Metalinside.ch - Infinitas - New Sound Studio Pfaeffikon 2022 - Foto Sandro
Do, 11. August 2022

Infinitas – Interview mit Mary und Piri

Melodic Metal
31.08.2022
Metalinside.ch - Infinitas - New Sound Studio Pfaeffikon 2022 - Foto Sandro

Geerdet

Auch wenn es die letzten Monate auffällig ruhig war um die aus dem idyllischen Muotathal stammenden Infinitas, so hat sich hinter den Kulissen doch so einiges getan. Metalinside hat sich auf Spurensuche begeben. Und ja, wir sind fündig geworden 🙂

Ein gewöhnlicher Donnerstagvormittag in einem etwas abseits gelegenen, eher unscheinbaren Gewerbegebäude in Pfäffikon Schwyz. Kein Ort, an dem man verzerrte Gitarrenklänge oder wildes Vollgasgetrommel erwarten würde. Und doch verbirgt sich hier im ersten Stock einer der namhaftesten Aufnahmeorte der Schweiz – das New Sound Studio von Tommy Vetterli. Auf der Homepage wird das Ganze noch etwas ausführlicher umrissen: „Als einer der renommiertesten Gitarristen der Schweiz und Profimusiker (u.a. bei Coroner, Kreator, Stephan Eicher, Vodoo Cult, 69 Chambers) bringt er Künstler dazu, musikalisch über sich hinauszuwachsen und leistet wertvolle Inputs zu Songwriting und Arrangement.“ Also genau der richtige Ort für Infinitas, um die nächste Stufe der Karriereleiter zu erklimmen!

In der funktional eingerichteten Küche treffe ich auf Mary und Piri, die in entspannter Atmosphäre das Gitarrenrecording von Selv im angrenzenden Studioraum mitverfolgen. Keine Spur mehr von der tags zuvor kurzfristig leicht aufkeimenden Hektik, als ein technisches Problem die Arbeiten etwas verzögerte. Piri: „Ja, es gab eine Komplikation mit meinem Schlagzeug. Um das Equipment ins Studio zu schaffen, hatten wir die Basedrums und die Toms in Schutzhüllen verpackt und aufeinandergestapelt. Es hat da so Henkel dran, und Selv, unser Gitarrist (ein schelmisches Lachen umspielt hier Piris Lippen), muss da wohl dran gezogen haben, so dass ein Case herunterfiel. Zuerst haben wir uns gar nichts dabei gedacht, und auch die Aufnahmen am Montag verliefen vorerst problemlos. Aber dann, beim letzten Durchgang, ist mitten im Lied eine Stimmschraube in die Brüche gegangen. Wahrscheinlich ist das beim Sturz passiert. Es wurde kurzerhand Ersatz besorgt, die Trommel repariert und neu gestimmt. Natürlich entstand ein Zeitverlust und es brauchte auch einiges an Nerven, doch das kann passieren und wir sehen solche Ereignisse immer auch positiv. Weil es immer Positives und Negatives gibt – überall – wie auch in unserem Konzept 😉

Gut, dass man zwei Reservetage für Unvorhergesehenes eingeplant hat. Wobei… Nochmals Piri: „Selv ist beim Einspielen der Gitarrenparts bereits wieder am Aufholen und es läuft sehr gut. Er hat auch einen sehr guten Draht zu Tommy, die beiden verstehen sich wirklich super. Und Tommy hat halt auch eine extreme Ahnung von Gitarren. Ich denke, wir werden die Reservetage nicht benötigen. Wo wir gestern noch in Verzug waren, sind wir heute dem Zeitplan bereits etwas voraus.

Handelte das 2019 erschienene Album „Infernum“ inhaltlich noch von der persönlichen Hölle, welche der Protagonist Adelar durchlebt, so soll sein Nachfolger thematisch eine erdigere Note aufweisen. Piri: „Ein Vergleich ist immer schwierig, speziell, weil es ja auch im Line-Up Wechsel gegeben hat. Musikalisch haben wir uns dadurch schon ein wenig verändert, unser Sound ist etwas eingängiger geworden, zugänglicher. Und ausgereifter! Man merkt, dass wir drei Jahre älter sind und in dieser Zeit einiges an Erfahrung hinzugewonnen haben.

Viel Text, wenig Melodie

Der zentrale Kritikpunkt bei Raphis Rezension zu „Infernum“ war, dass man versuchte, zu viel Text in zu wenig Melodie zu verpacken. Hat sich da was getan? Piri: „Da waren wohl Selv und ich etwas die Übeltäter. Ich schreibe wohl gerne etwas viel (lacht). Aber wir haben daraus gelernt, zweifelsohne. Der Song muss geil sein, die Lyrics kommen erst an zweiter Stelle. Und das ist eben auch ein Punkt, wenn Mary sagt, dass sie die alten Songs nicht aus vollem Herzen singen kann. Wenn sie jetzt meint, dass das Ganze für sie zu hasplig ist, dann suchen wir nach Synonymen. Der Text muss geil zu singen und nicht zu lesen sein. Auch da sind wir reifer geworden. Der Songs steht im Zentrum, nicht ein Ego oder ein Instrument!

Mary ergänzt: „Wenn ich die Lyrics schreibe, dann schaue ich darauf, dass es zur mir und meiner Stimme passt, dass ich es gut singen kann. Ich schreibe dann wirklich sehr im Einklang mit der Melodie. Das ist ein wenig mein Problem mit den alten Songs. Aber sie sind nun mal so, wie sie sind, auch wenn du zuweilen denkst, müssen es jetzt wirklich sieben Wörter sein, wenn auch drei genügen würden?“ Piris Blick wandert bei diesen Worten zu Mary: „Ich handhabe das gleich wie du, nur habe ich halt viel Slayer gehört. Da sind es dann eben tausend Wörter in zehn Sekunden (beide lachen).

Ein besonderes Element im Sound von Infinitas ist die Geige von Savannah, die mal mit, mal gegen den Song anstreicht. Mary nickt: „Sie geht auch jetzt noch sehr mit der Melodie, glänzt aber nach wie vor mit ausgekoppelten Teilen, in denen sie eigene Akzente setzt. Sie hat dieses Mal auch noch mehr experimentiert, spezielle Verzierungen in die Lieder eingebracht. Dadurch wird ihr Part noch etwas spezieller, moderner„. Überhaupt scheint sich der musikalische Ansatz bei den Muotathalern ein wenig gewandelt zu haben, wie Mary weiter ausführt: „Die früheren Songs enthielten sehr viele unterschiedliche Parts, die zwar für sich genommen alle sehr interessant, als Gesamtes gesehen jedoch wohl auch etwas zu intensiv waren. Diesen Eindruck habe ich jetzt nicht mehr. Die Strukturen sind einfacher geworden. So haben wir auch Teile aus Songs herausgestrichen. Sie wären zwar total geil gewesen, gehörten jedoch schlicht nicht in das Stück hinein.

Etwas, das Tommy Vetterli in der Mittagspause mit einem leichten Schmunzeln wie folgt zusammenfasst: „Ich würde sagen, die Lieder sind nun szenenkonformer. Weniger komisch.“ Was Piri und Selv natürlich nicht unkommentiert lassen wollen. Doch Tommy fährt unbeirrt fort: „Als ihr das erste Mal hier gewesen seid, habe ich mich schon gefragt, ob ihr auch noch andere CDs hört. Es ist ja cool, etwas Eigenes zu haben und das konsequent durchzuziehen. Aber irgendwie muss man als Zuhörer auch die Chance haben, einen Zugang zu finden, wenn man sich damit auseinandersetzt. Damals war unser Running Gag, statt „Lebt ihr eigentlich auf dem Mond?“ zu sagen: „Lebt ihr eigentlich im Muotathal?“ Das soll jetzt aber nicht heissen, dass euer Sound kommerzieller geworden ist, sondern leichter zugänglich. Andererseits mache ich bei meiner eigenen Band ja auch huere komische Musik. Von daher sollte man sich auch nicht gross darum scheren, was die Leute denken, sondern einfach sein Ding durchziehen.

Von meinem letzten Gespräch mit Mary am UrRock Festival weiss ich, dass Selv sowas wie der zündende Funke hinter dem Sound von Infinitas ist, den restlichen Akteuren aber viel Freiraum für eigene Ideen lässt. Etwas, das sich auch im Entstehungsprozess zu den neuen Songs nicht geändert hat. Noch immer feilen die Vier intensiv an ihren Stücken, wie Piri mit einem Grinsen im Gesicht zu berichten weiss: „Es kommt schon mal vor, dass Selv und ich im Proberaum etwas Cooles fürs Schlagzeug hinzuzufügen versuchen, und beim 999. Durchlauf hat einer von uns dann auf einmal eine Eingebung, die wir dann vielleicht mitnehmen.

With A Little Help From My Friends

Doch wie laufen die Recording Sessions denn nun konkret ab? Tommy wurden ja im Vorfeld die Demos bereits zugesandt. Piri dazu: „Er hat sie sich vor unserem Eintreffen hier auch angehört, aber er arbeitet meiner Einschätzung zufolge so, dass er erst hier im Studio kreativ wird. Er ist nicht einer, der uns drei Wochen im Voraus anruft und sagt, hey, macht da unbedingt noch eine Pause rein. Das wussten wir auch. Wenn er dann aber mit dem Kopf voll eintaucht, dann kommen die Ideen. Das Gute ist eben auch, dass wir vor dem Gang ins Studio bereits eine Menge Vorarbeit geleistet haben, vergleichbar mit einer Vorproduktion. So haben wir uns viel mit Jonas (Wolf, Gitarre) und Alain (Ackermann, Drums) von Eluveitie ausgetauscht„. Ein spannender Ansatz, wie mir scheint. Gerne lasse ich Piri dies noch weiter ausführen. „Als wir unsere Songs auf einem guten Level hatten, bin ich zu Alain gefahren und bin mit ihm meinen Schlagzeugpart durchgegangen. Dank seiner Erfahrung konnte er mir diverse Tipps geben wie „wenn du das leicht anpasst, bist du noch ein wenig mehr mit der Geige zusammen“ oder „an diesem Ort könntest du einen Übergang machen“. Ich bin dann mit diesen Ideen zurück in den Proberaum geflitzt, habe dort seine Inputs eingebaut, aufgenommen und es dann den anderen vorgespielt. Gewisse Dinge konnten wir verwenden, andere wiederum haben wir verworfen. Dasselbe hat Selv mit Jonas gemacht. Das Problem ist halt, wenn du einen Song bereits hundert Mal gespielt hast, dann hast du das Gefühl, das muss genau so klingen und nicht anders. Du wirst wie betriebsblind. Und gerade solche Inputs helfen dann enorm, dich aus diesem Korsett zu befreien„.

Und wie verhielt es sich bei den beiden Damen? Piri weiter: „Bei der Geige hat sich Mary vorab mit der Violistin von „Subway To Sally“ (Ally Storch) ausgetauscht, und auch Savannah brachte noch viele eigene Ideen ein. Beim Gesang ist es hauptsächlich Tommy, der Inputs gibt. Wir kamen mit zwei Songs ins Studio, die grösstenteils bereits fertig waren, und feilen nun an den Nuancen. Es ist wirklich extrem cool, wie es hier gerade läuft. Und auch für mich am Schlagzeug hatte Tommy noch die eine oder andere Idee in petto. Nun, da ich eher der Typ Übungsmusiker bin, muss ich meine Parts sehr oft durchspielen, bis ich sie beherrsche. So hatte ich mein Zeugs monatelang geübt, und dann geht man zu Tommy und der sagt, nur halb so schnell (lacht). Aber schlussendlich muss einfach der Song geil sein, da machst du dir keine grossen Gedanken, sondern trommelst das Ding einfach neu ein.

Der gute Draht zu Elu ist übrigens anno 2019 zustande gekommen, als Infinitas an der Album-Release Show von „Ategnatos“ für die Folk-Metaller als Einheizer fungieren durften. Piri: „Am 6. April 2019 im Gaswerk Winterthur„. Welch phänomenales Gedächtnis! Piri: „Ich weiss das noch so genau, weil das zwei Tage nach meinem Geburtstag war und wir dort einen Kuchen gegessen haben. Wir waren damals alle noch ziemlich schüchtern und wussten nicht, ob wir die Leute von Elu nun ansprechen dürfen oder nicht. Schliesslich habe ich all meinen Mut zusammengenommen und habe Chrigel (Glanzmann) gefragt, ob er Lust hätte, auf unserem kommenden Album bei einem Lied mitzusingen. Er meinte, wenn es sich einrichten liesse, wäre es ihm eine Ehre (das Ergebnis ist der Song „Tiamat“ auf „Infernum“). So kam der Kontakt zustande. Zudem gehe ich nun einmal im Monat zu Alain in die Schlagzeugstunde, um mich noch weiter zu verbessern. Selv tauscht sich wie erwähnt mit Jonas aus, der gerade im Bereich Songwriting extrem gut ist, und Mary mit Fabienne. Es ist wirklich toll, mit jemandem fachsimpeln zu können, der bereits dort ist, wo wir hinwollen!

Etwas, das bei meinem letzten Gespräch mit Mary bereits thematisiert wurde, ist ihr etwas zwiespältiges Verhältnis zu den älteren Songs, bei welchen die Gesangslinie nicht so ganz mit ihrer doch etwas dunkleren Stimme matcht. Doch auch an dieser Front scheinen die Zeichen auf Versöhnung zu stehen, wie Mary zu erzählen weiss: „Musik ist pures Gefühl, und wenn du dich nicht wohl fühlst bei dem, was du singst, wirkt es nicht authentisch. Klar kann ich auch die früheren Titel im Original mit Gefühl performen, aber es ist nicht dasselbe wie bei den selbst erschaffenen Liedern. Allerdings habe ich in der Zwischenzeit auch jene irgendwie ins Herz geschlossen, da wir sie ein wenig anzupassen wussten. Ich möchte es mal so formulieren: Die alten Stücke sind zu 100% cool, die neuen zu 150% (lacht)„.

Härter, cooler, geiler, böser

Beim Begriff „anpassen“ werde ich hellhörig. Was genau darf ich mir darunter vorstellen? Mary: „Wir haben die Songs etwas böser gemacht, gewisse Sing-Abschnitte durch Growl-Parts ersetzt. Der Rest ist sich ziemlich gleichgeblieben, mal abgesehen davon, dass wir alles noch einen Ton nach unten gestimmt haben. Dadurch sind nun natürlich auch die Lieder als Ganzes tiefer angesiedelt. Ich dachte mir nämlich schon länger, dass der Charakter meiner Stimme besser zum Tragen käme, wenn alles etwas tiefer ist. Und ich fühle mich wohler dabei. Es ist wie ein neues Element, das wir unserem Sound beigemischt haben. Damals am UrRock in Sarnen hast du noch die alte Version gehört, nun ist alles einen Ton tiefer. Und alles noch ein bisschen böser (lacht)„.

Härter, cooler, geiler, böser – Begriffe, welche immer wieder auftauchen und den kommenden Sound der Truppe wohl ziemlich gut umschreiben. Doch kommen wir nochmals auf dieses beinahe schon en passant erwähnte „einen Ton tiefer“ zurück. Piri: „Jede Metalband spielt eigentlich einen Ton tiefer, als wir das bis anhin taten. Wir waren mit unserer normalen Tonhöhe so etwas wie Exoten. Und auf Spotify klingt du einfach irgendwie niedlich, wenn du nach einer Band gespielt wirst, die tiefer unterwegs ist – selbst, wenn dein Song eigentlich brutaler daherkommt. Wir haben es dann einfach mal ausprobiert, und es klang cool. Für Savannah bedeutete dies allerdings einen riesigen Aufwand, da sie ihre Geige nicht einfach tiefer stimmen kann, sondern jedes Lied neu lernen muss. Für Selv war es relativ easy, da er seine Gitarre einfach anders stimmen und sich allenfalls daran gewöhnen muss, dass die Saiten eine etwas andere Spannung haben. Mich am Schlagzeug betraf es ja nicht, und für Mary ist es angenehmer zu singen. Und beim Bass ist es eigentlich dasselbe.

Stichwort Bass! Wie schaut es betreffend Tieftöner aus? Ist da was im Busch, von dem wir wissen sollten? Piri: „Nein, Selv ist quasi unser Bassist. Er hat die Sachen eingespielt, und live werden wir dann auf genau diese Version zurückgreifen. Letzten Herbst sind wir ja auch ohne Bassisten aufgetreten, haben Samples verwendet. So bleibt es sozusagen in der Band. Und daran werden wir vorderhand auch nichts ändern„.

Klare Wort von einer Band, die weiss, dass Erfolg erkämpft sein will, und der Weg nach oben mitunter steinig ist. Wie die zwei im New Sound Studio unter der Leitung von Tommy Vetterli aufgenommenen Songs nun schlussendlich klingen? Lasst euch überraschen! Und wer es nicht so mit der Geduld hat – oder einfach nur Infinitas in ihren Bestrebungen unterstützen möchte – der ersteht eine Limited Supporter Card und erhält die Möglichkeit, die zwei neuen Singles noch vor ihrem offiziellen Release hören zu können.

Infinitas brennen darauf, ihren neuen Sound endlich einer breiten Menge präsentieren zu können! Und wir von Metalinside freuen uns, diese junge, sympathische Band auf ihrem Weg begleiten zu dürfen!

Autor
31.08.2022
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