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Fr, 6. November 2020

Majestica – Interview mit Tommy Johansson

Symphonic Power Metal
29.11.2020
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Die Geister, die ich rief …

Tommy Johansson dürfte vielen als Gitarrist der schwedischen Kriegshistorien-Metaller Sabaton bekannt sein. Dass er auch Frontmann der Symphonic Power Metal-Combo Majestica ist – und dazu noch ein begnadet guter Sänger – ist wohl schon etwas weniger geläufig. Mit „A Christmas Carol“ schicken sich die Skandinavier nun an, unterlegt von reichlich Glockengebimmel den metallenen Weihnachtsmarkt aufzumischen.

Wir haben uns mit Mastermind Tommy über die Hintergründe zum neuen Weihnachtsknaller unterhalten (die Review dazu findet ihr hier) und so einen etwas tieferen Einblick in die Entstehung – sowie die Herausforderungen auf dem Weg dahin – erhalten. Via Skype erreiche ich Mr. Johansson mitten im schwedischen Wald – ein wahrlich passender Ort für diesen vorgezogenen Festtagstalk…

Metalinside (Sandro): Tommy, vorweg, ganz herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Wie geht es dir?

Tommy: Gut, danke. Ich befinde mich jetzt gerade mitten im Wald, irgendwo im Nirgendwo – das ist einer der wirklich sehr seltenen Momente, wo ich ein Interview auf einem Waldspaziergang gebe (lacht). Aber es ist ziemlich cool.

MI: Der Wald ist ein Ort, wo ich mir oftmals neue Alben zum ersten Mal anhöre, sei es nun schlendernd oder joggend – und so habe ich mich auch an euer neues Werk „A Christmas Carol“ herangetastet. Bevor wir aber darauf zu sprechen kommen, würde ich gerne erfahren, wie es dir in den letzten Monaten so ergangen ist. Gab es auch Licht im Corona-Dunkel?

Tommy: Nun, diese ganze Corona-Sache ist für niemanden wirklich gut – ausser vielleicht für die Gaming-Industrie, die sich dabei wohl ein goldenes Näschen verdient hat. Wir von Sabaton mussten unsere Russland-Tour ja nach rund der Hälfte unserer Auftritte canceln, da es schlicht nicht mehr weiter ging. Wir kamen dann nach Hause und hatten über Monate hinweg nichts anderes zu tun, als Musik zu schreiben. Klar, das eine oder andere fiel schon noch an, aber eben, die ganzen Live-Auftritte fielen weg, und so sass ich die grösste Zeit einfach nur zu Hause herum.

Das war dann auch der Zeitpunkt, als ich damit begann, diese Weihnachtslieder zu schreiben – einfach, weil ich die Zeit dazu hatte. Wäre dieses Virus nicht gewesen, wäre ich für einen beträchtlichen Teil des Jahres mit Sabaton weltweit auf Achse gewesen. Und wenn ich nach so einer ausgedehnten Tour nach Hause komme, muss ich erst mal etwas Abstand zum ganzen Trubel finden. Es ist nicht so, wie vielleicht viele Leute denken, dass man sich gleich hinsetzt und damit beginnt, an neuen Songs zu feilen – ich brauche dann erst mal etwas total Anderes, etwas, das nichts mit Metal zu tun hat. Aber wie wir alle ja nur zu gut wissen, kam alles völlig anders – dem ich rückblickend nun sogar etwas Positives abgewinnen kann. Wie heisst es doch so schön: In all dem Schlechten steckt auch etwas Gutes verborgen.

MI: Wie wahr! Und das Ergebnis erscheint nun am 4. Dezember 2020 in Form eures neuen Albums „A Christmas Carol“. Hand aufs Herz, Tommy – wie viele Weihnachtsfilme Made in Hollywood hast du dir in deiner Kindheit reingezogen?  Das ganze Album ist ja ein wilder Streifzug durch alles, was für mich einen perfekten Weihnachtsfilm ausmacht – Kopfkino par excellence!

Tommy: Deine Aussage freut mich enorm! Das ist nämlich genau das, was wir mit dieser Scheibe erreichen wollten. Darf ich dich fragen, was für Weihnachtsfilme du schon alles gesehen hast?

MI: Es gibt da so einige, auch wenn ich mich längst nicht mehr an alle erinnern kann… „Der Polarexpress“ mit Tom Hanks in der Hauptrolle fand ich toll. Dann sicher auch die Komödie „Schöne Bescherung“, „Gremlins“… Es gibt so viele. Kennst du „Scrooged“ [„Die Geister, die ich rief“] mit Bill Murray in der Hauptrolle?

Tommy: Klar, ich bin mit diesem Film gross geworden (lacht). Und ja, ich habe mir viele Weihnachtsfilme angesehen, nicht nur als Kind. (schwärmend:) „Home Alone“, „Elf“, „The Grinch“, „Scrooged“, und natürlich die vielen verschiedenen Varianten von „A Christmas Carol“ – wie die mit den Muppets. Und natürlich die neuste Version aus dem Jahr 2009 mit Jim Carrey – falls du den noch nicht kennen solltest, schau ihn dir unbedingt an! Dieser Streifen hat sowohl denselben Regisseur – Robert Zemeckis – als auch Komponisten [Alan Silvestri] wie einer meiner absoluten Lieblingsfilme, nämlich „Back To The Future“.  Das ist sehr cool, da ich mir sehr oft den Soundtrack zu „Zurück in die Zukunft“ angehört habe und daher viele Ähnlichkeiten erkennen kann – man merkt dabei sehr gut, dass die Musik beider Movies aus derselben Feder stammt. Es ist ein sehr epischer und wirklich toll gemachter Film, auch wenn er so um das Jahr 1800 herum angesiedelt ist. Auch die visuellen Effekte sind cool – ich kann ihn dir wirklich wärmstens empfehlen.

MI: Danke für den Tipp, ich werde ihn gerne in der Adventszeit bei Glühwein und feinem Gebäck schauen (lacht). Im Promotext steht unter anderem, dass du schon seit Langem ein Weihnachtsalbum machen wolltest. Und dass sich dafür eben die Geschichte rund um Ebenezer Scrooge besonders gut eignen würde. Erzähle uns doch etwas mehr darüber, wie das ganze Projekt ins Rollen kam.

Tommy: Ich meine, das Ganze war stets ein alberner Traum von mir… Ich weiss nicht wieso, aber Weihnachten hat mir immer sehr viel bedeutet. Irgendwie ist es die einzige Zeit im Jahr, in der das Leben wirklich gut ist. Ich bin in einer typischen schwedischen Familie aufgewachsen, die das Weihnachtsfest so richtig zelebriert hat. Wenn Weihnachten vorbei war, haben wir uns schon auf die nächste gefreut und mit der Planung begonnen. Während den letzten 15 oder 17 Jahren bin ich in der Adventszeit viel in Schweden herumgereist, war weg, habe studiert, an verschiedenen Orten meines Heimatlandes gearbeitet. Und wenn dir das Leben auch manchmal das Gefühl gibt, dass sich etwas grundlegend verändert, dein Dasein eine jähe Wendung nimmt – so kann ich mich doch stets darauf verlassen, dass zu Weihnachten wieder alles so sein wird, wie es immer war: Das Essen wird dasselbe sein, wir spielen dieselben Spiele mit denselben Leuten, wir schauen uns dieselben Filme im Fernseher an, die Atmosphäre ist dieselbe – alles ist wie immer, und dies zu wissen,  ist ein unglaublich schönes Gefühl.

Das ist etwas, auf das du innerlich zurückgreifen kannst, wenn es dir mal nicht so gut geht. 2013 war ein schreckliches Jahr für mich, ich war völlig ausgebrannt – so ziemlich die schlimmste Zeit meines bisherigen Lebens. Aber dann kam das Weihnachtsfest, und alles war wieder gut, einfach etwas fantastisch Schönes. Es war auch das erste Mal, dass ich zusammen mit ein paar Freunden an Heiligabend eine Bar besucht habe – etwas, das ich zuvor noch nie getan habe; allein schon deswegen war es etwas wirklich Besonderes.

Weihnachten wartet auch mit vielen schönen Filmen und Liedern auf, die man nur zu dieser ganz speziellen Zeit zu sehen respektive hören bekommt – und aus welchem Grund auch immer, man weiss anhand des Klangs sofort, dass es um diese ganz speziellen Tage im Jahr geht. Und dieses besondere Gefühl, diese einzigartige Stimmung war etwas, das ich für mich einfangen und nachbilden wollte. Jahr für Jahr habe ich diesen Traum von einem Weihnachtsalbum vor mir hingeschoben – „O Mist, heuer hat es wieder nicht geklappt, dann halt nächstes Jahr“ – und das Spiel beginnt vor vorne. Aber dann kam Corona und ich wusste recht schnell, dass ich für die nächsten zehn Monate einfach nur rumsitzen und nichts zu tun haben würde. Meine Freundin fragte mich dann, wieso ich jetzt nicht die Chance nutzen und mit der Umsetzung meines Traums beginnen würde…

MI: Richte deiner Freundin meinen aufrichtigen Dank aus! Sie hat wahrlich gute Ideen!

Tommy: Ja, absolut (lacht). Und ich bin ihr auch sehr dankbar, dass sie mich quasi mit der Nase drauf gestossen hat, obwohl es ja eigentlich so naheliegend war. Als erstes habe ich ein paar Songfragmente geschrieben und sie meinen Band-Kumpels gezeigt. Die meinten nur, klar, machen wir. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine genaue Vorstellung davon, wie sich die einzelnen Titel des Albums zusammensetzen sollten. Als ich dann bei einem Song mit den Lyrics nicht so recht zurande kam, stellte ich mir vor, wie Ebenezer Scrooge in die Vergangenheit reist – Zeitreisen sind immer eine coole Sache. Also habe ich es meiner Fantasie folgend umgesetzt – und mir danach gedacht, wäre es nicht eine tolle Sache, wenn das gesamte Album von Scrooge respektive eben Charles Dickens Geschichte „A Christmas Carol“ als Thema handeln würde? Wir schreiben unsere eigenen Songs, flechten aber ganz verschiedene, bekannte Weihnachtsmelodien mit ein.

Als ich den zweiten Song in Angriff genommen habe, entschied ich mich ganz spontan dazu, aus der Sichtweise von Scrooge zu singen – so, als wäre ich er. Dieser Ansatz, diese Ich-Perspektive, klang für mich irgendwie besser, überzeugender. Denn schlussendlich musste ich mich entscheiden, ob ich Erzähler oder der Sänger dieser Band bin. Es fühlte sich für mich einfach natürlicher an. Also änderte ich das Konzept und wurde selbst zu Scrooge.

Aber wenn ich nun Scrooge verkörpere, dann kann ich nicht darüber singen, was passiert, die Story nicht vorantreiben. So haben wir noch Weitere Stimmen hinzufügen, die in die Geschichte mit einfliessen und sie lebendig gestalten. Des weiteren entschied ich mich schon relativ früh dazu, dass „Ghost Of Christmas Present“ (Geist der Gegenwart) ein Duett werden sollte. Ok, schlussendlich wurde dann beinahe jeder Song ein Duett, respektive ein Lied, in dem verschiedene Figuren beteiligt sind. (lacht) Und bei der Ballade „The Joy Of Christmas“ schlüpfe ich in die Rolle von Bob Cratchit, seinem Angestellten, verändere dabei aber etwas meine Stimmfarbe, so dass es wie jemand anderes klingt.

So ist das Ganze entstanden – die Geschichte von Ebenezer Scrooge hat mich stets begleitet, seit ich ihn in einer Schulaufführung spielte. Ich war damals 17 Jahre alt und musste mich sehr stark mit dieser Figur, seinem Wesen, seinem Charakter auseinandersetzen. Wie und wieso er etwas tut, was seine Beweggründe sind, und das hat die ganze Geschichte für mich auch in ein anderes, ganz spezielles und persönliches Licht gerückt.

Wenn du so willst, hat er mich beinahe ein Leben lang begleitet – obschon ich mit „Scrooged“ aufgewachsen bin (lacht), welches übrigens die erste Film-Adaption war, die ich je von „A Christmas Carol“ gesehen habe. Ich fand den Streifen einfach nur cool, gerade auch weil der Weihnachtsmann und seine Elfen gleich zu Beginn wie wild mit Maschinengewehren um sich schiessen – was für mich als Kid einfach nur verdammt abgefahren war. Von daher kannte ich die Geschichte, aber bei dieser Schulaufführung musste ich Scrooge kennenlernen, herausfinden, wer er wirklich ist. Und zudem ist es einfach auch eine schlicht fantastische Geschichte: Sie ist gruselig, vermittelt dir gleichzeitig aber auch dieses weihnachtliche Gefühl – es ist ein Abenteuer und beinhaltet auch Streifzüge durch die Zeit. Sie enthält also alles, was eine gute Erzählung ausmacht: Weihnachten, Horror, Abenteuer und Zeitreisen. „A Christmas Carol“ könnte also genauso gut „Back To The Future, Past And Present“ heissen (beide lachen herzhaft).

MI: „A Christmas Carol“ ist für mich die nahezu perfekte Mischung aus Power Metal, Musical, Theater und Weihnachten. Als ich mir das Album das erste Mal angehört habe, war ich draussen im Wald joggen und vom ersten Moment an in Festtagsstimmung – auch wenn es sich bei knapp 20 Grad so gar nicht weihnachtlich angefühlt hat. Habt ihr schon darüber nachgedacht, das Ganze mit all den Figuren, Bühnenbildern etc. so richtig in Szene zu setzen?

Tommy: Ja, absolut. Wir haben von Beginn weg darüber diskutiert, ob und wie wir dies als Show präsentieren könnten. Was dann allerdings auch die nicht ganz so unbedeutende Frage aufwirft, ob wir nun diejenigen sind, die schauspielern, oder dann doch eher die, welche musizieren. Ok, die Rolle von Scrooge lässt sich relativ einfach umsetzen – ich lege meine Gitarre zur Seite und singe während der ganzen Show. Aber wie stellen wir das mit unserem Bassisten Chris [David] an, der ebenfalls Leadvocals singt und hier und da weitere Stimmen beisteuert? Dasselbe gilt für Alex [Oriz; Gitarre] oder speziell unseren Drummer Joel [Kollberg], der ebenfalls singt und verschiedene Personen verkörpert… Sollte er seine Schiessbude verlassen und sie für ein paar Songs einem anderen Schlagzeuger überlassen? Wir sind uns noch nicht schlüssig, wie wir das Ganze umsetzen sollen. Aber vielleicht läuft es ja auch darauf hinaus, dass jemand anderes unsere Songs für uns spielt, während wir auf die Bühne gehen.

Aber wie auch immer, wenn es nächstes Jahr im November, Dezember möglich sein sollte zu touren, so werdet ihr Majestica im weihnachtlichen Gewand erleben, soviel steht fest. Und ob es eine opulente Musical-Show werden wird oder wir die Songs einfach so spielen, haben wir wie gesagt noch nicht abschliessend entschieden. Aber wir möchten kommendes Jahr wirklich eine Tour auf die Beine stellen, und darauf arbeiten wir alle sehr hart hin. Weisst du, es wäre wirklich cool, etwas Grosses auf die Beine stellen zu können, mit verschiedenen Figuren, Requisiten, einfach allem. Das wäre traumhaft.

MI: „A Christmas Carol“ enthält auch viele symphonische Elemente, Röhrenglocken, Glockenspiel – ein Wort, das übrigens aus dem Deutschen kommt und Englische genau gleich heisst –  und Schlittenglocken. Hattet ihr hier die Unterstützung durch ein echtes Orchester, oder habt ihr mit Samples gearbeitet?

Tommy: Wir haben grundsätzlich mit Samples gearbeitet, aber die Schlittenglocken waren echt. Chris und ich haben uns eine gekauft und sie dann auch richtig gespielt und aufgenommen – was sich aber als ziemlich schwierig herausgestellt hat, da das Teil alles andere als einfach zu handhaben ist. Denn wenn du draufschlägst, kommt der Ton ein klein wenig vor dem Schlag. Man muss das Ding einfach nur halten und dann nur ganz leicht bimmeln – aber der Klang der Glocken erfolgt etwas zuvor. Das hat die Aufnahmen dann doch recht aufwändig gestaltet, da wir dem Takt stets ein Bisschen voraus sein mussten – und hat uns ehrlich gesagt auch ziemlich Zeit und Nerven gekostet. Es war eine echte Herausforderung, hat aber gleichzeitig auch enorm viel Spass gemacht. Es war etwas, das wir so noch nie getan haben, und dieses Neuartiges hat halt seinen ganz eigenen, besonderen Reiz. Wir hätten uns damit begnügen können, auch hier ein Sample zu verwenden – das klingt so echt, dass du keinen Unterschied feststellen kannst – aber der Fun-Faktor wäre nie auch nur ansatzweise so hoch gewesen – und du weisst, dass das echt und ohne technische Tricks eingespielt wurde. Vielleicht können wir das nächste Mal, wenn es unser Budget dann zulässt, mit einem echten Orchester zusammenarbeiten, das wäre fantastisch – da würde ein lange gehegter Traum wahr werden.

MI: Oder ihr holt euch ein Orchester zur Begleitung auf die Bühne, wenn ihr auf Tour geht, wie das Visions Of Atlantis auf ihrer kürzlich erschienenen Live-DVD gemacht haben (und wir deswegen auch zu einem Interview gebeten haben).

Tommy: Das wusste ich nicht, cool. Ich denke, ich werde mir das mal anschauen müssen!

MI: War die Arbeit an „A Christmas Carol“ im Vergleich zu anderen Alben – gerade auch was das Songwriting anbelangt – schwieriger oder einfacher für dich?

Tommy: Es war in der Tat schwieriger – aber es ist ehrlich gesagt auch sehr lange her, dass ich so viel Spass beim Schreiben von Musik verspürt habe. Die grösste Herausforderung war für mich, die Songs so zu schreiben, dass sie nach Weihnachten klingen. All die Röhrenglocken, Glockenspiele und Schlittenglocken sowie die ganze Orchestrierung rund herum so zusammen zu stellen, dass man sofort merkt, wow, das ist ein Weihnachtslied – das war schwierig. Aber wenn ich dir so zuhöre, so scheint uns das ganz gut gelungen zu sein [eifriges Nicken meinerseits], und das macht mich wirklich sehr, sehr glücklich!

Rückblickend waren die Arbeiten an unserem Vorgängeralbum „Above The Sky“ einfacher, da wir keine Rücksicht auf Gefühle und solche Dinge nehmen mussten. Betrachten wir als Beispiel „Ghost of Marley“, wo Ebenezer Scrooge und Jacob Marley sich zum ersten Mal treffen. Scrooge hat Angst, was auch nachvollziehbar ist, schliesslich ist Marley sein alter Geschäftspartner, nun aber seit sieben Jahren tot und ein Geist – und die ganze Szenerie, einfach alles ist nur unheimlich – „Höre meine Warnung“. Bei so etwas konnte ich nicht einfach die Melodie von „Jingle Bells“ verwenden und gut ist, das hätte einfach nicht gepasst. [Tommy singt „here i come i’m a ghost you should be scared of me“ mit der Melodie von Jingle Bells]. Nein, es musste düster klingen, man muss anhand der Musik spüren, dass Scrooge Angst und einen echten Geist vor sich stehen hat. Aber trotz alledem sollte es nach Weihnachten klingen – dieser Aspekt war wohl die grösste Challenge, der wir uns stellen mussten – eben ein echt gruseliges Weihnachtslied zu schreiben (lacht).

Dasselbe gilt auch für den Geist der zukünftigen Weihnachten [Ghost Of Christmas To Come]. Dies war der erste Song, den ich für das Album geschrieben habe, aber gerade auf diesen musste ich mehrmals zurückkommen und ihn so abändern, anpassen, dass er dunkler, böser – aber dennoch weihnachtlich klingt. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige nun denken, dass ich ein grosser Fan von Tim Burtons „Nightmare Before Christmas“ sei – aber um der Wahrheit Genüge zu tun, ich habe diesen Film bis heute nie gesehen. Ich weiss lediglich, dass die Musik dazu irgendwie gruselig und unheimlich, aber auch Christmas-like rüberkommt. Und genau das war auch unser Anspruch – und hat die ganze Aufgabe dermassen spannend gemacht.

Es gibt einige Weihnachtslieder, die wirklich düster sind, wie zum Beispiel „God Rest Ye Merry Gentlemen“, das eher traurig und bedrückend daher kommt – und daher perfekt zum Song über den Geist von Marley passt. Denn dieser muss gespenstisch erscheinen, und dazu passt nun mal die Tonart Moll – und genau aus diesem Grund eignet sie sich auch so perfekt für dieses Lied. Der Refrain folgt dann der Melodie von „Deck The Halls“ [Tommy sing diesen vor] – aber wir haben ihn ebenfalls in Moll abgeändert [singt dieselbe Stelle nochmals, nun jedoch in Moll – der Unterschied ist fast körperlich spürbar]. Es ist derselbe Song, aber er klingt anders, unheimlicher. Zudem haben wir die Melodielinie noch etwas angepasst, um ihr eine noch düsterere Note zu verleihen.

Aber genau solche Details waren es dann schlussendlich auch, die wirklich Spass gemacht haben – uns zugleich aber vor die nicht ganz einfache Aufgabe gestellt haben, Akkorde entsprechend anzupassen, damit es noch immer natürlich und stimmig klingt. Das hat viel Zeit in Anspruch genommen, sich meiner Meinung nach aber wirklich ausbezahlt. Und ehrlich gesagt freue ich mich schon jetzt darauf, irgendwann vielleicht noch einmal ein Weihnachtsalbum zu machen. Falls das dann klappen sollte – ich meine es gib so viele tolle Weihnachtsgeschichten, die es zu erzählen gibt… „The Grinch“ zum Beispiel, oder „Krampus“… es gibt so viele davon.

MI: Du hast erwähnt, dass du ein grosser Fan der „Back To The Future“ – Filme bist. Angenommen, du hättest die Möglichkeit, in der Zeit zurückzureisen – welchen Ratschlag würdest du deinem, sagen wir mal 15 Jahre jüngeren Ich geben?

Tommy: Ich denke, ich würde ihm raten, auch weiterhin Musik zu machen, parallel dazu aber auch eine richtige Ausbildung zu absolvieren, damit er einer geregelten Arbeit nachgehen kann. Denn es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich es wirklich bedauert habe, nichts anderes als Musik erlernt zu haben. Klar, jetzt zahlt sich das Ganze endlich aus, und ich kann mir damit meinen Lebensunterhalt verdienen, aber es gab Zeiten, als ich keinen Job finden konnte, weil ich eben keine aus wirtschaftlicher Sicht richtige Ausbildung hatte. Das ist der Rat, den ich mir selbst mit auf den Weg geben würde. Es mag dir durchaus gelingen, von der Musik zu leben, aber bis es soweit ist, sind eine solide berufliche Lehre respektive eine gute Arbeit mindestens ebenso wichtig – denn das mit der Musik kann dauern.

MI: Letzte Frage – oder wohl eher Bitte – an dich, Tommy, da unsere dreissig Minuten beinahe um sind: Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit, mit Elize Ryd von Amaranthe zu sprechen. Einige Sabaton-Fans wünschten sich nach eurem gemeinsamen Auftritt in Stockholm (82nd All The Way) ein Duett von Joakim und Elize – und ja, Elize war von der Idee begeistert (siehe Interview) – könntest du dies Joakim bitte so ausrichten? Ich denke, das könnte noch eine recht spassige Angelegenheit werden, gerade auch jetzt in einer Phase ohne Tourneen und dergleichen…

Tommy: (lacht) Absolut – ich werde diese Botschaft auf alle Fälle gerne so weiterleiten. Und ich bin überzeugt, dass die guten alten Zeiten, wie wir sie kennen, als die Leute noch an Konzerte gingen und feierten, bald wiederkommen werden.

MI: Wenn das kein Schusswort ist! Tommy, ich möchte mich ganz herzlich für dieses interessante Gespräch bedanken. Ich wünsche dir noch einen tollen Spaziergang im Wald und es wäre cool, dich im nächsten August zusammen mit Sabaton am Riverside OpenAir live sehen zu können – sowie dann hoffentlich in der Adventszeit 2021 auf Tour mit Majestica!

Tommy: Ich habe zu danken, auch für die wirklich netten Dinge, die du über unser neues Album gesagt hast. Man sieht sich!

Nachtrag: Wer auf den Geschmack gekommen ist, sich in der (aus aktuellem Anlass wohl eher etwas tristen) Adventszeit wieder einmal den einen oder anderen Weihnachtsfilm anzusehen, findet hier eine gute Auswahl.

 

Video Majestica – Ghost Of Marley

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