Metalinside.ch - Gotthard - Komplex 457 Zürich 2018 - Foto Nicky
Mo, 26. März 2018

Gotthard (Unplugged), Eric Martin

Komplex 457 (Zürich, CH)
/ 08.04.2018

Gotthard können es auch ohne Strom 

Die Tessiner Rocker Gotthard verzückten das Komplex-Publikum am Montagabendabend mit einer unerwartet starken Akustik-Show. Dieser 140 Minuten dauernde Auftritt hinterliess am Ende nicht nur beim Autor des Artikels einen bleibenden Eindruck. Wie die ganze Geschichte genau abgelaufen ist, kann im nachfolgenden Konzertbericht nachgelesen werden. 

Zu den grossen Akustik-Freunden würde ich mich eigentlich nicht zählen. Doch wenn Gotthard ein Gastspiel in der Nähe haben, kann man ruhig einmal über den eigenen Schatten springen und sich die Show zu Gemüte führen. Schliesslich war schon die erste «Defrosted»-Tour im Jahre 1997 für die Band ein riesiger Erfolg. Für den Gig im Hier und Jetzt müssen hauptsächlich zwei markante Änderungen angesprochen werden. Die gotthard’sche Diskographie hat seit dem ersten Akustik-Abenteuer deutlich zugelegt. Somit steht einer interessanten Songauswahl eigentlich nichts im Wege. Der zweite Punkt tangiert die emotionale Schiene. Sänger und Stimmwunder Steve Lee kann nicht mehr mittun, da er seit acht Jahren mit seiner Harley-Davidson auf einer himmlischen Version der Route 66 durch die Gegend braust. Die Lücke, welcher der charismatische Frontmann hinterlassen hat, kann wohl nie ganz geschlossen werden. Nichtsdestotrotz macht Nachfolger Nic Maeder einen tollen Job und sorgt so dafür, dass uns Gotthard noch eine Weile erhalten bleiben werden.

Etliche Locations in der Schweiz konnten während dieser Tour freudig den «Sold Out»-Status vermelden. Zürich gehört interessanterweise nicht dazu. Viel scheint allerdings nicht gefehlt zu haben, denn das Komplex 457 ist wahrlich sehr gut besucht. Jung und Alt haben sich vor Ort eingefunden. Selbstverständlich zieht ein Akustikkonzert nicht nur Rocker an. Die Zeit bis zum ersten Auftritt wird mit Fachsimpeln und der Einnahme des einen oder anderen Hopfentees überbrückt. Jawohl, richtig gelesen. Es gibt einen Support-Act. Eric Martin – seines Zeichens Frontmann von Mr. Big – wird den Konzertreigen eröffnen. Da ich (Banause) jedoch weder ihn noch seine Band sonderlich gut kenne, steht abermals eine musikalische Horizonterweiterung für meine Gehörgänge auf dem Programm. Alleine nehme ich den heutigen Abend aus Metalinside-Sicht übrigens nicht in Angriff; Kollegin Nicky wird sich im Fotograben mit gezückter Linse nach passenden Sujets auf die Lauer legen.

Eric Martin

Punkt 20 Uhr betritt ein mit akustischen Klampfen bewaffnetes Duo die Bühne. Eric hat sich für diese Tour David Cotterill als Unterstützung mit ins Boot geholt. So nehmen der Mr. Big-Frontmann und der Demon-Gitarrist ihr 40-minütiges Aufwärmprogramm in Angriff – und das machen sie äusserst gekonnt. Vor allem Eric geizt zwischen den einzelnen Nummern nicht mit witzigen Sprüchen. Weshalb er allerdings einen Schal trägt, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Im rappelvollen Saal sind wir von kühlen Temperaturen nämlich meilenweit entfernt. Die gesangliche Leistung stimmt, auch wenn der gute Mann ab und an die ganz hohen Töne nicht immer sauber trifft. Davids Mikro scheint dagegen nicht einmal eingeschaltet worden zu sein. Das Publikum hält sich beim Mitmachen noch zurück. Allerspätestens beim letzten Stück «To Be With You» ist das Eis dann aber definitiv gebrochen. Da komme auch ich zu meinem persönlichen «Aha»-Erlebnis. Nach dieser Darbietung wird für mich der Besuch eines Mr. Big-Konzerts definitiv zur Pflicht.

Gotthard (Unplugged)

Nach einer kurzen Umbauphase übernimmt schliesslich um 21 Uhr der Headliner das Zepter. Zu einem Intro mit Dschungel-Geräuschen betreten Gotthard die Bühne. Neben den üblichen Verdächtigen sind ausserdem zwei Background-Sängerinnen und Perkussionist Andi Pupato mit von der Partie. Somit besteht die Tessiner-Mannschaft aus insgesamt neun Spielern. Mit einem charmanten «Hoi zäme!» begrüsst Sänger Nic Maeder die Fans und gibt zugleich zu Protokoll, dass er (immer noch) fleissig an seinen Deutschkenntnissen arbeite. Fort an ziehen ihn seine Kollegen den ganzen Abend lang mit irgendwelchen Sprachwitzen auf. Insbesondere Gitarrist Leo Leoni scheint einen Clown gefrühstückt zu haben und sorgt mit seinen frechen Sprüchen für zahlreiche Lacher in den Publikumsreihen. Seine gute Laune ist einfach unglaublich ansteckend.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen scheint Nic das Herumsitzen nicht sonderlich zu behagen. So lässt er seinen Hocker oftmals stehen und stolziert mit seiner Klampfer lieber auf der Bühne herum. Der sympathische Hutträger hat das Publikum stets im Griff. Bei «Remember It’s Me» wird wieder einmal die Geschichte mit der Ex-Freundin und dem demolierten Auto erzählt. Kleine Änderung zu den vergangenen Konzerten ist das ausgiebige Sinnieren von Leo, ob sein Kollege den Song für das Mädel oder die Karre geschrieben hat. «It’s about the car», antwortet Nic blitzschnell. Doch einem Blick in die Menge folgt umgehend die Korrektur: «No, it’s of course about the girl». Schliesslich schreibe man Balladen doch eh immer für die Frauen. Mit «Stay With Me» folgt direkt im Anschluss die nächste Schmuse-Nummer. Doch selbst ich muss zugeben, dass es sich hierbei um eine coole Rock-Ballade handelt, die in dieser akustischen Form irgendwie noch besser zur Geltung kommt. Die beiden Background-Sängerin setzen ihre kräftigen Stimmen gekonnt ein. Es darf durchaus von einem ersten Hühnerhautmoment gesprochen werden. Das Publikum beteiligt sich mit einem Meer aus Feuerzeugen und Smartphone-Lichtern ebenfalls am Song.

Wie bereits erwähnt kann ich über die Spielfreude und ausgezeichnete Laune der einzelnen Bandmitglieder nur staunen. Bassist Marc Lynn versucht offenbar zum beliebtesten Basler in Zürich zu werden. Für das Publikum und dessen Engagement hat er ausschliesslich positive Worte übrig. Als «Zückerli» macht er mit uns dann noch ein Dezibel-Spielchen. Den Rekord scheinen wir aber nicht zu knacken. Halb so wild. Weiter geht’s. Leo hat Durst. Der Inhalt der Flasche, die er auf der Bühne – und auch im Publikum – herumreicht, passt hervorragend zur nächsten Nummer. Zeit für die «Tequila Symphony No. 5». Nach diesem Stück erkundigt sich der Pausenclown vom Dienst in der ersten Reihe danach, ob auch alle schon 18 seien. Falls nicht, drohe ihm wegen der Tequilla-Aktion nun Ärger mit dem Gesetz.

Von wegen Weichspüler-Mucke! Es geht weiterhin rockig zu und her. Bester Beweis dafür ist die Hymne «Mountain Mama». Einmal mehr erhält Nic tolle Unterstützung von den beiden Mädels. Zurück in emotionalere Gefilde geht’s dann mit «One Life, One Soul». Umgehend ändert sich die Stimmung im Publikum. Einige blicken gedankenversunken zur Decke des Raumes, als würden sie durch diese hindurch in den Himmel sehen können. Hinauf zu dem Mann, dem dieses Stück gewidmet ist. Steve, du fehlst uns – nach wie vor! Andere singen den Text Arm in Arm lautstark mit. Ein rührender Anblick. So manch einer kämpft mit den Tränen. Weitere Worte zu dieser Szenerie sind nicht nötig. Das muss man einfach live erlebt haben.

Klampfer Freddy Scherer wirkt bisher äusserst passiv. Fokussiert sitzt er auf seinem Stühlchen und spielt sich durch die einzelnen Songs. Nach «Starlight» setzt er allerdings zu einem fulminanten «Schnörre-Giige»-Solo an und leitet damit gleich das nächste Stück – «Sister Moon» – ein. Es kommt gar zu einem kleinen Duell zwischen ihm und seiner Mundharmonika und Leo an der Gitarre. Mit «Lift U Up» endet schliesslich der offizielle Teil der Show. Doch die Truppe hat noch nicht genug. Der Zugaben-Block wird mit «Heaven» eröffnet, welches die Band abermals ihrem zu früh verstorbenen Ex-Frontmann widmet. Abermals spielen sich in den Publikumsreihen ähnliche Szene wie zuvor bei «One Life, One Soul» ab. Nun fehlt eigentlich bloss noch eine Hymne. Und da ertönen auch schon die dazugehörigen Klänge. «Anytime, Anywhere» kommt im akustischen Gewand ebenfalls äusserst gelungen daher. Zuhörerschaft und Band geben nochmals vollen Einsatz. Danach lässt sich die ganze Truppe ausgiebig feiern. Leo zaubert plötzlich ein Mini-Megaphon hervor und verwandelt die ganze Geschichte beinah in eine wilde «Fussball-Jubel-Sause». Auf die Frage «Wänder no eine?» gibt’s selbstverständlich nur eine Antwort. So hauen Gotthard als endgültigen Abschluss eine gelungene Cover-Version des Deep Purple-Überhits «Smoke On The Water» raus.

Das Fanzit

Das war in der Tat ein sackstarker Akustik-Auftritt der Tessiner Hard Rocker. Damit hätte ihm Vorfeld wohl nicht jeder unbedingt gerechnet. Die Truppe legte eine unglaubliche Spielfreude an den Tag. Allerdings würde ich die ganze Sache wohl der Kategorie «einmaliges Erlebnis» zuordnen, da ich nicht sicher bin, ob eine Show dieser Art beim zweiten Mal dieselbe Wirkung auf mich haben würde. Da die Show aufgezeichnet wurde, dürfte wohl demnächst mit einem Album oder einer DVD gerechnet werden. Bezüglich der Soundqualität gab’s nix zu bemängeln. Auch Eric Martin konnte überzeugen.

Cheers

Dutti \m/

Setliste – Eric Martin

  1. Electrified (Mr. Big-Song)
  2. Voodoo Kiss (Mr. Big-Song)
  3. Wild World (Cat Stevens-Cover)
  4. Superfantastic (Mr. Big-Song)
  5. Fragile (Mr. Big-Song)
  6. Take Cover (Mr. Big-Song)
  7. Dancin‘ With My Devils (Mr. Big-Song)
  8. To Be With You (Mr. Big-Song)

Setliste – Gotthard (Unplugged)

  1. Miss Me
  2. Out On My Own
  3. Bang!
  4. Sweet Little Rock ‚N‘ Roller
  5. Beautiful
  6. Feel What I Feel
  7. Hush (Joe South-Cover)
  8. Remember It’s Me
  9. Stay With Me
  10. Tequila Symphony No. 5
  11. Mountain Mama
  12. Why
  13. C’est La Vie
  14. One Life, One Soul
  15. Tell Me
  16. Starlight
  17. Sister Moon
  18. Right On
  19. Lift U Up
  20. Heaven*
  21. Anytime Anywhere*
  22. Smoke on the Water (Deep Purple-Cover)*

*Zugabe

Foto Gotthard, Eric Martin – Komplex 457 Zürich 2018 (Nicky)


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/ 08.04.2018
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Autor Bewertung: 9/10