Fr, 28. August 2026

Polar Shift – Interview mit Gino Andereggen

Metalcore, Modern Metal
28.08.2026

Man könnte doch mal Musik zusammen machen?!

Von der Festivalwiese auf die Greenfield Bühne, vom Gitarristen zum Frontmann, von ersten Demos zu immer anspruchsvollerem Songmaterial: Polar Shift haben in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen.

English version

Die Schweizer Modern Metalcore Band verbindet druckvolle Riffs, atmosphärische Klänge und emotionale Themen zu einem Sound, der ebenso technisch anspruchsvoll wie aber auch zugänglich ist. Mit ihren aktuellen Veröffentlichungen „Unchained“ und «Breathe» schlägt die Band ein neues spannendes Kapitel auf. Aus meiner Sicht bring diese Formation alles mit, um zukünftig das nächste Aushängeschild der Schweizer Modern Metalcore Szene zu werden.

Auch der Name Polar Shift passt zur Philosophie der Band. Er beschreibt nämlich die Umkehrung des Magnetfelds der Erde, einen tiefgreifenden Wandel, der bestehende Strukturen verändert und neue Orientierung schafft. Genau diese Idee der Bewegung und Veränderung spiegelt sich in der Musik von Polar Shift wider.

Vor der Show mit Northlane im KIFF Aarau sprach Metalinside mit Sänger Gino Andereggen über Full-Circle-Momente, kreative Freiheit, den Mut zur Veränderung und die Zukunft von Polar Shift.

Metalinside (Liane): Ich habe euch mit Vicious Rain an deren Release Show in Baden das allererste Mal live gesehen. Ich muss sagen, es hat mich weggeblasen. Beeindruckende Liveperformance! Jetzt freue ich mich wahnsinnig, euch im Vorprogramm von Northlane zu sehen. Auch eine grossartige Band und eine tolle Chance für euch. Wie ist es dazu gekommen?

Gino Andereggen: Also, ich von meiner Seite muss ehrlich sagen, es fühlt sich wie ein Full-Circle-Moment an. Ich hätte nicht damit gerechnet. Wir waren im Kontakt mit Martin Hunziker vom KIFF und er kam auf uns zu und hat uns angefragt. Ich bin einfach nur dankbar, dass wir ausgewählt wurden diesen wunderbaren Abend eröffnen zu dürfen.

MI: Ihr konntet 2025 bereits beim Greenfield Festival vor richtig grossem Publikum spielen. Heute ist es ein Club-Konzert. Was holt eine grosse Festivalbühne aus euch heraus, was ein kleiner Club niemals könnte? Was geht dafür eventuell auf einer grossen Bühne verloren?

Gino: Das erste Mal auf der Greenfield-Bühne zu stehen, war natürlich etwas ganz Besonderes. Wenn man kleinere oder mittlere Clubs gewohnt ist und plötzlich vor 20’000 Leuten spielt, ist das schon ein unglaubliches Gefühl. Am schönsten ist für mich zu sehen, wie Musik unterschiedliche Menschen zusammenbringt und dass man solche Momente gemeinsam erleben darf. Gleichzeitig sind Festival- und Clubshows für mich zwei völlig unterschiedliche Gefässe. Festivals sind beeindruckend, aber Clubshows sind viel intimer. Die Leute kommen spezifisch zu diesem Konzertabend, singen mit, schauen dir in die Augen, man trifft sie am Merch-Stand und kommt mit ihnen ins Gespräch. Diese Nähe ist etwas sehr Besonderes. Deshalb würde ich sagen: Beides hat seinen Platz und beides ist fantastisch.

2025 war für uns ein sehr wichtiges Jahr. Nach dem Greenfield Contest durften wir am Festival spielen und mit unseren Freunden von Vicious Rain auch erste Shows in Deutschland erleben. Solche Erfahrungen zeigen einem, was möglich ist, und geben enorm viel Motivation und Dankbarkeit. Wenn man viel Zeit, Herzblut und Arbeit in eine Band steckt, sind solche Meilensteine eine Bestätigung, weiterzumachen. Sie erinnern einen daran, warum man das alles macht: aus Freude, Leidenschaft und Liebe zur Musik. Das ist ja auch das, was schlussendlich alle verbindet.

MI: Wann hast du denn angefangen mit der Musik?

Gino: Angefangen hat bei mir alles mit 13 Jahren, als ich Gitarre spielen gelernt habe. Über die Jahre habe ich immer härtere Metalmusik gehört, mich für weitere Instrumente interessiert und mich musikalisch stetig weiterentwickelt, bis ich schliesslich bei Polar Shift gelandet bin. Das Schöne ist, dass sich hier ein Kreis schliesst. Polar Shift gibt es seit 2020, aber ich war damals noch gar nicht Teil der Band. Am Greenfield Festival 2022 habe ich die Jungs auf dem Festivalgelände kennengelernt und mir ihre ersten Demos angehört. Schon damals fand ich das Material unglaublich stark. Aus einem eher scherzhaft gemeinten Kommentar, man könnte doch gemeinsam etwas im Stil von Periphery machen, wurde kurze Zeit später Realität. Wir trafen uns, machten Musik zusammen und damit begann dieses Kapitel. Was mich bis heute begeistert, ist die kreative Freiheit. Modern Metal erlaubt es uns, ohne Grenzen zu denken, mit harten Riffs, Gesang, atmosphärischen Passagen oder auch mit ganz anderen Elementen zu experimentieren. Genau diese Offenheit macht Polar Shift für mich aus. Dass wir uns 2022 am Greenfield Festival kennengelernt haben und drei Jahre später selbst dort auf der Bühne stehen durften, ist ein wirklich schöner Full-Circle-Moment und zeigt, wie viel möglich ist, wenn man seiner Leidenschaft folgt.

MI: Spannend, dass du Periphery erwähnst! Ich hatte gestern, als ich mich auf das Interview vorbereitet hatte, auch an Periphery gedacht, als ich eure Videos angeschaut hatte. Auch TesseracT und Monuments kamen mir in den Sinn. Ich finde, man erkennt, dass sie euch beeinflussen bzw. inspirieren.

Gino: Ich denke, jede Band steht irgendwann vor der Herausforderung, ihre eigene Identität zu finden, ohne dabei die Einflüsse zu verleugnen, die sie geprägt haben. Bei uns ist das nicht anders. Wir stehen offen zu unseren Inspirationsquellen, aber gleichzeitig hat jedes Bandmitglied seine eigene musikalische Stimme und bringt eigene Ideen in den Schreibprozess ein. Was Polar Shift ausmacht, ist diese kreative Rotation. Ideen werden weitergegeben, verändert und von den anderen aufgegriffen. Oft entsteht aus einem kleinen Ansatz etwas völlig Neues, weil jemand anderes darauf aufbaut. So entwickeln sich die Songs organisch weiter, ohne dass wir uns zu sehr verkopfen. Natürlich beeinflussen uns Bands wie Monuments, TesseracT, Loathe, Thornhill oder Sleep Token und haben einen grossen Anteil daran, wie wir Musik wahrnehmen. Trotzdem geht es uns nicht darum, jemandem nachzueifern, sondern gemeinsam etwas Eigenes zu schaffen. Am Ende glauben wir, dass Musik nur dann Menschen berühren kann, wenn sie uns selbst bewegt. Genau deshalb setzen wir auf Offenheit, Kreativität und den Mut, Neues auszuprobieren. Diese Herangehensweise funktioniert für uns sehr gut und prägt die Weiterentwicklung von Polar Shift bis heute.

MI: Apropos Weiterentwicklung. Um dieses Thema geht es auch in eurem neuen Song «Unchained, welcher diesen Sommer veröffentlicht wurde, richtig? Zudem gab es eine Veränderung an der Front bei euch. Du hast von der Gitarre ans Mikrophon gewechselt.

Gino: Veränderungen gehören zum Leben, und manchmal auch zu einer Band. Der Line-up-Wechsel war natürlich ein bedeutender Moment für uns. Als unser ehemaliger Sänger ausgestiegen ist, standen wir vor der Frage, wie es weitergehen soll. Nach dem Greenfield Festival und den neuen Möglichkeiten, die sich für uns eröffnet hatten, kamen die Jungs auf mich zu und fragten, ob ich die Rolle des Sängers übernehmen möchte. Das war nie etwas, das ich aktiv angestrebt hatte. Ich habe zwar schon immer gerne gesungen und Vocals gemacht, aber Frontmann zu werden, war nie mein grosses Ziel. Trotzdem fand ich die Herausforderung spannend und habe mich darauf eingelassen.

Genau diese Veränderungen spiegeln sich auch im neuen Song «Unchained» wider. Der Song handelt für mich von persönlicher Entwicklung und davon, alte Versionen von sich selbst hinter sich zu lassen, um wachsen zu können. Es geht nicht um ein konkretes Ereignis, sondern um die Herausforderungen und Veränderungen, die das Leben mit sich bringt. Die grösste Herausforderung war dabei, einen Weg zu finden, mich selbst in den Texten wiederzufinden und gleichzeitig etwas zu schaffen, mit dem sich auch andere Menschen identifizieren können. Mir war wichtig, authentisch zu bleiben und nichts zu schreiben, das sich künstlich oder aufgesetzt anfühlt. Dabei hatte ich grosse Unterstützung von unserem Produzenten und meiner Vocal-Coachin, die mich sowohl musikalisch als auch beim Schreiben der Texte begleitet haben. Diese Zusammenarbeit und der Schritt aus der Komfortzone haben mich als Musiker und als Sänger enorm weitergebracht. Rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Entwicklung. Sie hat mir geholfen, Musik noch einmal neu wertzuschätzen und als Band die nächste Etappe mit Überzeugung, Herz und Leidenschaft anzugehen.

MI: Der Song «Unchained» wirkt sehr persönlich, finde ich. Möchtest du noch etwas mehr auf den Text eingehen?

Gino: «Unchained» wurde zwar von einer Trennung inspiriert, aber im Kern geht es um etwas Universelleres. Es geht darum, sich selbst nicht zu verlieren, egal ob in einer Beziehung, Freundschaft oder anderen Lebenssituationen. Ich habe dabei für mich erkannt, wie wichtig es ist, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln, ohne dabei die eigenen Werte aus den Augen zu verlieren. Manchmal lässt man sich von den Erwartungen oder Sichtweisen anderer beeinflussen und vergisst dabei, wer man selbst ist. Die Botschaft von «Unchained» ist deshalb, das eigene Potenzial zu erkennen, zu sich selbst zu stehen und auch mal Grenzen zu setzen. Nicht gegen andere, sondern für sich selbst. Man sollte sich nicht zurückhalten oder aufgeben, nur um anderen zu gefallen. Jeder Mensch hat seine eigene Stärke und Einzigartigkeit. Der Song soll daran erinnern, diese nicht zu verlieren und den Mut zu haben, den eigenen Weg zu gehen.

MI: Wie sieht euer Weg nun aus? Gibt es Pläne, die du eventuell schon mit uns teilen möchtest?

Gino: Unser Fokus liegt aktuell darauf, die ehrlichste und beste Musik zu schreiben, die wirklich zu uns passt, und diese mit der Welt zu teilen. Mit den Erfahrungen der letzten Jahre sind auch unsere Ansprüche gewachsen, aber am Ende sehen wir unsere wichtigste Aufgabe darin, authentische Musik zu machen und uns damit neue Möglichkeiten zu erarbeiten. Dabei profitieren wir auch von der Zusammenarbeit mit unserem Management, das uns hilft, die richtigen Chancen zu erkennen und unseren Fokus zu schärfen. In nächster Zeit wollen wir vor allem regelmässig neue Musik veröffentlichen und zeigen, wie sich Polar Shift weiterentwickelt hat. Die neue Musik enthält mehr Herzblut, mehr Persönlichkeit und auch mehr Verletzlichkeit als je zuvor. Ob daraus am Ende ein Album oder eine EP entsteht, steht noch nicht fest. Aktuell konzentrieren wir uns darauf, starke Singles zu veröffentlichen, unsere musikalische Vielfalt zu präsentieren und kontinuierlich nachzulegen. Unser Ziel ist es, weiter zu wachsen, neue Türen zu öffnen und uns Schritt für Schritt die Chance zu erarbeiten, irgendwann auf den grossen Bühnen dieser Welt zu stehen.

MI: Die Schweizer Metal-Szene bringt derzeit viele starke Bands hervor. Was müsste aus deiner Sicht passieren, damit Nachwuchsbands noch besser gefördert werden?

Gino: Ich muss dir ehrlich sagen, ich kann dir gerne meine Meinung mitteilen, aber ich denke, das ist sehr komplex zu beantworten.

MI: Alles klar. Ich denke, wir können anfangen einen Roman darüber zu schreiben. In dem Fall fällt die Show heute Abend aus (lacht).

Gino: Durch meine Arbeit als Musiker, Tontechniker und in verschiedenen Bereichen der Musikindustrie habe ich die Entwicklung der lokalen Szene über viele Jahre hinweg aus nächster Nähe miterlebt. Besonders die Pandemie hat aus meiner Sicht tiefe Spuren hinterlassen. Vor Corona waren Konzerte, auch in kleineren Venues, deutlich besser besucht, und ich war regelmässig bei mehreren Shows pro Monat involviert. Heute ist das spürbar weniger geworden. Das zeigt, wie stark die Kultur- und Livemusikszene unter dieser Zeit gelitten hat. Viele Gewohnheiten haben sich verändert, und kleinere Veranstaltungsorte sowie lokale Bands stehen heute vor grösseren Herausforderungen als noch vor einigen Jahren.

Aus meiner Sicht hat sich das Konsumverhalten von Kultur und Musik in den letzten Jahren stark verändert. Die Pandemie hat diesen Wandel zusätzlich beschleunigt, weil viele Menschen Kultur vermehrt digital konsumiert haben. Gleichzeitig gibt es heute ein riesiges Angebot an Musik, Events und digitalen Inhalten, wodurch es schwieriger geworden ist, Aufmerksamkeit zu gewinnen und Menschen langfristig an die Live-Kultur zu binden. Ich glaube, die Herausforderung besteht darin, wieder mehr Brücken zwischen den Menschen und der Live-Musik zu schaffen. Konzerte, Clubs und Veranstaltungsorte sind enorm wichtig, weil Musik dort direkt erlebt wird und echte Begegnungen entstehen. Deshalb halte ich es für entscheidend, dass Kultur weiterhin gefördert wird und Veranstaltungsorte die nötige Unterstützung erhalten. Nur wenn genügend Räume, Infrastruktur und Möglichkeiten vorhanden sind, können neue Bands auftreten, Erfahrungen sammeln und eine Szene wachsen lassen. Gerade der Blick ins Ausland hat mir gezeigt, wie stark Menschen sich mit Bands und Konzerten identifizieren können. Diese Leidenschaft würde ich mir auch weiterhin für die Schweizer Kulturszene wünschen. Letztlich geht es darum, Kultur zugänglich zu machen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die Live-Musik und kreative Projekte fördern.

MI: Ein gutes Schlusswort, Gino. Leider sind wir am Ende angelangt und du musst dich langsam für die Show vorbereiten. Vielen Dank für den spannenden Austausch.

Gino: Gerne, gerne. Vielen, vielen Dank. Hat wirklich Spass gemacht.

Während dieses Interview noch vor der Veröffentlichung geführt wurde, haben Polar Shift heute ihre neue Single «Breathe» rausgehauen! Listen! Support! Share!

Die Fotos – Polar Shift Interview (Anna Wirz)

Video Polar Shift – Unchained

28.08.2026
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