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Rammstein – Zeit (Cover Artwork)
Fr, 29. April 2022

Rammstein – Zeit

Neue Deutsche Härte
28.04.2022
Rammstein – Zeit (Cover Artwork)

Schöner, grösser, härter!

Rammstein hauen auf „Zeit“ gewohnt brachial-brutal in die Gehörgänge der Zuschauer und erschaffen dabei Melodien, die sich auch nach Wochen nicht aus dem Kopf verbannen lassen. Im Vergleich zum Vorgänger, dem unbenannten Album, klingt dieses wieder härter und ungezügelter, reifer und doch “Back-To-The-Roots” zu “Herzeleid”, wo alles begann – ohne die Gegenwart zu vergessen.

Neues Klassisches

Rammsteins Sound ist weltweit bekannt. Vielmals kopiert, nie erreicht. Offensichtlich weiss das auch die Band selbst. Warum das Rad neu erfinden, wenn es ohnehin rund läuft? Trotzdem wird es mit der «Zeit» nicht langweiliger. Kleinere und grössere Überraschungen lassen Flakes simples, aber kreatives Tastendrücken, Schneiders typische Drums und die harten Riffs noch immer neu, ja gar revolutionär im Kontrast zu anderer Musik, erscheinen. Die “Neue Deutsche Härte” lebt, auch wenn nur eine wirklich relevante Band übriggeblieben ist.

Ohne Intro, ohne Vorwarnung

Rammstein ziehen uns gleich mit «Armee der Tristen» in ihre Bahnen. Die Musik, besonders die Drums, erinnern an «Mein Herz Brennt». Der Text fordert den Hörer auf zu folgen, tief hinunter in die Tristesse. Wir sollen ihren Tragödien Aufmerksamkeit schenken. Sind wir doch so traurig wie sie.

Wenn an Konzerten von Billie Eilish die Meute «I wanna end me» – «Ich will mich beenden» mit grölt, dann ist klar, dass Emos und Gruftis längst im Mainstream angekommen sind. Studien belegen, dass Musik immer trauriger wird. Melancholie ist das neue Cool. Wer dazugehören will, spricht offen über seine dunklen Gefühle.

In den Worten von Rammstein: «Komm wir schliessen unsere Reihen, marschieren im Gleichschritt gegen Glück» und «Die Partei der Hoffnungslosen, werde Mitglied, trete ein. Jeder darf es sein.»

Gleichzeitig kann der Track auch als Einleitung in das Album verstanden werden, denn man fährt gleich melancholisch fort:

Im Titelstück «Zeit», erzählt Till Lindemann von Vergänglichkeit, dem Wunsch, das «Jetzt» festzuhalten. Vielleicht eine Abrechnung mit dem Gefühl des Älterwerdens? Wird die Band doch auch nicht mehr jünger und bewegt sich langsam aber sicher auf die Kategorie «alternde Rockstars» zu.

Alleinstehend könnte das Lied «Zeit» gar ein Symptom einer klassischen Entwicklung einer Rockband sein: Die Musiker werden älter, die Musik wird ruhiger, die Texte ernster. Die einst provokante Band, kann nun auch im öffentlich-rechtlichen Radio gespielt werden und meine Mutter, die ansonsten eher Eric Clapton, Sting und Mark Knopfler hört, findet plötzlich einen Rammstein-Song ansprechend. Unterlegt wird der Gesang Balladen-typisch vom Piano. Ausserdem gesellt sich eine Gitarre dazu, die an das Bonanza-Theme erinnert. Der Song steigert sich weiter in der Dramaturgie. Es fügen sich härtere E-Gitarren ein. Direkt kommen mir diverse andere Stücke in den Sinn, die ähnlich aufgebaut sind. Immerhin hört man klar die typischen Rammstein-Riffs raus. Ansonsten ist der Track für mich zu ähnlich wie andere Balladen. Da fehlt irgendwie das «Ramm in Stein».

Die Melancholie bleibt ein stetiger Begleiter auf dem Album. Das Versprechen aus “Armee der Tristen”, gegen Glück in den Krieg zu ziehen, wird nicht gebrochen. “Schwarz” handelt unverblümt von der Depression, von der Dunkelheit, die zur gewohnten, gar angenehmen Normalität wird.

«Immer, wenn ich einsam bin; zieht es mich zum Dunkel hin.»

Interessanterweise ähnelt die Instrumentalisierung stark derer des vorigen Liedes. Auch hier macht der Anfang ein Piano, das dann von Schlagzeug und Bass abgelöst wird. Der Song hat allerdings mehr Rammstein-Charakter, wirkt, trotz harter Riffs und weniger Klavier, sanft. Dazu trägt sicherlich auch Tills Stimme bei, die hier, fast schon Schlager-ähnlich – Heino lässt grüssen – eingesetzt wird. Des Weiteren bringen, über ganze Takte gezogene Akkorde, Ruhe in den Song. Definitiv die bessere Ballade auf dem Album, auch wenn sie unter den Fans vermutlich kaum gegen den Platzhirsch “Zeit“ ankommt.

Tanzbarer

Mit «Giftig», folgt der erste Track ganz im Stil des klassischen Tanz-Metals, wie Rammstein ihre Musik selbst nennen. Der Synthie kommt wieder mehr in den Vordergrund, die Drums geben einen stampfenden Rhythmus vor – es dürfen die Köpfe gebangt werden. Lindemanns Stimme bekommt in der Mitte des Songs plötzlich etwas Metallisches: Autotune wurde als Stilmittel eingesetzt, wie man es sonst nur aus Genres, wie dem Cloud-Rap kennt. Ungewohnt, doch erfreulich zu hören, dass offensichtlich noch heute im Studio experimentiert und Neues ausprobiert wird. Thematisch bleibt es düster. Der Song handelt von einer toxischen Beziehung, aus der sich der Protagonist nicht befreien kann.

«Du bist giftig, ach so giftig; gestochen als ich schlief, und der Stachel sitzt so tief.»

Ähnlich toxische Züge, scheint die «Body-Positivity»-Bewegung angenommen zu haben. Sind nun nicht mehr nur Abweichungen von den Schönheitsidealen, Dinge, auf die man in ihrem Sinne stolz sein soll, gilt nun auch das Herumpfuschen am eigenen Körper in Form von Schönheit-OPs, als Ausdruck der Liebe zu sich selbst. Die Anzahl chirurgischer Eingriffe in die Optik eines Menschen steigt an,

«Doch ohne Schmerzen geht es nicht», warnen Rammstein in «Zick Zack», denn auch die Meldungen von Todesfällen bei solchen, eigentlich unnötigen, Eingriffen steigt an. Prominenz und Instagram-Filter, die nachweislich vermehrt zum allgemeinen Schönheitsideal beitragen, geben «Schöner, grösser, härter» vor. Passend dazu brachial dröhnt der Song aus den Boxen. Wahrlich, ein weiterer Ohrenwurm.

«Zick Zack Zick Zack; schneid das ab!»

Als ginge man zum Friseur und lasse sich nicht gerade das «Jochbein schnitzen». Kritik auf humorvolle, tanzbare Art, wie sie nur Rammstein verpacken können. Noch heiterer wird es, textlich, in «OK». «OK» steht im Übrigen nicht etwa für eine Kurzform von “In Ordnung”, sondern für “Ohne Kondom”. Witzig… Es scheint als hätte der Texter noch Reste von seinem post-pubertären Projekt «Lindemann» übriggehabt. Will man jetzt krampfhaft eine tiefere Bedeutung in «OK» reininterpretieren, kann man natürlich auch erzählen, der Song handle von Vertrauen. Was zeugt denn von mehr Vertrauen in den Partner als ungeschützter Sex?

Der Chor säuselt im Intro «Oooohnee Kondoom», was erst bei genauerem Hinhören auffällt. Das bietet immerhin ein wenig Amüsement und Abwechslung vom Rest des eher schwermütigen Albums. Ansonsten klingt der Song mehr nach Lindemann als nach Rammstein. Kein Song, den ich auf dem Album vermisst hätte.

Plagiatsgefahr

Wer sich «Zeit» von Rammstein anhört, soll sich auch auf Rammstein gefasst machen! Alles ist vertraut, sehr vertraut, klassisch «rammsteinig». An einigen Stellen steht die Band kurz davor sich selbst zu plagiieren, aber vielleicht ist das auch gewollt?

«Meine Tränen» erinnert zum Beispiel, nicht nur musikalisch, an «Puppe» vom unbenannten Vorgänger-Album. Hier geht es ebenfalls um Kindheitstraumas, die nicht überwunden werden können. Diesmal ist es nicht die Schwester, die sich prostituiert, während sie den Bruder im Nebenzimmer einsperrt und ihn mit Medikamenten betäubt, dieses Mal handelt es von psychischer und physischer Gewalt der Mutter, gegen Kind und Vater, den sie vermutlich gar ermordet hat. «Eine Gruselgeschichte?», könnte man meinen. Tatsächlich fährt der Song noch tiefer in die Glieder, wenn man die Zeitung aufschlägt und der Songtext auch nach dem Lied nicht zu Ende ist.

Trotz aller Versuche zur Gleichstellung, gelten Frauen in unserer Gesellschaft nach wie vor als, diejenigen, die sich um die Kinder kümmern sollen. Eine Mutter gilt als lieb, behutsam, der Vater weiterhin als der Ernährer, auch wenn in vielen Familien mittlerweile beide Elternteile arbeiten gehen. Doch gerade durch diese Stereotypen, wirkt eine Mutter, die ihr Kind schlägt, deutlich grausamer als wenn der Vater dasselbe tun würde. Die Mutter soll schliesslich ein seelischer Rückzugsort sein, so zumindest das traditionelle Bild von ihr. Doch auch andere Rollenbilder feindet Rammstein in «Meine Tränen an». So heisst es:

«Ein Mann weint, nur wenn seine Mutter stirbt […]»

Männer sollen immer stark sein. Gefühlsäusserungen, werden nach wie vor als weiblich, als schwach, gesehen. “Ein Indianer kennt keinen Schmerz” und so weiter, zig dumme pseudo Volksweisheiten ranken sich um das Bild des “starken Mannes”. Wie gefährlich ein solches Bild sein kann, zeigen Rammstein, wenn sie vom Mann, der “noch immer bei Mama” wohnt und sich, wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht traut, Hilfe von aussen zu holen, zu tief auch die psychischen Wunden, die ihm vom Elternhaus zugefügt wurden.

Ob von provokant gewählten Rollenbildern oder wenn vom «schwarzen Mann» die Rede ist – um die eigentliche Nachricht von Rammstein zu verstehen, gilt es genau zuzuhören. So kann auch der Track “Angst” völlig falsch verstanden werden, könnte er doch gleich für einige ein Grund sein, Rammstein in die Rechtsrock-Schublade zu stecken. Dabei positioniert sich die Band hier politisch so deutlich wie zuvor auf «Links 2 3 4» oder «Deutschland». Nimmt das lyrische Ich doch die Position ein, die sich, seit der Vater von dem schwarzen Mann erzählte, vor diesem fürchtet, ohne je mit ihm in Kontakt gekommen zu sein. Die Angst wird also als unbegründeten alten Volksglauben erklärt, aufgebaut auf alten Erzählungen, die in etwa genauso viel mit der Realität gemeinsam haben, wie das Kinderspiel

«Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?»

Der Track erinnert an den Rammstein-Erstling “Herzeleid”, die Gitarren sind brachial, wie etwa auf “Der Meister”, der Synthie dient bloss zur Untermalung. Till gibt wieder einmal die Stimme eines Wahnsinnigen preis, wenn er, als stehe er am Abgrund der Verzweiflung

«Der Rücken nass, die Hände klamm; alle haben Angst»

krächzt. Das Verstellen seiner Stimme: Eine Fähigkeit in puncto Gesang, die viel zu selten gerühmt wird.

Ja, das Kleinbürgertum und seine Problemchen. Sei es nun die Angst vor dem Fremden, oder übertriebene Anforderungen an den Körper der (zukünftigen) Partnerin, während man selbst wie ein Ork aussieht. Sie alle kriegen bei Rammstein ihr Fett weg. Wie die vermutliche Vorlage, der Volksschlager «Aber schön muss sie sein», beginnt «Dicke Titten» mit Kapellenmusik, immer wieder unterbrochen und schlussENDLICH ganz von klassischen Rammstein-Gitarrenriffs abgelöst. In die Tiefe geht der Song textlich nicht sonderlich. Schliesslich handelt er auch von profanen oberflächlichen Gelüsten, eines unsicheren Herrn, in Gegenwart einer Frau mit grossem Vorbau. Sicherlich ist die lyrische Ähnlichkeit zu «Aber schön muss sie sein» nicht zufällig. Doch Rammstein wird konkreter, was man(n) wohl mit «schön» meint. Ein lustiges Liedchen für zwischendurch, gleichzeitig aber auch, wie schon in «Zick Zack», hier ein wenig unterschwelliger, die Kritik daran, wie, insbesondere Frauen, täglich ungewollt, auf ihren Körper reduziert, bewertet werden.

Solche Gedanken zu haben, würde natürlich keiner zugeben. Eher spricht man(n), von Kaffee und Kuchen und dem anschliessenden Besuch bei der Grossmutter, von Treue und Aufopferung. Kitschig, werden diese Versprechen auf «Lügen» mit Harfenklängen untermalt. Alles nicht wahr.

«Ich lüge und betrüge»

brüllt Lindemann in das Mikrofon, während die Musik härter wird. Erneut wird Autotune eingesetzt. Wer wohl auf diese Idee kam?

Trennungsgerüchte verfolgen Rammstein, wie so manche Band, schon seit langem, verkaufen Touren und Alben. Kein Wunder also spielt die Band mit diesen Ängsten, die wieder aufloderten als, bei Bekanntgabe der Tracklist das Wort «Adieu» an letzter Stelle erschien. Handelte «Adios» auf dem Album «Mutter» noch von dem Tod durch Überdosis, eines Drogenabhängigen, so singt Rammstein hier tatsächlich:

«Adieu, Goodbye, auf Wiedersehen».

Verabschieden sie sich vom Album? Gar von den Fans? Oder ist es tatsächlich, wie die Lyrics verraten, ein Song über die Seele, die den Körper verlässt, über den Tod?

Das Fanzit Rammstein – Zeit

Obwohl «Zeit», ganz klassisch nach Rammstein klingt, alles irgendwie vertraut erscheint, wird mir beim Hören nicht langweilig. Die Texte sind unterhaltsam, witzig, anspruchsvoll. Mit der Hymne «Zeit», wurde ein Lied geschaffen, das, ähnlich wie «Nothing Else Matters» bei Metallica, auch Leute anspricht, die ansonsten nichts mit Rammstein am Hut haben.

Leider fehlen hier, Kraftwerk-Hommagen («Radio»), Rammstein-untypische EDM-Tracks («Ausländer») oder andere Absurditäten, die der Vorgänger, das unbenannte Album, beheimateten. “Zeit” ist dafür umso härter, kraftvoller und geradliniger. Eine Empfehlung allemal für alle Rammstein-Fans und jene, die hören wollen, wie Rammstein klingen.

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Video Rammstein – ZickZack


Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 7.5/10



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