Budapest – ein Metalinside-Reisebericht
BARhole (Budapest, HUN)Riff (Budapest, HUN)Robot (Budapest, HUN)
Metalheads in Budapest
Reiseführer führen in Jazzbars und Opernhäuser. Doch dieser hier führt in die Metalszene von Budapest. Diese Stadt bietet deutlich mehr als Kaffeehäuser und die Donau. Warum sich nicht mal von einem Mann von einer Bühne herunter anschreien lassen?
Herein ins Ungewisse
Grossstädte, Hauptstädte oder andere Städte, deren Mietpreise in die Höhe schiessen, da immer mehr Wohnungen als Airbnb an Touristen vermietet werden, beheimaten meist Orte, die von Reiseführern und Influencern als Sehenswürdigkeit oder Attraktion lobgepriesen werden. Die Realität ist grösstenteils eher ernüchternd: dichtes Gedränge und ganz viele Leute, die Fotos von sich machen. Dafür hätte der Besuch eines Passamtes zur Stosszeit gereicht.
Die eigentlichen Schätze verbergen sich vor allem da, wo man sie entdeckt, anstatt dass man zu ihnen hingeführt wird: Niemand wird nach Ferien in Paris erzählen, dass der Stahlturm tatsächlich hoch war. Dass von einem kleinen, unscheinbaren Restaurant in dessen Nähe geschwärmt wird, ist hingegen deutlich realistischer.
Auf der Suche nach Düsternis
Die Metalszene ist für ihren Zusammenhalt bekannt. Ein ähnlicher Musikgeschmack kann ausreichen, um neue Bekanntschaften zu schliessen. Deshalb besuche ich, wenn ich mich für mehr als einen Tag in einer fremden Stadt aufhalte, Szenetreffs mit Livemusik. So lernt man einheimische Menschen, neue Bands und somit eine ganz andere Perspektive der Stadt kennen, die beim reinen Abklappern der bekanntesten Plätze verborgen geblieben wäre.
In Zeiten des Internets ist es keine Herausforderung mehr, solche Clubs zu finden: googeln, nichts finden, einen AI-Chatbot seiner Wahl fragen, die Antwort dessen gegenprüfen, herausfinden, dass der Computer gelogen hat, und von vorn beginnen.
Klein in Budapest
Gemessen an der Grösse Budapests, ganze 1,7 Millionen Menschen wohnen hier in keinem Airbnb, ist die Anzahl von Metalbars überschaubar. Was erstaunt, liest man auf Litfasssäulen die Namen der Bands, die in den kommenden Monaten der Stadt einen Besuch abstatten: Papa Roach, Scorpions und Metallica, um nur ein paar zu nennen.
Die Locations für die kleinen Bands sind der «S8 Underground Club», der «Riff Club», das «BackStagePub» und, je nach Definition einer Bar, das «Robot». Wirklich nennenswert sei jedoch nur das «Riff», wie uns Einheimische erklären.
Der Riff Club
Dieser Riff Club lässt sich von der Grösse etwa mit der Met-Bar in Lenzburg vergleichen. Untergebracht ist er in einem Gewölbekeller. Gefühlt spielt sich das gesamte Budapester Nachtleben in Gewölbekellern ab. Der Eingang befindet sich mitten auf einem Fussgängerweg und gleicht dem einer U-Bahn: Eine steile Treppe führt in ein Loch im Boden. Keine Einzigartigkeit: An anderen Orten der Stadt werden diese eigenartigen «U-Bahn-Keller» ebenfalls als Bar oder Verkaufsfläche genutzt.
Das eigentliche Riff ist in drei Räume aufgeteilt. Im Eingangsbereich bezahlt man einen symbolischen Eintrittspreis, der selbst für ungarische Verhältnisse tief ausfällt. Geld wird hier an Getränken verdient. Die Bartheke ist eher kurz und lädt daher nicht wirklich zum Verweilen ein, auch da man von ihr keinen Blick in den eigentlichen «Konzert-Raum» hat. Sitzen und plaudern kann man entweder vis-à-vis an Tischen, deren Stühle durch von der Decke hängende Schaukeln ersetzt wurden, oder weiter hinten, tiefer im Gemäuer, stilecht an schwarzen Tischen, auf schwarzen Stühlen.
Der eigentliche Bühnenbereich fällt, obwohl die Location am Donnerstagabend, an dem ich sie besuche, nicht gerade überrennt wird, eng und gedrängt aus, was daran liegen mag, dass das ungarische Konzertpublikum dem schweizerischen in nichts nachkommt: Konsequent werden ein bis zwei Meter Anstandsabstand zum Bühnenrand eingehalten, selbst dann, wenn die Band bittet, dies zu unterlassen.
Die Bühne selbst ist so klein, dass die Leadsänger der Bands jeweils im Publikum stehen. Ein räumlicher Aufbruch der Distanz zwischen Auftritt und Publikum, doch dieses bleibt standhaft bewegungslos in der Rolle des Zuschauers. Immerhin wird applaudiert.
Retorsion
Die ersten beiden Bands habe ich verpasst. Nicht bewusst, nicht aus Versehen, schlicht weil der Bar ein Besuch abgestattet wird, ohne sich zuvor nach einem Programm zu erkundigen. Ein vollständiges, fernab der analogen Welt einsehbares Programm existiert sowieso nicht. Auf eine Webseite verzichtet das Riff, der Facebook- und Instagramaccount führt nur eine Handvoll der anstehenden und vergangenen Events auf. Kommuniziert, was wann läuft, wird (im besten Sinne) „altbacken“ über punkartig do-it-yourself gestaltete Plakate, mit denen die Wände tapeziert sind.
Retorsion heisst die erste Band des Abends, die meine Kollegin und ich auf die Ohren bekommen. Sie ist definitiv kein Metalhead, es ist ihr erstes Metalkonzert überhaupt, und wie sich herausstellt, findet heute ein Grindcore-Abend statt. Toll. Als würde man eine Faust in die Fresse als Einstiegsdroge wählen.
Doch bei einer neunzigprozentigen Wahrscheinlichkeit, dass eine Afrobeat-bevorzugende Kollegin keinen Gefallen an einer Band findet, deren Musik wie durch den Fleischwolf gepresst klingt, besteht nach wie vor eine kleine Möglichkeit, dass dem Dargebotenen etwas abgewonnen werden kann, und tatsächlich tritt diese heute ein.
Vielleicht liegt es am Abend, vielleicht an der Location, vielleicht am Aperol Spritz (wer trinkt in einer Location wie dieser Aperol Spritz? – Wenn das mal nicht ein Auflehnen gegen festgefahrene Normen ist), vielleicht an den Leuten ganz vorne, mit denen wir zu headbangen beginnen.
Die Texte von Retorsion sind auf Ungarisch, was erst auffällt, wenn man in das Booklet einer ihrer CDs schaut. Zuvor hätte es ebenso gut Russisch oder sonst was sein können. Grindcore war nie dafür bekannt, Wert auf Verständlichkeit zu legen. Ungeachtet dessen, darf man der Band definitiv zugestehen, dass sie Energie in den Raum pustet und brüllt. Nur leider wird diese bloss von einem kleinen Teil des Publikums gespiegelt. Mag vielleicht daran liegen, dass es, abgesehen von den zwei Touristen, für die meisten ein normaler Donnerstagabend ist, auf den ein normaler, mühsamer Arbeitstag folgt.
Pulmonary Fibrosis
Den Abend schliessen Pulmonary Fibrosis ab. Ihr Grindcore fällt insbesondere dadurch auf, dass der «Growler» der Band, der als einziger kein Instrument in der Hand hält, einen verzerrenden Effekt auf seinem Mikrofon hat, wodurch seine Stimme dämonisch-tief klingt, was ausserhalb des Sets, während seiner Ansagen, eher belustigend als aufgesetzt böse klingt.
Aber auf einen künstlerischen Einsatz von «Autotune» im Grindcore muss man erst mal kommen.
Nach dem Konzert stehen wir nichtrauchend neben Rauchern vor respektive auf dem Club. Wie prognostiziert, wurden wir von einem Metalhead-Freundeskreis adoptiert, der uns begeistert von der Abwahl des «faschistischen Arschlochs Orban» erzählt und mich, nachdem ich meine Herkunft preisgegeben habe, fragt, ob ich «Paleface Swiss» kenne.
BARhole
Um Mitternacht setzt das Riff den Deckel auf. Anders wäre das Loch im Boden schliesslich nicht zu schliessen. Da wir jedoch das Ende des Abends noch nicht gefunden haben, ziehen wir, geleitet von den neuen Bekanntschaften, weiter ins BARhole: einen weiteren Gewölbekeller, in dem eine Bar untergebracht ist. Dieses Mal gibt es Musik jedoch nur von einer Spotify-Playlist.
Bis zur letzten Runde trinken wir das ein oder andere Erfrischungsgetränk und stellen an einem halbkaputten «Tischtöggelikasten» fest, wie schlecht wir in diesem Spiel sind.
Robot
Wer als Tourist in Budapest feiern gehen möchte, kommt um den «Instant-Fogas» Komplex nicht herum. Dieser ist Teil der legendären, mittlerweile total gentrifizierten, Ruin Pubs, verfügt über achtzehn Bars, zwei Gärten und sechs Dancefloors. Der Eintritt ist kostenfrei, die Drinks sind es nicht. Musik läuft hier für jeden Geschmack, auch für diejenigen, die es gerne mal härter haben.
Der dafür angedachte Abschnitt heisst «Robot». Am frühen Abend finden hier Rockkonzerte statt. Im Anschluss verwandelt sich dieser, wer hätte es gedacht, Gewölbekeller in eine Diskothek in der von AC/DC über Rammstein bis zu Slipknot ziemlich alles an Rock- und Metalhits der letzten fünfzig Jahre gespielt wird.
Einheimische sind unter den Gästen merklich in der Unterzahl, das Publikum ist national-gemischter, sprich: eher touristisch. Vielleicht ist das der Grund, weshalb hier die Besucher deutlich aktiver agieren als am ungarischen Grindcore-Abend. So erlebe ich die erste Disco mit Moshpits. Ein Konzept, das Spass macht. Dennoch fühlt es sich irgendwie falsch an, zu aufgezeichneter Musik aufeinander zuzurennen.
Das Fanzit – Metalorte in Budapest
Wer in Budapest die Metalcommunity finden will, muss Perlentaucher sein oder an grosse Konzerte gehen. Hat man sie aber gefunden, trifft man auf herzliche Leute und findet sofort Anschluss.
Für Szeneliebhaber ist das Riff ein absolutes Muss, das touristischere Robot kann hingegen getrost ausgelassen werden. Es kann jedoch als Teil eines Kompromisses funktionieren, da eine etwaige Reisebegleitung, die kein Metalhead ist, während des Besuchs einen anderen Bereich des «Instant-Fogas Komplex» auskundschaften kann.


