Alter Bridge – Alter Bridge
Alternative Metal, Alternative Rock
Gratwanderung zwischen Kontrasten
Im achten Studioalbum von Alter Bridge wird auf elegante Weise eine faszinierende Welt zwischen Alternative Rock und Alternative Metal vertont. Das kreative Spiel mit verschiedenen Gegensätzen reisst die Zuhörenden unwiderruflich in ihren Bann.
Typischer Bandcharakter mit viel Kreativität
Jeder Song des Albums «Alter Bridge» der gleichnamigen Band bietet eine gesamte Reise durch beinahe alles, was Musik dieses Genres zu bieten hat: Sehr harte Parts werden sanften und melodiösen Abschnitten gegenübergestellt während sich Dur und Moll entweder wunderbar ergänzen oder mit voller Wucht aufeinanderprallen. Dabei gehört das Spiel mit Harmonie und Dissonanz ebenso dazu wie verschiedene Tempo- und Taktwechsel. Sofort kommt da die berechtigte Frage auf, ob die Songs mit all diesen vermeintlichen Gegensätzen nicht überladen, kompliziert und anstrengend wirken. Kann dieser sehr schmale Grat erfolgreich begangen werden ohne die Musik durch Übermut zu ruinieren?
Alter Bridge haben sich dieser beachtlichen Herausforderung gestellt. Allerdings sind keinerlei Zweifel zu erkennen, während die 12 Songs mit Leichtigkeit abgespielt werden und zielstrebig ihren Weg in die Herzen der Fans finden. Nach 22 Jahren in der selben Zusammensetzung sind die vier erfahrenen Musiker top eingespielt und wissen genau, was funktioniert. Die Songs sind komplex, teils überraschend und bieten jede Menge Spannung. Gleichzeitig sind sie aber trotz allem eingänglich und mühelos zu geniessen. Die US-Amerikanische Band beweist erneut und mehr denn je ihre Qualitäten bezüglich Songwriting. Ihre Musik ist ein Balanceakt zwischen Gegensätzen, der präzise austariert wird. Alle Musiker spielen und singen überzeugt das Nötige, ohne sich in überflüssigen Schnörkeln zu verlieren. Dieses Konzept ist sogar auf dem Albumcover wiederzuerkennen: Eine eindeutige Linie mit eigenem Charakter, direkt und kontrastreich, ohne überladen zu sein.
Im Vergleich zu vorherigen Alben von Alter Bridge zieht die Band ihre Tendenz zum härteren Sound und in Richtung Heavy Metal weiter. Das Album beinhaltet starke Rhythm Guitar, eine Vielzahl toller Gitarrensoli, eine feste und stabile Grundlage der Bassgitarre sowie klare und wegweisende Schlagzeugbeats, die sich auch vor Tempowechseln und verschiedenen Taktarten nicht fürchten. Der Preis für den rhythmisch komplexeste Song geht definitiv an «Scales Are Falling». Im Intro spielen Drums und Gitarre pro Phrase jeweils 21 Beats, die am ehesten als dreieinhalb Sechsviertel-Takte interpretiert werden. Das hindert Myles Kennedy allerdings keineswegs daran, innerhalb der gleichen Zeit dreieinhalb Vierviertel-Takte darüber zu singen und dem Song so einen ganz neuen Charakter zu verleihen. Im Chorus haben wir es dann immer noch mit dreieinhalb Vierviertel-Takten, also 14 Schlägen, zu tun. Allerdings ist der «halbe Takt» hier von der Mitte ans Ende der Phrase verschoben. Sehr kompliziert, aber genau so genial! Gerade deshalb, weil dennoch alles logisch und natürlich daherkommt. Allenfalls könnte hier sogar die Vermutung einer Prise Progressive Metal gewagt werden… Auch weitere Songs warten mit Taktspielereien auf, die es zu entdecken gilt. Im Gegensatz dazu bietet «Hang By A Thread» musikalisch einen wahren Wohlfühlsong mit Akustikgitarre, ganz im Stil von «Watch Over You» und «In Loving Memory».
Die für die Band typischen Elemente haben sich weiterhin herauskristallisiert. Das Album ist geprägt von unerwarteten Akkordabfolgen und Dissonanzen, die sich nur teilweise in Harmonien auflösen. Die Wechsel zwischen schnell und langsam, laut und leise sowie Dur und Moll sind mal fliessend und unauffällig, in anderen Fällen dahingegen abrupt und überraschend. Und dennoch immer passend. Ein faszinierendes Beispiel für solch einen plötzlichen Wechsel von hart zu sanft(er) sowie Moll zu Dur ist der Einstieg des Gesangs in «Tested And Able». Des Weiteren ist zu betonen, dass die Musik durch das gesamte Album hindurch immer sehr passend auf die Texte abgestimmt ist. So wird die Botschaft noch deutlicher und geballt mit Emotionen transportiert.
Erstklassige musikalische Qualität
Die Leistung der einzelnen Bandmitglieder ist wie immer einwandfrei. Brian Marshall legt mit dem e-Bass eine solide Grundlage, auf die wahre Meisterwerke aufgebaut werden. Allerdings bietet der Bassist noch mehr als nur die nötige Basis. Mit dem Wechsel zwischen sehr rhythmischen und melodiös unspektakulären Parts und eingänglichen, beinahe singenden Läufen trägt die Bassgitarre viel zu unterschiedlichen Stimmungen der Lieder bei. Das ist beispielsweise in «Trust In Me» zu erkennen. Auch das Schlagzeug ist mit Scott Phillips super besetzt. Ob harte Intros wie in «Power Down» oder «Tested And Able» oder leichtfüssiger Rhythmusbegleitung in «Hang By A Thread» bieten die Drums grosse Diversität von stimmungsvollen Beats.
Mark Tremonti ist ein wahrer Virtuose an der e-Gitarre. Dabei sind Soli mit sehr schnellen und komplexen Läufe und gelegentlichen Pinch-Harmonics sein Markenzeichen. Ganz im Gegensatz zu Myles Kennedy, der eher mit ruhigeren und harmonisch ausgeklügelten Soli überzeugt. So kann auch in diesem Album bei jedem Gitarrensolo sofort erkannt werden, welcher der beiden Gitarristen den sechs Stahlsaiten atemberaubende Töne entlockt. Allerdings scheint es, als hätten beide auch Elemente des jeweils anderen übernommen. Am Schluss des letzten Songs «Slave To Master» beginnt Myles Kennedy das Solo. Darin ertönt auch ein schneller Lauf, der ebenso aus der Feder Mark Tremontis hätte stammen können. Letzterer lässt den zweiten Teil des Solos natürlich nicht ohne schnelle und technisch spektakuläre Gitarrenpower über die Bühne gehen, meistert daneben aber auch einige ruhige und harmonisch brillante Takte, ganz im Stil von Myles Kennedy.
Eine grosse Freude ist natürlich auch, dass Mark Tremonti in «Tested And Able» den Gesang der Strophe übernimmt. Dabei überzeugt er mit einem plötzlichen, unerwarteten und äusserst kreativen Einstieg, der enorm spannend ist und stark zum Charakter des Songs beiträgt. Auch gesangstechnisch ist an seinem Können nichts auszusetzen: Die Töne sind rhythmisch und bezüglich Intonation präzise gesungen und bieten puren Genuss für jedes metaldurstige Ohr.
Durch den Rest des Albums leitet die überwältigende Stimme Myles Kennedys. Wie immer überzeugt er mit einem riesigen Stimmumfang, den er scheinbar mühelos einsetzt. Gerade im achten Studioalbum sind auch sehr unterschiedliche Gesangsfacetten zu erkennen. Zu Beginn von «Slave To Master» beweist der Sänger, dass er auch im tieferen Register mit einer leicht luftigen und rauchigen Stimme brillieren kann. Im anfangs instrumentalen und ruhigen Zwischenteil desselben Songs kommt dann auch die engelsgleiche Kopfstimme von Myles Kennedy zum Einsatz. Auch im ersten Stück der Platte «Silent Divide» hält sich der erfahrene Sänger nicht zurück und meistert grosse Sprünge sowie klare und überzeugende Höhen in seiner Mixed Voice. Daneben ist zu bemerken, dass die Backing Vocals eher sparsam, dafür aber prägnant und mit umso grösserer Wirkung eingesetzt werden.
Das Fanzit Alter Bridge – Alter Bridge
Das Album beweist, dass die Bandmitglieder zusammen perfekt eingespielt sind und haargenau wissen, was sie tun. So erscheinen die Songs spannend und mit unerwarteten Wendungen aber dennoch relativ eingänglich und mit hohem Genussfaktor. Durch die unauffällige Komplexität werden die Songs auch nach dem hundertsten Anhören keinesfalls langweilig. Das Album ist geprägt von vermeintlichen Gegensätze, die auch immer wieder zeitgleich von verschiedenen Instrumenten eingesetzt werden.
Möglicherweise wird sich «Alter Bridge» nicht als das Lieblingsalbum der Massen entpuppen. Bezüglich musikalischer Qualität, Können der Musiker und dem genialen Songwriting kann das neueste Schaffen allerdings nur als grossartiges Kunstwerk bezeichnet werden. Lediglich eine bessere Verknüpfung der einzelnen Songs mit allfälligen musikalischen oder textlichen Referenzen zueinander würde das Album als Gesamtwerk noch aufwerten. Dennoch bleibt diese gewagte Gratwanderung ein voller Erfolg und zeigt, dass dabei stets tolle Aussichten in alle Richtungen geboten werden: In verschiedene Genres, über Gegensätze hinweg und in eine Spannende Zukunft einer grandiosen Band. Somit gebühren Alter Bridge von Alter Bridge 8 wohlverdiente Horns.
Reinhören und Audio-CD/Vinyl portofrei bestellen
Video Alter Bridge – Tested And Able

