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Nightwish – Human. II Nature (CD Cover Artwork)
Fr, 10. April 2020

Nightwish – Human. :II: Nature.

Symphonic Metal
13.04.2020
Nightwish – Human. II Nature (CD Cover Artwork)

Des Nachtwunschs neunter Streich

Mein Herz jauchzt vor Freude und macht Luftsprünge. Sind etwa Frühlingsgefühle der Grund? Nein. Aber dafür hat meine absolute Lieblings-Band auf diesem Planeten ein neues Werk am Start. In ihrem neunten Studioalbum fühlen Nightwish der «Human. :II: Nature.» auf den Zahn.

Die ganze Geschichte musste gleich auf zwei CDs aufgeteilt werden: Scheibe numero uno beinhaltet neun Tracks und auf dem zweiten Silberling ist eine rein instrumentale «Monster-Hymne» zu finden, die jedoch wahrscheinlich technisch bedingt in mehrere, kleinere Teilabschnitte gegliedert werden musste. Die Messlatte ist für die Könige des Symphonic Metal stets hoch, denn schliesslich war der Vorgänger «Endless Forms Most Beautiful» aus dem Jahre 2015 ein echtes Sahnestück (das fand damals auch Metalinside-Kollege Kaufi – siehe Review).

Die Finnen und ich werden wohl auf ewig miteinander verbunden sein. Wobei, so rein finnisch ist das Sextett seit dem Einstieg von Floor Jansen (Niederlande) und Troy Donockley (England) ja gar nicht mehr. Aber egal, dank dieser Gruppe bin ich vor x-Jahren zur metallischen Musik gekommen und zähle mich seither zu ihren treuen Fans. Erfolge wurden gefeiert und Tiefs wurden gemeinsam überwunden. Trotzdem halte ich mich in der Regel mit Konzertberichten und Plattenkritiken zu Nightwish zurück und figuriere da jeweils eher als stiller Geniesser im Hintergrund. Zum einen ist die konstante Gefahr präsent, dass ich alles durch die berühmt-berüchtigte, rosarote Fan-Brille betrachte und andererseits graut es mir davon, im Falle eines möglichen Versagens meiner Helden einen Verriss hinklatschen zu müssen. Doch ab und an müssen Wagnisse eingegangen werden – und deswegen folgt nun meine Analyse zu «Human. :II: Nature.».

Das Album – «Human. :II: Nature.»

Das Abenteuer durch die thematischen Bereiche Kunst, Technik, Mensch und Natur beginnt mit «Music». Zu vernehmen ist eine Art Doppel-Intro, welches unter anderem wieder Tiergeräusche enthält. Wird hier eventuell direkt an «The Greatest Show On Earth» angeknüpft? Chorale Passagen und Dudelsäcke sind ebenfalls bereits zu hören – zweifelsohne altbekannte Elemente des Nightwish-Song-Baukastens. Floor gewährt erste Einblicke in ihre stimmliche Vielfalt und als Background-Sänger sind ganz dezent Marko Hietala und Troy im Einsatz. Ein Song wie ein Sonnenaufgang. Mastermind Tuomas Holopainen macht keinen Hehl um sein Flair für Soundtracks. Mir persönlich fehlt zwar noch der grosse Knall, aber man will kaum schon bei der Einstiegs-Nummer alle Mittel verpulvern, oder?

«Noise» geistert seit zwei Monaten auf YouTube herum und wurde von der Fan-Gemeinde ausgiebig analysiert und diskutiert. Nach etlichen Durchläufen mausert sich der Track immer mehr zu einem meiner grossen Favoriten des Albums. Aufgrund seiner «catchy» Ader ist die Wahl als Singleauskopplung völlig nachvollziehbar. Speziell in der zweiten Hälfte, wenn Emppu Vuorinen die fiesen Riffs vom Stapel lässt, geht’s richtig ab. Exakt so wollen wir Nightwish hören! Das Tempo wird hochgefahren und ein dramatischer Chor sorgt für Hühnerhaut. Jetzt dürfen sich die Mähnenschüttler komplett austoben. Da schimmert zwischendurch ein Hauch von «Bye Bye Beautiful» durch. Zudem scheint sich Tuomas teilweise durch den populären Serien-Hit «Game Of Thrones» inspiriert lassen zu haben. Das dazugehörige Video ist grossartig. Gekonnte Seitenhiebe gegen die Digitalisierung. Allen Smartphone-Zombies wird hier gnadenlos der Spiegel vorgehalten. Das leichtbekleidete, attraktive Mädel im Clip ist übrigens Instagram-Model Jessica «PEZSI» Edström (um euren allfälligen «Ich frage für einen Freund»-Anfragen vorbeugen zu können).

Hmm, einen Schumacher («Shoemaker») zu besingen klingt im ersten Augenblick nicht sonderlich spektakulär. Obwohl man das damals auch vom Zimmermann («The Carpenter») oder ähnlichen Titeln behaupten können. Das Ding gedeiht mit der Zeit und passt dadurch bestens zum Prozess der Schuhherstellung. Auffällig ist, dass Troy viel Platz an der Mikrofonfront erhält. Ein Novum, welches auf dieser Scheibe gleich mehrmals beobachtet werden kann. Das Duett mit Frau Jansen funktioniert. Ab der Songmitte wird aufgedreht. Der kleine Saitenhexer Mister Vuorinen packt jetzt nämlich erneut die markanten Nightwish-Riffs aus. Was meinen Kiefer dann endgültig auf den Boden knallen lässt, ist das grandiose Chor-Finale. Urplötzlich wandelt Floor auf opernhaften Pfaden! Solche Sphären kannte man bisher sonst eigentlich nur von einer gewissen Tarja Turunen. Da verwandle ich mich doch glatt in den von Metalinside-Boss pam so oft erwähnten «Güggel». Völlig überraschend kommt das zwar nicht, denn in der niederländischen TV-Sendung «Beste Zangers» hat die Sängerin zusammen mit Henk Poort bei «Phantom Of The Opera» eindrücklich bewiesen, dass sie mit hohen Tonleitern verdammt gut umzugehen weiss. «Floorgasm» lässt grüssen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich das Auenland und einige Hobbits, die gemütlich ihrem Leben als Farmer nachgehen. Zumindest lässt mich die Stimme von Troy bei «The Harvest» an ein solches Szenario denken. Ausserdem steckt da zu Beginn sicherlich ebenfalls eine Prise «The Lion King» drin. Der Brite und Multiinstrumentalist hat hier effektiv seinen grossen Auftritt. Wenn er irgendwo mitwirkt, gehören folkige Elemente einfach dazu. Man denke beispielsweise an «Last Of The Wilds» oder «The Islander». Ein spannendes Experiment, aber mit dem primären Kern der Nightwish-Musik hat das kaum mehr etwas zu tun.

Das muntere Filme raten geht weiter. Während der ersten Sekunden von «Pan» kommt mir sofort «Pirates Of The Caribbean» in den Sinn. Klingt des Weiteren ab und an fast nach Visions Of Atlantis. Ah schau an, phasenweise nimmt der Härtegrad endlich wieder leicht zu. Da sind sie wieder – die unverkennbaren Gitarren-Passagen. Futter für die Headbanger! Stumpfsinnige Hau-Drauf-Mucke war jedoch nie das Ziel des Sechsers. Und so unterstreicht Tastenmann Tuomas das Ganze gekonnt mit orchestralen Elementen. Bitte unbedingt mehr in diesem Stil!

Die nächste Nummer mit irischem Einschlag hört auf den Namen «How’s The Heart?». Das hat eindeutig Power-Balladen-Potenzial. Abermals Kompliment in Richtung des fantastischen Gesangs von Floor. Gemäss YouTube funktioniert die Sache übrigens auch in der Akustik-Variante. Meines Erachtens können 1 – 2 Lieder dieser Art auf einem Silberling gerne erlaubt sein, aber trotzdem sehne ich mich für den Rest so langsam wieder nach dem altbekannten «Bombast-Symphonic Metal», für den die Band eigentlich stehen würde.

Oha, «Procession» startet ungewöhnlich elektronisch. Driften wir etwa in den «Synth-Sektor» ab? Nicht wirklich, aber das Stück vermag selbst nach x-Durchläufen bei mir leider nicht zu zünden.

Das sieht beim nachfolgenden «Tribal» ganz anders aus. Drummer Kai Hahto dürfte hier mit einem besonders breiten Grinsen zu Werke gehen. Auch der Bass von Marko Hietala ist für einmal deutlich vernehmbar. Der Background-Gesang wird so angewendet, dass es sich tatsächlich anfühlt, als tanze man gemeinsam mit irgendwelchen Stammesmitgliedern um ein riesiges Feuer. Vergleichbares Song-Material aus der Nachtwunsch-Diskographie wäre sicherlich «Romanticide». Blöderweise ist der ganze Spass nach nicht einmal vier Minuten bereits wieder vorbei.

Ich wollte schon beinahe eine Vermisstenanzeige aufgeben, aber zum Schluss der ersten CD erhält Marko doch noch einen etwas ausgiebigeren Platz am Mikro. Schade, dass man ihn solange auf der Ersatzbank respektive im Hintergrund hat schmoren lassen. Seine Duette mit Floor werden auf «Human. :II: Nature.» schmerzlich vermisst. Die beiden harmonieren schliesslich hervorragend miteinander. Wer mehr vom Mann mit dem gegabelten Teufelsbart hören möchte, ist aktuell mit seinem Solo-Werk «Pyre Of The Black Heart» besser bedient (siehe Review). Für meinen Geschmack ist «Endlessness» zu seicht.

Scheibe numero due soll offenbar als rund halbstündiger, musikalischer Liebesbrief von Tuomas an die Natur verstanden werden. Nightwish und Monster-Hymnen – diese Kombination lässt stets Hoffnung aufkeimen. «Beauty Of The Beast», «Ghost Love Score», «The Poet And The Pendulum» oder « The Greatest Show On Earth» sind nämlich alles epische Meisterwerke. Bedauerlicherweise trifft dies auf die acht Teile von «All The Works Of Nature Which Adorn The World» nicht zu. Das ist mir zu viel Holopainen-Ego-Trip. So etwas darf er überaus gerne jederzeit bei einem seiner eigenen Projekte (entweder AURI oder im Stile eines Epos’ wie «The Life And Times Of Scrooge») verwirklichen, aber auf einem Nightwish-Album hat das nix verloren. Wunderwaffe Floor ist hier beispielsweise durchgehend arbeitslos.

Das Fanzit

Meine im Einstieg erwähnten Befürchtungen haben sich dummerweise bewahrheitet. Nightwish erreichen mit «Human. :II: Nature.» die sonst gewohnten Höhen nicht ganz. Der Vorgänger «Endless Forms Most Beautiful» ist zweifelsohne das klar stärkere Eisen. Woran liegt’s? Der für die Finnen ach so prägende «Bombast-Symphonic Metal» bleibt grössenteils auf der Strecke. Phasenweise gibt man sich beinahe schon zu experimentell. Tuomas neigt dazu, die Sache mit den Film-Soundtracks ein bisschen zu übertreiben. Wie angetönt, wären einige Dinge von «Human. :II: Nature.» auf einem seiner Solo-Alben viel besser aufgehoben. An das Gütesiegel Nightwish hegt der geneigte Fan schlichtweg andere Erwartungen und Ansprüche.

Nichtsdestotrotz ist der Silberling gewohnt qualitativ hochstehend produziert. Die Zusammenarbeit mit einem Orchester hat abermals gefruchtet. Floor Jansen ist und bleibt eine Gesangs-Göttin und ist zurecht Bestandteil dieser Truppe. Völlig vergessen haben die Finnen ihre Wurzeln keinesfalls. Beweise dafür liefern die meine unten aufgeführten Hörproben und Favoriten. Allerdings hätte ich mir freilich mehr Kompositionen dieser Art gewünscht.

Aufgepasst: Im Vergleich mit früheren Platten des Sextetts braucht das komplexe «Human. :II: Nature.» weitaus mehr Durchläufe, ehe gewisse Lieder in den Gehörgängen kleben bleiben und man sämtliche Details entdeckt hat. Wie das neue Material im Live-Gewand daherkommen wird, kann ich zurzeit nur schwer abschätzen. Aktuell würde ich ältere Tracks in der Setliste definitiv bevorzugen, aber vielleicht belehren mich die Symphonic Metal-Könige ja eines Besseren.

Fakt ist, dass ich meinen Helden auch trotz dieses für ihre Verhältnisse eher mässigen Werks die «Troye» (verzeiht mir bitte dieses unterdurchschnitte Wortspiel) halten werde. Somit gibt’s von mir sieben gnädige respektive wohlwollende Punkte in der Endabrechnung. Für das Jubiläums-Studioalbum Nummer zehn ist dann eine Leistungssteigerung jedoch absolute Pflicht!

Empfehlenswerte Hörproben: «Noise», «Shoemaker», «Pan», «Tribal»

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Tracklist Nightwish – Human. :II: Nature.

CD 1

  1. Music
  2. Noise
  3. Shoemaker
  4. Harvest
  5. Pan
  6. How’s The Heart?
  7. Procession
  8. Tribal
  9. Endlessness

CD 2

  1. All The Works Of Nature Which Adorn The World – Vista
  2. All The Works Of Nature Which Adorn The World – The Blue
  3. All The Works Of Nature Which Adorn The World – The Green
  4. All The Works Of Nature Which Adorn The World – Moors
  5. All The Works Of Nature Which Adorn The World – Aurorae
  6. All The Works Of Nature Which Adorn The World – Quiet As The Snow
  7. All The Works Of Nature Which Adorn The World – Anthropocene (inkl. «Hurrian Hymn To Nikkal»)
  8. All The Works Of Nature Which Adorn The World – Ad Astra

Line Up – Nightwish

  • Tuomas Holopainen (Keyboards)
  • Marko Hietala (Bass, Gesang)
  • Emppu Vuorinen (Gitarre)
  • Kai Hahto (Drums)
  • Floor Jansen (Gesang)
  • Troy Donockley (Irischer Dudelsack, Flöten (Low Whistles), Gesang)

 

Video Nightwish – Noise


Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 7/10



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