Metalinside.ch . Europe . Volkshaus Zürich 2026 . Foto Sandro 11
Di, 13. Oktober 2026

Europe, The Damn Truth

Volkshaus (Zürich, CH)
21.10.2026

Mehr als nur ein Countdown

Vierzig Jahre «The Final Countdown» – und Europe feiern das Jubiläum standesgemäss auf der Bühne. Am 13. Oktober 2026 machten die schwedischen Rocküberflieger Halt im ausverkauften Zürcher Volkshaus, um ihr legendäres Erfolgsalbum hochleben zu lassen.

Mit im Gepäck: das frisch veröffentlichte Werk «Come This Madness» und die kanadischen Rock-Wirbelwinde von The Damn Truth als Special Guest. Doch würde uns die legendäre Synthie-Fanfare auch vier Dekaden später noch tagelang in den Ohren nachhallen? Zwischen 80er-Jahre-Nostalgie, deftigen Hühnerhautmomenten und ehrlichem, handgemachtem Rock gab es darauf eine ziemlich klare Antwort …

Es gibt Hymnen, die man schlicht nicht mehr loswird. Sie laufen am Hochzeitsfest, im Fussballstadion, an der Migros-Kasse oder als Hintergrundgedudel im Lift (schüttelgraus) – und spätestens beim ersten Keyboard-Ton weiss jede und jeder, was die Stunde geschlagen hat. «The Final Countdown» ist so ein Ding. Dass dieser Evergreen 1986 zu einem guten Teil gleich um die Ecke entstand – nämlich in den Powerplay Studios in Maur, nur einen Katzensprung von Zürich entfernt –, verleiht dem Jubiläumskonzert beinahe Heimspielcharakter.

Als die Skandinavier ihre Tour zum 40-Jahr-Jubiläum bekanntgaben, stand für meine Wenigkeit schnell fest: Da muss ich hin! Schliesslich versprachen die Schweden nicht nur den kompletten Silberling in voller Länge (zum Interview mit Jan Haugland), sondern auch einen Querschnitt durch ihre übrigen Scheiben plus Songs aus dem brandneuen Opus «Come This Madness». Dass diese Ankündigung Zugkraft hat, zeigt sich schon vor dem Konzert: Eine Viertelstunde vor der offiziellen Türöffnung hat sich vor dem Volkshaus bereits eine beachtliche Schlange gebildet. Darunter sind so einige gut gealterte Europe-Fans der alten Tage, die sich von der heutigen Sause wohl eine willkommene Frischzellenkur für Geist und Körper versprechen – inklusive einer ordentlichen Dosis Achtzigerjahre-Nostalgie.

Was ebenfalls auffällt, ist die familienfreundliche Anspielzeit: Um 19 Uhr öffnen sich die Türen, und bereits eine halbe Stunde später soll es losgehen. Das macht die Heimreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Kinderspiel. Ein nicht ganz unwesentlicher Pluspunkt, wenn man am nächsten Morgen wieder im Alltag antreten muss.

Doch bevor der Countdown richtig Fahrt aufnehmen kann, müssen erst einmal die Triebwerke hochgefahren werden. Diesen Part übernimmt eine Truppe, die Europe offenbar so sehr ins Herz geschlossen haben, dass sie gleich für die gesamte Tour mit an Bord darf. Sie stammt aus Montreal und hört auf den Namen …

The Damn Truth

Was zunächst nicht unbedingt nach einer Schmeichelei klingt, dürfte bei näherer Betrachtung auf eine ziemlich coole Sache hinauslaufen. Die Kanadier haben sich nämlich dem handgemachten Rock verschrieben, dessen Wurzeln tief in den Sechziger- und Siebzigerjahren liegen. Dabei mutet ihre Musik erstaunlich zeitlos und frei von Patina an.

Ihre Aufgabe an diesem Abend ist allerdings keine ganz einfache: Wer primär wegen des Hauptacts ins Volkshaus gekommen ist, zählt im Geiste womöglich bereits die Minuten bis zum Auftritt der Headliner. Umso spannender ist die Frage, ob es den Nordamerikanern gelingen wird, aus wartenden Europe-Fans ein Publikum zu machen, das nicht bloss höflich mit dem Fuss wippt, sondern sich richtig auf den Support einlässt.

Mit ihren bluesgetränkten, energiegeladenen Soundwänden und einer gehörigen Portion Vintage-Flair passen The Damn Truth bestens ins Vorprogramm einer Band, die selbst seit jeher auf grosse Melodien und knackige Gitarren setzt. Wer nun allerdings muffige Retro-Klänge erwartet, dürfte angenehm überrascht werden: Die Mischung aus Blues-Rock, psychedelischen Einflüssen und einer Stimme, die unweigerlich an Janis Joplin erinnert, wirkt live alles andere als aus der Zeit gefallen. Im Gegenteil: Das macht richtig Laune – und zwar nicht zu knapp.

Zu Beginn ist der Saal zwar noch überschaubar gefüllt, doch das ändert sich im Verlauf des rund dreissigminütigen Sets deutlich. Das mag einerseits daran liegen, dass sich einige bereits gute Stehplätze für den Hauptact sichern wollen. Anders als bei der letzten Visite an gleicher Wirkungsstätte gibt es heute nämlich keine Theaterbestuhlung (siehe Konzert-Review). Andererseits liefert die Equipe schlicht eine ausgesprochen unterhaltsame Performance ab.

Nebst den üblichen Verdächtigen in schwarzen Shirts und zugepatchten Kutten sind zudem einige Cüpli-Träger auszumachen, die das Stelldichein ihrer Helden von früher augenscheinlich als Social Event zelebrieren. Sehr cool, wenn auch auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig.

Musikalisch geht es derweil ordentlich zur Sache. Die Klangfolgen drücken kräftig aus den Boxen, während sich das Quartett auf der Bühne alles andere als bewegungsfaul zeigt. Hier wird gerockt, gestikuliert und ordentlich Dampf gemacht – was die Show nicht nur akustisch, sondern ebenso optisch zu einer kurzweiligen Angelegenheit werden lässt. Zudem weiss der Sound auf ganzer Linie zu überzeugen – ein dickes Lob an die Tontechniker, die hier wirklich erstklassige Arbeit leisten.

Selbst wenn viele – ach was, wohl so ziemlich alle – Europe entgegenfiebern, gelingt es den bunten Ahornblättern erstaunlich gut, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nach dem Ende ihres Sets haben sie den Saal jedenfalls im Sack. So, genau so, geht Aufwärmen!

Die Setlist – The Damn Truth

  1. Be somebody
  2. Love outta luck
  3. The willow
  4. This is who we are now
  5. All night long
  6. Tomorrow

Europe

Man muss kein Kind der Achtziger sein, um von Europe zumindest einen Ohrwurm zu kennen. «The Final Countdown» hat sich längst von seinem ursprünglichen Erscheinungsjahr emanzipiert und ist zu einer jener Rockhymnen geworden, die praktisch überall funktionieren – vom Stadion bis zur nächsten Party, auf der irgendwann jemand findet, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für Keyboard-Fanfaren gekommen.

Die schwedische Formation jedoch auf diesen einen Titel zu reduzieren, wäre reichlich unfair. Seit ihrer Gründung 1979 in Upplands Väsby und dem internationalen Durchbruch mit dem 1986 veröffentlichten Erfolgsalbum haben die Nordländer verschiedene musikalische Phasen durchlaufen und ihren Sound kontinuierlich weiterentwickelt. Neben den grossen Melodien prägen längst auch bluesige Einflüsse, klassische Hardrock-Riffs und eine gereifte stilistische Handschrift ihr vielseitiges Repertoire. Stücke wie «Seven Doors Hotel», «Girl From Lebanon», «Walk the Earth» oder «On Broken Wings» zeigen eindrücklich, dass die Jungs noch einiges mehr im Köcher haben. Letzterer Song war übrigens „nur“ die B-Seite der Single «The Final Countdown» und ist heute kaum mehr aus der Setlist wegzudenken.

Mit Joey Tempest am Mikrofon, John Norum an der Gitarre, John Levén am Bass, Mic Michaeli an den Keyboards und Ian Haugland am Schlagzeug ist der Fünfer nach wie vor in jener Besetzung unterwegs, die ihre erfolgreichste Ära geprägt hat. «The Final Countdown» wurde zum Welthit – und spätestens seit seinem Siegeszug durch die Charts dürfte das Thema Raumfahrt für so manchen einen passenden Soundtrack haben.

Mit «Come This Madness» hat das Quintett Europe Ende September 2026 zudem seine erste Langrille seit «Walk The Earth» aus dem Jahr 2017 veröffentlicht. Das Jubiläum kommt also keineswegs ohne neue Tonkunst daher. Dass das aktuelle Werk bei einer solchen Jubiläumssause nicht ganz so prominent zum Zuge kommt und eher unter «ferner liefen» rangiert, ist zwar etwas schade, dürfte im Augenblick aber kaum jemanden ernsthaft stören.

Punkt 20:20 Uhr erlöschen zum zweiten Mal die Lichter im Saal. Was von Beginn an auffällt – und mich bei dieser Truppe immer wieder von Neuem zu begeistern vermag –, ist die enorme Spielfreude, welche die Herren Mal für Mal an den Tag legen. Da wirkt nichts aufgesetzt, nada, null. Vielmehr spürt man diese unbändige Freude, selbst nach mehr als vier Dekaden Bandgeschichte noch immer auf der Bühne stehen und die Fans mit den eigenen Melodien mitreissen zu dürfen. Und wie gewohnt punktet Fronter Joey mit seinem spitzbübischen Grinsen sowie dem wild im Kreis wirbelnden Mikrofonständer. Gewisse Dinge ändern sich eben nie – und das ist gut so.

Ebenso bleibt John Norums Saitenzauber nach all den Jahren noch immer ein Genuss. Der Gitarrero versteht es, seinem Spiel mit einer herrlich flockigen Leichtigkeit genau die richtige Mischung aus Druck, Gefühl und technischer Finesse zu verleihen. Spätestens bei «Superstitious» stellt sich dann dieses euphorisierende «Wow, ist das geil!»-Gefühl ein, das eine Show zu etwas ganz Besonderem macht.

Wenig überraschend funktioniert «Prisoners In Paradise» auch ohne schneidende Gitarrenuntermalung. Allein von Joeys Gesang getragen und von Mics Keyboard begleitet, entfaltet die Nummer eine ganz eigene Stimmung. Gleichzeitig zeigt sich einmal mehr, wie formidabel die Stimme von Mr. Tempest gealtert ist. Da kann sich mancher Wein eine fette Scheibe von abschneiden.

Die brandneuen Stücke fügen sich dabei nahtlos ins Gesamtgefüge ein. Besonders hervorzuheben ist «The Cult Of Ignorance», das sich mit seinem geschmeidigen Groove regelrecht in die Gehörwindungen zwirbelt. Ein Lied, das durchaus das Zeug dazu hat, sich zu einem weiteren Live-Klassiker zu mausern! Mit «On Broken Wings» folgt anschliessend einer meiner absoluten Alltime-Faves, bevor …

… Joey mit einem lapidaren «Let me see some hands!» nahtlos zu jenem Album überleitet, mit dem Europe anno dazumal den Gipfel ihrer Popularität erreichten, sich zugleich aber eine nicht zu unterschätzende Hypothek für ihre weitere musikalische Entwicklung aufluden (siehe unser Interview mit Joey Tempest). Die Rede ist natürlich von «The Final Countdown».

Song für Song wird der Longplayer abgefeiert. Auf den Startkracher «Rock The Night» folgt das balladige «Carrie», bei der das Publikum den Refrain intoniert – und die Strophen teilweise gleich dazu. Zu «Danger On The Track» darf sich die Roadcrew mit einem witzigen Stelldichein im Spotlight präsentieren. Auf dem digitalen Backdrop flimmern derweil immer wieder Sequenzen aus alten Tagen über die Leinwand. Ein hübscher Rückblick, der die Reise in die Vergangenheit visuell ergänzt, ohne den Blick auf das Hier und Jetzt zu verdrängen.

Dass Mr. Tempest auch an der Klampfe eine mehr als passable Figur macht, stellt er mehrfach eindrücklich unter Beweis – etwa bei «Time Has Come». Es ist einer von vielen Augenblicken, die unterstreichen, dass die Skandinavier weit mehr sind als bloss die Lieferanten eines einzelnen, übergrossen Hits.

Mit dem treibenden «Love Chaser» findet diese musikalische Zeitkapsel schliesslich einen fulminanten Abschluss. Doch wait – fehlt da nicht noch etwas? Etwa jener Klassiker, mit dem Europe ihre Konzerte anno 1986 jeweils zu eröffnen pflegten? Kaum gedacht, erklingen bereits die ersten Töne aus Mics Tasteninstrument. Auf zum finalen Akt: eine musikalische Alpha-und-Omega-Erfahrung, die die Konzertwelten von damals und heute miteinander verbindet.

Nur die überall in die Höhe gereckten Handys, mit denen dieser magische Moment für die Nachwelt festgehalten werden soll, gab es damals noch nicht – und sie müssten auch gegenwärtig nicht wirklich sein. Wobei das Ganze durchaus seine gute Seite hat: Wer weiter hinten steht, profitiert immerhin von der unfreiwilligen Leinwandlandschaft vor sich.

Der Stimmung tut dies freilich keinen Abbruch. Das Hitmonster sorgt nochmals für absolute Ekstase. Es wird mitgesungen, gefeiert und gehüpft («We’re leavin‘ together!», fürwahr). Ein starkes Gefühl der Verbundenheit macht sich breit – eine rundum mitreissende Sternstunde.

Die Setlist – Europe

  1. Scandinavian Eyes
  2. Walk The Earth
  3. Superstitious
  4. One On One
  5. Intro – Prelude
  6. Last Look At Eden
  7. War Of Kings
  8. Prisoners In Paradise
  9. The Cult Of Ignorance
  10. On Broken Wings
  11. Rock The Night
  12. Carrie
  13. Danger On The Track
  14. Ninja
  15. Cherokee
  16. Time Has Come
  17. Heart Of Stone
  18. On The Loose
  19. Love Chaser
  20. The Final Countdown

Das Fanzit – Europe, The Damn Truth

Europe kamen, sahen – respektive spielten – und siegten. Und das (mal wieder) auf ganzer Linie!

Zwar mag «The Final Countdown» in voller Länge nicht ganz die Live-Passion der «Operation: Mindcrime»-Show erreichen, die ich dieses Jahr ebenfalls erleben durfte (zur Konzert-Review). Doch setzt das Eisen (aka TFC) live einfach unglaublich viele Gute-Laune-Vibes frei, denen man sich kaum – eigentlich: gar nicht – entziehen kann. Wem Synthie-Klänge nicht gleich Elefantenpickel bescheren, der konnte von den Schweden an diesem Abend schlichtweg nur umgehauen werden.

The Damn Truth ihrerseits nutzten die Gunst der Stunde formidabel und dürften nicht wenige der Anwesenden erfolgreich in ihren kunterbunten 70s-Vintage-Kosmos entführt haben.

Prädikat: Ein zeitloses Rock-Feuerwerk!

Die Fotos – Europe, The Damn Truth


Wie fandet ihr das Konzert?

21.10.2026
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