Boisson Divine – Eretatge
Folk Metal
Das Vermächtnis der Gascogne
Die Gascogne mag seit dem 18. Jahrhundert keine französische Provinz mehr sein, aber Boisson Divine lassen auf «Eretatge», ihrem neusten Werk, ganz viel aus der nach wie vor intakten Kulturregion einfliessen.
Aber mal langsam. Wer sind Boisson Divine überhaupt? Die Band ist hierzulande genügend unbekannt, dass eine kurze Vorstellung angebracht ist. Vor dreizehn Jahren hat die Truppe ihr Debüt veröffentlicht und «Eretatge» ist nun das vierte Album im Repertoire, erschienen ist es übrigens via Verycords. Das Sextett stammt aus dem Südwesten von Frankreich, einer seiner Köpfe ist Baptiste Labenne, der unter anderem bei Hantaoma an der Gitarre steht. So viel zum Hintergrund, dann können wir uns nun ja der Musik zuwenden.
Die erwähnte Herkunft aus dem südwestlichen Frankreich drückt diesbezüglich durch sämtliche Poren der Veröffentlichung. Zuvorderst bei der Sprache: Die Texte sind durchs Band im lokalen Idiom gehalten. Thematisch kommen Geschichten inspiriert von damals und heute zum Zug. Genauso lebt aber die Musik von der Verwurzelung der Musikerinnen und Musiker in ihrer geografischen Region. Wir haben es mit Folk Metal zu tun, der da und dort über die metallischen Gefilde hinaus in Richtung Rock schielt. Die Grundsubstanz ist eine Mischung aus Heavy und kernigem Power Metal. Folkloristisch gefärbte, inspirierte oder gar tradierte Melodien durchziehen bereits dieses musikalische Gerüst. Dazu gesellt sich eine Vielzahl an Instrumenten, die klassische Heavy-Metal-Bands häufig schief anschauen: von allen möglichen Flötenarten über Bouzouki bis hin zur Aboès, bei der es sich um eine Art Oboe aus den Pyrenäen handelt, für die ich keine deutsche Übersetzung gefunden habe. Hinzu kommt die Besetzung eines Kammerorchesters mit komplettem Streichersatz und Blechbläsern.
Kling wild? Ist es aber gar nicht. Nein, die Kompositionen sind nicht überladen; die acht Songs lassen das Komplexitätslevel niemals ausufern. Banal sind die Lieder von Boisson Divine trotzdem nicht. Zwei der längeren Stücke stechen ins Ohr und zeigen das Spektrum des Albums schön auf. «Ira Die cadit» pendelt immer wieder zwischen rockigeren Passagen und hymnischen Powerelementen, während es dazwischen den Uilleann Pipes Raum lässt, um sich zu entfalten. Die hier im Solo nur beiläufig aufkeimenden klassischen Einflüsse (klassisch wie in «klassische Musik», nicht «klassischer Metal») platzieren Boisson Divine in «Lo pont deu Diable» dann prominent im Vordergrund. Doch auch bei einer Songdauer von zwölf Minuten bleibt die Band mit ihrem Material nachvollziehbar. «Eretatge» bewegt sich über die gesamte Laufzeit von knapp 49 Minuten in zugänglichen Gefilden. Dazu trägt die Tatsache bei, dass jedes Lied einen eigenen Charakter besitzt. Letzteres ist allerdings ein zweischneidiges Schwert: Hebt sie das zwar voneinander ab, kratzt es stellenweise etwas stark an der Homogenität des Albums als Ganzes.
Und die oben erwähnte Verwurzelung? Zeigt sich darin, dass die Musik so klingt, wie man sich Klänge aus dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Spanien vorstellt. Dabei bleiben Boisson Divine eigenständig: In seiner Gesamtheit klingt das Album auf der einen Seite weniger lieblich als seine spanischen Pendants und auf der anderen Seite sinfonischer, ja melodieorientierter als die ähnlich gelagerten Kollegen aus Frankreich. Und gerade diese Nische in der Mitte der beiden Gepflogenheiten macht Boisson Divine zu etwas Besonderem.
Das Fanzit zu Boisson Divine – Eretatge
Boisson Divine präsentieren facettenreiche Musik ganz unverkrampft. «Eretatge» ist gelebte Kultur und steht damit in einer Reihe mit dem Quell seiner Inspiration, dem Vermächtnis der Gascogne.
Video Boisson Divine – Lo Palestrion


