Xandria – Eclipse
Symphonic Metal
Strahlender Schattenwurf
Zwischen symphonischem Bombast, keltischen Klängen, 80er-Stadionrock und ganz viel Kopfkino: Xandria zeigen auf «Eclipse», dass sie sich klanglich längst nicht mehr nur auf eine Farbe festlegen lassen.
Wenn die Sonne verschwindet …
Eine Sonnenfinsternis ist ein faszinierendes Schauspiel – wie wir am 12. August 2026 eindrucksvoll erleben durften. Für einen kurzen Augenblick wird es dunkel, die Welt wirkt irgendwie anders und man schaut gebannt nach oben, obwohl man eigentlich weiss, was gerade passiert. Musikalisch versuchen Xandria auf ihrem neuen Album «Eclipse», einen ganz ähnlichen Effekt zu erzielen. Die Bielefelder verdunkeln zwar nicht gleich den gesamten Symphonic-Metal-Himmel, sorgen aber durchaus für ein paar interessante Lichtwechsel.
Seit Ambre Vourvahis 2022 das Mikrofon übernahm, hat sich bei Xandria einiges bewegt. Mit «The Wonders Still Awaiting» wurde zunächst ein neues Kapitel aufgeschlagen, «Eclipse» geht nun noch einen Schritt weiter. Marco Heubaum und seine Mitstreiter haben sich hörbar vorgenommen, nicht einfach die bewährte Symphonic-Metal-Formel aufzuwärmen. Stattdessen wird munter zwischen modernen Gitarren, orchestraler Filmmusik, Folk-Elementen, grossen Tonfolgen und sogar einer ordentlichen Portion 80er-Stadionrock hin und her gesprungen.
Das klingt zunächst nach einer ziemlich wilden Mischung. Und tatsächlich funktioniert nicht jeder Abstecher gleich überzeugend. Dafür besitzt «Eclipse» etwas, das vielen Genre-Veröffentlichungen abhandengekommen ist: Überraschungsmomente.
Wie Marco Heubaum die Entwicklung von «Eclipse» selbst erlebt hat, warum Hoffnung für ihn das letzte Wort behält und worauf sich die Schweizer Fans im Oktober im Z7 freuen dürfen, hat er uns im ausführlichen Interview verraten.
… und der Vorhang aufgeht
Nachdem «Syzygy» als kurzer, mysteriöser Prolog in nicht einmal anderthalb Minuten die Bühne bereitet hat, zündet bereits der Titeltrack das volle Feuerwerk: Fette Gitarren, orchestrale Wucht, Chöre, Growls und eine Ambre, die stimmlich von sanften, beinahe zerbrechlichen Passagen bis zum opernhaften Höhenflug sämtliche Register zieht. «Colours» steuert daraufhin eine etwas eingängigere Richtung an und serviert einen Refrain, der sich ziemlich ungeniert im Gehörgang festsetzt.
Mit «The Shannon’s Home» zieht folkiger Flair ein – und weckt sofort Erinnerungen an die Nightwish-Phase rund um Anette Olzon. Keltische Elemente, ein mächtiger Refrain und ein Breakdown, der ungefähr so zärtlich daherkommt wie ein Vorschlaghammer im Porzellanladen, ergeben einen der charmantesten Ausflüge des Longplayers. «The Grand Delusion» schlägt danach wieder härtere Töne an und verwebt treibende Gitarren mit jeder Menge orchestraler Dramatik. Hier weht effektiv eine kräftige «Fluch der Karibik»-Brise durch die Lautsprecher. Fehlt eigentlich nur noch Johnny Depp, der dazu die nächste Pulle Rum entkorkt.
Für eine kleine Überraschung sorgt «Wave Of Tanis», das unverhofft die Sonnenbrille aufsetzt, die Haare toupiert und sich auf den Weg ins Stadion macht. Dieser Exkurs in den Rock der 80er-Jahre ist sicher nicht jedermanns Sache, sorgt aber immerhin für Abwechslung. «Northstar» öffnet anschliessend leisere und emotionalere Klangsphären und kombiniert keltische Klänge mit erhabenen Melodien. Ein Song, der sich zunächst anschmiegt, nur um sich danach immer weiter zu einem symphonischen Höhepunkt aufzubauen.
«Masquerade» spielt anfangs brav mit der Dramaturgie, bevor Xandria die Maske fallen lassen und ordentlich auf die Tube drücken. Dunkel, theatralisch und mit einem Refrain, der sich fast schon frech im Gedächtnis festbeisst, erinnert dieses Lied stellenweise durchaus an die geschmeidige Seite von Visions Of Atlantis. Mit «The Last Generation» folgt dann die opulente Ballade des Albums. Piano, Kinderchor, Orchester und ein starkes Gitarrensolo – Xandria fahren hier wahrhaftig das komplette Gefühlsprogramm auf. Wer bei Symphonic Metal normalerweise reflexartig den emotionalen Notausgang sucht, sollte dieses Stück besser nicht in Gesellschaft hören.
«The Poetry Of The Real World» blickt danach trotz aller Schwermut wieder hoffnungsvoller nach vorn. Ein melodischer und lebensbejahender Akzent, der sich allerdings gegen die wuchtigen Brocken rundherum etwas schwer behaupten kann. Den gewaltigen Schlussakkord setzt schliesslich «Lore». Fast neun Minuten lang dürfen Xandria noch einmal sämtliche Türen des eigenen Klangkosmos aufreissen. Orchester trifft Folk, Metal trifft Filmmusik und die Dramaturgie darf sich genüsslich entfalten. Der obligatorische Longtrack also – glücklicherweise keiner nach dem Motto «Wir können auch lang», sondern unbestreitbar eine kleine musikalische Schlussreise.
Zwischen Dunkelheit und Hoffnung
Auch textlich bleibt «Eclipse» seinem Titel treu. Die Lyrics bewegen sich beständig zwischen Licht und Schatten, persönlicher Wahrnehmung, gesellschaftlichen Themen und der Frage, wie man angesichts einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät, trotzdem Hoffnung bewahren kann. Dabei geht es nicht ausschliesslich um die grossen Weltuntergangsszenarien. Vielmehr werden verschiedene Facetten des Schattens beleuchtet – und ihnen regelmässig Phasen von Hoffnung, Schönheit und Zuversicht gegenübergestellt.
Gerade «The Last Generation» und «The Poetry Of The Real World» zeigen diese beiden Seiten besonders deutlich. Während bei Ersterem die Sorge um eine Welt im Vordergrund steht, die ihre Zukunft zunehmend selbst verspielt, setzt Letzterer bewusst einen Gegenpol und richtet den Blick auf die kleinen Dinge, die trotz aller Widrigkeiten Hoffnung geben können.
Xandria lassen die Texte dabei glücklicherweise nicht zum erhobenen Zeigefinger verkommen. Vielmehr bilden sie gemeinsam mit dem Soundgewand ein Gesamtbild, bei dem Licht und Schatten ständig miteinander ringen.
Das Fanzit zu Xandria – Eclipse
Und genau darin liegt eine der Stärken von «Eclipse»: Xandria haben offensichtlich keine Lust, sich auf eine einzige Spielart festzulegen. Mal bombastisch, mal düster, mal folkig, zwischendurch überraschend rockig und immer wieder mit einer gehörigen Portion Hollywood-Pathos. Nicht jeder stilistische Seitensprung trifft zwingend den persönlichen Lieblingsnerv, doch langweilig wird diese Genre-Rundreise definitiv nicht.
Über allem thront Ambre Vourvahis, die endgültig beweist, dass sie weit mehr kann, als nur grosse Melodien zu tragen. Sie growlt, haucht, rockt, singt opernhaft – und verleiht Xandria damit eine neue stimmliche Nuance.
«Eclipse» erfindet den Symphonic Metal zwar nicht neu – zeigt aber eine Band, die ihren musikalischen Werkzeugkasten inzwischen erstaunlich souverän beherrscht. Und genau dadurch beweisen Xandria eindrucksvoll, wie viel frische Energie und Vielseitigkeit sich aus einem vermeintlich vertrauten Sounduniversum noch herausholen lassen. Ein starkes Werk, das selbst langjährigen Fans noch den einen oder anderen überraschenden Aha-Moment bescheren dürfte.
Anspieltipps: Eclipse, The Shannon’s Home, The Last Generation, Lore
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Die Tracklist – Xandria – Eclipse
- Syzygy
- Eclipse
- Colours
- The Shannon’s Home
- The Grand Delusion
- Wave of Tanis
- Northstar
- Masquerade
- The Last Generation
- The Poetry of the Real World
- Lore
Das Line-up – Xandria
- Marco Heubaum – Guitar, Keys
- Ambre Vourvahis – Vocals
- Robert Klawonn – Guitar
- Dimitrios Gatsios – Drums
Video Xandria – Eclipse

