Xandria - Marco Heubaum - Z7 Pratteln 2024
Mo, 10. August 2026

Xandria – Interview mit Marco Heubaum

Symphonic Metal
12.08.2026
Xandria - Marco Heubaum - Z7 Pratteln 2024

Zwischen Licht und Schatten

Mit «Eclipse» [zur Review] schlagen Xandria das bisher vielseitigste Kapitel ihrer Bandgeschichte auf. Zwischen orchestralem Bombast, keltischen Folk-Klängen, 80er-Jahre-Stadionrock und unverkennbarer Metal-Härte wagen die Bielefelder den Schritt in noch tiefere musikalische und thematische Gefilde.

Mastermind Marco Heubaum spricht im Interview über das gefestigte Bandgefüge, beeindruckende Vocal-Experimente, gesellschaftliche Dunkelheit – und warum Hoffnung immer das letzte Wort behalten muss.

Ein sanfter Anlauf und ein gefestigtes Fundament

Der neue Longplayer «Eclipse» stellt nach «The Wonders Still Awaiting» nicht nur die logische Weiterentwicklung des Ensembles dar, sondern spiegelt gleichzeitig eine neu gewonnene Stabilität innerhalb der Formation wider. Wer beim Zuhören aufmerksam lauscht, gewinnt schnell den Eindruck: Xandria wirken gelöster, fokussierter und mutiger denn je.

Metalinside.ch (Sandro): Letzten Freitag ist «Eclipse» erschienen. Wie fühlt es sich für dich an, wenn ein Werk, an dem ihr so lange und intensiv gearbeitet habt, plötzlich der gesamten Öffentlichkeit gehört?

Marco: Wir sind Schritt für Schritt in dieses Gefühl hineingeglitten, da wir vorab bereits drei Singles veröffentlicht haben – und zwei Tage vor dem Release noch eine vierte. Dadurch fällt der Übergang leichter. Man spürt frühzeitig, wie das Publikum auf das Material und das Klangbild reagiert. Selbst wenn bei uns keineswegs jeder Track repräsentativ für das gesamte Schaffen stehen kann, weil jedes Stück eine eigene Facette zeigt, gewöhnt man sich allmählich an das Feedback. Es bleibt dennoch ein wunderschöner Moment, wenn die Hörerschaft das Album endlich als Ganzes erleben kann. Die bisherigen Reaktionen fallen äusserst positiv aus.

MI: Als wir uns im März 2023 unterhielten (zum Interview), erwähntest du, dass sich Xandria nach langer Suche wieder wie eine echte Band anfühlt. Hat sich dieser Eindruck mit «Eclipse» endgültig gefestigt?

Marco: Man muss hier zwei Ebenen unterscheiden. Das kreative Songwriting entspringt primär meinem Kopf – ein Prozess, der völlig unabhängig davon verläuft, wer am Ende mit mir auf der Bühne oder im Studio steht. Das war seit den Anfangstagen von Xandria so. Was sich verändert hat, ist die Ausarbeitung der Stücke. Das liegt allen voran an Ambres Gesang. Ihre enorme Bandbreite an Stimmfarben eröffnet mir als Komponist Möglichkeiten, die mir früher verschlossen blieben. Ich muss Arrangements nicht mehr in ein enges Korsett pressen, sondern wir begegnen uns kreativ in der Mitte.

Zudem steuern Rob an der Gitarre und Dimitrios am Schlagzeug wertvolle Akzente bei. Als Nicht-Schlagzeuger und ohne die Fähigkeit für aussergewöhnlich schnelle Gitarrensoli schätze ich ihren Input riesig. Er verleiht den Liedern Dichte, Dynamik und Vielschichtigkeit. Eigene Songideen gleichen Kindern, die man aufwachsen sieht. Es tut unglaublich gut zu wissen, dass sie bei den richtigen Mitstreitern in besten Händen sind.

Das Eigenleben der kreativen Prozesse

MI: Du bist nach wie vor der primäre Songwriter. Gab es auf «Eclipse» eine Nummer, die sich beim Schreiben völlig anders entwickelt hat als angedacht?

Marco: (lacht) Beim Komponieren geschehen tatsächlich manchmal amüsante Dinge. Gelegentlich wirken Strophe und Refrain in der Theorie fantastisch, erweisen sich im Zusammenspiel jedoch als unpassend. Dann trenne ich zuweilen beide Elemente und entwickle daraus zwei eigenständige Lieder. Genau das passierte bei «Masquerade». Ursprünglich sollte diese Strophe den Refrain des Titeltracks «Eclipse» begleiten. Als ich merkte, dass die Kombination nicht funktionierte, bildete die Strophe das Fundament für ein völlig neues Stück. Daraus erwuchs «Masquerade» ganz organisch. Man muss einer Idee stets den nötigen Entfaltungsraum gewähren und darf sie nicht gewaltsam in ein vorgefertigtes Schema pressen. Diese Nachgiebigkeit lernt man erst im Laufe der Jahre.

MI: Angenommen, du müsstest «Eclipse» einer Person mit einem einzigen Satz schmackhaft machen – wie würde dieser lauten?

Marco: Oh je! (lacht) Das erinnert mich an die unbeantwortbare Frage nach dem persönlichen Lieblingslied. Aber im Ernst: Die Stücke auf dem Album klingen ungemein vielseitig. Kein einziger Track beschreibt das Gesamtwerk allein – und genau diese Eigenschaft schätze ich sehr. Bei Bands wie AC/DC ist Vorhersehbarkeit zwar genial, aber ich selbst besitze viel zu viele unterschiedliche musikalische Vorlieben, als dass ich mich auf eine einzige Ausrichtung beschränken könnte.

Wenn Schatten das Licht der Zivilisation verdunkeln

Der Name der Scheibe symbolisiert weit mehr als ein astronomisches Phänomen. Er reflektiert eine spürbare gesellschaftliche Finsternis, die sich in den vergangenen Jahren schleichend breitgemacht hat. Doch wo Schatten fällt, muss zwangsläufig auch Licht existieren.

MI: «Eclipse» steht nicht bloss für eine Sonnenfinsternis, sondern metaphorisch für düstere Strömungen unserer heutigen Zeit. Wann reifte in dir der Entschluss, dieses Bild zum Leitmotiv des gesamten Albums zu erheben?

Marco: Die Lyrics entstanden noch vor dem Albumtitel. Der Einzelsong erhielt den Namen «Eclipse», da dieser perfekt zu seinem Inhalt passte. Schliesslich wurde er auch zum Titel des gesamten Werks – denn viele Texte spiegeln meine Wahrnehmung der aktuellen Weltlage wider. Es ist der Wunsch nach einem gesellschaftlichen Miteinander anstelle von spaltender Polarisierung. Seit jeher versuchen Strömungen oder Einzelpersonen, Keile zwischen Menschen zu treiben, um Macht oder persönlichen Profit daraus zu schlagen. Wir dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen lassen, denn genau das führt in jene Finsternis. Die Errungenschaften unserer Zivilisation – Demokratie, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit – bilden das helle Licht, die Sonne. Schieben sich dunkle Kräfte davor, entsteht eine Verfinsterung.

Das Bild trägt natürlich auch einen Funken Hoffnung in sich, denn eine Eclipse dauert nicht ewig. Allerdings hinkt dieser Vergleich, sobald man sich passiv darauf verlässt, dass der Mond von selbst weiterzieht. Wenn wir uns unsere Freiheit bewahren wollen, müssen wir Haltung zeigen. In den vergangenen Jahrzehnten reichte es meist, alle paar Jahre wählen zu gehen. Doch diese Passivität können wir uns nicht mehr leisten – es ist Zeit, selbst aktiv zu werden.

Grenzgang am Mikrofon und absolute Gestaltungsfreiheit

Auf «Eclipse» schöpft Sängerin Ambre Vourvahis das Potenzial ihrer Stimme meisterhaft aus: Von samtzarten Momenten über brachiale Growls bis hin zu opernhaften Höhen deckt sie jede erdenkliche Facette ab. Dass Marco und Ambre die Gesangsproduktion selbst übernahmen, erwies sich dabei als wahrer Glücksgriff.

MI: Gab es während der Aufnahmen im Studio Momente, in denen dich Ambres Performance vollkommen überrascht hat?

Marco: Absolut! Wir haben die Vocals komplett in meinem eigenen Neverworld Studio aufgenommen, genau wie wir es bereits bei der letzten EP «Universal Tales» ausprobiert hatten. Das gemeinsame Erarbeiten der Gesangslinien hat uns enormen Spass gemacht. In der Ballade «The Last Generation» passiert gegen Ende zudem etwas Aussergewöhnliches: Ambre nutzt sogenannte Whistle Notes. Diese überaus hohen Töne reichen weit über das klassische hohe C hinaus. Als das im Kasten war, mussten wir beide laut lachen, weil es so faszinierend klang. Sie hatte das im Vorfeld eher spielerisch ausprobiert, beeinflusst von Sängerinnen wie Mariah Carey oder Ariana Grande, die für solche extrem hohen Töne bekannt sind. Und auch ihre Growls wirken auf diesem Album noch einmal ein Stück gewaltiger und kompromissloser.

MI: Du agierst gleichzeitig als Songwriter, Produzent und Bandmitglied. Wie schwer fällt dir die Abgrenzung zwischen dem Musiker Marco und dem Produzenten Marco?

Marco: Ich geniesse die volle schöpferische Freiheit zutiefst. Beim Xandria-Debüt vor über zwanzig Jahren war das anders: Damals verstand der Produzent meine Vision der Band nicht wirklich, und als Neuling fehlte mir das Durchsetzungsvermögen. Diesen Freiraum habe ich mir erst in den letzten Jahren Schritt für Schritt erkämpft. Natürlich bringt das eine grosse Verantwortung mit sich. Man muss die Disziplin aufbringen, liebgewonnene Ideen auch mal zu streichen, wenn sie dem Song nicht dienen. Mit der gesammelten Erfahrung gelingt mir dieser Rollenwechsel mittlerweile jedoch sehr gut.

Organische Klänge statt synthetischer Muster

Anstatt auf schnelle digitale Standardlösungen zu setzen, investierten Xandria spürbar Aufwand in echte Instrumentierung. Neben Gastbeiträgen von McAlbi an den keltischen Flöten oder Ally Storch (Subway To Sally) an der Violine sticht besonders ein Element ins Auge: der Einsatz eines echten Kinderchors.

MI: In «The Last Generation» kommt ein Kinderchor zum Einsatz, eingespielt unter der Regie von Richard Z. Wang aus dem Umfeld der Hans-Zimmer-Studios. Was verleiht ein Kinderchor einem solchen Lied, das Erwachsenenstimmen nicht transportieren können?

Marco: Die Entscheidung fiel leicht, weil der Text konsequent aus der Perspektive von Kindern geschrieben ist. Sie fragen die ältere Generation direkt: «Welche Welt hinterlasst ihr uns eigentlich?» Natürlich standen dabei auch Klassiker wie Pink Floyds «Another Brick In The Wall» oder Michael Jacksons «Earth Song» Pate. Mir war wichtig, dass sich der Track organisch entfaltet. Deshalb ertönt zu Beginn ein echtes Klavier und kein synthetisches Keyboard. Solche Aufnahmen erfordern zwar mehr Budget und Aufwand, aber Xandria ist für uns kein kurzlebiges Konsumgut, sondern eine reine Herzensangelegenheit. Wir investieren lieber in die Verwirklichung unserer künstlerischen Vision, statt Abstriche bei der Echtheit zu machen.

Die Symbiose aus Rückzug und Bühnenpräsenz

MI: Im Herbst steht eine ausgedehnte Europatournee an. Worin unterscheidet sich der Marco, der alleine im Studio tüftelt, von dem Marco, der live auf der Bühne steht?

Marco: Beides ist erstaunlich nah beieinander! Oft liege ich nach einem Gig im Tourbus in meiner Koje und habe plötzlich neue Melodien im Kopf, die ich direkt mit dem Smartphone festhalte. Das Live-Erlebnis mit dem Publikum setzt ungemein viel kreative Energie frei. Ich liebe es, den Menschen während der Performance direkt in die Augen zu blicken und gemeinsam die Musik zu feiern. Genauso schätze ich jedoch die Phasen, in denen ich mich zu Hause zurückziehe und in meiner eigenen Welt an neuen Ideen feile. Beide Seiten ergänzen sich perfekt.

MI: Zum Abschluss: Gibt es noch etwas, das du den Fans in der Schweiz mit auf den Weg geben möchtest?

Marco: Wir freuen uns riesig darauf, das neue Material live zu präsentieren! Wir haben eine grosse Produktion vorbereitet, die alte wie neue Stücke vereint. Kommt alle am 20. Oktober 2026 ins Z7 nach Pratteln! Selbst wenn ihr uns im Frühjahr bereits auf dem Festival in Olten gesehen habt: Die kommende Headliner-Show wird noch einmal eine völlig andere Hausnummer. Das solltet ihr auf keinen Fall verpassen!

MI: Ich werde garantiert vor Ort sein! Herzlichen Dank für das Gespräch und deine Zeit, Marco.

Marco: Sehr gerne! Wir sehen uns in Pratteln!

Video Xandria – The Shannon’s Home

Autor
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Xandria
12.08.2026
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