Believe in Love
  13. Waiting for 22
  14. My Empty Room
  15. Eyes of a Stranger
  16. Empire
  17. Walk in the Shadows
  18. Jet City Woman
  19. Take Hold of the Flame
  20. Silent Lucidity*
  21. Queen of the Reich*

* Zugabe

Das Fanzit – Geoff Tate, Inner Vitriol

Nachdem Inner Vitriol das Z7 eindrucksvoll auf Betriebstemperatur gebracht hatten, gehörte die Bühne der Legende. Geoff Tate (plus Band) lieferte eine Performance ab, die einmal mehr unterstrich, warum «Operation: Mindcrime» ein solches Opus magnum ist. Es war eine intensive, leidenschaftliche Verbeugung vor diesem Werk – und für die Fans ein bewegender, triumphaler Abend, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Fotos – Geoff Tate, Inner Vitriol


Wie fandet ihr das Konzert?

22.04.2026
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