The Metal Pirates Strike Again
Zum fünften Mal heisst es in Elsau: Bahn frei fürs Schweizer Heavy Metal Bowling! Und weil ein solches Jubiläum nach etwas mehr als ein paar malträtierten Pins und gitarrengetränktem Hintergrundgedudel schreit, steht die diesjährige Ausgabe ganz im Zeichen der gnadenlosen Piraterie.
Wer einen Blick auf die Running Order des heutigen Anlasses auf der originellen Website des Schweizer Heavy Metal Bowlings wirft, könnte glatt meinen, er sei auf das Drehbuch eines völlig durchgeknallten Piratenfilms gestossen. Da will ich natürlich nicht als Spielverderber dastehen und passe mich diesem Stil einfach an. Deshalb präsentiere ich euch heute eine Piratengeschichte, die ihresgleichen sucht – mit allem, was dazugehört: Metal, Bowling, Bier, Schnupf, Piraten und natürlich jeder Menge völlig seriösem Unsinn.
Fluch der Kari-Splits – Dead Pins Tell No Tales
Was ursprünglich wie eine Schnapsidee aus Heavy-Metal-Beschallung und unkontrolliertem Pins-Umschubsen klang, hat sich längst zu einem kleinen, aber feinen Familientreffen der Schweizer Metal-Szene entwickelt. Christian «Nöldi» Arnold (in Folge Captain Jack Spare-Row genannt) und Lex Kindlimann (in Folge Barbarossa genannt) feuern nun ganz dem Motto entsprechend ihre fünfte Kanone ab und laden erneut zum musikalisch untermalten Kugelmassaker.
Dabei bleibt das Metal Bowling auch im Jubiläumsjahr das, was es von Anfang an war: ein Non-Profit-Event, auf die Beine gestellt mit viel Herzblut, Engagement und Liebe zum Metal. Kein Hochglanz-Zirkus, kein Festival-Wahnsinn mit 27 Verkaufsständen, sondern eine überschaubare Halle, rund fünfzig bestens gelaunte Metalheads, acht Bowlingbahnen, eine passende Soundanlage und genügend Enthusiasmus, um daraus einen grossartigen Nachmittag zu basteln.
Auch beim Konzept wurde für die Jubiläumsausgabe nochmals an den Stellschrauben gedreht und das Feedback der letzten Jahre berücksichtigt. Weniger Personen pro Bahn bedeuten mehr aktive Spielzeit und weniger Warten. Oder wie es ein Pirat formulieren würde: Weniger Landratten, mehr Kanonenkugeln!
Boarding & First Rum
Ab 13:15 Uhr werden in Elsau die Luken geöffnet. Wer rechtzeitig im Hafen einläuft, wird von Barbarossa und Captain Jack Spare-Row zum zugewiesenen Kanonenrohr geführt und kann sich noch in Ruhe mit Bowling-Schuhwerk, Kanonenkugeln und Flüssignahrung eindecken.
Um 14:00 Uhr geht es dann definitiv los. Und zwar nicht mit gemütlichem Vorgeplänkel, sondern mit einem durchgehenden Programm auf und neben den Bahnen. Ab jetzt heisst es: aktive Pins-Jagd, Spezialspiele und Metal – und dies ohne grosse Verschnaufpause. Die Bühne ist bereit, die Kanonenrohre geölt und die Pins ahnen noch nicht, welches Pin-ferno ihnen bevorsteht.
Calarook – Pirate Metal ahoi!
Zu Beginn wird der fünfzigköpfigen Mannschaft erst einmal musikalisch der Takt vorgegeben, wie sich das Piratenschiff im weiteren Verlauf fortzubewegen hat. Passender hätte die Kapelle kaum gewählt werden können: Calarook von der Lokalinsel Winterthur (ein etwas befremdlicher Name für eine Karibikinsel – klimatisch anscheinend das La Brévine der Inselgruppe) bringen genau den Sound mit, den es für einen Nachmittag zwischen Bowlingbahn und Piratenschiff braucht: Pirate Metal mit Geige, E-Gitarre, Bass, Drums und Growling. Dazu gibt es Folk-Metal-Parts, Death-Metal-Walzen und – offenbar unvermeidlich – eine Prise Blödsinn. Eigentlich fehlt nur noch ein Papagei auf der Schulter. Aber Paul sollte ja später noch seinen grossen Gastauftritt bekommen …
Die erste musikalische Breitseite sitzt jedenfalls. Die fünf seeräubernden Personen (auch Piraten und Piratinnen müssen heutzutage schliesslich sauber gegendert werden) wissen, wie man einen Haufen Metalheads auf Betriebstemperatur bringt. Und dann passiert das, was auf einem Piratenschiff gerne als Schiffbruch bezeichnet wird. Nur dass es hier kein Schiff trifft: es ist ein Kabelbruch. Beim Schlagzeug macht die Technik schlapp und der erste Auftritt endet etwas früher als geplant. Zum Glück befindet sich die musikalische Nachbarinsel in unmittelbarer Nähe: der Bandraum. Also keine Panik, keine Meuterei und schon gar kein Abbruch der Expedition. Drummer Yves setzt sich ins Beiboot, organisiert Ersatz und die Calarook-Crew kann schon bald wieder auf die Bühne zurückkehren.
Kabelbruch statt Schiffbruch – das Drehbuch unserer Piratengeschichte hat offenbar schon früh seinen ersten Plot-Twist eingebaut.
Cannonball Run – Runde 1: 7-Pin-No-Tap
Jetzt sind aber endlich die Bowling-Piraten an der Reihe. Wer im ersten Wurf mindestens sieben von zehn Pins abräumt, kriegt die volle Punktzahl. Eigentlich ist das wie Fahrradfahren mit Stützrädern oder Kanonenschiessen mit eingebautem Trefferbonus.
Ich habe dabei die Ehre eines Extended Meet & Greets mit Calarook und darf den ganzen Nachmittag dieselbe Bahn benutzen. Diese ist allerdings gemäss dem Bandmotto auf komplettes Piratenchaos eingestellt und erfindet immer mal wieder ein paar Punkte dazu. Das komplette Versagen mit einem Schuss vor den Bug wird tatsächlich hin und wieder mit sechs Punkten belohnt. Tja, das Zählen bietet in der Piraterie offenbar ordentlich Spielraum. Im Hinblick auf die Schlussrangliste am Ende des Nachmittags will ich jetzt natürlich nicht behaupten, dass dieser Pestalozzi-Modus möglicherweise das Zünglein an der Waage gespielt hat.
Währenddessen sorgt DJ Martin Looter mit Female Fronted Metal für den passenden Soundtrack. Laut, roh und ohne Kompromisse – also genau so, wie es sich für eine Piratenbesatzung gehört.
Calarook – Runde zwei und die Polonaise der Verdammten
Nach dem ersten Kugel-Angriff geht es nun wieder musikalisch weiter. Wegen des anfänglichen Kabelbruchs dürfen Calarook etwas länger ran und holen damit die verlorene Zeit wieder auf. Die neue Double-Bass fügt sich wunderbar ins musikalische Gesamtbild ein und die Spiellaune der Band schwappt sofort auf die Mannschaft über. Auch soundmässig läuft das Piratenschiff wieder unter Volldampf. Was Nöldis Vater und seine beiden Klang-Kanoniere aus der eher überschaubaren technischen Armada herausholen, ist aller Ehren wert.
Dann kommt die Aufforderung zum Circle Pit. Allerdings scheint die Botschaft irgendwo auf dem Weg über die sieben Weltmeere leicht vom Kurs abgekommen zu sein. Statt wild im Kreis zu rennen, reihen sich die Metalheads brav hintereinander ein und ziehen in einer mehr oder weniger ordentlichen Polonaise durch die Halle. Ein Circle Pit mit eingebautem Sicherheitsabstand, womöglich die erste Form des organisierten Moschens. Die Piraten unter uns würden vermutlich eher von einer völlig neuen Enterformation sprechen, welche wohl jeden Gegner von vornherein zur Kapitulation bewegen würde. Wir nennen es einfach: die Polonaise der Verdammten. Und verdammt stark ist auch der Auftritt von Calarook!
Storm Run – Runde 2: Falsche Hand, gefährliches Spiel
Nachdem sich die Crew von diesem musikalischen Abenteuer erholt hat, folgt die zweite Bowlingrunde. Unsere Captains sind um die körperliche Gesundheit ihrer Mannschaft höchst besorgt und versuchen nach der intensiven ersten Runde umgehend, das physische Gleichgewicht wiederherzustellen. Deshalb wird – sofern vorhanden – mit der falschen Hand geworfen.
Plötzlich mutieren erfahrene Bowler zu blutigen Anfängern. Der Anlauf wird zum Hochrisikomanöver, die Kugel zum unberechenbaren Geschoss und ein Friendly Fire kann jederzeit um die Ecke kommen. Und jetzt, wo man die Punkte tatsächlich brauchen könnte, scheint ausgerechnet der Pestalozzi-Modus unserer Bahn nicht mehr zu funktionieren. Skandal!
Man muss wohl kaum erwähnen, dass sich die gesamte Mannschaft längst selbst am Feiern ist und hier einen riesigen Spass hat. Wer in den Vorjahren schon dabei war, wird allerdings kaum etwas anderes erwartet haben.
Dazu gibt es musikalische Begleitung zwischen Thrash Metal und Black Metal. Unsere metal-unkundigen Freunde würden vermutlich behaupten, dass sich diese Musik anhört, als wäre sie mit der falschen Hand gespielt. Aber was wissen die schon? Das metallische Musikverständnis ist schliesslich nicht jedem in die Wiege gelegt.
Calarook – Ornithologie auf hoher See
Nachdem unsere Körper wieder im physischen Gleichgewicht sind, können wir dieses vor der Bühne beim dritten und leider bereits letzten Set von Calarook auf die Probe stellen. Und mit dem energiegeladenen, folkigen Song «Paul The Parrot» beweisen sie sogleich, dass ein kombiniertes Musik- und Sportereignis durchaus auch als Plattform für angewandte Vogelkunde taugt.
Die Band arbeitet mit grosser Hingabe möglichst viele Piraten-Klischees in Form von tollen Songs ab, und die Spielfreude der Calarook-Crew überträgt sich erneut problemlos auf die mitfeiernde Mannschaft. Eigentlich wäre nun der ideale Zeitpunkt, sich wieder den eigenen sportlichen Verpflichtungen zu widmen. Aber wer will schon freiwillig aufhören, wenn die Piraten gerade so schön in Fahrt sind? Also wird selbstverständlich noch eine Zugabe verlangt.
Diese bekommen wir auch geliefert – neben ausreichend Flüssigkeit aus den Fässern der Bowlinganlage Elsau und einer ordentlichen Portion Schiesspulver der schottischen Piratenlegende «McChrystal’s» in die Nase.
Was für ein Auftritt! Ich bin wohl nicht der einzige Freibeuter, der seine normalen Lumpen kurzerhand gegen ein standesgemässes Gewand unserer heutigen Schiffskapelle eintauscht.
Give peace a chance: Das Minimum Game
Und es wird immer verrückter: Begleitet von diversen Metal-Covern wird in der nächsten Stunde doch tatsächlich nach dem zurückhaltendsten Piraten für den Friedensnobelpreis gesucht. Beim Minimum Game gilt nämlich: Wer mit seiner Kanonenkugel möglichst wenig abräumt, wird belohnt. Tönt nach Wellness-Urlaub für unsere Pins, ist es aber keineswegs. Denn wer einen Schuss komplett vor den Bug setzt und keinen einzigen Pin erwischt, löst damit eine Tsunami-Welle aus – und die räumt dann garantiert alles ab. So ungefähr lautet das Regelwerk dieses gemeinen Spiels im Piratenjargon, zu dem wohl so mancher Bowler mittlerweile eine ausgewachsene Hassliebe entwickelt hat.
Richtig gemein wird es, wenn der Goldene Pin ganz vorne steht. Wer bei dieser Konstellation tatsächlich einen Strike landet, bekommt einen Shot spendiert – allerdings nicht mit der Kanonenkugel, sondern freundlicherweise aus der Bar. Die grosse Gewissensfrage lautet also: Friedensnobelpreis oder Shot? Nun ja, wir sind hier schliesslich unter Piraten. Die meisten müssen nicht lange überlegen, bevor sie sich für die Variante mit dem höheren Alkoholgehalt entscheiden – was die Trefferquote allerdings nur bedingt verbessert.
«Normales» Bowling – Disco, Power und Einhörner
Danach darf tatsächlich noch einmal ganz normal gebowlt werden. Wobei «normal» an diesem Nachmittag natürlich ein ziemlich dehnbarer Begriff ist. Ganz so einfach machen es uns die Captains nämlich nicht: Die Disco-Beleuchtung bricht heute bereits etwas zu früh über die Bahnen herein. Plötzlich verwandelt sich die Bowlinghalle in eine wilde Mischung aus Metal-Keller, Tanzschuppen und einem nur mässig beleuchteten Piratenschiff.
Musikalisch geht es in Richtung Power- und Symphonic Metal – und damit Paul the Parrot nicht völlig ohne tierische Begleitung dasteht, darf natürlich zusätzlich noch eine Portion zuckersüsser Einhorn-Metal durch die Halle galoppieren.
Dass seit dem Entern dieses Schiffes mittlerweile schon fünf Stunden vergangen sind, scheint dabei kaum jemand bemerkt zu haben. Der Nachmittag ist derart kurzweilig und unterhaltsam, dass offenbar auch die Zeit über Bord gegangen ist.
The Last Battle – Kreativwurf ahoi!
Bevor die Siegerehrung über die Bühne gehen kann, muss die Crew noch eine letzte Prüfung bestehen. Jede Bahn präsentiert ihren ganz persönlichen Kreativwurf.
Und jetzt müssen die Piraten nochmals richtig Rückgrat beweisen. Und zwar nicht unbedingt charakterlich. Denn so manches Piraten-Rückgrat muss dabei als menschliche Abschussvorrichtung herhalten. Erstaunlicherweise bleiben sämtliche Rampenkonstruktionen standhaft und die Mannschaften präsentieren uns einige äusserst kreative Varianten, wie man eine Bowlingkugel auf die Reise schicken kann.
Ganz ehrlich: Das tut teils schon beim Zuschauen weh. Aber eine Studie am Wacken-Festival hat ja unlängst hervorgebracht, dass Heavy Metal offenbar die Schmerztoleranz erhöht. Also keine Panik – die Wissenschaft ist auf unserer Seite! Ob die hier gezeigten Konstruktionen allerdings Eingang in die offizielle Sportwissenschaft finden werden, darf dann doch bezweifelt werden.
The Treasure of Monkey Island – Die Siegerehrung
Dann endlich die grosse Frage: Wer darf sich zum Bowling-Piratenkönig krönen? Wer krallt sich den Schatz?
Auf den Rängen eins und zwei landen mit Drummer Yves Locher und Bassist Flavio Pompeo tatsächlich zwei Mitglieder von Calarook. Die tägliche Routine auf dem Piratenschiff und der gewohnte Umgang mit Kanonenkugeln scheinen sich also ausgezahlt zu haben. Wenn ich allerdings die Ausbeute von Drummer Yves bei seinem heutigen Sechzig-Minuten-Gig betrachte – fünf halbierte Drumsticks – wäre ich als Pin vermutlich auch freiwillig umgefallen. Als Preis für die beiden Sieger gibt es herrliche Calarook-Shirts. Merch von der eigenen Band zu gewinnen, ist natürlich die wohl ineffizienteste Form des Sponsorings. Die beiden zeigen sich jedoch grosszügig und lassen ihre Beute kurzerhand zwei spontan ausgewählten Crewmitgliedern zukommen.
Und dann passiert das eigentlich völlig Unfassbare und Unerwartete: Rang drei geht an den Autoren dieser Piratengeschichte. Zufall? Glück? Sportliche Höchstleistung? Oder etwa …? Nein, selbstverständlich gibt es keinerlei Zusammenhang zwischen dieser Platzierung und den in diesem Bericht äusserst wohlwollend ausfallenden Worten über die Organisatoren dieses grossartigen Anlasses. Korruption hat in der Piraterie schliesslich keinen Platz! Und falls es gegenteilige Beweise geben sollte, wären diese vermutlich längst über Bord gegangen. Trotzdem erinnere ich mich nun doch noch einmal zurück an den Pestalozzi-Modus auf Bahn 22, die am Ende tatsächlich sämtliche Podestplätze stellt. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.
Ich freue mich jedenfalls sehr über diesen Podestplatz und das gerade ergatterte exklusive Metal-Bowling-Shirt 2026 und gratuliere meinen Lane-Buddies von Calarook ganz herzlich. Es war wahrhaftig ein maximal unterhaltsamer Nachmittag mit euch – auf, neben und hinter der Bahn.
Noodles of no Return
Nach mehreren Stunden zwischen Metal, Bowling und Piratenwahnsinn ist irgendwann auch der stärkste Seemann beziehungsweise die stärkste Seefrau ausgehungert. Zum Glück wartet nach der Schlacht bereits die kulinarische Versorgung der Crew: ein gemeinsamer Spaghetti-Plausch mit drei leckeren Saucen, vorbereitet vom BeSeCo-Team. Die wohlverdiente Stärkung nach einem langen und lauten Nachmittag.
Und so endet diese völlig abstruse Piratengeschichte mit einem Happy End: wohlgenährte, glückliche Piraten und Piratinnen sitzen gemeinsam zusammen, lachen, plaudern und lassen den ereignisreichen Tag gemütlich ausklingen …
Das Fanzit – 5. Schweizer Metal Bowling
Fünf Jahre Metal Bowling – und das Pin-ferno in Elsau ist längst zu einem festen Bestandteil der Schweizer Metal-Szene geworden. Dabei wird das Bowling schon fast ein bisschen zur Nebensache. Es ist diese besondere Atmosphäre, die den Anlass ausmacht: Die Mischung aus Metal-Familientreffen, Bowlingturnier, Konzert, Blödsinn und gemütlichem Zusammensitzen funktioniert mittlerweile so selbstverständlich, dass man sich fast fragen muss, warum eigentlich niemand schon viel früher auf diese verrückte Idee gekommen ist.
Zum Jubiläum wird das Ganze ordentlich auf Pirat getrimmt – und mit den Lokalmatadoren von Calarook steht auch gleich die perfekte musikalische Freibeuter-Crew an Deck, die das Piratenschiff gehörig zum Schaukeln bringt.
Und wenn es 2027 erneut heisst «Metal Bowling ahoi!», dürfte die Crew ziemlich geschlossen wieder an Bord gehen. Denn dieses Schiff lässt man nicht freiwillig davonsegeln.


