Baden in Blut 2026 – Vader, Pain, Emil Bulls u.v.m.
Drei Länder Garten (Weil am Rhein, DE)
Im Blute vereint
21 Jahre auf dem Buckel und noch kein bisschen verstaubt, mal abgesehen von jenem Staub, der an trockenen Tagen in den Circlepits aufgewirbelt wird: Ein weiteres Jahr wird das Baden in Blut Festival durchgeführt.
Das Konzept hat sich nicht verändert: Laute Musik, nette Menschen. Pedantisch bleibt man dem Metal treu. Punk oder andere verzerrten Gitarrenklänge, geschweige denn Softeres, finden den Weg nicht auf die Bühne. Ein Vorbild an den Grossen muss man sich nicht nehmen. Vielleicht wäre umgekehrtes angebrachter, wenn man sich den Trend anschaut, dass ursprüngliche Metal-Veranstaltungen zunehmend Acts ausserhalb des Genres bucht. Nötig ist das offenbar nicht, wie das Baden in Blut beweist.
Ein weiteres Mal ist das Open Air ausverkauft. Eine Tatsache, auf die die Veranstalter, «Metal Maniacs», womöglich angewiesen sind. Weiterhin wird das Festival unter der Flagge «Non Profit» durchgeführt. 2026 den Eintrittspreis für ein zweitägiges Festival auf 120 Euro festzulegen, ist beeindruckend und funktioniert wohl nur, wenn einige Menschen kostenlos arbeiten und die Besucher nebst Tickets auch Bier und Merchandise kaufen. Diese Rechnung könnte aufgehen: Sowohl vor dem Baden-in-Blut-Merch-Zelt als auch vor den «Bierbrunnen» bilden sich konstant Menschenschlangen, wobei die Abfertigung rasch ist und die Preise – trotz Kalkulation, dass man, verständlicherweise, am Ende bei einer schwarzen Null herauskommen möchte – in einem Rahmen sind, in dem man sich als Käufer nicht als bis zur Schmerzgrenze auskalkuliert vorkommt. Da dürften sich ebenfalls einige Grossveranstaltungen und weltbekannte Acts ein Vorbild nehmen.
Baden in Blut 2026 – Tag 1 (Freitag, 17. Juli)
Die Sonne brennt. Wie die letzten Jahre nieselt beim Einlass als Begrüssung Wasser aus einem durchlöcherten Wasserschlauch auf hitzige Metalheads. Hier holt man sich Abkühlung bevor der Timetable einen aufs Festivalgelände zitiert. Der flächenmässig grosszügige Biergarten ist wie in vergangenen Jahren ohne Festivalbändchen betretbar. Ein Aspekt, der die familiäre Atmosphäre steigert, und ein guter Trost für solche, die aufgrund des Ausverkaufs im Vorverkauf leer ausgegangen sind. Ganz ohne Livemusik müssen diese aber nicht auskommen, denn dafür installierte Lautsprecher übertragen das auditive Geschehen von der Bühne ebenfalls zu den Biergarnituren.
Magma Ocean – Ohne Schweizer läuft hier nichts
Erwartet gewesen, so versprach es die Running Order, war ein auf dem Bildschirm neben der Bühne eingespieltes Festivalintro. Dieses bleibt aus, vermutlich vergessen. Stattdessen stürmen Magma Ocean zu «Ella Fitzgerald featuring Louis Armstrong – Dream A Little Dream Of Me» (Danke Shazam) die Bühne.
Erneut beweisen Magma Ocean, wie bereits im Januar dieses Jahres, dass der damalige Sieg des «Blood Battle», der ihnen den Slot als erster Act des Festivals sicherte, mehr als gerechtfertigt war. Letztes Jahr holten sich diesen Black Diamonds. 2026 eröffnen den zweiten Tag Expellow. Um den Glutofen am Baden in Blut nicht nur mit Sonne einzuheizen braucht es offenbar Schweizer.
Nebst hartem Doom Metal überzeugt insbesondere Sänger Vox mit Ansagen, die die richtige Mischung aus pointierter Publikumsbeleidigung und Selbstironie trifft. So schreit er die von noch früher Stunde und heissem Wetter zermürbte Zuschauerschaft mit «Wacht verdammt noch mal auf, ich will Leute sehen, die sich herumschubsen» an, was nur kleine Früchte trägt. Immerhin beginnen gegen Ende des Sets ein paar wenige im Kreis zu rennen, worauf Vox sich mit «Wir lieben euch alle, selbst wenn ihr uns hasst» bedankt. Viel zu schnell ist die Spielzeit beinahe vorbei, einen halben Song würde man noch schaffen. Dabei handelt es sich um das als 56 Sekunden kurz angekündigte, auf Spotify sind es nur 54, auf CD 55, Stück «Counterfeit».
Ein Auftritt, nach dem man sich am Merchtisch der Band bedienen möchte. Zum Glück bietet die bediente Garderobe an, dass man stetig Dinge in bereits abgegebene Taschen legen kann, ohne dafür zahlen zu müssen. Ein Service, der in den meisten Konzerthäusern sehnlichst vermisst wird.
Fateful Finality – Die Fifa hat es vorgemacht
Trotz schneller Abfertigung (wobei sich herausstellt, dass man auf das «Kellerbier» am längsten wartet) bleibt kaum Zeit für einen Besuch beim Bierwagen. Fünfzehn Minuten Umbaupause sind knapp berechnet, können aber eingehalten werden. Hinter der Bühne muss sich mindestens so Unglaubliches wie darauf und davor abspielen.
Als darauf die Bassdrum und das restliche Schlagwerk aufgebaut und die Gitarristen mit der Abmischung der Monitore zufrieden sind, legen Fateful Finality los. In Sachen Kommunikation mit dem Publikum stehen sie Magma Ocean in nichts nach und haben so schnell erkannt, dass es mit grösseren Moshpits bei diesem Auftritt wohl nichts mehr wird. Anstelle dessen darf auf «Fuck» mit «Yeah» geantwortet werden. Ein Singalong, wie das altbekannte «ey ey ey …», das während der ganzen Performance immer mal wieder Anwendung findet.
Die trotz vereinzelter schattenspendender Wolken unerbittlich brennenden Sonne wird damit kommentiert, dass man nun halt tiefer headbangen und zwischen zweier Lieder einen, wie es die Fifa vorgemacht hat, «Hydration Break» einlegen muss. Für wasserliebende Zuschauer gibt es derweil Nieselregen aus einem Gartenschlauch von einem Ordner serviert. Als die Kehlen der Musiker mit Gebrautem befeuchtet wurden, kann es wieder weitergehen mit klassischem, augenzwinkerndem Thrash Metal.
Fateful Finality sind keine unbekannten Gesichter am Baden in Blut, kommen sie doch aus der Region und waren bereits 2006 auf dem Line-up gestanden.
Torture Killer – Tod und Grimassen
«Verdammt, ist das warm. Wir sind Torture Killer von Finnland und bringen Eis und Schnee», verspricht die nächste Band. Ein Versprechen, das nicht gehalten werden kann. Insbesondere Sänger Pessi kriegt dies bald am eigenen Leib respektive Kopf zu spüren. Nach wenigen Songs färbt sich dieser in ein Warnsignal-Rot ein. Wenig verwunderlich: Hält ihn doch kein Instrument an Ort und Stelle, und dass man ein Mikrofonständer nicht ununterbrochen herumtragen muss, hat ihm wohl niemand gesagt. Diese Theatralik, die durch interessante pantomimische Einlagen ergänzt wird, ist der Untermalung der präsentierten Death-Groove-Metal-Mischung dienlich, verbale Kommunikation mit dem Publikum zwischen den Songs bleibt bis auf die Begrüssung aus, die wohl ohne die technischen Probleme, aufgrund derer das Set am Ende gekürzt werden muss, ebenfalls ausgeblieben wäre.
Hippotraktor – Knallhart progressiv
Hippotraktor sind so progressiv, dass der Sänger den grössten Teil des Auftritts sein Blick nicht dem Publikum, sondern der rechten Seite der Bühne leiht. Während er singt, steht er meist vor seinem Mikrofonständer und präsentiert sich seitlich, vermutlich von seiner Schokoladenseite, den Zuschauern. Selten nimmt er das Mikrofon in die Hand und lässt Ständer Ständer sein. Zwischenzeitlich ergänzt er die Rhythmusfraktion durch ein Trömmelchen oder eine Rassel. Ein Extra, das dem Klang keinen hörbaren Mehrwert bietet. In Instrumentalparts tänzelt er, ähnlich wie Tatiana von Jinjer, über die Bühne.
Von diesem Gehabe kann man halten, was man will, und ob es einem gefällt oder nicht: Technisch ist die Musik sicherlich nicht schlecht. Einzig mit den Tönen der Clean Vocals hat Sänger Stefan immer mal wieder zu kämpfen, wobei ihm hier vielleicht schlicht die Technik einen Strich durch die Rechnung macht. Erneut ist diese nicht makellos und sorgt nebst einem um eine knappe Viertelstunde verspäteten Beginn erneut für eine gekürzte Setlist. Mit «Unser Glück ist gegen uns, so viele Dinge laufen falsch» wird die wohl als Desaster empfundene Situation beschrieben. Natürlich kennt man als Publikum den bisherigen Verlauf der aktuellen Tour von Hippotraktor nicht, doch hört man eine solche Resignation über den Status quo würde man die Band gerne tröstend in den Arm nehmen: Alles kommt gut, ob mit gekürzter Setlist oder nicht. Doch es ist Hoffnung in Aussicht. Hippotraktor haben, wie sie ankündigen, die Veröffentlichung eines neuen Albums im Blick.
Gaera – Dunkle Schatten vor blendendem Licht
Die Erde hat sich offenbar weitergedreht. So langsam, aber sicher brennt die Sonne nicht mehr in den Rücken, sondern blendet die Augen. Weisse Haut wird rot, Sonnencreme ein Statussymbol. Im Kontrast zur hellen Sonne erscheinen die schwarz angemalten Gestalten auf der Bühne als nicht viel mehr als Schemen. Gaera verstecken sich hinter Strumpfmasken mit aufgemalten mystischen Zeichen, wie es, schaut man die derzeit erfolgreichsten neueren Rock- und Metalgruppierungen an, derzeit im Trend zu sein scheint – Gesicht zeigen war gestern. Der restlichen Körper steckt unter schwarzen Kapuzen, in schwarzen Hemden und schwarzen Hosen mit schwarzen Hosenträgern. Ein Konzept, das nicht schwer auszumachen ist. Sichtbare Haut wird schwarz angemalt. Musikalisch lässt sich ihre Mischung aus aufgezeichneten orchestralen Synths, martialischem Gebrüll und im Kontrast dazu weiblichem Engels-Background-Gesang wohl am passendsten als «Progressive Black Metal» bezeichnen. Gäbe man der singend Gitarristin ein wenig mehr Raum für ihr Stimmorgan, wäre zusätzlich der Begriff «Symphonic» bezeichnend, so bleibt es bei vereinzelten lieblich gestreckten Vokalen.
Anders als das modisch distanzierte Auftreten und die düstere Musik vermuten lassen, verlangen Gaera von ihrem Publikum mehr als nur simples Beiwohnen an ihrem Auftritt. Vielmehr wird Beteiligung im Rahmen von Crowdsurfen, Moshpits und gar Mitsingen gefordert. All dies stösst, wie bereits bei vorherigen Versuchen durch andere Bands, mehrheitlich auf taube Ohren. Da motiviert auch der sich, beinahe im Kontrast zur Musik, sportlich über die Bühne bewegende Sänger Guilherme nicht zu mehr.
Bleibt weiterhin die Ausrede, man möge sich aufgrund der Hitze nicht bewegen.
Ein Abstecher zur «In Balance Lounge»
Es ist das Highlight des Baden in Bluts, das nichts mit Metal zu tun hat: die «In Balance Lounge». Dabei handelt es sich um ein offenes Tipi in dem nebst Wasserpfeifen diverse hausgemachte alkoholfreie Getränke wie (kalte) Tees und Kaffee angeboten werden, die am Boden auf Perserteppichen und Kissen zusammengekauert genossen werden können, was eine angenehme Abwechslung zum langen Stehen in schweren Allwetterschuhen ist.
Dieses Angebot wird nicht von den Metal Maniacs, sondern von Markt- respektive Festivalfahrern bereitgestellt. Meist steht dieses Zelt auf spirituellen, Mittelalter oder Fantasy Veranstaltungen, was naheliegend ist. Diese Entspannungsoase in ein Metal Openair einzugliedern, ist eine Idee, die eine Auszeichnung verdient hätte: Wo werden nicht überall «Ausgleichszonen» aufgebaut, die am Ende aus nicht viel mehr als einer Bank und einem Schluck Wasser bestehen. Besser geeignet sind da doch Zauberteppiche und CBD-Tees.
Vader – Altbewährt
Erfahren ist nicht gleich veraltet. Dies bestätigt die dienstälteste Band des Abends Vader. Diese Gruppe wird sich in ihrem restlichen Bestehen wohl nicht mehr neu erfinden und liefert das, was man von ihnen erwartet: eine thrashige Interpretation von Death Metal in Nieten und Leder gekleidet. Schreiende Gitarren und schreiender Gesang. Lieber auf Bewährtes setzen, als Neues erfinden. Dies untermalen etwa auch das zur Einstimmung eingespielte «Ace Of Spades» als Pre-Intro, ein mittlerweile immerhin 46 Jahre altes Stück Musik, und der thematisch zum Namen der Band passende «Imperial March» aus Star Wars als Outro, der ebenfalls bereits 46 Jahre lang stellvertretend für ein ganzes Franchise steht.
Optisch gibt es altbekannte Gitarristen-Gesichtsverrenkungen und nun werden endlich auch die Flammenwerfer auf dem Dach der Bühne eingesetzt.
Bewährtes bewährt sich tatsächlich und so reissen, endlich, grössere Circlepits auf. Dafür werden offenbar die Stimmbänder und Handflächen geschont. «Seid ihr noch immer nicht zufrieden?», fragt Sänger Peter im letzten Viertel der Show, als der Applaus zum wiederholten Mal eher dünn ausfällt. Definitiv zufrieden reagiert das Publikum, als angekündigt wird, dass «vielleicht» nächstes Jahr ein Album erscheint, und scheint das um zehn Minuten vorgezogene Ende zu verzeihen.
Zum Abschied werden dann wie bekannt zerknüllte Setlists, Gitarrenplektren, Trommelstäbe und, hier wird es ungewohnt, das Nietenarmband des Drummers in die Menge geworfen. Vielleicht eine symbolische Wiederlegung dessen, dass Vader nur auf Altbekanntes setzen und Neues generell meiden?
Pain – Schmerzen für die Augen
Bereits beim Umbau und Check der Technik bemerken die Augen schnell, dass sie, dem Namen des Tagesheadliners, Pain, gerecht werdend, innerhalb der nächsten achtzig Minuten leiden werden. Am Ende kommt das Strobo-Blitzlichtgewitter nicht ununterbrochen, dennoch viel zu oft zum Einsatz. Immerhin wird visuell mehr geboten als hart arbeitende Glühbirnen.
Wie in allen Projekten Peter Tägtgrens scheint sich, insbesondere live, Humor und Ernsthaftes die Hand zu reichen. So tritt die Band, die sich «Schmerz» nennt, in Kleidern auf die Bühne, die vermuten lassen, dass man sich soeben noch durch den Yukon geschlagen hat; um die zerrissenen Mäntel später, im Verlauf des Konzertes gegen affige Kostüme auszutauschen, die ansonsten nur von Leuten an Festivals und an der Fasnacht mit einem Promillewert jenseits von Gut und Böse getragen werden.
Peter wünscht, man solle mit ihm schreien, die Musik veranlasst jedoch viel mehr zum Tanzen. Es öffnen sich «Dance-Pits». Grosse bunte Ballone passen da schon eher als kollektives Brüllen. Solche sollen planmässig durch das Publikum über dessen Köpfe herumgeworfen werden. Stattdessen fliegen sie, vom aufkommenden angenehmen Lüftchen getragen, über die Absperrungen aus dem Festivalgelände hinaus.
Spätestens als die Gitarre zum Einsatz kommt, deren Korpus mit Plüsch ummantelt und deren Spieler mit einer verspiegelten Skibrille bestückt ist, müsste der geneigte Metal-Elitist schreiend davonrennen. Wie war das nochmal mit dem Verbannen von allem «Softeren» von der Baden in Blut-Bühne?
Keine Band unterstreicht so deutlich wie Pain, dass nebst diverser namhafter Metalbands eben auch ABBA aus Schweden kommen.
Mit ihren, vielleicht selbst nicht eingestandenen, deutlich hörbaren Disco-Einflüssen ist es am Ende des Auftritts für Pain nicht nötig, die über die Hardcore-Szene hinaus getragene neue Tradition aufzugreifen, grelle Popsongs am Ende des Sets einzuspielen, und so werden die Festivalgänger mit Frank Sinatras «My Way» vom Gelände gejagt. Dies nach dem eigentlichen Outro des Auftritts, das mehrheitlich aus einem Drumsolo besteht, während dessen der nicht trommelnde Teil der Band am Boden liegt, bis sie es am Ende durch Gitarren-Rückkopplungen störten.
Übernachtung
Dieses Jahr konnte ich mich in einem Airbnb einquartieren. Noch dazu kann ich mich glücklich schätzen, dass das Festivalgelände «nur» zwei Kilometer Fussweg davon entfernt liegt. 2023 war der Weg zum «Bett für die Nacht» deutlich länger. 2024 habe ich mich dann, wie vom Veranstalter empfohlen, für den Campingplatz in Lörrach entschieden und 2025 festgestellt, dass dies mittlerweile eine blöde Idee ist, da Bestimmungen geändert wurden, keine Uber mehr fahren, ein Taxi mehr als ein Tagespass kostet und der öffentliche Verkehr in Deutschland ein klassisches Fallbeispiel dafür ist, wie man etwas durch unregulierte Privatisierung komplett gegen die Wand fahren kann, was wohl begründet, weshalb nach gar nicht mal so später Stunde in Weil am Rhein keine Busse und Trams mehr fahren und jene, die die Ländergrenze passieren, von den Basler Verkehrsbetrieben stammen. Doch ich werde politisch …
Ganz in den physiologischen Bereich bringe ich, trotz innerer Distanz zur aktuellen Lage, meinen Ruhepuls nicht. Denn anzumerken ist, dass es, wie überall, insbesondere in Deutschland für motorisierte Fahrzeuge natürlich wieder Sonderregelungen gibt. So darf in Gefährten mit Modelmassen von maximal 2,5 mal 6 Metern genächtigt, ein Zelt aber nicht aufgebaut werden. Im Drei-Länder-Garten, wo das Baden in Blut stattfindet, ist campieren untersagt, so die Regel und deutsche Bürokratie duldet keine Ausnahmen.
Schade treffe ich Weil am Rheins Bürgermeisterin, die am zweiten Festivaltag anlässlich der zehnten Durchführung des Events in ihrer Stadt dem Gelände einen Besuch abstattet, nicht persönlich. Wobei … vielleicht ist es auch besser so. Wäre nicht die erste Form von Kritikäusserung, für die ich im Nachgang «aufs Dach» bekommen habe.
Dieses Jahr also Unterkunft im Jugendzimmer einer Studentin, das während derer Abwesenheit von der Mutter vermietet wird. Diese erzählt mir, dass ihre Zimmer während des Festivals innert kürzester Zeit vermietet und bei einer Stornierung schnell erneut gebucht wären. Die Nachfrage ist offenbar grösser als das Angebot, doch glücklicherweise wurde bisher preislich nicht darauf reagiert.
Baden in Blut 2026 – Tag 2 (Samstag, 18. Juli) – Baden in … Wasser
Doch Weil am Rhein ist grundsätzlich kein schlechter Gastgeber. Zumindest zum ersten Teil von Baden in Blut passend, kommt man dieses Jahr erstmalig mit dem Festivalbändchen kostenlos in das Laguna Freibad, welches in Fussnähe zum Festivalgelände liegt.
Hier lassen sich bei dreissig Grad Lufttemperatur Körper in kühles Wasser tauchen oder es kann sich für eine Flatrate von zehn Euro an einem grosszügigen Buffet bedient werden, für welches mit den, für Schweizer Gewohnheiten dafür eher unüblichen, Weisswürsten geworben wird.
Entsprechend: Das Weisswurstfrühstück in mich und ich in das Wasser hinein.
Angekündigt wird, dass das Laguna-Angebot im kommenden Jahr noch weiter ausgebaut wird. Was dies im Endeffekt bedeutet, bleibt abzuwarten.
Expellow – Metalcore, für den es einst keinen Platz hatte
Vom All-You-Can-Eat-Buffet vollgestopft und trotz der Abkühlung vom fünfminütigen Spaziergang durchgeschwitzt, kommt man hoffentlich vor der ersten Band des Tages bei der Bühne an, ansonsten würde man die Schweizer Wacken-Shootingstars Expellow verpassen. Am letztjährigen Blood Battle schlitterten sie knapp am mit dem Sieg einhergehenden Platz der Eröffnungsband des zweiten Festivaltags vorbei, gewannen dann jedoch das Wacken Metal Battle. Dieses Jahr wird ihnen dieser Platz überlassen, ohne dass sie sich bis aufs Blut mit anderen Artists duellieren mussten.
Expellow haben in den letzten Jahren live merklich an Qualität dazugewonnen. Grund für diese Wahrnehmung ist weniger eine faktische Steigerung von Fähigkeiten, vielmehr wirkt die Band professioneller und selbstbewusster im Auftreten. Letzteres lässt sich sichtlich in der Kommunikation von Fronterin Mik mit dem Publikum feststellen.
Unverändert bleibt jedoch ihr Markenzeichen, ununterbrochen von einer Bühnenseite zur anderen hin- und herzugehen.
Die Bühne bleibt kein unsichtbarer Käfig. Die Bassboxen vor dieser werden trotz unklarer Statik als kleinen Steg verwendet. Mik kommt gegen das Ende der Show in den Fotograben, um das Publikum aus nächster Nähe anzuschreien, welches trotz noch höheren Temperaturen frenetisch «fuck, fuck shit, fuck shit up» mitsingt.
Die Flammen auf dem Bühnendach dürfen heute bereits bei der ersten Band züngeln.
Nun ist der Boden planiert für die nächste Band. Doch fünfzehn Minuten müssen genügen, um umzubauen. Die Zeit, die es braucht für ein Bier, einen Besuch auf der Toilette oder einen Besuch im Merchzelt, in dem Expellow für die ach so interessanten Menschen, die einem stets auf die Nase binden müssen, «dass man ein Fondue emfall auch im Sommer geniessen kann», ein dafür vorgesehenes Pfännchen verkaufen. Wusstet ihr eigentlich schon das Expellow aus der käseliebenden Schweiz kommen?
Dark Oath – Luft nach oben
Was nebst Qualität zu Professionalität gehört, respektive was passiert, wenn diese etwas fehlt, zeigt sich bei der nächsten Band.
Dark Oath spielen soliden Symphonic Death Metal, dem ist nichts entgegenzusetzen. Flüchtigkeitsfehler entstehen, auch das stört einen Live-Auftritt nicht. Wo sich Potenzial zur Verbesserung zeigt, ist im Falle Dark Oath da, wo Ansagen hörbar aber mit einer ausreichenden Selbstsicherheit einstudiert wurden, die Samples für jenes, was dem Death Metal das «Symphonic» beifügt, jedoch verfrüht abgespielt werden und der Sängerin Sara ins Wort fallen. Während zahlreicher Instrumentalsolos steht jene Sängerin überfragt, was sie tun soll, wirkend auf der Bühne und das offenbar mit AI generierte Backdrop gehört zu einem Thema, mit dem man immer penetranter konfrontiert wird.
Liebe Musiker, ihr könnt euch nicht darüber beschweren, dass eure Kunst gestohlen wird, um Maschinen zu trainieren, und gleichzeitig zur Visualisierung eurer Werke genau jene Maschinen nutzen, die mit ebenfalls geklauter bildender Kunst gefüttert werden.
The Night Eternal – Posieren geht über studieren
Wieder selbstbewusster wird fortgefahren. The Night Eternal repräsentieren Rockstars auf Augenhöhe. Ihre Prämisse «Kühle in dieses scheissheisse Wetter zu bringen» können sie nicht halten. Vielmehr werfen sie Holz in die Glut mit treibendem Heavy Metal.
Insbesondere im Instrumentalbereich zeigt sich die Band stark. Vielleicht etwas zu stark. So zerstört Drummer Aleister das Fell seiner Snare woraufhin ein längeres Drumsolo, ohne Snare, folgt, bis diese ausgetauscht ist.
Fürs Auge lassen The Night Eternal kein Klischee aus. Selbstverständlich tragen sie uniformell Lederwesten und weit aufgeknöpfte Hemden. Ein Gitarrist, dessen Augen sich hinter verspiegelten Gläsern verstecken, darf natürlich nicht fehlen, und dass zur weissen Gitarre mit golden glänzenden Pickups ein ebenfalls weisses Spiralkabel gehört, ist selbstredend unerlässlich. Was fehlt, sind lediglich Steven Taylors Bändel am Mikrofonständer. Dafür wird dieser zweckentfremdend durchgängig über die Bühne getragen oder mit dem Hals des Basses umgeworfen.
Beim Festival bedankt man sich für die super Organisation, die auch aus Zuschauersicht wahrgenommen wird. Einzig auffällig ist die Tatsache, dass The Night Eternal wie bereits Bands vor ihnen, laut Timetable rund zehn Minuten zu früh aufhören.
Onslaught – Korrekter Schwarmnerv
Wenn die einen zehn Minuten früher aufhören, wird es wohl nicht schlimm sein, wenn die anderen zwei Minuten später anfangen. Nach einem Alarm als Intro kreischen die Gitarren los. Onslaught spielen auf.
Irgendeinen Nerv des Schwarms müssen sie, trotz Qualitätsmangel in der Abmischung, getroffen haben, denn nach wenigen Songs werden unentwegt Crowdsurfer über die Köpfe der Leute nach vorne gereicht und Circlepits gebildet, die nicht mehr abebben wollen, zumindest nicht bevor ein Lied zu Ende ist. Wobei ein Ende bekanntlich auch ein Anfang sein kann. Hier meist durch gedehnte Akkorde, die in das nächste Riff leiten.
Dreissig Grad Umgebungstemperatur scheinen das Publikum nicht zu bremsen. Die Sonne brennt. Ein wenig Abkühlung bringt ein weiteres Mal der durch den Ordner und Kinder der Veranstalter bediente Wasserschlauch. Schweiss fliesst dennoch aus allen Poren. Wenn Wacken auf das Motto «Rain Or Shine» setzt, so ist es bei Baden in Blut «Crème oder Sonnenbrand».
Swallow The Sun – Sentimentales Zuhören
Manche mögens heiss, doch für die, die es nicht mögen, wäre es ein Traum, wenn das Versprechen des Bandnamens des nächsten Acts erfüllt werden würde.
Die folgende mystische, sentimentale Doom-Metal-Darbietung erinnert dann eher an eine scheue Bitte an die Sonne, ob sie denn nicht den Rachen hinunterrutschen möchte. Es ist Musik zum Hören, aber nicht Singen, weshalb die Aufforderung mitzuklatschen wie im Fernsehgarten deplatziert wirkt.
Die Ansagen sind kurzgehalten und dienen meist der zeitlichen Einordnung der Lieder in die Bandgeschichte. Informationen, die meiner Meinung nach für die Moderation durch einen Auftritt eher uninteressant sind. Denn Leute, die die Band zum ersten Mal live sehen, interessieren sich nicht dafür und Fans kennen sie bereits. Da empfinde ich die eingespielten Gedichte als Brückenbauer zwischen den einzelnen Tracks als deutlich inspirierter.
Trank
Wenn der Körper aufgrund erhöhter Umgebungstemperatur zur Erreichung eines niedrigeren Soll-Wertes abkühlt durch erhöhte Schweissproduktion und entsprechend übermässig an Flüssigkeit verliert, ist es notwendig dies aktiv auszugleichen. Da Alkohol unter anderem harntreibend und bei niedrigem Blutvolumen im Körper besonders sedierend wirkt, empfiehlt es sich, nicht nur Bier in sich hineinzuleeren. «We fight the battle for beer and for metal» ist ein Spruch, der sich auf vielen Baden in Blut-Shirts findet. Wahrlich, hier an Alkohol zu kommen, ist kein Kunststück. Laut Webseite setzt man sich gar erfolgreich zum Ziel, dass die Leute schnell an ihr Bier kommen.
Erfreulicherweise ist es ebenso einfach, an alkoholfreie Getränke zu kommen. Man wird nicht (indirekt) gezwungen Gebrautes, Gegärtes oder Destilliertes in sich hineinzuschütten. Da könnte sich Rock im Park gerne mal eine Scheibe davon abschneiden.
Hingegen dürfte sich das Baden in Blut ein Beispiel an den Bezugspunkten von kostenlosem Trinkwasser nehmen. Wenn ich mich recht entsinne, wurde ein solcher in vorherigen Jahren auch angeboten.
Aber wie Nestlé es vormacht: Wasser muss anscheinend nicht überall kostenlos verfügbar sein.
Omnium Gatherum – Halblive elektrische Klänge
Zur langsam hinter vereinzelten Wolken und Bäumen untergehenden Sonne erklingen die harten Synth Death Metal-Klänge von Omnium Gatherum. Auffallend ist gleich von Beginn hinweg der nicht nur als Backing Track existente Keyboarder, dessen Tastengedrücke offenbar nicht ausreicht, weshalb Synthesizer dennoch ihren Weg auf eine im Vorfeld aufgezeichnete Tonspur finden. Generell wirkt die Band trotz mässiger Bewegung auf der Bühne präsent. Köpfe werden, auch mal synchron, geschüttelt und die Flying-V-Gitarren in Solos gen Himmel gereckt. Optische Schönheitsfehler verschwinden im Dunst der Nebelmaschine. Die Ansagen an das Publikum sind gut pointiert und sympathisch. Ja, genug zu trinken haben wir und wenn wir «one more» wollen, meinen wir damit sowohl Bier als auch Metal und vielleicht sollte man sich in dieser Szene mal Gedanken über Substanzmissbrauch machen …
Emil Bulls – Wie die Grossen
Manches was an Qualität fehlt, lässt sich mit einer überzeugenden Show wettmachen. Das wissen nicht nur Rammstein. Emil Bulls fahren einiges an Geschützen auf. Obwohl es für eine Bühne in der Grösse der hiesigen ungewöhnlich, beinahe unpassend, wirkt, wird sie vor Konzertstart hinter einem Vorhang verborgen. Wenig überraschend fällt dieser nach Start des ersten Liedes und die Band beginnt, das Publikum herauszufordern. Sänger und Entertainer Christ, so zumindest laut Wikipedia sein Spitzname, präsentiert sich dabei als den Robin Williams des Metals. Es soll gesprungen, gemosht, mitgesungen (was sich dank simpler Lyrics in den Refrains und Karaoke auf dem LED-Bildschirm-Backdrop als nicht sonderlich schwierig erweist) und, obwohl man sich unsicher ist, ob dies «auf einem Festival wie diesem erlaubt ist», getanzt werden. Motiviert wird durch positive Bestärkung, die schnell zur peinlichen Anbiederung mutiert. Nett, dass wir in die Emil Bulls-Familie aufgenommen werden, Familie kann man sich schliesslich nicht aussuchen, bestimmt sind wir das beste Publikum, das ihr je hattet, und schön, dass ihr uns alle gernhabt. Irgendwann wird seitens Gitarrenfraktion, wenn auch ironisch, ausgesprochen was viele denken: «Halt dein Maul (Christ)». Doch ob nervig oder nicht: Früchte trägt das Gesäusel. In Circlepits wird mächtig Dreck aufgewirbelt und der Rhythmus beim Mitklatschen wird versucht zu halten.
Es sollte mit dem Tanzen nicht beim einzigen Grenzgang «für ein Festival wie dieses» bleiben. Zuhörer müssen grässliche krampfhaft auf Metalcore getrimmte Coverversionen ertragen von «Take On Me», bei dem sich das Publikum als erschreckend textsicher erweist, «No Women No Cry» und «Don’t Look Back In Anger».
Erträglicher ist da Visuelles. Emil Bulls haben auf der Bühne einen regelrechten Spielplatz mit unterschiedlich hohen Plattformen und farbigen Lichtern aufgebaut, über den sie herumtollen. Einzig das Mikrofon ist kabelgebunden, weswegen es lustig wie ein Propeller herumgeschwungen werden kann, Mikrofonständer werden auch mal zu Wurfgeschossen, nicht nur Sabaton dürfen an ihren Auftritten Krieg spielen, und die Feuerfontänen auf dem Dach sind wieder am Arbeiten.
Hier weiss man, was eine Show ist, dürfte dafür etwas mehr an der Essenz eines Konzertes, dem Klanglichen, feilen.
Satyricon – Black Metal Singalongs
Weniger Show auf die Bühne bringt die letzte Band und Headliner Satyricon. Klassisch werden hier die Haare geschüttelt und keine Popsongs gecovert. Die Band wurde einst unter dem Label «Black Metal» gegründet erscheint mittlerweile jedoch in einem deutlich melodiöseren Gewand, was nicht nur das teils sehr präsente Keyboard bestätigt. Im Allgemeinen tritt man weniger düster in Erscheinung. So wird immer mal wieder zur Gründung eines «oldschool german moshpits», lustigem ey-ey-ey und anderen Singalongs aufgerufen.
Ein gelungener Abschluss eines gelungenen Tages.
Das Fanzit – Baden in Blut 2026
Weiterhin bleibt das Baden in Blut stimmungstechnisch das Metal-Familienfest des Jahres. Das beweist allein die grosse Altersspanne der Besucher. Ob Knirps oder Knacker, alle fühlen sich auf der Wiese willkommen.
Die Organisation lässt nicht anmerken, dass man nicht auf Profit setzt. Wachsen könnte das Festival sicherlich, will es vermutlich aber nicht. Dennoch stagniert man nicht und kommt stets mit neuen Innovationen, wie etwa der Badespass im Laguna Freibad zeigt.
Einzig die Möglichkeit ein Zelt aufzustellen, bleibt ein heissersehnter Traum meinerseits.

