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Fr–Sa, 24.–25. Juli 2026

Rotten Rock Fest 2026 – Terror, Dritte Wahl, Born From Pain u.v.m.

Nordisches Zentrum (Goms, CH)
/ 26.08.2026

Der dritte Streich

Auch 2026 zieht es Freunde gepflegter Gitarrenmusik von Hardcore über Punk bis zu Metal Ende Juli ins Goms ans Rotten Rock Fest. Gebannt wird in den Tagen zuvor jeweils der Wetterbericht verfolgt. Ob das Ganze wohl diesmal im Gegensatz zu 2025 komplett ohne Regen über die Bühne gehen wird? Ihr erfahrt es in den folgenden Zeilen.

Bereits in den vergangenen beiden Jahren haben Kollege Röschu und ich von diesem nach wie vor eher neuen Stern am Schweizer Festival-Himmel berichtet. Somit sind bereits die Ausgaben 2024 (hier) und 2025 (hier) bestens dokumentiert. Ehrensache also, dass wir auch der dritten Ausgabe nicht nur einen Besuch abstatten, sondern unsere Eindrücke zudem in Bild und Schrift festhalten.

Angereist wird, wie bei uns schon fast traditionell, bereits am Donnerstagabend. So kann man gemütlich im Hotel einchecken, ein leckeres Nachtessen geniessen und sich dann später Richtung Festival-Areal begeben. Im Gegensatz zu den letzten Jahren, wo wir jeweils neben der Crew praktisch die einzigen da auf dem Gelände waren, ist dieses Jahr sogar offiziell schon ab Donnerstag für Unterhaltung in Form des Partyzelts und eines DJ gesorgt. Und das Ganze komplett ohne Eintritt. Allzu viele Leute verirren sich allerdings noch nicht ins nordische Zentrum Ulrichen. Grob geschätzte vierzig bis fünfzig Personen sind bereits auf Platz. Eventuell wären es ohne die fiese Bise, welche die gefühlten Temperaturen ziemlich tief erscheinen lässt, noch ein paar mehr gewesen.

Trotzdem kommt bei Querbeet-Klassikern ab Konserve – und zwar von (für meinen Geschmack) etwas zu viel AC/DC bis zu (erneut nach meinem Gusto) etwas zu wenig Deez Nuts – bereits ein bisschen Stimmung auf, man trinkt sich langsam aber sicher warm. Noch wichtiger aber: Wir erhalten bereits unsere Pässe und können uns kurz mit Organisator Matthias unterhalten. Dieser klärt auch gleich auf, wieso die zweite Bühne nicht wie in den vergangenen Jahren im Hangar drin ist, sondern vom Ausgang aus Richtung Aussengelände gerichtet. Wie man sich vorstellen kann, haben sich die Regeln im Kanton Wallis seit der Tragödie in Crans Montana vom letzten Silvester (falls es irgendwer nicht mitbekommen hat, kann hier nachgelesen werden) etwas geändert, was Veranstaltungen in Innenräumen betrifft.

Somit war die Entscheidung, die kleinere der beiden Stages ebenfalls nach draussen zu verlegen, sicher die richtige. Da die Hauptbühne dazu etwas mit verschoben wurde, wirkt das Gelände nochmals ein wenig kompakter. So ganz ohne Leute vor den Bühnen lässt sich das zwar noch nicht abschliessend beurteilen. Aber die nächsten beiden Tage werden diese Frage definitiv beantworten. Ansonsten scheint sich nicht viel geändert zu haben. Der Kaffeecopter (eine Bar in einem Helikopter) ist genauso noch vor Ort, wie die beliebte Hauptbar, das momentan im Fokus stehende Partyzelt, der Trinkbrunnen und auch die erneut sehr zahlreichen WCs.

So geniessen wir entspannt ein paar feine Biere, ohne bereits zu viel Kraft zu verbrauchen. Bereits vor dem angekündigten Ende um 24 Uhr nehmen wir den Weg zurück ins Hotel unter die Füsse. Schliesslich gilt es, morgen fit zu sein.

Rotten Rock Fest 2026 – Tag 1 (Freitag, 24. Juli)

Obwohl wir ja eigentlich zeitig ins Bett gegangen sind, reicht es nur noch knapp ans bis zehn Uhr geöffnete Frühstücksbüffet. Die erste Band beginnt heute aber erst um halb drei, somit absolut kein Grund zur Eile. Nach dem Morgenessen machen wir uns schon einmal soweit bereit, dass es vor dem Gang ans Festival auch noch für ein Mittagessen im Dorf vorne reicht. Nicht dass die Auswahl der Speisen auf dem Gelände ungenügend wäre. Aber schön hier bei Sonnenschein auf der Terrasse noch eine Mahlzeit im echten Teller zu geniessen, hat definitiv seinen eigenen Reiz.
Zurück beim Hotel reicht die Zeit sogar noch für ein Bierchen, bevor wir die knappe Viertelstunde Fussweg antreten. Auf dem Gelände angekommen sind wir somit zudem genug früh, um unsere Sachen sicher zu verstauen, bevor wir mit einem Gerstensaft vor die Hauptbühne stehen. Nun heisst es endgültig: Vorhang auf für das Rotten Rock Fest 2026!

Die Fotos – Impressionen Tag 1

Malewicz

Die Ehre, nicht nur die Hauptbühne zu eröffnen, sondern gleich auch das Fesitval, haben heute Malewicz aus dem Kanton Freiburg. Als die Gruppe loslegt, sind ungefähr sechzig Leute vor Ort. Davon lässt sich die Faux-Punk-Band (Eigenbezeichnung) aber keineswegs beeindrucken. Besonders Sängerin Teo, welche einigen noch als Gitarristin und Backgroundsängerin von Mamba Bites bekannt sein dürfte, zeigt eindrücklich, dass sie auch nur mit Mikro und komplett ohne Klampfe um den Hals überzeugen kann. Da helfen darüber hinaus sicher die sympathischen Ansagen, teilweise in Deutsch mit Akzent und teilweise direkt auf Französisch.

Ungefähr in der Mitte der Show legt sie auf der Bühne einen Rückwärts-Purzelbaum hin, bei welchem den Zuschauern nicht so ganz klar ist, ob das nun Absicht war oder nicht. Ob sie sich wohl deshalb wenig später zusätzlich eine Gitarre umschnallt und sich nicht mehr «nur» auf den Gesang konzentriert, weiss ich nicht. Dem Sound tut das aber auf jeden Fall gut. War der Bass vorher trotz grosser Skills (geiles Solo!) fast etwas zu dominant, wirkt das nun stimmiger. Positiv hervorzuheben sind überdies auch die Backing Vocals des Drummers, welche einen guten Kontrast zu Teos Stimme bilden.

Unter dem Strich ein absolut gelungener Auftakt einer Band, die man definitiv auf dem Schirm behalten sollte.

Die Setlist – Malewicz

  1. Tout ce qu’il faut
  2. Condamné à vous
  3. Écran de fumée
  4. Le niveau de la mer
  5. Sexe fort
  6. Attendre & accepter
  7. The New Hier
  8. (T)Erreur
  9. Émotions sélectives
  10. Eux et nous

Die Fotos – Malewicz

Rudifutschers

Da Beyond The Gravel in der Woche vor dem Festival absagen mussten, wird die neu platzierte Bühne zwei von den Rudifutschers eröffnet. Diese waren bereits 2024 im Programm, mussten damals allerdings als Rausschmeisser mitten in der Nacht ran, weswegen wir uns damals nur noch ein paar wenige Songs angesehen haben. Nun also nach der sehr späten Spielzeit vor zwei Jahren ein sehr früher Slot.

Die «Auswechselspieler des Rotten Rock» (Selbstbezeichnung des Sängers) bieten ziemlich abgefahrenen Punkrock, inklusive teilweise etwas schräger Vocals. Diese passen aber oft sehr gut zur Musik, so auch beim Kasabian-Cover «Fire». Nach diesem folgt ein ganzer Block Lieder in Walliserdeutsch, bei denen es, soweit ich verstehe, um Fussball, Nazis (also gegen) und ein paar andere schräge Storys geht. Teilweise bräuchte ich hier aber echt Untertitel, da die Aussprache in Verbindung mit dem Dialekt ziemlich viel Konzentration braucht…

Zum Abschluss wird wieder zu Coverversionen und Fremdsprachen gewechselt. Da man die Partisanen-Hymne «Bella Ciao» in den letzten Jahren schon sehr oft – und ab und zu auch besser – gehört hat, kann diese nicht als Highlight verbucht werden. Die Rudifutschers-Version von «Spacelord» ist aber richtig geil! Die sympathischen Walliser drehen Monster Magnet mal eben durch den Punk-Fleischwolf, besonders gegen Ende des Tracks, als das Tempo nochmals angezogen wird. Sehr kreative Umsetzung und gelungener Abschluss. Wer auf Punk mit kleinen Dosen Ska und Folk steht, sollte bei den Rudifutschers unbedingt einmal ein Ohr riskieren. Oder – noch besser – ein Livekonzert besuchen.

Die Setlist – Rudifutschers

  1. Intro
  2. Rocky
  3. Fire (Kasabian-Cover)
  4. Gschicht reimt schich
  5. Üswärts verloru
  6. Wägg uf Sittu
  7. Maria-Johanna
  8. Nazichläbbär
  9. Lah di nit lah frässu
  10. Bella Ciao (Traditional-Cover)
  11. Spacelord (Monster Magnet-Cover)

Die Fotos – Rudifutschers

Them Fleurs

Der nächste Act auf der Hauptbühne stammt ebenfalls aus dem Wallis. Der Name führt ein wenig auf eine falsche Fährte, so wird hier nicht etwa französisch gesungen, sondern englisch. Man merkt der Band schnell an, dass sie nicht erst seit gestern zusammen musizieren, sondern seit mittlerweile über fünfzehn Jahren. Das wirkt alles sehr eingespielt und souverän.

Allerdings kann ich mit den Songs nicht so richtig viel anfangen. Ich würde das als eine Mischung aus Indie-Rock, Post-Punk und etwas Pop beschreiben. Sehr melodiös, öfters mal etwas melancholisch und mit immer mal wieder repetitiven Gitarren. Meins ist das nicht, auch wenn es gut gemacht wirkt. Aber es zündet bei mir einfach nicht so richtig, obwohl ich vom Drummer durchaus fasziniert bin. Dies nicht in erster Linie wegen seines Spiels, sondern weil er praktisch permanent die Zunge draussen hat. Gar nicht so ungefährlich bei einem physisch so anstrengenden Instrument. Soweit ich sehe, übersteht er den Gig aber glücklicherweise unfallfrei.

Die Setlist – Them Fleurs

  1. What We Are
  2. Queen To Dance
  3. Lie In Wait
  4. Surrender
  5. You Are
  6. Open Doors
  7. Back In Dunes
  8. The End
  9. Nothing Left

Die Fotos – Them Fleurs

Devils Rage

Traditionell sind Bands aus der Metal City Sursee am Rotten Rock Fest gut vertreten. Dieses Jahr halten Devils Rage die Fahne von «Sorsi» im Goms hoch. Google Maps berechnet die Fahrzeit mit dem Auto bis nach Ulrichen mit zwei Stunden und siebzehn Minuten. Eigentlich easy. Dumm nur, dass Sänger Stefan «Lalas» Häfliger und Bassist Stefan «Keule» Reinhard an genau diesem Wochenende eigentlich am Tolminator in Slowenien sind. Darauf wollen die beiden nicht verzichten, den Gig im Goms abzusagen ist aber auch keine Option. Was ist die Lösung? Lalas chartert kurzerhand einen Helikopter (!), welcher die beiden pünktlich zur Show nach Münster fliegt (!!), direkt danach wieder abholt und zurück nach Slowenien (!!!) bringt. Die Gage reicht definitiv nicht für die Kosten, so dass das Ganze trotz Zustupf aus der Bandkasse ziemlich ins Geld geht. Respekt für so viel Leidenschaft!

Auf der Bühne sind den beiden die Reisestrapazen absolut nicht anzumerken. Der Sound ist zwar zu Beginn nicht ganz perfekt – die Tiefen sind etwas gar laut –, trotzdem hat es nun zum ersten Mal ziemlich viele Leute vor der kleineren der beiden Bühnen. Als dann auch noch der Mischer mitmacht und sich Bass und Bassdrum eingependelt haben, entwickelt der Melo Death der Männer aus Sursee so richtig viel Druck. Das Publikum quittiert dies mit fleissigem Headbangen, wirkt ansonsten aber noch etwas reserviert. Nach einer eher bescheidenen Wall Of Death gibt es dann aber doch die ersten scheuen Moshpits zu sehen.

Die Setliste besteht heute zu etwas mehr als der Hälfte aus Songs vom neusten Release, dem starken «Resistance»-Album von 2024. Aber natürlich kommen auch ältere Klassiker wie «Stupid» von 2012 zum Zuge. Apropos Vergangenheit: In naher Zukunft (am 17.10.2026) feiern die Jungs ihr zwanzigjähriges Jubiläum in der Braustation Sursee, zusammen mit illustren Gästen wie Voice Of Ruin und Cremation. Sollte man sich definitiv nicht entgehen lassen! Weitere Infos gibt es auf der Band-Homepage. Eines lässt sich nach dem heutigen Auftritt definitiv sagen: Die Gruppe ist in absoluter Topform. Und beim Heimspiel kann wohl auch auf eine An- sowie Abreise durch die Luft verzichtet werden. Diese treten Lalas und Keule nach getaner Arbeit nun an. Übrigens, der Flug dauert zufällig ungefähr gleich lang, wie eine Autofahrt von Sorsi ins Goms…

Die Setlist – Devils Rage

  1. InstruMetal
  2. Isolation
  3. Murderers
  4. Lost In Prison
  5. Ignorant Know It All
  6. Be Yourself
  7. The Last
  8. Nothing Left
  9. Stupid

Die Fotos – Devils Rage

The Chainsaw Motel

Als nächstes geht es auf der Hauptbühne mit einem Power-Duo aus der Bretagne weiter. Als ob die Kombi Gitarre und Drums nicht eh schon Assoziationen zu Mantar wecken würde, trägt der Schlagzeuger auch noch ein Shirt der Bremer Band. Allerdings singt hier der Gitarrist und nicht der Drummer, und die Musik lässt sich nicht wirklich vergleichen. The Chainsaw Motel greifen nicht nur auf ihre beiden Instrumente und Effektgeräte zurück, sondern verwenden auch jede Menge Samples.

Grundsätzlich habe ich gegen eingespielte Samples weniger einzuwenden als gegen einfach durchlaufende Backtracks. Trotzdem wird das Ganze dadurch etwas gar wild. Hier wird NuMetal mit Rap- und Elektro-Elementen zu einem komischen Metalcore-Gebräu gemischt, welches irgendwie keinen roten Faden zu haben scheint. Es wirkt eher wie eine Aneinanderreihung von vielen verrückten Ideen, die aber nicht so ganz zusammenpassen wollen. Auch der Gesang wechselt wild von Growls über Screams bis zu cleanen Vocals. Unter anderem dadurch wirkt das Ganze etwas ziellos und erschwert dem Publikum den Zugang. Wenn nach einem eher elektronischen Track, bei welchem noch ziemlich viel Stimmung vorhanden war, plötzlich auf eine Akustikgitarre und Country-Vibes geändert wird, macht es das nicht einfacher, mitzukommen.

Mir ist das deswegen trotz durchaus vorhandenen guten Momenten etwas zu wild. So entschliessen wir uns dann auch vor Ende der Show, noch eine kurze Essenspause einzulegen. Bei Risotto und Raclette kann man von weiter hinten aber durchaus attestieren, dass The Chainsaw Motel bei einem Teil des Publikums definitiv besser angekommen sind, als bei mir selbst.

Die Fotos – The Chainsaw Motel

Hood Brawl

Frisch gestärkt zieht es mich pünktlich auf die nächste Band wieder vor die zweite Bühne. Es ist Zeit für eine ordentliche Portion Beatdown! Mich fasziniert die Szene seit längerem sehr, obwohl ich mit dem ganzen Crowdkill-Gekicke in meinem Alter nicht viel anfangen kann. Musikalisch ist das aber eine ganz andere Geschichte, und besonders die Bieler haben es mir sehr angetan. Wobei einer der beiden Sänger dies in der ersten Ansage gleich relativiert, scheinbar sind nur zwei Mitglieder von Biel selbst und der Rest aus Bern, Interlaken und sogar aus Berlin. Gerade dass hier zwei Vocalists am Werk sind, ist einer der grossen Trümpfe der Gruppe. Es verleiht dem Sound eine weitere Dimension, die so mit nur einer Stimme nicht vorhanden wäre.

Das Publikum vor der Bühne wartet gespannt, was hier passieren wird. Es hat zwar ein paar kickende Armschwinger, im Vergleich zu meiner ersten Hood Brawl-Show im Pic in Brugg wirkt das aber richtiggehend friedlich. Man weiss zudem nicht so genau, ob sich die Band teilweise etwas über das Publikum lustig macht, und auch umgekehrt gibt es ein paar besonders begabte Beatdown-Imitatoren vor der Bühne. Das alles passiert aber auf einem aus meiner Sicht doch respektvollen Niveau und ohne irgendwelche Gehässigkeiten.

Und eigentlich zählt ja sowieso die Musik und an der lässt sich für mich einfach nicht viel kritisieren. Der Mix aus Hardcore, Slam und (vor allem dank der Vocals) auch ein bisschen Death Metal macht einfach nur extrem Spass. Ich glaube, die Jungs hätten sich zwar ein etwas aktiveres Publikum gewünscht. So geht heute beispielsweise kein Stromkasten zu Bruch. Zumindest ein paar neue Fans haben sie aber sicher dazugewonnen. Wie zum Beispiel den Einheimischen, welcher direkt vor mir am Merch-Stand mal eben das komplette Sortiment in Grösse L abstaubt. Bei mir bleibt es zwar bei einem Shirt, dies ist aber trotzdem schon ein klares Zeichen, wie gut es mir gefallen hat.

Die Setlist – Hood Brawl

  1. Beheading The Executioner
  2. Street Kidz
  3. Tomb Of The Undead
  4. Grim Reaper
  5. Desire
  6. Violent Vibes
  7. Komodo 3000
  8. Scourge
  9. Grief
  10. Big Smoke
  11. Beware Of Our Strength
  12. Colder Thought
  13. Drowning

Die Fotos – Hood Brawl

Unified Move

Seit der ersten Band heute ist wie schon in den letzten Jahren bei jeder Show Reto ganz vorne im Publikum anzutreffen – ausser beim Gig jetzt. Den nun darf das allseits bekannte und nimmermüde Original seine unbegrenzten Kräfte auf der Bühne selbst ausleben. Seit letztem Jahr bedient er die Schiessbude bei Unified Move und macht so eine sowieso schon gute Truppe noch etwas sympathischer. Leider verpasse ich aufgrund Merch-Kaufs und einer kurzen Toilettenpause ausgerechnet den Aufmarsch auf die Bühne, aber gemäss allen, die dabei waren, muss dieser schon grossartig gewesen sein.

Allerdings startet der Auftritt auch bald mit einer schlechten Nachricht: Gitarrist Lukas muss sich aktuell einer Chemotherapie unterziehen. Ersetzt wird er am Sechssaiter durch seinen eigenen Bruder Matthias. An dieser Stelle von mir ebenfalls alles Gute und vor allem gute Besserung. Fuck Cancer! Trotz der kurzzeitigen Umbesetzung wirken Unified Move sehr eingespielt. Das unterdessen ziemlich zahlreiche Publikum vor der Bühne dankt es mit jeder Menge Bewegung. Ob Circlepits, Wall Of Death oder simple Two-Step-Action, nun scheinen endgültig alle aufgewacht zu sein. Sicher hilft auch, dass die Sonne so langsam, aber sicher hinter den Bergen verschwindet und es dadurch jetzt etwas weniger heiss ist. Aber die Performance der Solothurner mit dem Zürcher TC (ex Vale Tudo) am Bass und dem Winterthurer Reto am Schlagzeug leistet genauso einen mehr als ordentlichen Beitrag zur guten Stimmung.

Reto lässt es sich auch auf der Bühne nicht nehmen, in den kurzen Pausen, welche er hat, vom Drumhocker aufzuspringen und eine kurze Tanzeinlage zum Besten zu geben. Eigentlich ist das Schlagzeug für ihn nicht das Ideale Instrument, mit einem umgehängten Saiteninstrument käme er wohl gar nie zum Stillstand. Unified Move liefern einen von A bis Z überzeugenden Auftritt, welcher nicht nur die ebenfalls anwesenden und sichtlich stolzen Eltern von Reto, sondern sämtliche Anwesenden überzeugt. Sänger Simon wagt gegen Ende des Konzerts noch den ersten Stagedive des Wochenendes und wird vom Publikum souverän aufgefangen. So muss eine Hardcore-Show sein!

Die Setlist – Unified Move

  1. Intro
  2. Back To Reality
  3. War
  4. Media Control
  5. Anger
  6. Trust
  7. ZW-Intro
  8. We Deny Your System
  9. Lose Control
  10. Schwarz weiss Sicht
  11. Social Network
  12. Once Again
  13. Peace Of Mind
  14. Niemous vergässe
  15. Outro

Die Fotos – Unified Move

Shadow’s Far

Pünktlich auf Shadow’s Far ist nun auch Cheffe pam aufgetaucht, welcher heute dem Festival einen Tagesbesuch abstattet.

pam: Ähm, Luke ich bin eigentlich schon etwas länger da. Unified Move hatten wir zusammen genossen: Ich war der Grosse mit dem schwarzen Shirt … (Luke: Ups, jetzt wo du es sagst. Aber da warst du noch am Essen und nicht am Moshen, also viel unauffälliger 😉) Aber ja, endlich schaffe ich es ebenfalls ans Rotten Rock. Die Reviews beziehungsweise eigentlich schon die allererste Preview von Luke machten schon lange Lust auf mehr. Doch leider war ich an den bisherigen Ausgaben bereits immer verplant und so auch dieses Wochenende; zumindest am Samstag. So nutze ich also das perfekte Wetter und sattle Geronimo, um über die Kombi Furka-Grimsel zu reiten. Und ganz Back to the Roots entscheide ich mich sogar wieder mal für die Zeltvariante. So eine Nacht schafft man das schon wieder mal.

Leider konnte ich nicht früher los und hab Devils Rage verpasst. Die hätte ich gerne wieder Mal live gesehen. Die sympathischen Ürnersee Southcoast-Thrasher Shadow’s Far sind aber definitiv Pflicht und endlich auch mal Dritte Wahl. Als grosser Die Ärzte-Fan sollen die mir gemäss Luke gefallen, schauen wir mal … Aber zuerst will ich Moshkönig werden … und sehen, ob Serge Mattli heute nach dem verlorenen WM-Final wie gewohnt das Argentinien-Nati-Shirt trägt.

Luke: Die Urner Thrasher können ihren Auftritt scheinbar nicht erwarten und starten etwas früher als auf dem Zeitplan angegeben. Dies gibt die Richtung schon gut vor, es gibt nur Vollgas. Gitarrist Bruno alias Briner scheint sich aber direkt vor der Show beim Griff in seinen Rucksack an der Rasierklinge ordentlich verletzt zu haben. Dank einem gröberen Schnitt in der linken Hand verfärbt sich das Griffbrett seiner Klampfe schnell einmal etwas rot. Und trotz mehrerer Verarztungsversuchen während des Gigs bekommt er die Blutung nie ganz zu stoppen. Davon lässt er sich aber nicht im geringsten aufhalten. Er zitiert nur ganz lapidar AC/DC: «If you want blood you’ve got it».

Seit Matthias am Mikrofon Roman (Hellvetica) ersetzt hat, ist dies erst mein zweites Aufeinandertreffen mit der Band. Das erste war beim Winter Megamosh 2024 (Review), und schon da hat mich der neue Fronter durchaus überzeugt. Wie schon dort frage ich mich hingegen erneut, ob die Idee mit den Schildern auf der Bühne wohl selber entwickelt wurde oder den Jungs spontan an einem Insanity Alert-Konzert «eingefallen» ist. Sie nutzen das Stilmittel aber sehr cool und steigern die sowieso schon gute Stimmung noch mehr.

Ab Beginn ist das Publikum sehr fleissig in Bewegung. Bereits bei Song Nummer zwei gibt es eine kleine Wall Of Death, ab Song Nummer drei ist auch pam ständig im Pit anzutreffen. Als dann von der Bühne aus noch ein kleines Schlauchboot ins Publikum gereicht wird, geht es mit Stagedives los. Sogar Dälf, welcher sich damals im Sedel noch geweigert hatte, lässt sich zu einer Runde Bootfahren über den Köpfen des Publikums überreden. Später wird dann der Mosher des Abends gesucht, welcher sogar eine Medaille erhält. Keine Ahnung, ob er den Sieg unbedingt will, aber nun lässt sich auch pam vom Gitter in die Arme der Zuschauer fallen. Zum Sieg reichts dann trotzdem nicht ganz, aber sicher zu einem ehrenvollen Podestplatz (pam: Meine besten Mosh-Zeiten hab ich wohl schon hinter mir … Und die Biker-Boots sind auch nicht grad die besten Treter für einen feinfühligen Mosh … Jänu, Tage später spüre ich noch meinen Nacken und das war es wert)

Matthias gibt noch das Motto des letzten Songs «Karoshi» vor – «In due minuti tutti kaputti» –, welcher nochmals zu einem riesigen Mosh führt, danach ist ein sehr kurzweiliger Auftritt leider zu Ende. Nach einem Foto zusammen mit der stark verbluteten Setlist von Bruno (welche mittlerweile bei mir im Ordner ist) verabschieden sich ausschliesslich fröhlich grinsende Gesichter von der zweiten Bühne. Die Band liefert einen absoluten Abriss und verleitet das Publikum zur besten Stimmung des bisherigen Wochenendes.

Die Setlist – Shadow’s Far

  1. Intro
  2. Chaos Unbound
  3. ATG / Destructions Of Our Descendants
  4. The Raid
  5. Valve Scale
  6. Persist Southcoast
  7. CH Thrash
  8. Who U Gonna Call
  9. One Shot, One Kill
  10. Baptized In Blood
  11. Eyes First
  12. Karoshi

Die Fotos – Shadow’s Far

Evergreen Terrace

Auch wenn sie auf der grossen Bühne ran dürfen: Einfach werden es Evergreen Terrace nicht haben, wenn sie die Power von Shadows Far toppen wollen. Aber klar, die ganzen Hardcore-Leute sind beim Metalcore des Quintetts aus Jacksonville, Florida eher zuhause als beim Ürnersee Thrash Metal zuvor. Und so ist der Platz vor der Bühne gleich beim Beginn sehr gut gefüllt und auf Stimmung seitens Publikums muss hier nicht lange gewartet werden. Die nach der Wohnadresse der Simpsons benannte Gruppe hat die meisten Zuschauer schnell im Sack.

Sänger Andrew Carey ist ein richtiges Energiebündel und begibt sich regelmässig in den Bühnengraben, um mit den Fans in den ersten Reihen auf Tuchfühlung zu gehen. Seine Vocals gefallen mit wesentlich besser als diejenigen von Gitarrist Craig Chaney. Er ist für die im Ami-Metalcore wohl fast schon obligatorischen Clean Vocals zuständig, die es für mich eigentlich selten bis nie brauchen würde. Ebenso sind die Backtracks für meinen Geschmack etwas gar penetrant. Abgesehen davon machen die Jungs ihren Job aber ordentlich, und die gute Stimmung gibt ihnen Recht.

Zwischen den eigenen Songs platzieren sie zwei Interessante Cover. «Knowledge» von Operation Ivy ist jetzt – obwohl vor Jahren bereits von Green Day aufgegriffen – nicht gerade eine erwartete Wahl, zumal die Quasi-Vorgängerband von Rancid wohl nur den wenigsten Punks heutzutage noch ein Begriff sein dürfte. Die Nummer ist fast zu gut umgesetzt und verliert dadurch etwas den holprigen Charme des Originals. Richtig gelungen ist hingegen das «Mad World»-Cover von Tears For Fears. Ich mag auch das Original gerne, aber die Umsetzung von Evergreen Terrace ist der Hammer und holt mich mehr ab als sämtliche eigenen Songs.

Eventuell bin ich für die Band einfach etwas zu alt. Pam schubladisiert die Band als Teenie Metalcore (keine Angst Raphi, gibt kein neues Genre ), und komplett unrecht hat er damit nicht. Das soll aber absolut kein Diss sein, den jungen Leuten hier auf dem Gelände gefällt das offensichtlich wirklich gut (pam: Also ganz genaugenommen sagte ich «College-Punk» und das meinte ich auf den Stil bezogen und weniger auf die Fans. So jetzt aber genug geklugscheissert von meiner Seite). Mich begeistert es grösstenteils etwas weniger, wobei ich definitiv auch schon Schlechteres gesehen und gehört habe.

Die Setlist – Evergreen Terrace

  1. Bad Energy Troll
  2. Where There Is Fire We Will Carry Gasoline
  3. Rip This!
  4. Dead Horses
  5. Jail On Christmas
  6. Wolfbiker
  7. To The First Baptist Church Of Jacksonville
  8. Dogfight
  9. Knowledge (Operation Ivy-Cover)
  10. New Friend Request
  11. Bolt Cutter
  12. Mad World (Tears For Fears-Cover)
  13. No Donnie, These Men Are Nihilist
  14. Chaney Can’t Quite Riff Like Helmet’s Page Hamilton

Die Fotos – Evergreen Terrace

Ten56

Als Nebenbühnen-Headliner stehen heute Ten56 auf dem Programm. Obwohl erst 2020 gegründet, hat die Band aus Paris bereits ein ordentliches Standing. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass Sänger Aaron Matts zuvor bei Betraying The Martyrs aktiv war. Der Backdrop ist jedenfalls bereits zu gross für die kleine Nebenbühne. Also wird er kurzerhand oberhalb der Spielfläche an der Wand des Hangars befestigt. Der Platz davor ist bereits bei Beginn sehr gut gefüllt, also kann es losgehen.

Aaron ist eine imposante Erscheinung. Gross, breit, volltätowiert und mit grimmigem Blick betritt er die Bühne. Es scheint, als ob der Mischer nun noch eine Schippe zugelegt hat, jedenfalls klingt der Sound irgendwie lauter als zuvor. Dies könnte aber auch an den wieder einmal sehr präsenten Backtracks und dem übertrieben getriggerten Schlagzeug liegen. Dadurch drückt das aber ziemlich heftig aus den Boxen, und es sind schnell erste Pits im Publikum am Kreisen. Dem Frontmann ist das aber noch lange nicht genug. Er fordert die Anwesenden auf, sich die Person nebenan zu schnappen und dieser ins Gesicht zu treten. Zum Glück wird der Aufforderung nicht wirklich Folge geleistet.

Generell macht der Sänger nicht nur wegen des grimmigen Gesichtsausdrucks einen nicht sonderlich sympathischen Eindruck. Obwohl die Stimmung meiner Meinung nach alles andere als schlecht ist – begünstigt unter anderem durch den bei vielen mittlerweile etwas erhöhten Alkoholpegel – reicht ihm das noch lange nicht. Mehrmals beschwert er sich, dass er nach der langen und beschwerlichen Autofahrt von Paris ins Wallis mehr erwartet hat. Ich finde es ja grundsätzlich nicht schlecht, wenn ein Frontmann versucht die Stimmung anzuheizen. Man kann es aber durchaus auch übertreiben. Und es haben nun mal (glücklicherweise) viele Leute an einem Konzert andere Prioritäten als Kicks zu verteilen. Zumindest beim altbekannten «Absitzen – Aufspringen»-Spiel machen jedenfalls sehr viele mit.

Dass er anders kann, beweist Aaron dann kurz vor Schluss. In einer emotionalen Ansage berichtet er vom sexuellen Missbrauch, welchen er als Kind erlitten hat. So ist der letzte Song denn auch gegen Pädophile gerichtet und führt nochmals zu einer sehr heftigen Wall Of Death. Danach geht ein Auftritt zu Ende, welcher mich etwas zwiegespalten zurücklässt. Musikalisch war das zwar nicht sensationell, aber doch bis auf die nervigen Backtracks ziemlich gut. Mit der Performance des Sängers hingegen wurde ich nicht komplett warm. Stimmlich zwar top und auch abwechslungsreich, in den Monologen zwischen den Songs aber eher etwas nervig. Schade.

Die Fotos – Ten56

Dritte Wahl

Als Freitags-Headliner hat sich das Rotten Rock Fest mal eben die beste deutsche Punkband organisiert. Jedenfalls meiner Meinung nach. Klar, gewisse Mediziner aus Berlin oder leblose Beinkleider aus Düsseldorf spielen grössere Tourneen und verkaufen mehr Platten. Was aber das Qualitätsniveau über eine doch auch seit 1986 laufende Karriere betrifft, sind Dritte Wahl meine persönliche Nummer eins. Kennengelernt habe ich die Rostocker in den Neunzigern durch die «Schlachtrufe BRD»-Sampler und danach ehrlicherweise etwas aus den Augen verloren. Die «Urlaub in der Bredouille»-Scheibe hat mich aber zurück zur Band gebracht, und seither entdecke ich all das, was ich in den gut fünfundzwanzig Jahren verpasst habe. Eine schlechte Scheibe war da noch nicht dabei, und auch live hat mich die Truppe bisher nie enttäuscht.

Heute geht es mit praktisch perfektem Sound vor sehr gut gefüllten Zuschauerreihen schon hervorragend los. Frontmann Gunnar Schroeder (Gesang und Gitarre) scheint gut gelaunt zu sein. Seine immer mal wieder etwas zynischen Ansagen machen einen kleinen Teil des Zaubers von Dritte Wahl-Shows aus. Heute erzählt er bei seinem ersten kurzen Monolog, dass er sich ein paar der Bands angeschaut hat und sich ein bisschen fragt, wieso die meisten Sänger so unglaublich wütend klingen? Deswegen folgt mit «Wo ist mein Preis» gleich ein Song mit einem sehr melodischen Klavier-Beginn. Und selbstverständlich darf wie bei den letzten Shows, die ich gesehen hatte, auch die ganze Geschichte mit den neuen Liedern, welche bei Ankündigung ausgebuht werden sollen, nicht fehlen. Schliesslich weiss ja jeder, dass bei Bands wie Dritte Wahl nur die ersten maximal zwei Alben gut waren und danach nur noch Kommerz-Scheisse rausgekommen ist.

Neben den Sprüchen von Gunnar, fällt zudem der sehr aktive Stefan Ladwig (Bass und Gesang) wieder positiv auf. Teilweise wirkt er etwas scheu und lässt gerade bei Ansagen sehr gerne Gunnar den Vortritt. Gleichzeitig kann er aber praktisch nicht stillstehen und begibt sich auch gerne mal in den Bühnengraben Richtung Publikum. Abgesehen davon liefern Dritte Wahl keine grosse Show ab. Aber ganz ehrlich: Wer solche Songs im Repertoire hat, braucht keine Spezial-Effekte oder so. Ob neuere Titel wie «Milliardäre» und «Das regelt der Markt» oder eben die alten «Schlachtrufe BRD» Gassenhauer «Greif ein» und «Auge um Auge»: Die Band hat das Publikum während der ganzen Spielzeit problemlos in der Tasche. Die Stimmung ist wirklich sehr gut und die Anwesenden erweisen sich zudem als extrem textsicher.

Dazu kommen die wirklich klugen Texte, die meistens mehr als eine Ebene haben. Ja, sogar beim aufs erste Ohr unglaublich dämlichen «Zusammen». Gunnar beweist immer wieder, dass man eine Botschaft auch ohne riesigen Zeigefinger rüberbringen kann. Oft schwingt zudem ein gutes Stück Melancholie mit, welche zum Sound der Rostocker irgendwie dazu gehört. Perfektes Beispiel dafür ist der schon lange nicht mehr wegzudenkende Abschluss «Fliegen», welcher heute einmal mehr sämtliche Lautstärkerekorde des mitsingenden Publikums bricht. Ein absolut grossartiger Moment, der mit dem Outro – der Reggae-Version desselben Stückes ab Band – nochmals etwas verlängert wird. Und mir wieder einmal eine echte Hühnerhaut beschert.

Ja, Dritte Wahl haben über neunzig Minuten gespielt. Aber, ganz ehrlich: Ich hätte gleich nochmals so lange zugehört. Ich habe es schon in der Einleitung geschrieben und bleibe dabei: Wir haben soeben die beste Punkband aus Deutschland gesehen. Und nein, nicht die momentan beste. Einfach die generell beste. Punkt. Ein mehr als würdiger Abschluss für einen genialen ersten Tag, welcher neben vieler super Auftritte auch ausschliesslich bestes Wetter zu bieten hatte. Hoffen wir, dass es morgen so weiter geht.

Die Setlist – Dritte Wahl

  1. Himmel
  2. Störung
  3. Wo ist mein Preis
  4. Milliardäre
  5. Zu wahr, um schön zu sein
  6. So wie ihr seid
  7. Scotty
  8. Panama
  9. Halt mich fest
  10. Zum Licht empor
  11. Zusammen
  12. Greif ein
  13. Das regelt der Markt
  14. Auge um Auge
  15. Runde um Runde
  16. Zeit bleibt stehen
  17. Gefühlt ist es noch kälter
  18. Fliegen

Die Fotos – Dritte Wahl

Rotten Rock Fest 2026 – Tag 2 (Samstag, 25. Juli)

Dank der zwar langen, aber definitiv nicht zu langen Spielzeit von Dritte Wahl, sind wir gestern etwas später ins Bett gekommen als noch die Nacht zuvor. Dies macht sich beim Aufstehen fürs Frühstück durchaus ein wenig bemerkbar. Dank Verzicht aufs Partyzelt nach der letzten Show müssen zumindest bei mir zwar keine männlichen Katzen bekämpft werden, noch etwas länger liegen bleiben, hätte trotzdem nicht geschadet. Also heisst es rechtzeitig ans Frühstücksbüffet im Hotel und anschliessend bereits um elf Uhr wieder Richtung Festivalgelände. Schliesslich geht es um halb zwölf da bereits los. Ein Blick in die Wetter-App lässt uns noch die Regenjacken einpacken. In der stillen Hoffnung, sie dann doch nicht zu benötigen.

Die Fotos – Impressionen Tag 2

Padoria

Eröffnet wird der zweite Tag von einer mir bisher absolut unbekannten Thrash Metal-Gruppe aus dem Kanton Wallis. Padoria scheinen hier hingegen bereits ihre Fans zu haben. So sind am frühen Morgen unter den bisher geschätzt vierzig Anwesenden doch schon einige Shirts und Hoodies mit dem Bandlogo auf dem Gelände auszumachen. Der Sound ist bei Beginn sehr laut, besonders der Bass und die Bassdrum übersteuern fast ein bisschen. Obwohl wir direkt vor dem FOH stehen, bessert sich das auch längere Zeit praktisch nicht. Keine Ahnung, ob der Soundmann gedanklich noch im Bett oder einfach nicht so aufmerksam ist.

Die Band selbst bietet Bay-Area-inspirierten Thrash, der jetzt nicht sonderlich originell ist, aber trotzdem Spass macht. Ich habe das Gefühl, dass hier eine zweite Gitarre noch etwas mehr Breite in den Sound bringen würde. Obwohl der Leadgitarrist sein Handwerk definitiv im Griff hat, wenn er sich ganz auf seine Solis und Riffs konzentrieren könnte, wären diese eventuell noch druckvoller. Abgesehen davon macht die Band Spass und liefert einen guten Auftakt in den Tag. Beim letzten Song zieht der Sänger einen Sparta-mässigen Helm an und performt trotz bereits wieder ziemlich hoher Temperaturen mit dieser Kopfbedeckung. Respekt dafür, auch von Seiten der Fans, die die Band nun zum Abschluss noch mit einem kleinen Circlepit «belohnen». Solider Auftritt einer Gruppe, welche zwar definitiv das Rad nicht neu erfindet, aber trotzdem gefällt.

Die Setlist – Padoria

  1. There Is Only War
  2. Faith, Fire, Bolter & Blade
  3. Biomass
  4. Wall Of Dakka
  5. Of The Warp We Are
  6. Cadia Stands
  7. Killdozer
  8. Shield & Spear

Die Fotos – Padoria

Epicentrum

Die zweite Bühne wird heute von einer Band aus dem Kanton Bern eröffnet. Epicentrum haben sich dem Grunge verschrieben, obwohl die Mitglieder ganz offensichtlich wohl zu jung sind, um die Blütezeit von Nirvana und Co richtig miterlebt zu haben. Das ist bei mir zwar anders, mein liebstes Genre war es aber trotzdem nie. Und – soviel sei im vornherein verraten – das ändert sich auch heute nicht. Der Einstieg ist allerdings sehr witzig gemacht. «I Like To Move It» mal kurz instrumental anzuspielen zum Auftakt, hat irgendwie Stil.

Stil haben die Musiker auch optisch, nur keinen einheitlichen. Der Sänger mit seinem schwarzen Hemd, schwarzer Sonnenbrille, schwarzer Hose und lässig zwischen den Finger eingeklemmter Kippe passt noch gut zu Grunge, könnte aber ebenso gut in einer Goth-Rock-Band spielen. Der Bassist ist für den ultimativen Kontrast wie Patrick Star aus der Serie Spongebob gekleidet. Und der Gitarrist schliesslich könnte mit den langen Haaren und dem weissen Metallica-Shirt problemlos auch in einer Oldschool Thrash-Band spielen. Ein ziemlich wilder Mix also.

Von der Musik lässt sich dies leider nicht behaupten. Es klingt schon alles sehr grungig, für mich aber leider eher nach Alice In Chains, welche ich nie gemocht habe. Zwar wird meine bis heute liebste Seattle-Band Pearl Jam mit «State Of Love And Trust» ganz ordentlich gecovert, ansonsten packt mich das aber nicht. Besonders die Vocals klingen mir etwas zu gezwungen und gequält. Im Genre durchaus nicht unüblich, aber halt so gar nicht mein Geschmack. Dem anwesenden Publikum scheint es aber zu gefallen, besonders denjenigen, welche schon Shirts der Gruppe tragen. Darunter wohl auch zwei Elternpaare der jungen Musiker.

Nicht falsch verstehen, die Band macht einen guten Job und ich rate jedem Genrefreund, unbedingt einmal reinzuhören. Um mich zu begeistern, reicht es aber leider nicht, und so gönne ich mir ein erstes Raclette und verfolge die zweite Hälfte des Sets sitzend.

Die Setlist – Epicentrum

  1. Boozer Shithead
  2. Shitshow
  3. Sixty Cigs
  4. My My (Seven Mary Three-Cover)
  5. Voices Of The Damned
  6. State Of Love And Trust (Pearl Jam-Cover)
  7. Waste Away
  8. Caught In A Nightmare
  9. Recovery
  10. One Fine Day

Die Fotos – Epicentrum

Die Grimmelshäuser

Die grössere der beiden Bühnen wird nun von der nächsten lokalen Band in Beschlag genommen. Die Grimmelshäuser sind ein Trio und spielen Off Beat Punk mit hochdeutschen Texten. Diese sind intelligent, mit jeder Menge Gesellschaftskritik gefüllt und oft sehr schön formuliert. Die Vocals gefallen mir auch, weil sie zwischen Bassist und Gitarrist aufgeteilt sind und gerade in den Refrains immer mal wieder zweistimmig gesungen wird.

Die Band hat nicht nur beim Spielen, sondern auch bei den Ansagen zwischen den Songs eine sehr sympathische und unaufgeregte Art. Sogar wenn es kurze technische Probleme gibt oder kurzerhand die Gitarre gestimmt werden muss (Zitat Gitarrist: «Beim OffBeat ist das wichtig, nicht wie beim Schrammel-Punk»), bringt das absolut niemanden aus der Ruhe. Und das mit dem unaufgeregt lässt sich genauso über die Songs sagen. Das wirkt einerseits sehr sympathisch, andererseits fehlt manchmal ein bisschen die Faust auf den Tisch, um nochmals etwas mehr aufzufallen oder aufhorchen zu lassen.

Die Gruppe existiert seit mittlerweile zwanzig Jahren, und gemäss Ansage haben sie sich heute zum allerersten Mal überhaupt eingesungen. Respekt, ich als Hobby-Sänger staune da ein bisschen. Ohne wenigstens kleine Stimmübungen vorher singe ich nicht einmal betrunken Karaoke. Da ich die Band noch nie live gehört habe, weiss ich nicht, wie das sonst klingt. Heute hat sich das Einsingen aber definitiv gelohnt.

Ganz zum Abschluss gibt es dann mit «Mächet doch en Punkband» noch einen alten Song in Walliserdeutsch, der sich selbstironisch mit der Entstehung der Band beschäftigt. Sehr witzig gemacht und der perfekte Schlusspunkt für einen guten und sehr sympathischen Auftritt.

Die Setlist – Die Grimmelshäuser

  1. Scheitern
  2. Daumen hoch
  3. Du bist schön wie du bist
  4. Augenblick
  5. Spott und Hohn
  6. Nichts gelernt
  7. Stummer Zeuge
  8. Simple Melodie
  9. Nein kleines Leben
  10. Mächet doch en Punkband

Die Fotos – Die Grimmelshäuser

Constant Hunger

Das Intro mit Rap auf Italienisch ab Band verrät es schon: Nun steht eine Gruppe aus der Sonnenstube der Schweiz auf der Bühne. Und die Gitarre, die schnell mal reinfräst, lässt uns auch wissen: Nein, es folgt keine Rap-Show. Constant Hunger spielen klassischen Hardcore und das bereits seit 2018. Sonderbar also, dass mir die Band bisher noch nie begegnet ist, da ich doch einige Shows dieses Genres besuche jahrein und jahraus. Aber wahrscheinlich sind Konzerte auf meiner Seite des Gotthards doch eher eine Seltenheit.

Dies ist jedoch jammerschade, denn die Jungs beherrschen ihr Handwerk wirklich gut. Der Auftritt sprüht von Anfang an vor Energie, was man leider vom Publikum nicht behaupten kann. Die nicht sonderlich zahlreichen Anwesenden wirken alle noch ziemlich verschlafen. Ob hier wohl einige diese Nacht etwas zu lange im Partyzelt waren? Der Einzige, welcher richtig Gas gibt, ist jedenfalls wieder einmal Reto. Als die Band eine grosse aufblasbare Krabbe vor die Bühne wirft, wird diese zuerst komplett ignoriert. Ein paar der etwas motivierteren Anwesenden ermutigen dann Reto zu einer kleinen Crowdsurf-Einlage auf dem Teil, welche schliesslich doch funktioniert. Man sieht dem Surfenden zwar an, dass es ihm auf dem Teil oben etwas weniger wohl ist als beim Hin- und-her-Rennen vor der Bühne. Er übersteht den Ausflug aber glücklicherweise gut und ohne Unfall.

Abgesehen von diesem kurzen Aufflackern bleibt die Stimmung aber verhalten. Die Band gibt sich wirklich Mühe, der Sound passt und macht absolut Spass. Aber vor der Bühne passiert praktisch nichts. Erst als Bassist Nik beim letzten Song auch noch einen Ausflug auf der Krabbe unternimmt, gibt es wieder etwas Bewegung. Ansonsten passiert hier nicht viel, was mir für die Jungs richtig leidtut. Wenn nur mein Knie nicht so schmerzen würde, dann würde ich wohl alles tun, um die Stimmung wenigstens etwas aufzuheizen. So bin ich alter Mann aber leider ebenfalls zum Rumstehen verdammt. Ein super Auftritt von Constant Hunger, welche ich künftig definitiv auf dem Schirm haben werde. Das Publikum hingegen wirkt doch sehr lahm. Schade. Wenigstens Kollege Röschu und ich decken uns dafür noch ordentlich am Merch-Stand ein.

Die Setlist – Constant Hunger

  1. Intro
  2. Kill Us If You Can
  3. Radical Shit
  4. Rock’n Roll
  5. Still Hungry
  6. Inspire
  7. If Words Are Silver
  8. University Of Life
  9. Easy Bucks
  10. Face Your Face
  11. No Breaks
  12. Likewise
  13. Smile (Shaka Laka)

Die Fotos – Constant Hunger

Zirka

Am riesigen Backdrop sieht man, dass nun eine Band folgt, die das ganze Ding schon etwas länger und auch grösser macht. Die Gruppe wurde 2005 gegründet und hat in den über zwanzig Jahren des Bestehens bereits unzählige Konzerte gespielt. Geboten wird hier solider Deutschpunk mit viel Haltung und ganz leichten Spuren von Ska. Sänger Tobias Kipfer trägt ein St. Pauli-Trikot und zeigt richtiges Feuer für die Themen, welche er besingt. Ob es um persönliche Sachen wie seine Depression, oder um politische Anliegen wie die Seenotrettung geht, man merkt sowohl in den Ansagen als auch in den Songs, wie sehr er dafür brennt. Das macht ihn wiederum für mich sehr sympathisch.

Allerdings muss ich ehrlich zugeben, dass mich die Songs nicht so richtig packen. Politisch bin ich definitiv bei Tobias und seinen Mitstreitern, aber irgendwie spricht mich das trotzdem nicht an. Die Texte sind oft etwas platt, was für eine Message nicht gerade förderlich ist, wenngleich sie noch so richtig und wichtig ist. Wo zum Beispiel Dritte Wahl eine zweite Ebene haben und ihre Botschaften sehr geschickt verpacken, gibt es hier schon sehr viel Zeigfinger. Und dazu manchmal auch eher peinliche und erzwungene Reime. Es bleibt zudem musikalisch bei mir ebenfalls nicht sehr viel hängen, die richtig grossen Melodien fehlen. Es kann aber gut sein, dass ich die Band in meiner Punk-Hochphase als Teenie Ende der Neunziger endlos abgefeiert hätte. Nur, heute mit über vierzig gibt mir einiges aus der Zeit nicht mehr so viel wie damals.

Nichtsdestotrotz kommt die Band beim nun doch um einiges zahlreicher anwesenden Publikum ziemlich gut an. Und ich freu mich echt darüber, da die Jungs wirklich grundsympathisch sind. Eine als Sanitäterin hier arbeitende junge Frau verliert sich – trotz Schicht – sogar komplett im Sound und singt Wort für Wort mit. Ich verfolge die letzten Songs dann aber Momos essend im Schatten. Fazit: Auch wenn ich selbst nun nicht gerade ein Fan werde, wenn Zirka schon nur einen jungen Menschen, welcher seinen Weg im Leben noch sucht, auf die richtige Bahn bringen, haben sie alles richtig gemacht. Wie bei mir damals Dritte Wahl, Slime oder die Terrorgruppe.

Die Setlist – Zirka

  1. Intro
  2. FCHR
  3. Nicht alles verändert sich
  4. Hand in Hand
  5. Roter Pfeil
  6. Realität
  7. Schwarzes Rauschen
  8. Alles tragen
  9. Ich tanze nur für dich
  10. Viereinhalb
  11. Horizont
  12. Wer schreit, lügt nicht

Die Fotos – Zirka

Mexican Sit Off Family

Auf der Nebenbühne folgt nun die Mexican Sit Off Family, welche kurzfristig als Ersatz für Royal Desolation ins Line-up gekommen sind. Mir sagt der doch eher spezielle Bandname gar nichts. Dass der Sänger ein Sick Of It All-Shirt trägt, gibt aber bereits erste Sympathiepunkte. Heute Morgen hat die Schock-Nachricht vom Tod des Sängers Lou Koller die Runde auf Social Media gemacht. Ruhe in Frieden an dieser Stelle! Musikalisch ist das Shirt ebenfalls nicht die komplett falsche Fährte, obwohl der Hardcore der Berner nicht ganz so puristisch ist und teilweise ein bisschen Richtung Metalcore schielt. Dies äussert sich unter anderem in den teilweise verwendeten Backtracks.

Das Logo der Band ist schlicht und einfach ein Stuhl, und ein etwas ramponierter solcher steht auch auf der Bühne. Der wurde gemäss Sänger, dessen Namen ich wie die aller Bandmitglieder aufgrund eher spärlicher Internetpräsenz nicht herausgefunden habe, extra für heute wieder zusammengeflickt. Als er dann auf Crowdsurfreise ins Publikum geschickt wird, kommt er aber artig in einem Stück zurück, was wohl nicht Sinn der Sache war. Also zerlegt ihn der Frontmann halt selbst. Es sind zwar nun etwas mehr Leute vor der kleineren Bühne als noch zuvor. Die Stimmung ist aber nach wie vor sehr verhalten, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Dabei gefällt zumindest mir der Sound sehr gut. Und die ganzen Sprüche des Fronters zwischen den Songs machen zudem viel Spass, hier könnte als zweiter Karriereweg definitiv auch Stand-up-Comedian zur Auswahl stehen. Wenn er zum Beispiel über ihren viralen Hit sinniert, welcher in knapp einem Jahr doch 200 Youtube-Views generiert hat, dann ist das grosses Kino. Die Verabschiedung hat es ebenfalls in sich, so bittet er doch alle Leute nachher noch beim Merch vorbeizukommen, um zu plaudern. Schliesslich habe er noch lange nicht alles erzählt, was er eigentlich erzählen wollte. Fun Fact: So richtig viel Merch hat die Band gar nicht dabei. Aber als ich etwas später vorbeischlendere, scheint sich tatsächlich ein Gesprächspartner gefunden zu haben. Ein sehr unterhaltsamer und kurzweiliger Auftritt einer interessanten Gruppe, die man auf dem Zettel haben sollte. Trotz oder gerade wegen des etwas sonderbaren Namens…

Die Setlist – Mexican Sit Off Family

  1. Killer’z
  2. Freaking Me Out
  3. Mindfuck
  4. Lonely Song
  5. Do
  6. Real Dream
  7. Give Me A Break
  8. Say Goodbye
  9. Wake Up
  10. Leave Me Alone

Die Fotos – Mexican Sit Off Family

Soul Splitter

Kleine Geschichte am Rande: Wegen eines Umzuges privat, und dazu viel zu tun in der Firma, konnte ich mich dieses Jahr nur sehr schlecht aufs Festival vorbereiten. Ich habe mir zwar noch kurzerhand eine Running Order mit den Spielzeiten, Herkunft, Gründungsjahren und Genrebezeichnungen der Bands zusammengeschustert. Zum Reinhören bin ich aber praktisch gar nicht gekommen. Der Name Soul Splitter in Verbindung mit einem sehr langweiligen Logo und der Stilbezeichnung Metalcore hat bei mir sofort negative Gefühle geweckt. Irgendwie war ich fest der Überzeugung, dass nun wohl einer der tausenden Linkin Park-Klone mit viel Jammergesang kommt. Also geistig die Spielzeit quasi schon fürs Essen eingeplant.

Tja, und dann kommen die Jungs auf die Bühne und legen gleich richtig hart los! Der Sänger ist zudem ein Altbekannter, es handelt sich um Charley von In Other Climes, welche hier bereits 2024 abgerissen haben. Und der Sound tendiert zwar schon ein bisschen in Richtung Metalcore, hat aber seine Wurzeln im Hardcore definitiv nicht vergessen und verzichtet auf jegliche Art jammernde Clean Vocals. Holy shit, dass ich mich einmal so täusche. Die Einflüsse liegen hier eindeutig eher bei Knocked Loose als bei Linkin Park. Im Vergleich zu In Other Climes sind zwar die Backtracks klar etwas zahlreicher und auch das Schlagzeug erhält einiges mehr Trigger als im Hardcore üblich, aber abgesehen davon ist dies genau mein Beuteschema. Nichts da mit Essenspause.

Das Publikum wirkt zwar nach wie vor etwas müder als gestern, nun gibt es aber doch ein bisschen Bewegung. Was mit ersten Two-Step-Übungen anfängt, steigert sich zu einer kleinen Wall Of Death und sonstigen Mosh-Aktivitäten. Scheinbar haben nun die ersten aktiveren Zuschauer den Kater von letzter Nacht langsam, aber sicher überwunden. Dies liegt definitiv auch an Charly und seinen Animationen während der Show. Wenn dieser Bär von Mann sagt, man soll sich gefälligst bewegen, dann setzt man das besser um. Aber musikalisch gibt es genauso jede Menge Gründe hier abzugehen, und ich hätte problemlos sogar noch länger zugehört. Starker Auftritt, trotz langweiligem Logo. Und wieder einmal der Beweis: Nie ein Buch nach seinem Einband beurteilen!

Die Fotos – Soul Splitter

Nihilo

Nihilo sind dieses Jahr sowas wie die Exoten hier auf dem Festival. Klar, Devils Rage gestern spielen durchaus ebenfalls Death Metal, allerdings in einer etwas melodischeren Variante. Und trotzdem fallen auch die Berner irgendwie absolut nicht aus dem Rahmen. Ohne dass ihre Klänge allzu offensichtlich von Hardcore oder ähnlichem inspiriert wären, gibt es hier trotzdem jede Menge Groove, welcher die Musik auch für die weniger Death-affinen Anwesenden interessant macht. Und wer zudem ab Beginn so verdammt viel Druck in den Sound bringt, muss sich eigentlich sowieso keine Sorgen machen. Die Gitarren von Marco Kessi und Schwab harmonieren absolut perfekt.

Dazu kommt mit Ragulan Vivekananthan ein Frontmann, welcher nicht nur sehr sympathisch rüberkommt, sondern darüber hinaus ein absoluter Top-Growler ist. Seine Vocals sind gerade im Wechsel mit den Backings von Kessi sehr gelungen und die zweistimmigen Ansätze geben der Musik ein weiteres interessantes Element. Der Platz vor der Bühne ist entsprechend nun ziemlich gut gefüllt, und obwohl die Stimmung nach wie vor nicht gerade explodiert, wird nun zumindest fleissig dem Headbanging gefröhnt.

Neben älteren Stücken präsentieren uns Nihilo auch bereits Material vom neuen im November erscheinenden Album. Und die Kostproben lassen tatsächlich Grosses erwarten. Das Songwriting scheint, soweit ich das nach einem Durchgang beurteilen kann, noch etwas komplexer geworden zu sein. Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf die Scheibe! Als die Setliste eigentlich durch ist, fällt den Jungs auf, dass ja noch Zeit für einen weiteren Song vorhanden ist. Selbstverständlich wird diese für ein zusätzliches Stück verwendet. Zuvor schickt Ragulan aber noch seine Besserungswünsche an Lüku von Unified Move, welcher ja, wie wir gestern erfahren haben, an Krebs erkrankt ist. Schöne Geste, hier kennt man sich ganz offensichtlich über die einzelnen Genres hinweg. Ein würdiger Abschluss für einen wirklich guten Auftritt!

Die Setlist – Nihilo

  1. Abus Of Confidence
  2. Deliverance From Death
  3. Abymal Pain
  4. Infected
  5. Fueled By Suspicion
  6. Deceptive World
  7. Chaos Within
  8. Dishonored Death
  9. Suffocating Silence
  10. No Fire Zone
  11. Morbid Existence
  12. Antichrist
  13. Submerged

Die Fotos – Nihilo

Our Promise

Schnell im Anschluss an die Show von Nihilo wird klar, wie unfassbar viel Glück die Berner hatten. Kaum ist der letzte Ton verklungen, fallen die ersten, noch vereinzelten Regentropfen vom Himmel. Und zum Beginn von Our Promise auf der Hauptbühne öffnen sich die Schleusen dann richtig. Sollen die ganzen verschiedenen Regenradars doch recht behalten? Dann steht uns nun eine leider etwas längere nasse Phase bevor. Da Kollege Umi so von der Band geschwärmt hat, und ich zudem meiner Regenjacke mehr zutraue als sie dann schliesslich leistet, begebe ich mich trotzdem zuerst einmal vor die Bühne. Grob geschätzte siebzig Personen tun es mir gleich, die restlichen Anwesenden verkriechen sich irgendwo im Trockenen.

Der Anfang gefällt mir gar nicht so schlecht, die Gruppe aus Stuttgart hat tatsächlich jede Menge Druck im Sound. Ein Manko ist aber, dass dieser Druck grösstenteils von den wieder einmal viel zu präsenten Backtracks kommt. Und zudem ist die Klargesangsstimme wieder einmal so gar nicht nach meinem Geschmack. Zusammen mit dem während der ersten drei Songs irgendwie stetig steigenden Pop-Appeal jedenfalls nichts, was mich trotz langsam aber sicher versagender Regenjacke hier vorne behält. Also schliesse ich mich den anderen Wasserscheuen im Zelt an. Schade natürlich für die Band; obwohls nicht wirklich meins war, hätten sie doch mehr Zuspruch verdient.

Die Fotos – Our Promise

Cardiac

Zusätzlich zur Regenjacke muss nun auch noch ein Poncho versuchen, die restlichen paar trockenen Stellen an meiner Kleidung vor Nässe zu bewahren. Diese werden vom Festivalteam freundlicherweise am Merch und an der Bar gratis zur Verfügung gestellt, also greif ich gerne zu. Denn im Gegensatz zum Hauptbühnenprogramm direkt vorher, will ich mir nun die Nebenbühne definitiv nicht entgehen lassen. Cardiac haben mich dieses Jahr schon am Open Hair Festival in Balzers überzeugt. Damals haben sie es in einem doch eher Metal-lastigen Line-up geschafft, Anfangs Nachmittag ein paar Köpfe zum Nicken zu bringen. Ich hatte deswegen fest damit gerechnet, dass sie heute bei einem etwas Hardcore-affineren Publikum einen absoluten Triumphzug hinlegen und viele neue Fans gewinnen. Aber dafür müsste es zuerst mal etwas mehr Leute vor der Bühne haben…

Fronter Ricardo und seine Mitstreiter lassen sich davon allerdings gar nicht beeindrucken, eher im Gegenteil. Wohl im Bewusstsein, dass bei solchen Bedingungen jeder Zuschauer nicht nur hart erspielt, sondern auch gehalten werden muss, geben sie gleich Vollgas. Und so haben sie die ungefähr zwanzig bis dreissig Unentwegten direkt vor der Bühne und die weiteren paar Leute unter dem schützenden Dach des Merchandise-Zelt bald in der Tasche. Natürlich, richtig viel Bewegung ist bei den Bedingungen nicht drin. Nur der nimmermüde Reto – unterdessen mit Gummistiefeln, Jacke und Poncho ausgerüstet – zieht nach wie vor einsam seine Runden. Ob rund um das FOH oder einfach vor der Bühne, Stillstand gibt es auch bei Regen keinen.

Ricardo versucht die Anwesenden nicht nur mit den Songs auf seine Seite zu bringen, sondern ebenso mit mehreren Ansagen. Man merkt ihm definitiv an, wieviel es bedeutet, mit dieser Truppe unterwegs zu sein und hier spielen zu dürfen. Auch alle Anwesenden lässt er mehrmals wissen, wie dankbar er dafür ist, dass sie dem Regen trotzen. Das wirkt alles sehr sympathisch, und als der Regen dann tatsächlich etwas nachlässt, trauen sich sogar ein paar Leute mehr vor die Bühne. Somit erhält der Auftritt beinahe noch das Ende, welches er eigentlich verdient hätte. Es wäre natürlich trotzdem schöner gewesen, die Gruppe hätte den kompletten Gig bei guten Bedingungen und vor etwas mehr Zuschauern absolvieren dürfen. Unter dem Strich aber trotzdem ein gelungenes Set der Genfer. Und die nächste Chance die Calvinstädter in der Deutschschweiz zu sehen, bietet sich auch schon bald. Am 29. August spielt die Truppe am sowieso grandiosen Wyssrüti Festival (Infos hier). Sollte man sich nicht entgehen lassen!

Die Setliste – Cardiac

  1. Imparable
  2. Sudar y merecer
  3. The Deal
  4. Good Old Days
  5. Dinero
  6. M.O.J.I.T.O.
  7. Art e en la calle
  8. Pulp
  9. Adicto a la vida
  10. Musica
  11. La Vanguardia
  12. Tan lejos tan cerca
  13. Credenciales de la vieja escuela

Die Fotos – Cardiac

Setyøursails

Da der Regen etwas aufgehört hat, ziehe ich kurz etwas Trockeneres an. Ersatzsocken habe ich zwar entgegen dem Rat meiner Frau Yvonne nicht mitgenommen, was ich nun bitter bereue. Aber immerhin einen trockenen Longsleeve konnte ich anziehen. In Verbindung mit der Kutte schon etwas wärmer. Auf dem Rückweg vom Umziehen begrüsst uns von der Hauptbühne her das Intro der «Sendung mit der Maus», gegen Ende in einer billigen Techno-Version. Erste Electric Callboy-Ängste beschleichen mich. Aber hey, geben wir der Truppe doch trotzdem einmal eine Chance. Schliesslich regnet es ja momentan nicht mehr.

Und dies ist der eindeutige Beweis, dass der Wettergott kein Musikliebhaber sein kann. Da werden Cardiac und Our Promise verregnet, aber das hier nicht? Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Respekt für alle Frontfrauen im Metal, aber die gequietschten Ansagen von Sängerin Jules Mitch sind sowas von ober-peinlich. «Habt ihr Bock ein bisschen zu metteln?» ist da nur der Anfang. Es gibt Musik, die gefällt mir einfach nicht, ich kann aber attestieren, dass sie gut gemacht ist.  Gerade Our Promise heute waren so ein Beispiel. Hier sieht das ganz anders aus. Wieso zusätzlich zu Jules noch Musiker auf der Bühne stehen, erschliesst sich mir bei der Playbackshow gar nicht. Und auch das Songwriting fischt eher in Bereichen von Baby Metal oder Feuerschwanz als in den Genres, die ich so höre. Deswegen erspare ich mir jeden weiteren Kommentar, und widme mich stattdessen einem feinen Walliser Raclette.

Die Fotos – Setyøursails

Born From Pain

Zum Glück steht nun auf der Hauptbühne wieder richtige, handgemachte Musik auf dem Programm. Born From Pain sind sowas wie die graue Eminenz der europäischen Hardcore-Szene und seit bald dreissig Jahren unterwegs. Sänger Rob ist in seiner Funktion als Tourmanager von vielen bekannten Hardcore-Bands aus Übersee auch sonst immer mal wieder anzutreffen. Mein letztes Aufeinandertreffen mit seiner eigenen Truppe ist allerdings schon etwas länger her und so freue ich mich sehr auf den Auftritt.

Zum Glück scheint die trockene Phase noch etwas anzuhalten, weshalb nun der Platz vor der kleineren der beiden Bühnen für das letzte Konzert auf derselben ziemlich gut gefüllt ist. Man merkt zwar, dass beim grossen Regen wohl schon einige die Heimreise angetreten haben. Nun wo es richtig Festivalabschluss geht, sind aber trotzdem ein paar nochmals aus ihren trockenen Zelten herausgekrochen. Und diesen heizen Born From Pain gleich ordentlich ein. Die Niederländer reichern ihren Hardcore gerne mit etwas Metal an, ohne allerdings in die Metalcore-Schublade zu rutschen. Aber schon nur durch die beiden sich ergänzenden Gitarren klingt das unglaublich dick.

Entsprechend kommt nun tatsächlich auch nochmals etwas Stimmung auf. Es bleibt zwar dabei: Das Publikum gewinnt heute den ganzen Tag keinen Preis für ausserordentlich intensives Abgehen. Aber so ein bisschen Bewegung ist jetzt schon nochmals auszumachen. Leider sind allerdings nicht mehr ganz alle so nüchtern, was zuerst zu einer dämlichen Schubserei und zum Schluss fast zur ausgewachsenen Schlägerei führt. Zum Glück sind aber doch noch genügend besonnene Leute vor Ort, um die beiden Streithähne zu trennen und schliesslich auch zu beruhigen. So kann der Schluss der Show mit dem unkaputtbaren «Final Nail» richtig gefeiert werden. Starker Auftritt! Von mir aus dürfen Born From Pain gerne mal wieder auf Klub-Tour kommen.

Die Setlist – Born From Pain

  1. Defiance
  2. Death And The City
  3. Rise Or Die
  4. Antitown
  5. My War
  6. Night Vision
  7. The New Hate
  8. Above The Law
  9. Chokehold
  10. Siege Mentality
  11. Black Gold
  12. Reclaiming The Crown
  13. Marching To The Beat Of Death
  14. Final Nail

Die Fotos – Born From Pain

Terror

Gerade als die langerwartete, allerletzte Show des Rotten Rock 2026 ansteht, setzt wieder ganz leichter Regen ein. Also heisst es noch einmal den Regenponcho anziehen, damit man den Rückweg zum Hotel nicht noch nasser antreten muss, als man sowieso schon ist. Diesmal ist das Nass vom Himmel aber um einiges weniger intensiv als zu früherer Stunde heute, und so versammeln sich auch nochmals ziemlich viele Leute vor der grösseren der beiden Bühnen. Gleich zu Beginn fällt auf, dass Scott Vogel irgendwie immer dünner wirkt. Das aber glücklicherweise nicht auf ungesunde Art und Weise, er fällt nach wie vor durch jede Menge Bewegung auf.

Und davon lässt sich auch die Crowd gleich anstecken. Zum ersten Mal heute braucht es nicht diverse Aufforderungen von der Bühne, damit etwas Stimmung aufkommt. Schon beim ersten grösseren Pit merkt man hingegen, dass sich wohl einige Personen die knapp zwei Stunden Regen im Party-Zelt schön gesoffen haben. Und ein Hardcore-Pit in Verbindung mit betrunkenen Leuten garantiert eigentlich immer für ein paar Stürze. Die besonnen Szenekenner in den vorderen Reihen sorgen aber glücklicherweise dafür, dass nichts Schlimmeres passiert.

Die Band spielt sich durch ein absolutes Best-of-Set, und natürlich sorgen besonders die Klassiker für die beste Stimmung. «Always The Hard Way», das zusammen mit Rob performte «Keep Your Mouth Shut» oder der perfekte Abschluss «Keepers Of The Faith» lassen die Anwesenden in nicht ganz fünfzig Minuten tief in den Los Angeles-Hardcore eintauchen. Ich hatte ehrlich gesagt aufgrund des Headlinerstatus ein bisschen gehofft, die Band würde noch etwas länger spielen. Allerdings hätte mich das überrascht, schliesslich habe ich Terror schon sehr oft live gesehen und die Stunden-Marke wurde noch nie erreicht. Bei der Intensität einer Terror-Show aber auch alles andere als erstaunlich, da reichen fünfzig Minuten komplett für einen starken Auftritt.

Dadurch ist heute aber doch um einiges früher Feierabend als gestern. Haben die heutigen Headliner auch noch etwas früher angefangen als Dritte Wahl gestern, ist mit der halb so langen Spielzeit nun fast eine Stunde früher Schicht im Schacht. Was bei mir eventuell unter anderen Umständen ein Grund gewesen wäre, um dem Partyzelt einen Besuch abzustatten. Hier und heute freue ich mich nun viel zu fest auf eine warme Dusche im Hotel und danach trockene Klamotten für ins Bett…

Die Setlist – Terror

  1. Pain Into Power
  2. Spit My Rage
  3. Stick Tight
  4. Stil Suffer
  5. One With The Underdogs
  6. Overcome
  7. Destruction Of My Soul
  8. Hard Lessons
  9. Can’t Help But Hate
  10. Fear The Panic
  11. Always The Hard Way
  12. Lowest Of The Low
  13. The 25th Hour
  14. Keep Your Mouth Shut
  15. Keepers Of The Faith

Die Fotos – Terror

Das Fanzit – Rotten Rock Fest 2026

Die dritte Ausgabe des Rotten Rock Fest hat wieder von A bis Z überzeugt. Klar, der Regen am Samstag hätte wirklich nicht sein müssen – und dies war auch der einzige Moment, wo ich die alte Hangar-Bühne vermisst habe. Cardiac hätten es verdient gehabt, im Trockenen und vor etwas mehr Leuten zu spielen. Abgesehen davon war die neue Stage Nummer zwei am Ausgang des Innenraums aber eine durchaus positive Entwicklung. Gerade bei schönem Wetter macht es schliesslich mehr Spass, im Freien Konzerte zu schauen als in einem Keller. Und das schöne Wetter hatte ja Gott  sei Dank nach wie vor die Oberhand. Zudem ist die Bierversorgung mit der Hauptbar direkt bei der kleineren Bühne definitiv auch kein Nachteil.

Musikalisch haben mich dieses Jahr Dritte Wahl am meisten überzeugt. Die alten Hasen wissen einfach nach wie vor, wie man live abreisst. Terror und Born From Pain sind zwar noch nicht ganz so lange unterwegs wie die Rostocker, konnten mich aber ebenfalls begeistern. Dazu gab es, wie jedes Jahr hier im Goms, unzählige wirklich starke Schweizer Auftritte. Ich könnte hier fast alle Bands aufzählen, picke aber einfach mal Shadows Far, Hood Brawl, Nihilo, Constant Hunger, Unified Move und Devils Rage raus.

An dieser Stelle würde ich eigentlich gerne bereits das Datum für nächstes Jahr schreiben, mit dem Hinweis, sich jenes fett im Kalender einzuschreiben. Leider steht dieses aber aufgrund gewisser lokalpolitischer Faktoren noch nicht zu hundert Prozent fest. Sobald bekannt ist, wann im Goms 2027 gerockt wird, heisst es dann definitiv: Fett im Kalender eintragen! Man sieht sich am Rotten Rock Fest Nummer vier.


Wie fandet ihr das Festival?

/ 26.08.2026
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