Aus allen Rohren
«Grosses entspringt Kleinem», «Im Namen des Stahls», «Stabilität in Zeiten der Veränderung» – wir hatten sie ja eigentlich schon fast alle, die grossen, epischen Titel, die als Review-Headliner für das Starlett Stock Festival taugen. Die Suche nach etwas Zeitlosem und gleichzeitig frisch Wirkendem ist daher nicht ganz einfach.
Revolutionäre Idee: Ich mache es mir einfach und bediene mich – einfach – am Artwork des Festivals. Ein «Soldier of Steel», begleitet durch eine fast unscheinbare, deswegen wohl aber nicht weniger grossbusige Amazone, tut das, was er am besten kann: aus allen Rohren feuern. Und das dürfte einmal mehr das hehre Ziel der Stocker gewesen sein. Metal ballern, bis der Arzt kommt (was zum Glück nicht nötig war).
Obwohl… hätte sich ein solcher meine Leberwerte angeschaut, hätte er mir vermutlich anstelle des vierten Starlett Stocks eher eine Woche Reha in einer abgelegenen Klinik verordnet, wo lediglich Vogelgezwitscher die Stille zwischen Trommelfell und Stammhirn unterbrochen hätte. Wenige Tage zuvor befand ich mich schliesslich am Keep-It-True-Festival in Lauda-Königshofen, wo ich mir bei überdurchschnittlich vielen Auftritten die Tonabmischung etwas schön saufen musste. Wie sagt ein Kollege immer so schön: «Wir sind hier nicht auf einem Ponyhof». Da hat er nicht ganz Unrecht.
Dennoch freue ich mich sehr auf das Starlett Stock Festival, wenngleich die Band-Auswahl obenrum, zumindest auf den ersten Blick, wie Pausenmaterial wirkt (in weiter Ferne vernehme ich pulsierendes Schnauben). Dass solche Schubladisierungen aber auch nach hinten losgehen können, wird der Verlauf des Abends dann noch eindrucksvoll zeigen. So stehen dieses Jahr auf dem Speiseplan:
- Acid Blade (DE)
- Sin Starlett (CH)
- Toxikull (PT)
- Emerald (CH)
- Black Angels (CH)
- Strana Officina (IT)
- Picture (NL)
Insgesamt also wieder ein feines Potpourri an Bands, von denen einige nicht unbedingt an jeder Steckdose spielen.
Dass sich die Herren Felber, Meier, Burri, Widmer und Tytan (dessen echter Nachname wohl besser als das Schweizer Bankgeheimnis gehütet wird) – und natürlich das Helferteam – aber nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen und das Festival selbst auch weiterentwickeln, ist ob der limitierten Location (die wir an dieser Stelle etwas genauer beschrieben haben) eine nennenswerte Leistung an sich. Neu ist zudem der (Bier-)Garten auf der anderen Seite des Konzertsaals geöffnet und bietet während den Pausen DJ-kuratierte musikalische Beschallung mit zusätzlichen Sitzmöglichkeiten, die offenbar rege benutzt werden. Das hat den Vorteil, dass der Konzertraum, der insbesondere bei Vollauslastung nichts für Klaustrophobiker ist, immer genügend … nun ja, Raum (!) bietet, um auch mal seine Achselhöhle zu entlüften.
Dazu gibt es den gewohnten Food-Truck mit exzellenter Gaumenbefeuerung für zwischendurch, den auf zwei Etagen verteilten Merch-Bereich, einen kostenlos am Eingang verteilten und farblich durchaus auffälligen wie selbsthaftenden Sin-Starlett-Klett(!)patch und die aufgrund der Preise berühmt-berüchtigt gewordene Tombola. Da war beispielsweise unter anderem schon einfach mal ein Stück Starlett-Kuchen dabei. Sensationell.
Letztlich bin ich aber nicht wegen der Tombola anwesend (das überlasse ich gepflegt meiner Angetrauten, die, ganz zum Ärger vom Metal-Factory-Vertreter Mr. Was-Magnum-sind-ned-geil Bürki auch einen ziemlich netten Preis abräumte), sondern wegen der Bands. Without further ado:
Acid Blade
Es ist ja eigentlich schon fast frech, mein Tages-Highlight gleich zum Auftakt zu verballern. Aber sei es drum: Wenn schon eine Band verballern, dann Acid Blade. Und die lassen ihre Säureklinge – sprichwörtlich und im Excaliburstyle – nicht lange im säurefesten und schön zentral auf der Bühne platzierten Felsen, sondern fuchteln damit schon bald herum und stellen damit klar: Wir sind eine ernstzunehmende Macht! Gesangstechnisch eine Macht ist auf jeden Fall Mikrofonbändiger Julez, der einerseits Klay als festen Bestandteil ersetzt, andererseits aber auch nicht zum ersten Mal den Sedelkessel beehrt: 2024 zersägte er mit seiner Band Thriller und dem grandiosen Street-Metal-Album im Gepäck schon einmal die Bühne (siehe Review hier). Schön, dass er trotz der für mich tragischen Auflösung der Band weiter aktiv ist und sein Stimmorgan mit Acid Blade nun weiter ausleben kann.
Und nicht nur Sänger Julez, sondern die ganze Band kann «Stimmung». Da gibt es keine langen und unangenehmen Aufwärmübungen auf der Bühne, was beim Publikum bestens ankommt. Das Material vom Power-Dive-Album wird inklusive der Hymne «Ablaze At Midnight» vierzig Minuten lang und aus allen Rohren zelebriert. Mit der Bestätigung versehen, dass nun endlich eine weitere Platte kommen soll und an weiterem Material geschrieben wird. Und wenn das nur annähernd so geil wird wie die Power Dive, würde ich gerne um ein Supplement an einem künftigen Starlett Stock Festival bitten. Die Bestellung ist hiermit aufgegeben. Weiter so, Jungs!
Sin Starlett
Lokalmatadoren, Hausband, Gastgeber, helvetische Metal-Instanz – Sin Starlett haben der Namen viele, sind aber vor allem und immer wieder eines: eine, haltet euch fest, «SOLID SOURCE OF STEEL». Das könnte glatt als Name für einen neuen Song herhalten. Und was soll ich sagen: Die Jungs hätten es nicht unbedingt nötig, jedes Mal am eigenen Festival aufzutreten, schaffen es aber dennoch, immer wieder eine Bereicherung für das Line-up zu sein. Es ist einfach erfrischend, mit welchem Elan hier ans Werk gegangen wird und jeder Millimeter der nicht sehr ausladenden Bühne genutzt wird, um allen zu zeigen, was unter Band-Performance verstanden werden sollte. Das haben Sin Starlett schlicht drauf.
Drauf und drin und verinnerlicht haben Sin Starlett auch ihre immer wieder ins Songmaterial eingearbeiteten Twin Leads, was mich als Twin-Lead-Fetischisten innerlich ziemlich oft ein Ave Maria beten lässt. Also, vor Glück – und nicht weil mein Leben davon abhängen würde. Ich wäre demzufolge etwas enttäuscht, wenn die Band mit der Tradition brechen und am nächsten Starlett Stock nicht Teil des Line-ups sein sollte.
Toxikull
Auf die Heavy Metal Defenders aus Portugal bin ich richtig gespannt. a) habe ich sie noch nie gesehen und b) fahren sie ziemlich genau meine Schiene. Egal ob mit dem auf Speed gebürsteten Erstling «Cursed And Punished», dem Priest-anhimmelnden «Under The Southern Light» oder dem kürzlich erschienenen, sehr klassisch wirkenden und im Vergleich fast schon brav daher trabenden «Turbulence»: Toxikull verstehen ihr Handwerk, ohne sich fix auf eine klare Stilrichtung fixieren zu müssen. Just bei Toxikull scheint am Mischpult aber etwas schiefzulaufen. Boten Acid Blade und Sin Starlett noch glasklaren Sound, der auch jedes noch so versteckte Riff auf dem Silbertablett präsentierte, muss ich mich hier regelrecht anstrengen, die beiden optisch definitiv erkennbaren Gitarren ebenso akustisch wahrzunehmen.
Es ist – leider – fast ein Ding der Unmöglichkeit. Drums: Check. Bass: Check. Gesang: Check. Gott bewahre, wenn da noch einer einen Synthesizer bedienen würde. Stehe ich falsch? Besitzen meine Ohren einen Stand-by-Modus? Was ist da bitte los?
Ob der Regler für den Gitarrensound in der zweiten Hälfte des Sets noch gefunden werden wird, vermag ich allerdings nicht beurteilen, weil ich mich nun dem klar hörbaren Ruf meines Magens beuge und etwas Essbares hineinschaufeln muss. So gesehen wünsche ich mir, die Band noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Und bekomme dann hoffentlich einen der Band würdigen Sound serviert. Dennoch: Erstes Toxikull-Konzert in der Schweiz? Man war dabei und wird sich daran erinnern. See you next time!
Emerald
Nicht zu verwechseln mit Emerald (AT), Emerald (NL) oder Emerald (und Emerald und Emerald, 3x USA). Nene, ich meine die einzigen, die wahren, die richtigen Emerald, deren Bandname sich formte, als ein dunkler Kristall vor Jahrtausenden in den Höllenfeuern der Gorgonenfeste Helvethor im heutigen Fribourg von einem unterdrückten Zwergenvolk zu eben jenem Smaragd geschmiedet worden ist, den man heute als Emerald kennt. So erzählen es sich die Legenden. Tatsächlich überliefert ist, dass sich Emerald aus der Asche zweier Bands – Dark Crystal und Oppress – erhoben haben. Klingt etwas langweiliger, ist aber auch wesentlich wahrscheinlicher.
Grundsätzlich geht hier aber wieder ganz schön die Post ab. Und irgendeiner von den Emeralds hat immer ein Dauergrinsen im Gesicht. Das färbt ab, spornt an, macht Spass. Und spiegelt sich genauso in der Musik wider, die ursprünglich noch ziemlich traditionell dem US-Metal zu huldigen schien, in neueren Werken aber hörbar pompöser und melodiös ausgereifter daherkommt, ohne sich zu sehr von den Wurzeln zu entfernen oder gar kitschig zu wirken. Und obwohl Emerald selbst sagen, hart dafür gekämpft zu haben, eine ernstzunehmende Macht im Underground zu werden (oder zu sein?), so würde ich es der Band von Herzen gönnen, auch wieder einmal auf die grösseren Bühnen des Undergrounds eingeladen zu werden. Die gibt es ja.
Übrigens listet die Band auf ihrer Website sämtliche Gigs bis zurück ins Jahr 1997. Gibt es etwas Sympathischeres, als voller Stolz den Gig zu listen, den man am 15. April 2000 im Festzelt der Honda-Garage in Tafers zum Besten gab? Jedenfalls huldigt die Band musikalisch ebenfalls immer wieder der Vergangenheit. Beispielsweise mit dem mächtigen «Tears Of A Warrior» – einer Hymne, die beispielsweise auch im verschlafenen Lauda-Königshofen die Hühner wecken würde.
Black Angels
Ein weiteres Schweizer Rock-Urgestein tritt anschliessend mit den Black Angels auf, die zu einer Zeit gegründet wurden, als Krokus gerade laufen lernten. 1979 war das. Und laufen war für mich als damals noch ungeborener Wunschgedanke ohnehin ein Fremdwort. Nun kommt aber der schwierige Part: Wie kann ich etwas bewerten, womit ich bis zum heutigen Abend kaum Berührungspunkte habe und das mich zudem gerade wenig abzuholen vermag? Liegt es am eher einfachen Aufbau der Songs, was ja nicht zwingend etwas Schlechtes sein muss? Vermisse ich kreativ-verspielte Parts? Die Musik der Black Angels hat damals die Schweizer Rock-Geschichte mitgeschrieben – heute schaffe ich es nicht, durchgehend Zugang dazu zu finden. Es gibt Lichtblicke: Einige Songs starten schön heavy, erinnern fast ein wenig an gewisse ZZ-Top-Glanztaten. Verlieren dann im weiteren Verlauf wieder etwas an Pace. Ron Phillips’ Stimme hat jedenfalls hat etwas Kratzig-Charismatisches, was eigentlich tipptopp zum etwas rumpeligen Garagen-Rock passt.
Strana Officina
Die Überraschung des Abends. Punkt. Aber sowas von! Nach einem gefühlt ewig dauernden Soundcheck mit fast schon verwirrenden Ansagen wie «More less ‘ere» will man wohl verhindern, dass der Metalinside-Schreiber wieder über schlechten Sound im Review schimpft. Mit Erfolg allerdings. Der Soundcheck hat sich gelohnt und nach dem «We are ready»-Ruf des Soundcheckers ballern die italienischen Heavy-Metal-Pioniere aus Livorno so dermassen aus den Rohren, als würde man sich seinen Platz in der Historik des Heavy Metals noch einmal verdienen müssen.
Mindestens die Hälfte des Sets über kennt man keine Gnade mit dem Publikum. Speed, Druck, Power – alles geht voll auf die Fresse und ich schaue ungläubig zu meinen Kollegen, während ich «meinen Pfosten» (ja Dutti, ich habe auch einen!) mit meinem gerade in seinen Grundfesten erschütterten Körper belehne. Erst danach ist die Band gewillt, mal etwas ruhigere Töne anzuschlagen – was aber insbesondere das aus Italien angereiste Fan-Publikum kaum beeindruckt.
Und was sage ich da überhaupt? Das sind regelrechte Fanatiker (ja ich weiss, dass sich das Wort daraus ableitet), die sich ihre Energie für den Auftritt «ihrer» Band aufgespart haben und nun aber so richtig die Hölle in sich entfesseln. So etwas habe ich tatsächlich noch selten gesehen. Sänger Daniele wirkt teilweise wie der Pontifex, der seine schützende Hand über die Häupter der völlig durchdrehenden Anhänger hält, mit dem wenig erfolgversprechenden Versuch, etwaige Dämonen auszutreiben. Nur knapp gelingt es ihm auch, das Mikrofon in seinen Händen zu behalten. Immer wieder lechzt die wilde Schar danach, als wäre der heilige Kelch zum Greifen nah, «nur» um für mich völlig unverständliche italienische Lyrics reinzubrüllen.
Ein besonders in der Schweiz selten zu beobachtendes Naturphänomen – das den nun ohnehin schon aufgeheizten Konzertsaal richtiggehend erglühen lässt. Sowohl die Band wie auch die Fans liefern hier gerade ein Spektakel, das nicht so schnell vergessen gehen wird. È stato davvero fantastico, ragazzi!
Picture
Für einen runden Abschluss des Abends sorgen mit Picture aus den Niederlanden nun weitere Schwermetallpioniere, die ihren Ursprung ebenfalls im Jahre des Herrn 1979 haben und sich vom losgetretenen Erdbeben routiniert unbeeindruckt zeigen. Ich muss gestehen – an vergangenen Auftritten hatte ich durchaus so meine Mühe mit dem Material. Die Rechtfertigungen dafür lasse ich an dieser Stelle sein, allerdings muss ich mir nach den ersten fünf gehörten Songs eingestehen, mich doch sträflich wenig mit dem Katalog der Band auseinandergesetzt zu haben. Mein Gott – man kann nicht alles hören. Das wird sich nun aber ändern.
Warum beschränke ich mich auf die ersten fünf Songs? Nun, eine doch ziemlich heftige Arbeitswoche fordert ihren Tribut. Ich streiche die Segel und sage (mit) Picture tschüss und auf Wiedersehen. Nächstes Mal, Picture, da gebe ich mir die komplette Dröhnung.
Das Fanzit – Starlett Stock Festival 2026
Ausgabe Nummer vier ist im Sack und einmal mehr hat das Starlett-Stock-Team bei der Bandauswahl auf die richtigen Pferde gesetzt. Der Leitspruch vom emMetal Rocks 2026 – laut, hart und ehrlich – lässt sich jedenfalls bedenkenlos auf das Starlett Stock Festival anwenden. Sieben Bands, eine top Organisation und zahlreiche bekannte Gesichter haben auch die diesjährige Ausgabe zu einem bleibenden Erlebnis gemacht. Und ich muss meinen Wunsch nach einer Fortsetzung wohl kaum wirklich ausformulieren und gehe guten Mutes davon aus, dass Vol. V bereits in Stein gemeisselt ist und die Suche nach Bands auf Hochtouren läuft. Oder? ODER? Merci.


