Sacred Reich, Angelus Apatrida, Mortal Factor
Thrash Metal
Ein schöner Tag für Thrash Metal
Sacred Reich, Angelus Apatrida und Mortal Factor haben am 12. August eine gehörige Portion Thrash Metal in die Schüür in Luzern gebracht. Das gateway to stagedive, eine Sonnenfinsternis und eine Surflektion in Nicaragua stehen auf dem Plan.
Schon lange vor diesem Konzert wusste ich, welches T-Shirt ich heute tragen werde. Es gibt ein T-Shirt von Shadow’s Far, auf dessen Rückseite «Lovely Day For Some Thrash» (dt. ein schöner Tag für Thrash Metal) steht. Ich glaube, es gibt kaum einen anderen Satz, der diesen Abend so adäquat zusammenfasst.
Aber nun zum Konzert: Bereits vor vier Jahren waren Sacred Reich und Angelus Apatrida gemeinsam unterwegs, so dass ich das Vergnügen hatte, sie im Kiff zu sehen. Damit wusste ich bereits, was uns an diesem Abend erwarten könnte. Eine weitere Besonderheit heute ist die fast vollständige Sonnenfinsternis, die in der Schweiz etwa zehn Minuten nach Beginn von Angelus Apatrida ihren Höhepunkt finden wird.
Obwohl die SBB heute gefühlt alles darangesetzt hat, dass ich den Anfang des Abends verpasse, schaffe ich es noch einige Minuten vor Beginn zur Schüür in Luzern. Grundsätzlich ist es einfach, sie mit den ÖV zu erreichen, sofern man nach dem Anlass noch gescheite Verbindungen hat.
Oben vor der Bühne befindet sich ungelogen… noch niemand. Nur beim Merchstand steht eine Handvoll Menschen. Wie sich herausstellt, geniessen alle noch im Garten das schöne Wetter und vor allem den Schatten, den der Innenhof bietet. Scheinbar nicht ohne Grund, denn aus meinem Umfeld habe ich mitbekommen, dass das Amenra-Konzert, das zwei Tage davor stattfand, mehr einem Saunagang glich. Sehr heiss und feucht.
Mortal Factor
Bei dem Konzert von Sacred Reich und Angelus Apatrida in der Schüür heute sind ausserdem noch Mortal Factor dabei. Die Luzerner Band, die schon seit über zwanzig Jahren besteht, spielt eine Mischung aus Thrash und Death Metal und – Spoiler – wird den beiden anderen schön einheizen.
Als ich vor die Bühne trete, trifft das Quartett noch die letzten Vorkehrungen auf der Bühne und klatscht sich kurz vor Beginn ab – bevor es auf die Sekunde um 19:00 Uhr losgeht. Das Licht geht aus und ein Gitarrenriff erklingt. Sänger Dave zählt auf vier und los gehts! Ihre Musik hat einen vorwärtstreibenden Sound und schenkt uns einen Rhythmus, der sich hervorragend zum Headbangen eignet. Bereits während des ersten Songs treten Dave Schweisstropfen aufs Gesicht. Zumindest auf der Bühne scheint der Saunagang doch stattzufinden, wogegen wir unten eher verschont bleiben. Mein Blick schweift auch immer wieder rüber zu Drummer Spiga, der durch die beiden anderen Schlagzeuge auf der Bühne eher in die Ecke gedrängt wirken müsste, aber er spielt dort stoisch inklusive seiner Gesichtsgymnastik, die je nach Song intensiver oder weniger intensiv ist.
Das Publikum scheint Spass an dem Quartett zu haben. Den Aufforderungen zum Faust in die Luft Strecken wird nachgekommen und die Leute bewegen sich stetig – auch wenn es bei einigen nur der Kopf ist. Ihre Songs wechseln sich in der Geschwindigkeit ab und sind mal groovier, mal härter. Auch Elemente wie Geflüster und Gitarrensoli geben den Songs ihren Erkennungswert. Während des Konzerts kommen mir stellenweise Vergleiche zu Lamb of God und Exodus in den Sinn. Während eines Solos frage ich mich, woher ich den Gitarristen links bereits kenne. Die Lösung ist schnell gefunden (dank Sticker auf einem Case und Encyclopaedia Metallum): Er spielt ausserdem bei Contorsion. Dave erklärt dann auch während einer Ansage, dass sie ihn für fünf Franken eingekauft haben. Auch dankt er uns, dass wir bei 29,6 Grad bereits in der Schüür sind und mit ihnen feiern. Gern geschehen!
Setlist – Mortal Factor
- Devil And This Dog
- You Do
- Whiskey Stream
- I Found A Minute
- Spirit Soul
- The Rot Inside
- Bring Back The Rats
- Good As Gold
- Broken
- Shy Hell
Angelus Apatrida
Während der Pause treffe ich Mitmetalinsider Dutti und Truppe, so dass ich dank einem vertieften Gespräch doch fast den Anfang von Angelus Apatrida verpasse. Mist! Waren doch sie der ausschlaggebende Punkt, wieso ich heute zur Schüür gepilgert bin und nicht zu Deicide und Disparaged im Kiff.
Alles halb so schlimm: Der Saal verdunkelt sich soeben, so dass ich passend auf das Swing-Intro der Spanier vor der Bühne stehe. Sänger Guillermo hat sogar noch die Haare zusammengebunden, was sich aber in zwanzig Sekunden ändern wird. Er trägt heute zudem ein Sacred Reich-T-Shirt. Wie schön, dass sich die Bands so Respekt zollen.
Bereits ab der ersten Sekunde des Auftritts ist die Band mit viel Enthusiasmus und Bewegungsfreude am Werk. Dies wirkt sich auch auf das Publikum aus, das ihr mit Headbangen antwortet. Schlag auf Schlag geht es mit den nächsten Liedern weiter, die mit Gitarrensoli und durchballender Doublebass bestückt sind. Trotzdem empfinde ich Angelus Apatridas Thrash Metal als sehr leichtfüssig mit eingängigen Melodien. Guillermo dankt uns in der nächsten Ansage, dass wir bei ihnen geblieben sind und nicht die Sonnenfinsternis anschauen. Im nächsten Atemzug verlangt er einen Circle Pit, den er sofort erhält und welcher nach einigen Runden in ein unisono Headbangen aller Beteiligten umgewandelt wird. Dieser Pit bietet viel zum Sehen.
Auch die nächsten Songs sind energiegeladen und laden zum Bewegen ein. Ich glaube nicht, dass viele Leute ohne Nackentraining nach Hause gehen werden. Als Nächstes macht Gitarrist David einen Ausflug ins Publikum und nimmt am Ende des Songs dankend den Fächer aus der ersten Reihe an, um sich ein wenig abzukühlen. Viel zu schnell kommen wir zu den letzten Songs «Sharpen The Guillotine» und «You Are Next», nach denen uns Guillermo bittet, für ein Foto zu lächeln, das er seiner Mutter schicken will. Diesen Gefallen tun wir ihm natürlich gerne und schauen in den Knipsautomaten.
Sacred Reich
Obwohl wir zwischen Angelus Apatrida und Sacred Reich wieder die kühle Aussenluft geniessen, kehren Dutti und ich noch vor Ende der Pause zurück und müssen feststellen, dass der Mann auf der Bühne frappante Ähnlichkeit mit unserem Mitmetalinsider Domi the Stick hat – nur etwas älter: eine ähnliche Gesichtsform, seine grauen Haare in einem Dutt, wie auch Domi ihn immer trägt. Nur die Augenbrauen sind ein wenig zu buschig.
Hatten wir erst gerade das Vergnügen mit Surfmetal dank Stillbirth am Circles Fest, so wartet nun eine Surflektion auf nicaraguanische Art auf uns. Naja, eher warten wir auf sie: Ganze zwölf Minuten nach Ankündigung starten die Arizoner ihre Thrash Metal-Show. Doch nach einem energiereichen Start ist nach einer halben Minute bereits die Luft draussen – oder genauer gesagt der Strom weg. Sänger Phil nutzt die Zeit, um uns zu erklären, dass sie einen straffen Zeitplan und eine lange Reise vor sich haben, wodurch wir doch während dem Konzert bereits Merch kaufen sollen, weil sie nach dem Konzert direkt abrauschen. Und mit «sie» sind beide Bands, Sacred Reich und Angelus Apatrida gemeint. Er selbst sei auch ein Typ, der gerne bis nach den Konzerten warte, um Merch zu kaufen, aber heute gehe das leider nicht.
Kurze Zeit später scheint die Technik dem Quartett wieder hold zu sein und das Konzert kann richtig starten. Bereits beim letzten Mal ist mir aufgefallen, dass der junge Gitarrist Joey zu einer immensen Gesichtsgymnastik und Körperausdruck beim Spielen neigt. Ebenso fällt auf, dass Drummer Eduardo eine Maschine in seiner Schiessbude ist. Selbst Figuren, die anstrengend zu spielen sind, werden von ihm in einer Ruhe und Leichtigkeit gespielt. Der musikalisch für mich typische Thrash Metal unterscheidet sich doch vor allem in einer Hinsicht: Und das ist der Gesang von Phil. Es wirkt für mich immer, als sei Sacred Reich eine gute Band, um in den Thrash Metal hineingezogen zu werden. Apropos Phil: Dieser strahlt wieder von einem Ende des Gesichts zum anderen. Ein richtiger Strahlemann. Mit «No Truth, No Justice» folgt gleich ein Knaller. Die Finger von den Gitarristen Wiley und Dave wie Phil, der auch Bass spielt, fliegen nur so über die Saiteninstrumente.
Zwischen zwei Songs erklärt uns Phil, dass sie am Vorabend in Martigny waren und ihnen ein Schweizer erzählt hat, dass wir Schweizer entgegen unserer Zurückhaltung die Musik mögen und feiern, aber zu anständig seien und die Band nicht irritieren wollen, um völlig durchzudrehen. Auch weist er auf die Treppe vorne rechts bei der Bühne hin, und dass dies ansonsten ein gateway to stagedive sei. Doch bis jetzt war noch kein Schweizer oben. Wir dürfen das, wenn wir wollen. Sie selbst seien ja alt und die Mehrheit ihrer Fans ebenfalls, weshalb er auch nicht wild herumtanzt. Er könnte sich ja etwas brechen. Aber wir dürfen so abgehen, wie wir das wollen.
Und das machen wir dann auch: Circle Pits und Mosh Pits bilden sich, aber vor allem sind es die Headbanger, die die Bewegungen in der Crowd angeben. Etwas später gibt es dann doch tatsächlich drei Personen, die die gateway to stagedive nutzen, um von der Menge getragen zu werden. Phil freuts.
Sacred Reich führen durch das Set, welches von langsamen und groovigen Songs, aber genauso schnellen und zu Bewegung mitreissenden Liedern gespickt ist. Bei «Independent» kann man beobachten, wie die halbe Schüür den Text mitsingt – von der ersten Strophe an. Nicht schlecht! Im Publikum entdecke ich dann sogar die Musiker von Mortal Factor. Verstehe ich, dass sie sich diesen Auftritt nicht entgehen lassen.
Als zweitletzten Song geben sie ein Cover von «War Pigs» zum Besten. Auch hier unterstützt das Publikum die Band tatkräftig und singt textsicher mit. Abgerundet wird das Konzert von «Surf Nicaragua», dem Gute-Laune-Lied mit Aloha-Effekt (falsches Land, aber ihr wisst, was ich meine). Da die Band zu spät angefangen hat, muss ich mich bereits währenddessen verabschieden und mich schnellen Schrittes zum Bahnhof Luzern begeben. Als Letztes sehe ich, wie die Herren mit breitem Grinsen und viel Bewegungsfreude die Bühne nutzen. Schön.
Das Fanzit – Sacred Reich, Angelus Apatrida, Mortal Factor
Hat es sich gelohnt, die Sonnenfinsternis zu verpassen und stattdessen drei sackstarke Auftritte von Thrash Metal-Bands zu sehen? Ja! Hätte ich wegen der Sonnenfinsternis nicht auch nur Angelus Apatrida verpassen können? Auf keinen Fall! Um nochmals Shadow’s Far zu zitieren, war dieser ein lovely day for some thrash. Damit sage ich ciao und befinde mich gedanklich noch auf einer Welle vor Nicaragua und schärfe die Guillotine.


